Sonntagnachmittag

Zur Einstimmung:
Rainhard Fendrich: „Sonntagnachmittag“

Es ist sehr einfach, sich anhand eines brillanten Chansons (ja, Chanson!) über andere zu stellen und die Zustände allgemein zu erheben. Ich bin davon nicht frei. Anlass oder gar Berechtigung habe ich dazu nicht.
Rainhard Fendrich beschrieb schon Mitte/Ende der 80er Jahre etwas, das menschlich und deshalb damals wohl schon aktuell war. Alte Menschen, die ihren Lebensabend im Altenheim, gerne auch euphemistisch Seniorenresidenz bezeichnet, verbringen und dort sterben, wenn nicht die letzten lebensverlängernden Geräte im Krankenhaus abgestellt werden.

Meine Großmutter verbrachte ihre letzten Jahre nicht zuhause. Es war nicht möglich. Sie begehrte im hohen Alter noch einmal heftig auf. Demenz, Altersstarrsinn, Sternzeichen und Kriegserfahrung bildeten eine Allianz, die nicht zu bewältigen waren. Ihre Nachkommen, Tochter und Enkel, lebten zu weit entfernt, um sie adäquat zu betreuen. Ein Umzug stand auch deshalb nicht zur Debatte. Ein konfliktgeladenes Dreiecksverhältnis unter allen begünstigte die Entscheidung. Eine vergleichsweise üppige Beamtenpension, Rücklagen und ein umsichtiger gesetzlicher Betreuer ermöglichten es, der Großmutter einen dennoch würdigen Lebensabend wenigstens in der Wahlheimatstadt zu bieten.
Die Wohngemeinschaft, in der sie lebte, wurde von sehr liebevollen und umsichtigen Menschen betreut, die ihre Bewohnerinnen – Pardon – spinnen ließen. Sie zeigten sehr viel Empathie, Verständnis und Geduld, auch der von meiner Mutter und mir despektierlich bezeichnete „Müsli-Pfleger“. Das Zimmer waren mit Möbelstücken und Erinnerungen aus ihrem Leben gefüllt. Einzig das notwendige Pflegebett passte nicht so rein, die Windelpakete waren dezent unter dem Tisch versteckt.

Ich besuchte meine Großmutter nur einmal.
Es war kein Sonntagnachmittag, und wir hatten mehr Besuchszeit als von Fendrich besungen. Sie erkannte mich nicht mehr. Sie wirkte dennoch zufrieden. Sie aß mit Begeisterung Kuchen, den sie früher zu recht nicht angerührt hätte, weil sie eine begnadete Bäckerin, ja, Konditorin war. (Ich kann bis heute keine Weihnachtsplätzchen mehr essen, weil ich immer den Geschmack ihrer Plätzchen, den ich mir nicht verderben will, im Mund habe.) Der Kaffee war so dünn wie der, den sie kochte. Daß ihr, wahrscheinlich nur auf dem Papier, erwachsener Enkel Kaffee trank, missfiel ihr. Das sind die Momente, in denen man einsehen muss, daß man Kind ist. Aufbegehren bringt nichts. Das verstand ich erst, als es ich es nicht mehr konnte.

Ich war nicht mal auf der Beerdigung meiner Großmutter.
Krankheit, Sturheit und das der Dreiecksverhältnis, das seit dem nur noch ein schwieriges Zweiecksverhältnis ist, standen dem im Wege.
Mein Verhalten ist kein Beispiel für steigende Vernunft im Lebenslauf. Man kann auch mit 40 Jahren etwas anrichten, das man nicht rechtfertigen darf und nicht erklären kann.

Es gibt wenig, wofür ich schäme.

Mit den von mir betreuten Zweitklässlerinnen sprachen wir neulich über den Tod. Eine erzählte vom Tod ihrer Großmutter. Sie verlor ein Stück Kindheit viel früher als ich. Mir war es nicht möglich, ihr etwas mitzugeben, was über den allgemeinen Trost hinausgeht. Weil ich mich in dem Moment über meinen Umgang mit meiner Großmutter schämte.

„Sonntagnachmittag“ höre ich immer noch sehr gerne.
Den fein gekleideten Zynismus höre ich gerne. Ich muss ihn auf mich beziehen.
Das ist nicht schön, aber reinigt etwas, das ich nicht mehr saubermachen kann.

[Inspiration: Zweitklässlerin und @heinzkamke]

(Das verlinkte Video kann man mit einschlägigen Verhinderungs- und Umgehungsprogrammen auch abspielen.)

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