Moral, Mond, Lücke

Gedanken nach dem Tod von Dieter Hildebrandt

 
Den passenden Zeitpunkt für den Abgang gibt es nicht. Irgendwas liegt immer noch rum, das erledigt werden muss. Und wenn es nur eine Große Koalition mit beängstigend historischer Mehrheit ist.
Dieter Hildebrandt hätte auch dafür notwendige wie angemessene Worte gefunden.

Sein Werk und sein Wirken wurden in in den letzten Tagen zurecht gewürdigt. Als kritischer Beobachter und bissiger Kommentator des politischen Geschehens wird er am meisten fehlen. Mit ihm verstummte eine der wichtigsten Stimmen Nachkriegsdeutschlands für immer. Wir müssen damit umgehen, und wir werden damit umgehen. Daß mit ihm auch ein Stück Moral gegangen ist – ja nun.
An welcher Stelle die rangiert, hat er einst mit Hanns Dieter Hüsch besprochen.

Nachdem sich 2001 wieder einmal ein Ensemble der Münchner Lach- und Schießgesellschaft aufgelöst hatte, und „der Laden“ vor einer ungewissen Zukunft stand, legte Hildebrandt auf Anraten Bruno Jonas‘ die Bühne in die Hände von Till Hofmann. Als Betreiber des Lustpielhauses gelang es dem unruhigen Niederbayern, Alt-Schwabing als Künstlerviertel langsam wiederzubeleben, nachdem dort jahrelang nur Absturzkneipen für Durstige aus den Umlandgemeinden die Feiltzsch- und angrenzenden Straßen zu einer Bannmeile für kulturell Interessierte umwandelten. Inzwischen steht das Karree zwischen Münchner Freiheit und Englischem Garten mit Lustpielhaus, Lach- und Schießgesellschaft, Vereinsheim und dem Heppel & Ettlich im Drugstore wieder besser da. Sogar für die Schwabinger 7 konnte, dank vehementen Protests engagierter Künstlerinnen und Künstler, ein neuer Raum gefunden werden.

Vor Cindy aus Marzahn und Mario Barth konnte Hildebrandt uns nicht bewahren, aber er konnte sich nicht um alles kümmern. Dafür gab er jungen Kabarettistinnen und Kabarettisten regelmäßig eine in der Öffentlichkeit wahrgenommene Bühne. Sein Scheibenwischer war eine Talentschmiede wie die von ihm geliebten Münchner Löwen. Daß es im Fernsehen wieder (oder immer noch) Kabarett gibt, ist sein großer Verdienst.
Daß seine künstlerischen Nachfahren im Neuland, das für wesentlich Jüngere einem Störsender gleicht, zu sehen sind, ist ihm auch zu verdanken. Denn es ist nicht garantiert, daß der Satz von Gerhard Polt „Den Hildebrandt bringen’s immer wieder im Fernsehen“ auch in Zukunft gilt.

Der Mond ist untergegangen. Zum Glück geht er wieder auf.

Die Lücke, die Dieter Hildebrandt hinterlassen hat, ist groß. Er hat dafür gesorgt, daß sie nicht zum Vakuum wird.

Wer sich einen Überblick über sein Schaffen in Bildern machen will, kann das diese Woche in seiner künstlerischen Heimat Schwabing tun.

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„Dieter Hildebrandt – Ein Abschied in Bildern“
Galerie Truk Tschechtarow, Haimhauserstraße 16я (nahe Münchner Freiheit)
Dienstag – Sonntag, jeweils von 15 – 20 Uhr (nur diese Woche)

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