Nicht mehr da.

Geschichten vom Tod

Eine nicht abschließend zu erörternde Frage unter uns pädagogischen Fachkräften ist: „Wie bringe ich Kindern das Thema Tod nahe?“
Es gibt zum Glück einige gute Bücher, die man mit Kindern lesen kann (und soll!), dazu, aber sie beantworten die Frage, wenn sie konkret wird, wenn zum Beispiel ein unmittelbarer Angehöriger stirbt, nicht. Wie hinterbliebene Eltern oder Elternteile und folglich ihre Kinder damit umgehen, wissen wir vorher nicht. Glaubensfragen, die im normalen Kindergartenalltag keine Rolle spielen, können plötzlich wichtig werden. Also ist von „Engel im Himmel“ bis „Unwiederbringlich unter der Erde“ alles drin und erlaubt. Wie ich dazu stehe, ist zweitrangig. Kinder senden meistens Signale, wie man mit ihnen, dem Tod und ihrer Trauer umgehen soll.

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Während meiner Tätigkeit in der Behindertenhilfe gehörte der Tod nicht zur Tagesordnung, war aber ein regelmäßiger Begleiter. Von den rund 150 Kindern und Jugendlichen, die in in der Einrichtung teilweise 365 Tage im Jahr verbringen, starben jährlich zwei, drei. Krankheit und Behinderung setzen Körper und Geist dauerhaft zu sehr zu, um das Leben zu verlängern. Wir waren auch nicht verpflichtet wiederzubeleben, was wir als Erleichterung empfanden. Im Heim starben Betreute bevorzugt nachts. Vermutlich, weil sie dann die Ruhe hatten, sich zu verabschieden.
Ein Tisch am Haupteingang erinnerte für eine Woche daran, dass ein Kind gestorben war. Bei einer Trauerfeier konnten sich Kinder und Betreuende, die mit dem Toten zu tun hatten, von ihm verabschieden.

Bei älteren Jugendlichen war meist Organversagen durch jahrelange Medikation – Antiepileptika sind keine Globuli – die Todesursache. Manche boten dem Tod sehr lange und sehr viel Widerstand.
Ein Kind, das als 500-Gramm-Frühchen schwerst behindert zeit seines Lebens einen Kampf führte und trotzdem bei sich jeder bietenden Gelegenheit lachte, raffte nach Autoimmunkrankheit und später noch Rheuma mit neun Jahren der Krebs dahin. Ich spürte eine Form von Erleichterung in mir, als ich davon erfuhr. Unverständlich war für mich der Zeitpunkt des Todes eines Jugendlichen, der am Heiligen Abend Zuhause in der Badewanne verstarb. Wie man als Angehörige damit „vernünftig“ umgehen kann, weiß ich nicht.

Eine Geschichte, die mich heute noch berührt, liegt rund zehn Jahre zurück.
Die 16-jährige Martina, die körperlich wie geistig behindert war, musste sich auf den baldigen Tod ihrer Mutter einstellen. Ihre alleinerziehende Mutter, mit der wir heftigste Auseinandersetzungen hatten, litt an Krebs und hatte nicht mehr lange zu leben. Spät offenbarte sie ihre Krankheit.
Meinen Kolleginnen (ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr in dieser Gruppe) gelang es auf wunderbare Weise, die Demütigungen, die teilweise weit unter die Gürtellinie gingen, zu verdrängen, um das Mädchen auf den anstehenden Tod ihrer Mutter und einzigen Angehörigen behutsam vorzubereiten. Es fanden sich einige, die sich bereit erklärten, mit Martina ins Krankenhaus zu gehen, wenn sie es oder ihre Mutter wollte. Mit psychologischer Begleitung gelang es dem Team, das Mädchen auf den bevorstehenden Tod ihrer Mutter vorzubereiten. Als es so weit war, entwickelten sie ein Trauer- und Gedenkritual, das Bestand hatte, bis sie aus Altersgründen die Einrichtung verlassen musste. (Widerlich wurde es lediglich, als kurz nach der Beerdigung die bucklige Verwandtschaft, die sich sonst nie blicken ließ, auftauchte, weil sie sich ein Erbe erhoffte.)
Wie groß die Belastung war, zeigte sich ein paar Monate später, als das Team auseinander brach. Begleitende, externe Supervision gab es nicht, weil die Kostenträger dafür keine Mittel bereit stellten.

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Es kommt viel Trauer auf dich zu mein Kind
Mit der Zeit und mit dem Tod und mit dem Wind
Du willst es jetzt zwar noch nicht glauben
Lass dir von mir den Mut nicht rauben
Doch kommt viel Trauer auf dich zu mein Kind

(Hanns Dieter Hüsch: „Leichtes Land“)

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Die Erinnerung, wie ich als Achtjähriger mit dem Tod meines Vaters umgegangen bin, hätte mir bei Martina wohl nur wenig geholfen. Jeder Tod ist anders, jedes Sterben ist anders.

