Perspektive mit neu gewobenem Netz

Das Netzwerk „Care Leaver“ stellte in Tübingen seinen Film vor und diskutierte mit dem Publikum seine Anliegen und Vorhaben.

Mit jedem Interview und jeder Podiumsdiskussion mehr mag sich so etwas wie Routine entwickeln. Aber es bleibt nicht einfach, über sich und seine Vergangenheit zu sprechen, wenn sie von vielen Schwierigkeiten, vor allem psychisch-emotionaler Art, geprägt war. Die Nachwirkungen hallen bis in die Gegenwart nach und beeinflussen die Zukunft. So tat es den den Care Leavers sehr gut, nicht alleine vor der Leinwand des gut besuchten Kinosaals zu stehen, um sich den Fragen des interessierten Publikums zu stellen.

Sie haben sich vor über einem Jahr über Forschungsprojekt „Higher Education for Care Leavers without Family Support“ des Lehrstuhls Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim kennengelernt, bilden inzwischen ein schlagkräftiges Netzwerk und sind das Sprachrohr für Care Leavers in Deutschland.
Sie wuchsen die meiste Zeit nicht in ihrem Elternhaus, sondern in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe und/oder bei Pflegeeltern auf. Anders als die meisten Kinder und Jugendlichen mussten sie sehr früh auf eigenen Füßen stehen, weil ihnen die Rückkehr nachhause, in die Pflegefamilie oder ins Heim nicht mehr möglich war, und so auch der finanzielle Hintergrund fehlte. Zu Care Leavers wurden sie also, als sie nicht mehr von der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt wurden.

Das zeigt auch der 20-minütige Film „CARELEAVER“, der von Mitgliedern des Netzwerks in Zusammenarbeit mit Reflektor-Medien, dessen Verantwortliche mit sehr viel Feingefühl die jungen Menschen immer noch begleiten, entstanden ist. Die Protagonisten bemängeln darin unter anderem den erschwerten Zugang zu Bildung und fehlende Unterstützung durch die Jugendämter.
Das wurde bei der Premiere des Films im Tübinger Programmkino Arsenal, die im Rahmen des 5. Netzwerktreffens stattfand, und der anschließenden Diskussion noch einmal deutlich.

Die Mitglieder des Netzwerks „Care Leaver“

Die Mitglieder des Netzwerks „Care Leaver“

„Das Jugendamt fühlte sich nach dem 18. Geburtstag nicht für mich zuständig“, kritisierte Alex, Janine hatte das „Gefühl, mit 18 raus zu müssen“. Innerhalb des Netzwerks fiel „die eine Hälfte mit 18 Jahren aus der Kinder- und Jugendhilfe, die andere mit 21“, so Katharina Mangold, die das Projekt gemeinsam mit Benjamin Strahl wissenschaftlich begleitet. In der bundesweiten Statistik endet die Hilfe mit durchschnittlich 20 Jahren.. Dabei ist die Rechtslage klar: „Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) gilt bis zum vollendeten 27. Lebensjahr“, wie Siegfried Hoch, Leiter der Sophienpflege in Tübingen anmerkte. „Der Kampf gegen das Jugendamt ist sehr hart“, kritisierte er und ging noch einen Schritt weiter: „Die Jugendhilfe hat ganz wenig Lobby.“ Dazu kommt noch, daß „viele sozialpädagogische Fachkräfte in den Einrichtungen zu wenig rechtliches Wissen haben“, ergänzte Alex. „Es muss transparent sein, wie Ämter arbeiten“, forderte Thomas Poreski, sozialpolitischer Sprecher von Bündnis90/Die Grünen im baden-württembergischen Landtag. Es fehlten Heimbeiräte und Ombudsschaften, wenn die Jugendhilfe scheitere, und lud das Netzwerk ein, Forderungen zu formulieren, für die er sich im Landtag einsetzen werde.
Doch der Kampf gegen die Institutionen ist nicht das einzige Problem.
Der Weg zum Abitur und zu einem Studium ist für Care Leavers ungleich schwerer als der für im Elternhaus Aufgewachsene. In den meisten Pflegefamilien gebe es „keinerlei Bildungserwartungen im Gegensatz zu den Geschwistern“, bemängelte Sabrina. Viele Einrichtungen und Pflegeeltern begnügen sich mit dem Hauptschulabschluss und der Aussicht auf eine Lehrstelle. Dem widersprach ein Pflegevater, der „hauptsächlich Jugendliche ohne Perspektive betreut“ hat. Viele Care Leaver fühlten sich jedoch perspektivlos, weil sie nicht das Gefühl hatten, dass man ihnen mehr als den kleinsten Schulabschluss zutraute. So mussten viele Mitglieder des Netzwerks einige Umwege auf sich nehmen, um ihr Ziel Abitur und Studium zu erreichen – einhergehend mit einem erneuten Kampf gegen Behörden.

So schließt sich auch der Kreis. Den Care Leavers geht es auch um Bildungsgerechtigkeit. Dazu bedarf es Lobbyarbeit, die mit dem Forschungsprojekt ihren Anfang nahm und mit dem Abschluss im Dezember diesen Jahres noch lange nicht beendet ist.
Dass sie Betroffene erreichen, zeigte sich nach dem offiziellen Programm, als sich eine 17-jährige Realschülerin an ein Mitglied des Netzwerks wandte. Sie erkundigte sich, welche Schritte sie unternehmen müsse und welche Unterstützung sie einfordern könne, wenn sie ihr Abitur machen und später studieren wolle.

Die, die auf der Bühne standen, werden noch viele Interviews geben und Podiumsdiskussionen bestreiten müssen, um für viele andere Care Leaver das zu erreichen, worum sie lange und heftig kämpften und immer noch kämpfen.

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Anhang
Website | Facebook | Forschungsprojekt
Der Film „CARELEAVER“ (20 min; mp4)

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