Loriot funktioniert nicht mehr

Nachbetrachtung zu Olli Dittrichs „Das TalkGespräch“

Olli Dittrich als Trixi Dörfel mit Cordula Stratmann als Talkmasterin Simone Rabe (Bild: Beba Franziska Lindhorst/WDR)

Olli Dittrich als Trixi Dörfel mit Cordula Stratmann als Talkmasterin Simone Rabe (Bild: Beba Franziska Lindhorst/WDR)

Talkshow-Persiflagen waren ein beliebter Bestandteil von Comedyformaten („Die Wochenshow“, „RTL Samstag Nacht“) oder Inhalt ganzer Sendungen („T.V. Kaiser“, „Der heiße Brei“), weil man in einem Sammelbecken von Menschen und deren Abgründen eine Menge Komik fischen kann. Gelungen sind die wenigsten.
Diesen Schuh muss sich nun auch Olli Dittrich anziehen, der mit „Das TalkGespräch“ das bis jetzt ambitionierteste und hochwertigste Produkt vorlegte.

Dittrich hat ein Gespür für Menschen und deren Biographien, denen er ein Gesicht geben kann. Sein „Dittsche“ ist ein Paradebeispiel dafür, seine Improvisationen in „Blind Date“ mit Anke Engelke sind brillant. Sein Franz Beckenbauer war im Zusammenspiel mit Harald Schmidt genial. Er kann seine Figuren liebevoll mit Spleens und witzigen Namen ausstatten – das gelingt ihm auch in dieser Kritik am Fernsehen, das sich ständig reproduziert, anstatt neue Wege einzuschlagen.
Bei dem Versuch, sie mit Leben zu erfüllen, scheitert er jedoch in 30 Minuten grandios. Zu steril, zu technikverliebt wirkt alles, dass sich Cordua Stratmann gegen die von Dittrich vier gespielten Charaktere abstrampelt. Alle sind für sich gesehen sehr witzig, sei es die abgewrackte Seriendarstellerin Trixie Dörfel, die vergeblich auf die Traumschiff-Einladung wartet, oder das Peter-Scholl-Latour-Imitat Hauke Roche-Baron, der hochrangige Politiker besser kennt als sein persönliches Krisengebíet. Sie sind fein beobachtet und choreographiert bis ins Detail, wirken aber so leblos wie die Figuren bei Madame Tussauds. Die Einspieler mit prominenten Zuspielern wie Jan Josef Liefers, Leander Haußmann oder Marius Müller-Westernhagen, die nur sich sich selbst darstellen, wirken wie Marionetten. Den wenigen direkten Auseinandersetzungen der vier Dittrichs fehlen jegliche Emotion und die für Talkshows übliche Empörung.
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Das ist Fernsehen der 1970er Jahre mit technischen Mitteln der 2010er Jahre, dem Spontaneität und Möglichkeiten heutiger Sehgewohnheiten abgehen. (Warum ist die Sendung eigentlich nur in Schnipseln in der Mediathek hinterlegt?).
Olli Dittrich bedient eins zu eins sein Vorbild Loriot, der viel von ihm hielt und das Vorwort für eines seiner Bücher schrieb,. Fast sklavisch klebt er an ihm, weil es ihm nicht gelingt, seine „Menschendarstellungen“, wie er es nennt, in die heutige Zeit zu übertragen.
Loriot funktioniert nicht mehr. Zumindest nicht, wenn man so ihn so ins 21. Jahrhundert überträgt wie Dittrich. „Das TalkGespräch“ fehlen Mut und Radikalität eines Gerhard Polt, der nach rund 40 Bühnenjahren immer noch einkalkuliert, dass selbst die lachen, denen er am meisten aufs Maul schaut.

Medienkritik in gespielter und gespiegelter Form ist sinnvoll und in gelungener Form Gesellschaftskritik. Wenn es ihr nicht gelingt, außer Protagonisten und Feuilletonisten, die sich an intellektuellen Schenkelkopfern wie an alternden Rock’n’Roll-Musikern auf der Bühne, weil sie dabei an ihre lange zurück liegende Jugend erinnert werden, erfreuen, Konsumenten anzusprechen, verkommt sie zu teurem und vor allem langweiligem Selbstzweck.

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Ein Gedanke zu “Loriot funktioniert nicht mehr

  1. Ich hatte mich auf die Sendung gefreut, konnte sie allerdings nach ca. der Hälfte der Zeit vor Langeweile nicht mehr ertragen und habe einfach abgeschaltet. Dass die Figuren für sich sicherlich gut getroffen waren, mag ja sein, aber es ist ansonsten eben gar nichts passiert – aus meiner Sicht nur ein steriles Nummerprogramm.

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