West-Berlin in Alt-Schwabing

Fil sprach, las und sang im Vereinsheim

Wenn ich etwas zuerst mit West-Berlin assoziiere, sind es der ZOB und Umgebung in Charlottenburg, die eine Huldigung an die 60er und 70er Jahre in Beton sind. Es gibt kaum etwas Greisligeres, aber Beton hat eine Anziehungskraft auf mich, die ich durchaus Erotik nennen möchte. Das Märkische Viertel scheint noch eine Stufe extremer zu sein, wenn man den Ausführungen Fils glauben darf. Er vergleicht es mit Neuperlach; ich kann es nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass Neuperlach besser als sein Ruf ist.

Im Gegensatz zum in West-Berlin aufgewachsenen Stefan, den ich gestern Abend begleiten durfte, kann ich so gar nichts beurteilen, was Fil über seine Kindheit und Jugend umgeben von der Mauer schreibt. Das ist jedoch so was von egal, weil persönliche Erinnerungen nicht plausibel, sondern interessant sein sollen. Idealerweise sind sie auch lustig, was für Fils Art zu schreiben uneingeschränkt gilt.
Da zwischen Betonbunkern außer „Pikern“ und Hagebuttensträuchern nichts blüht, ist die Sprache sehr direkt. Das überrascht nicht, wenn das Buch „Pullern im Stehn“ heißt. Es ist die Berliner Art, auch Schnauze genannt, mit der man konfrontiert wird. Wer es blumig mag, soll die Buddenbrooks lesen.
Diese Lesung ist nichts für distinguierte Herren im Kaschmirpullover, die sich von der Hochkultur in der Maximilianstraße in die Abgründe der Kleinkunst Alt-Schwabings hinab begaben, weil man ja die abseitige Kultur auch mal unterstützen muss. Ich musste jedenfalls häufig sehr laut lachen, was diese Herren, die direkt vor uns saßen, erzürnte. Stefan war dann so freundlich, ihnen seine Meinung zu sagen. Auf Berlinerisch, vermute ich. Danach war Ruhe.

In einigen Beschreibungen erkannte ich meine Jugend wieder. Fil, laut Buch sechs Jahre älter als ich, las über Punks, Öko-Mädchen, misslungene Bocksprünge, Samenergüsse und anderes. Das alles war mir nicht fremd. Dass ich Punks und Öko-Mädchen (Henna! Docs!) trotz der in dem Alter sehr groß erscheinenden sechs Jahre so erlebte, erkläre ich mir damit, dass viele Wellen München erst spät erreichten und immer noch erreichen.

Wenn Sie klare und humorvolle Sprache, die sich mit Selbstironie vereint, mögen und Beton nicht vollkommen abgeneigt sind, sollten sie es nicht versäumen, wenn Fil in Ihrer Stadt aus seinem Buch liest. Dazu erzählt er viel und singt natürlich.
Und Fil signiert seine Bücher auch mit „Für Mausi“. Der Mann hat wirklich Humor!

Und ich muss wieder nach Berlin. Dringend!

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Ein Gedanke zu “West-Berlin in Alt-Schwabing

  1. FiL hatte im Januar 2015 eine Vorstellung / Interview bei „Stilbruch“ (Kulturmagazin des rbb). Gibt es auch noch in der ARD Mediathek zu hören.

    Absoluter Geheimtipp!

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