Prunkvolle Zipfelspiele im Kerzenlicht

Wieder gesehen: „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“

rossini

Die wieder 40 gewordene, selbstsüchtige Valerie bringt es eine halbe Stunde vor dem Ende des Films auf den Punkt: es sind „Zipfelspiele“ von sich überzeugter und keine Nebenbuhler duldender Männer, denen der persönliche Ansehen über alles geht.
Als sie bemerkt, dass sie nur ihr Instrument ist und langsam aufs Abstellgleis gerät, weil jüngere Frauen nach vorne drängen, beendet sie ihr Leben.

Eigentlich ist dieser Film vollkommen belanglos, weil er von Filmschaffenden und deren willigen Vasallen handelt, die in ihrer vertrauten wie luxuriösen Umgebung, dem Nobelrestaurant Rossini, nichts anders tun haben, als sich jeden Abend selbst zu feiern, sich gegenseitig zu übertrumpfen, tollen Sex zu haben und großmaulig Projekte anzukündigen. Eine geschlossene Gesellschaft, die für viele Außenstehende erstrebenswert scheint, aber unerreichbar bleibt. Gäste braucht der Padrone folglich nicht, weil er jeden Tag seine Freunde um sich hat, wie er Möchtegern-Adabeis nonchalant zu verstehen gibt. „Sparkassen-Fuzzys“ wie Hopf, Weich und Melk werden nur geduldet, wenn sie Millionen locker machen und fallen dementsprechend aus dem Rahmen.
Eigentlich. Denn der Reiz dieses Films besteht darin, dass Helmut Dietl und Patrick Süskind Figuren, inklusive sich selbst, mit Liebe zum Detail und zur Pointe charakterisieren, die man zu kennen glaubt, wenn man Hochglanzmagazine und Klatschspalten der Tageszeitungen liest. Was sie außer vagen Projekten verbindet, wissen sie selbst nicht. Doch das ist egal, weil sie nichts anderes als den lieb gewonnenen Mikrokosmos Rossini, den sie so ungern wie selten verlassen, kennen. Was die Autoren weggelassen und dazu erfunden haben, ist der Phantasie der Zusehenden überlassen und unerheblich.

Ein Genuss ist „Rossini“ 17 Jahre nach seiner Kinoausstrahlung immer noch, weil die Komödie um „Liebe! Leidenschaft! Tod!“ ein Film aus einem Guss ist. Das bis in kleine Nebenrollen hochkarätige Ensemble brilliert mit Spielfreude und Präzision, wie man es nur selten sieht. Selbst Veronica Ferres überzeugt als berechnendes wie liebchenhaftes Schneewittchen. So gut hat man sie vorher und nachher nicht gesehen. Geschliffene Dialoge runden das Zusammenspiel ab. Das harmoniert mit einer Ausstattung, die von hinreißender Anmut ist. Jede der ca. eintausend Kerzen steht in dem Nobelrestaurant dort, wo sie stehen muss. Dieser Film strahlt eine prunkvolle Ästhetik aus, die sich vom durchschnittlichen, immer wieder gezeigten, IKEA-Einerlei deutlich abhebt.
Und er zeigt das glitzernde München in seinen letzten Zügen, bevor die wichtigen Prominenten sich dem aufstrebenden Berlin zuwandten.

„Rossini“ ist leider Dietls letzter guter Film. Womöglich gelang ihm der Absprung aus dem von ihm so gut karikierten Umfeld nicht. Dass der seine Stadt liebende Münchner mit seiner im fremden Berlin angesiedelten „Kir Royal“-Fortsetzung „Zettl“ gescheitert ist, erscheint logisch.

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