Ganz oben statt nur dabei

daserstemalimstadionAm Sonntag wies ich auf die Blogparade „Das erste Mal im Stadion“ von elfgegenelf.de hin. Heute reiche ich meinen Text nach.
Vielleicht ist meine Erinnerung auch eine Hommage ans Olympiastadion, das seit knapp zehn Jahren – sieht man vom Champions League-Finale der Frauen 2012 ab – kein Fußballspiel vor großer Kulisse mehr erleben durfte. Es wird mit großen Aufwendungen erhalten, was so ehrenwert wie traurig ist. Darüber schreibe ich ein andermal.

G. und ich lernten uns in der 5. Klasse kennen, als wir beim schulinternen Schachturnier den letzten und vorletzten Platz belegten. Geeint in der Niederlage fanden wir raus, dass auch der Fußball unser gemeinsames Interesse ist.
Wir hörten fortan zusammen „Heute im Stadion“, das damals noch vom nuschelnden Fritz Hausmann moderiert wurde. Das war in der Saison 1984/85, die erste Spielzeit, die ich aufmerksam verfolgte.
Der Wunsch, ein Spiel des FC Bayern zu besuchen, wuchs ins uns sehr bald.

In der darauf folgenden Saison machten wir Nägel mit Köpfen. Der 1. FC Nürnberg war gerade wieder einmal aufgestiegen und gastierte am ersten Wiesnsamstag im Olympiastadion. Man nannte Spiele gegen den Glubb noch nicht Derby.
Ich weiß nicht, welcher Teufel uns, die noch keine 14 Jahre alt waren, ritt, ausgerechnet diese Spiel auszusuchen. Es waren wohl jugendlicher Leichtsinn, der inzwischen zu gering geschätzt und immer mehr untergebuttert wird, und die Ahnungslosigkeit der Eltern, die leider sehr viel an Bedeutung verloren hat, dass sie uns erlaubten, alleine dorthin zu gehen.

In der U-Bahn – wir stiegen an der Giselastraße oder Münchener Freiheit (Platz und U-Bahnhof wurden damals noch so geschrieben) ein – bekamen wir einen ersten Vorgeschmack dessen, was uns erwarten würde. Bumsvoll war es. Wir quetschten uns demütig zwischen Kuttenträger und nach Alkohol riechende Männer und versuchten nicht aufzufallen. Es gelang uns ganz gut, was nicht nur an der Luft, die uns eigentlich zum Atmen fehlte, lag. Am Olympiazentrum wurden wir mit der Masse rausgespült und schwammen bei bestem Wiesnanstichwetter mit ihr unauffällig zum Stadion. Warum wir nicht mit dem Radl in den Olympiapark gefahren sind, weiß ich nicht. Ich vermute, dass das in der zwei Mark teuren Eintrittskarte enthaltene MVV-Ticket den Ausschlag gab.

Es verging einige Zeit, bis wir unseren Block gefunden hatten. Irgendwas zwischen R und S. Es war leider egal, weil wir so spät dran waren, dass wir zwar noch einen Platz ganz oben fanden, mehr aber nicht. Es war so voll, dass es uns nicht gelang, weiter nach vorne zu gelangen. Wir verfolgten das Spiel von ganz weit oben und versuchten anhand der Akustik nachzuvollziehen, was unten auf dem Rasen passierte.
In der Halbzeit wurden wir von hungrigen und durstigen Fans wieder aus dem Block gespült. Wir hielten zu lange inne, denn ehe wir auf die Idee kamen, uns in der nun übersichtlicheren Kurve dem Spielfeld zu nähern, waren alle wieder zurück, und wir standen dort, wo wir schon während der 1. Halbzeit standen. Wir jubelten, wenn alle jubelten, schimpften, wenn alle schimpften und lamentierten dazwischen nur ein wenig.
Man kann nicht sagen, dass die Anderen brutal oder besonders unhöflich waren. Sie übersahen uns nur, und wir waren zu respektvoll. Es war die Zeit, als Ordner optisch eher gemütlich wirkten, nicht überrepräsentiert waren und sich höflich zurückhielten, wenn ihr Einsatz nicht explizit verlangt wurde. Ältere Herren – der Eindruck mag unserer Jugendlichkeit geschuldet gewesen sein –, die sich daran erfreuten, eine Aufgabe zu haben.
Wir erfuhren immerhin, wie das Spiel ausging – 2:1 – und hatten bei strahlendem Sonnenschein ein beeindruckendes Erlebnis.

Auf dem Heimweg schob ich ein wenig Panik, weil die Schlange vor dem Bahnhof Olympiazentrum sehr lang war und ich befürchtete, zu spät zum Abendessen zu kommen. Ärger oder gar Hausarrest wollte ich nicht riskieren. Da vergaß ich auf einmal meine Zurückhaltung – ich saß pünktlich am Essenstisch.

Die Enttäuschung, von dem Spiel fast nichts gesehen zu haben, hielt in uns nur kurz an. Wir gingen fortan öfter ins Stadion und erfuhren dabei, dass Spiele damals™ selten ausverkauft waren. In der Saison darauf gelang es uns sogar, ein Europapokalspiel auf Kosten des Vereins anzuschauen.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Freundschaft mit G. hielt immerhin sieben Jahre, bevor sie langsam auseinander ging, was nicht nur daran lag, dass er sich später dem Giesinger Lokalrivalen zuwandte.

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Ein Gedanke zu “Ganz oben statt nur dabei

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