Der goldene Arschtritt

Mit dem Beruf hatte ich abgeschlossen. Nach meinem Totalzusammenbruch vor drei Jahren und der misslungenen Wiedereingliederung ein dreiviertel Jahr später konnte ich mir nicht mehr vorstellen, als Erzieher zu arbeiten.
Versuche, mich anderweitig zu orientieren, schlugen fehl. Im Journalismus, lange Zeit eine Traumvorstellung, Fuß zu fassen, war ein Rohrkrepierer. Es gibt zu viele davon, und meine Ellenbogen sind nicht so spitz, als daß ich mich dauerhaft dort durchsetzen könnte. Schöne Photos können andere auch sehr gut schießen, viele sogar besser, ohne davon mehr recht als schlecht leben zu können. Ein Nebenjob in einer Consultingfirma ist nicht mehr als das, den ich immer noch ganz interessant finde, der mir aber auch nicht als Haupttätigkeit taugt.

Der Freundin, die seit einiger Zeit nicht mehr die Freundin ist, wurde es zu Recht irgendwann zu bunt, ihren Macker finanziell durchzufüttern. Sie setzte mir die Pistole auf die Brust.
So bewarb ich mich widerwillig in den ersten Tagen des inzwischen nicht mehr jungen Jahres auf eine Stelle als Erzieher – im Kindergarten! Dorthin wollte ich eigentlich überhaupt nicht mehr. Hortkinder ja, aber der Elementarbereich war mir seit meiner letzten Stelle vor über zehn Jahren suspekt. Und Kleinkinder waren mir als Masse schon immer suspekt. Sie lächeln Dich an, während sie gerade in die Windeln scheißen.

Am Bewerbungsschreiben bastelte ich eine ganze Woche, bevor ich es abschickte. Wie ehrlich sollte ich sein? Wie ahnungslos von der Zielgruppe darf ich sein? Ich war sehr unsicher, bevor ich mich entschied, in die Offensive zu gehen, also nichts zu verheimlichen.
Zehn Tage später hatte ich mein Vorstellungsgespräch, wenige Tage darauf hospitierte ich dort. Wir waren uns einig, es miteinander zu versuchen. Zumindest für drei unverfängliche Monate, obwohl die Stelle bis Ende August ausgeschrieben war. Eine berechtigte Skepsis war auf beiden Seiten vorhanden.
Vor dem ersten Arbeitstag hatte ich sehr viel Bammel. Schaffe ich es überhaupt, mich auf die Kinder einzulassen? Interessieren mich ihre Themen und Probleme? Wie reagiere ich auf Sorgen der Eltern?

Es gelang mir offensichtlich ganz gut.
Das liegt nicht nur an einem wunderbaren Team, wundervollen Kindern und sehr angenehmen Eltern, anscheinend brauche ich die tägliche Auseinandersetzung an der Basis. Manche Dinge sehe ich gelassener als bei meinem letzten Ausflug in den Kindergarten.
Es macht mir nichts aus, im Viertel zu arbeiten. Das bedeutet natürlich, daß ich nicht mehr rotzbesoffen durch Haidhausen wanken darf, weil mir Kolleginnen und Eltern begegnen können. Den Kindern im Supermarkt zu erzählen, nur als Privatperson unterwegs zu sein, funktioniert auch nicht.

Inzwischen wurde mein Vertrag entfristet. Ab September bin ich stellvertretenden Leitung, was nicht meiner überragenden leistungen geschuldet ist. Unvorhergesehene personelle Veränderungen begünstigten meine temporäre Beförderung. Wäre ich dort nur geduldet, hätte sich der Vorstand um andere Lösungen bemüht.

Das alles hätte ich nicht herausgefunden und erfahren, wenn die Ex-Freundin an einem grauen Januartag nicht vehement insistiert hätte.
Vielen Dank für den goldenen Arschtritt, @cookikruemel!

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2 Gedanken zu “Der goldene Arschtritt

  1. Andere gehen andere Umwege, um dann im Kita-Bereich zu landen. Kundenbetreuung via eMail, zwei chronisch kranke Kinder…. und dann eine plötzliche Kündigung und Neuorientierung. Scheinbar sind die Kids ja doch nicht ganz so suspekt und wenn ich ehrlich bin, würde ich gerne mal mit dir zusammen arbeiten. Abgesehen von meinem Chef, habe ich bisher leider nur mit einem Erzieher zusammen gearbeitet. Bis so jeder seine Rolle gefunden hat, war es anstrengend, danach aber gut. Allerdings komm ich dafür nicht „runter“ zu dir ;)….. dass ist es dann doch nicht wert :).
    Liebe Grüsse aus der hessischen Landeshauptstadt, Martina

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