Verschwörung fressen Schmäh auf

930. Tatort: Deckname Kidon (Eisner & Fellner/ORF)

Eisner und Fellner beim Benefiz-Barockball (Bild: ORF)

Eisner und Fellner beim Benefiz-Barockball (Bild: ORF)

Während ein Taxifahrer von seinem Mercedes 77er Baujahrs schwärmt, fällt der iranische Diplomat Dr. Bansari aus einem Hotelfenster auf dessen Dach.
Das ist die Ankündigung, dass wieder am großen Rad gedreht wird.

Bansari war beauftragt, trotz des Handelsembargos wichtige Ventile und Pumpen für Kernreaktoren zu beschaffen und traf sich mit dem Lobbyisten Johannes Leopold Trachtenfels-Lissé. Hinter dem Attentat wird der israelische Geheimdienst Mossad vermutet.
Daraus entwickelt sich der für den Wiener Tatort inzwischen typische Verlauf. Der Diplomatenschutz erschwert Eisners und Fellners Ermittlungen, sie werden abgehört, der Sektionschef Rauter fällt ihnen in den Rücken. Am Schluss schauen die Kommissare in die Röhre, weil höhere Mächte, in dem Fall der Mossad, stärker sind.

Die plausible Geschichte von Max Gruber, die den Brennpunkt Nahost anschaulich unter die Lupe nimmt, kommt jedoch nicht in Schwung. Einige Längen verstreichen ungenützt, weil die Charaktere unter der Regie von Thomas Roth sehr oberflächlich agieren. So spielt Udo Samel den einflussreichen Strippenzieher Trachtenfels-Lissé, der dem sehr gut vernetzten Alfons Mensdorff-Pouilly nachempfunden ist (Vielen Dank, @mingo713, für diesen Hinweis!), ohne jegliche Tiefe. Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer wirken fast schon leblos, weil ihr gewöhnlich sehr gutes Zusammenspiel nur angedeutet wird. Die bedeutungsschwangere Luft, die durch den ganzen Film weht, erdrückt die handelnden Personen. Aus der Szene, in der die Kommissare Trachtenfels bei seinem Benefiz-Barockball demaskieren, hätte man sehr viel machen können – Komödie, Tragödie, Drama! Leider wird sie nur lieblos heruntergespielt. So sind es nur wenige Sequenzen wie der Dialog Eisners mit einem korrupten Dorfpolizisten oder die Verfolgungsjagd mit dem materialschweren Güterzug, die für frischen Wind sorgen.

Verschwörung fressen Schmäh auf. Schade.
Vielleicht täte den Ermittlern zur Abwechslung der Mord an einem Kaffeehausbesitzer oder Heurigenwirt ganz gut. (5,5/10)

Weitere Meinungen: Les Flâneurs, Wie war der Tatort?, Tatort-Forum

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