(K)Eine Geschichtsstunde in den Medien

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, erinnere ich mich an einige schlechte Lehrkörper und sehr viele langweilige Unterrichtsstunden. Es überwiegt jedoch die Erinnerung an den Geschichtsunterricht in der 10. Klasse im Schuljahr 1989/90. Ich hatte das Glück mit Martin Leppla einen Lehrer zu haben, der uns die Zeit zwischen 1871 und 1945 so plastisch darstellte, daß ich nie so begeistert zugehört und gelernt habe, wie in diesen anderthalb Schulstunden pro Woche. Sehr ausführlich nahm er sich der Zeit zwischen 1914 und 1939 an, wahrscheinlich wesentlich mehr, als es der Lehrplan vorsah. Den Zweiten Weltkrieg sparte er nicht aus, aber die Entstehung dessen war ihm wichtiger als die chronolologische Abfolge dessen.
Sein Unterricht fiel in den Fall der Mauer, über den er sich als „rote Socke“, wie er sich nannte, sehr freute. Er nahm ihn zum Anlass, seine Ängste mit der bevorstehenden Wiedervereinigung zu formulieren. Wahrscheinlich gab er dem aufstrebendem Nationalsozialismus in der Weimarer Republik und den Folgen deshalb so viel Raum, um uns junge Menschen zwischen Hoch- und Postpubertät zu warnen.
„Er hätte Eintritt verlangen können“, meinte ein Mitschüler anerkennend – und er hatte recht. Ich habe keine Unterrichtsstunden, die von so viel Zuhören und aktiver Beteiligung geprägt waren wie diese, erlebt.
Herr Leppla hat mich mit seinem Geschichtsunterricht geprägt und sensibilisiert.

Die Ohel-Jacob-Synagoge nach der Reichspogromnacht (Bild: Bundesrachiv/Wikipedia Commons)

Die Ohel-Jacob-Synagoge nach der Reichspogromnacht
(Bild: Bundesrachiv/Wikipedia Commons)

Der 9. November steht für mich folglich vor allem mit der Reichspogromnacht 1938 in Verbindung. Ich möchte den heutigen Jubiläumstag zum Fall der Mauer nicht kleinreden, aber er hat für mich zu viel Gewicht. Das zeigt mir die Berichterstattung in den Onlineportalen der gängigen Tageszeitungen, Wochenmagazine und Nachrichtensendungen im Fernsehen.

Ich habe mir den zweifelhaften Spaß erlaubt, die Startseiten nach Texten zur Reichspogromnacht zu durchforsten: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgmeine Zeitung“, „B*ld“, „Tagesspiegel“, Frankfurter Rundschau“, Die Welt“, „Der Spiegel“, „Focus“, „Die Zeit“, „der Freitag“, „Jungle World“, „Tagesschau“, „heute“ sowie die Münchner Tageszeitungen „Abendzeitung“, „tz“ und „Münchner Merkur“.

Screenshot "Die Welt"

Screenshot „Die Welt“

Es ist niederschmetternd!
Daß die heutigen Feierlichkeiten die Schlagzeilen dominieren, kann ich noch nachvollziehen. Doch lediglich drei Tageszeitungen räumten weiter unten dem grausamen Treiben des „gesunden Volkszorns“ von 1938 ein wenig Platz ein. Zwei davon – „Welt und SZ (der Text ist vom letzten Jahr) – beschäftigen sich mit dem missglückten Attentat Johann Georg Elsers auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller, auf den die „Reichskristallnacht“, wie die Nazis das Inferno nannten, folgte.

Screenshot SZ

Screenshot SZ

Einzig der FR-Artikel beschäftigt sich mit den Folgen des Pogroms für die Juden.
Dafür fehlt in fast keinem Blatt eine ausführliche Kritik der gestrigen „Wetten dass“-Sendung. Eine Show, die zum Jahresende eingestellt wird, weil sie außer Medienschaffenden kaum noch jemanden interessiert. Selbst die juristisch ohne Zweifel relevante Erkenntnis eines Gerichts, daß Salzstangen auch ein Mittagessen sind, wird für wichtiger gehalten als der 9. November 1938.

Screenshot FR

Screenshot FR

Das ist ein Armutszeugnis!
Die Attentate auf Synagogen nehmen zu, Antisemitismus darf nahezu unwidersprochen geäußert werden, und das braune Pack demonstriert in großer Stärke und zieht in schicken Anzügen gekleidet in ein Parlament nach dem anderen.
Aber heute wird nur gefeiert, anstatt auf den Zusammenhang zwischen 1938 und 1989 hinzuweisen. (Daß der Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923 gar keine Erwähnung findet, muss ich nicht eigens erwähnen, oder?)

Einzig auf Twitter – zumindest in meiner Timeline – gibt es Hinweise auf den 9. November 1938.
Ich empfinde die heutigen Zeitläufte beunruhigend und beängstigend. Die heutige Presseschau bestärkt mich darin.

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