Weimarer Wahnsinn

929. Tatort: Der irre Iwan (Lessing & Dorn/MDR)

Ermittlungen im FKK-Paradies (Bild: MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer)

Ermittlungen im FKK-Paradies (Bild: MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer)

Alles Tödliche kommt von oben: Ein Schuss in die Decke trifft die Sekretärin des Stadtkämmerers Iwan Windisch, die wie der Sitzball, auf dem sie sitzt, in sich zusammensackt. Ein hervorragendes Bild, das den Auftakt für einen Tatort bildet, der sehr dicht gestrickt ist, während die Meisten nicht ganz dicht sind.

Die Autoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger führen das das gemeinsame Kind schaukelnde Ermittlerpaar Lessing-Dorn und die Zuschauer im Parforceritt durch seltsame Abgründe, die jede Region zu bieten hat. Das Rudolstädter Vogelschießen ist der Ort, an dem Figuren wie die Geisterbahnbetreiberin Rita Eisenheim, Kettensägenclown Caspar Bogdanski und Kanaille Kongo bestens aufgehoben. Der obligatorische Ausflug in die DDR-Vergangenheit führt ins FKK-Paradies, in dem Peggy Schuhschnabel und der Leiter der Mordkommission herum hüpfen.
Es wird schnell unübersichtlich, und eine Massenvernehmung gerät zur Paartherapie, die selbst abgebrühteste Therapeuten sprachlos zurück lässt und zu Recht in den Memoiren des fassungslosen Chefs von Lessing und Dorn erwähnt wird.
Nach vielen Irrungen und Wirrungen mündet alles in ein großes Finale mit Happy End und Element Of Crime.

Möglichen Längen wird mit Details vorgebeugt, die irrelevant sind, aber irre Spaß machen. Dazu gehören der Selbstmord der mit 109 Jahren ältesten Thüringerin („Habe jede Hoffnung verloren, eines natürlichen Todes zu sterben.“), fremde Horoskope etc.
Garniert wird der Film mit Spielfreude aller Darsteller*innen – exemplarisch sei hier Sophie Rois als derbe, Jumpsuit tragende Geisterbahnbetreiberin genannt –, einer liebevolle Kameraführung mit stimmigen Bildern, Dialogen und Situationskomik, die nicht erklärt, sondern einfach nur gezeigt werden.
Das ist alles übertrieben und in der geballten Form bar jeder Realität – ja, es ist „Weimarer Wahnsinn“, wie Clausen anmerkt. Aber es ist Unterhaltung! Das beantwortet auch im neuen Jahr die alte Frage: Was darf der Tatort?
Antwort: Alles, wenn er gut ist und irgendwie mit Krimi zu tun hat.

„Der irre Iwan“ ist köstlicher Krimi-Klamauk, bei dem es nur für den miserablen Ton Abzüge gibt. Dass die Mutter von Helene Fischer, der MDR, so etwas einmal im Jahr ermöglicht, ist bemerkenswert. (9/10)

[Offenlegung: Mit Murmel Clausen drückte ich acht Jahre gemeinsam die Schulbank und bekam von ihm 2013 zwei signierte Bücher geschenkt.]

Hintergrund: Pressemappe, Interview mit Nora Tschirner und Christian Ulmen
Weitere Meinungen: Les Flâneurs, Der Wahlberliner, Wie war der Tatort?, Tatort-Forum

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