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Meine Mutter brachte mir den plötzlichen Tod meines Vaters in Etappen bei.
Eines morgens sagte sie mir, dass ich zu meinen Großeltern fahre, weil Papa im Krankenhaus liege. Mitten während der Schulzeit. Ein Trost für die Sorgen, an die ich heute keinerlei Erinnerung mehr habe. Ich meine, die Zeit bei ihnen, wie so oft, genossen zu haben.
Auf der Rückfahrt weinte ich, weil ich traurig war, wieder nach hause fahren zu müssen. Das „Päckle“, das ich immer mit bekam, war in dem Moment nur ein schwacher Trost. Meine Mutter fragte mich, warum ich weinte, weil meine Trauer darüber intensiver als für gewöhnlich war. Sie konnte ihre Tränen nun nicht mehr verbergen. Mein Vater sei in der Zwischenzeit gestorben. Die Beerdigung habe auch schon stattgefunden. Ich glaube, daß ich damals nicht wusste, dass man Verstorbene beerdigt, ansonsten wäre ich enttäuscht gewesen, beim letzten Gang mein es Vaters nicht dabei gewesen zu sein. Er war der Erste aus meinem nahen Umfeld, der starb. Ich weiß bis heute nicht, wo seine Urne steht.
Meine Lehrerin, mit einem herrlichen Mutterwitz ausgestattet, fragte mich nach meiner Rückkehr in die Klasse, ob ich zu Fuß nach hause gegangen sei, weil ich so lange weg war. Ihre Reaktion, die wohl auch Beleidsbekundung beinhaltete, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, gefällt mir heute noch gut.

Für meine Mutter war die Zeit wohl wesentlich schlimmer als für mich. Er war halt nicht mehr da. In den letzten Jahren war er für mich kaum präsent, weil er ständig unterwegs war. Arbeiten. Die meisten der wenigen Wochenenden, die er nicht arbeitete, verbrachte er mit Freunden. War er da, stritten meine Eltern viel. Es ging schon beim Frühstück los. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, meine Mutter ging meistens als Verliererin aus den Auseinandersetzungen hervor.
Ich sprach von Etappen. Es waren lange Etappen.

Am Heiligen Abend hatten wir – meine Mutter, ihr Freund, mit dem sie kurz nach dem Tod meines Vaters zusammen kam, und der kurze Zeit später bei uns einzog – das Ritual, Tarotkarten zu legen. Wie wird das nächste Jahr? Ein Spiel eben, mehr nicht.
Ich zog, inzwischen 20-jährig, eine Karte und konnte deren Symbolik in meinen Kontext nicht einbauen. Meine Mutter und ihr Freund beließen es auch bei rudimentären Erklärungsversuchen und dem Bestreben, dieser Karte und diesem Spiel nicht viel Bedeutung beizumessen. Ein Spiel eben, mehr nicht.

Zwei Tage später saßen meine Mutter und ich bei Plätzchen und Kaffee in der Küche beisammen. Ob ich denn was wüsste. Ich verstand ihre Frage nicht. Ob ich denn wirklich nichts wüsste. Es musste etwas Ernstes ein, denn sie insistierte auf eine Art, die mir bis dahin bei ihr unbekannt war.

Ich hatte den Gehängten gezogen und „Erhängter“ gelesen. Freud hatte zugeschlagen.
Nachbarn hatten meinen Vater im Keller gefunden, während meine Mutter arbeiten und ich bei einer Freundin war. Wie es meiner Mutter gelungen war, Hektik und Emotionen am Abend und am Morgen danach bis zur Übergabe an meine Großeltern in Stuttgart vor mir fernzuhalten, weiß ich nicht. Sie auch nicht. Es gibt Situationen, in denen Menschen auf irrationale Art und Weise „funktionieren“.
12 Jahre später erfuhr ich durch diesen „Zufall“ (seit dem glaube ich nicht mehr an Zufälle), was wirklich passiert war. Sie befürchtete, jemand könnte mir inzwischen etwas erzählt haben. Da ich nie einen Zweifel an einem Herzinfarkt hatte, fragte ich nie nach. Weder bei meiner Mutter, noch bei meinen Großeltern.

Dennoch war ein jahrelanger Bann gebrochen, und meine Mutter war erleichtert, endlich erzählen zu können, was wirklich passiert war. Es war ein tränenreicher Nachmittag, an dem wir uns so nahe wie lange nicht waren.
Vorwürfe machte ich ihr nie. Ich weiß nicht, wie ich agieren und reagieren würde, müsste ich ad hoc den Tod der Partnerin und das Kind organisieren.

Danach legten wir keine Tarotkarten mehr.

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***

Der Tod bleibt ein schwieriges Thema für mich. Mit Abschieden kann ich ebenso schlecht umgehen. Vielleicht fühle ich mich deshalb dem morbiden und zynischen Wien so verbunden. Meine Depression vor drei Jahren dürfte auch im Tod meines Vaters eine Ursache haben.

Ob ich (mir anvertraute) Kinder bei Tod und Trauer angemessen begleiten kann, weiß ich nicht. Die Angst, etwas bei ihnen zu übersehen, sie ungewollt zu verletzen, ist da.

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3 Gedanken zu “Nicht mehr da.

  1. Danke für diesen Text. Du schaffst es, viel von dem auszudrücken, was wohl jeden von uns beschäftigt, wenn wir mit diesem Thema konfrontiert werden. Der Tod hat kein Thema (mehr) zu sein.
    Wie schwer es ist, mit dem Tod eines wichtigen Menschen klar zu kommen, hab ich erfahren und ich weiß immer noch nicht, wie es mir jetzt damit 10 Jahre später geht.

    Danke für diesen Text.

  2. Ein sehr bewegender und offener Text, der das Thema Tod und die dazugehörige „Problematik“ gut beschreibt.
    Es zeigt einmal mehr wie sehr man die Zeit mit seinen Liebsten genießen sollte!

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