#35 Dream

Mit den für Erwachsene wichtigen Ereignissen, sofern sie nicht das familiäre Leben beeinflussen, hat man als Kind nur sehr wenig, fast gar nichts zu tun, selbst wenn sie Thema beim Abendessen, wenn alle für einen überschaubaren Zeitraum zusammengekommen, sind. Im Zweifelsfall wird über etwas geredet, wovon man als Heranwachsender nur sehr wenig versteht, meistens gar nichts. Nachfragen, die sich zwischen Neugier und Unverständnis bewegen, können nur selten zufriedenstellend beantwortet werden.
Ob über die Ermordung John Lennons bei uns geredet wurde, weiß ich nicht. Erinnern kann ich mich nicht. Ich ging gerade in die Schule und hörte eher „Die Schulweg-Hitparade“ von Rolf Zukowski, die mir irgendjemand zur Einschulung schenkte (warum eigentlich?) als die Beatles. Außerdem lag die Ehe meiner Eltern in den letzten Zügen, wie sich knapp ein halbes Jahr später herausstellen sollte. Aber das wusste ich damals auch nicht.

Die Beatles traten erst spät in mein Leben. Ich war 13, 14 oder 15 Jahre, als ich ein paar Songs den Fab Four zuordnen konnte. Dann ging es sehr schnell, und Michi hatte mir innerhalb weniger Wochen die komplette Diskographie auf Musikkassetten überspielt, die ich immerhin schon auf einem Radio „it Doppelkassettendeck anhörte. Von da an war ich Fan und bin es heute noch. „Sgt. Pepper’s Lonely Heart’s Club Band“ zählt für mich rund 30 Jahre später immer noch zu einem der herausragenden Alben der jüngeren Musikgeschichte.
ich las alles über sie, was mir in die Finger kam, und hielt mich – aĺtersgemäß – für einen Experten, der in jeder Quiz-Show hätte mit seinem Wissen prahlen können. Leider gab es damals fast keine, denn „Der große Preis“ verlangte mir zu viel Allgemeinwissen ab, und „Alles oder Nichts“ gab es nicht mehr. Im Nachhinein war das kein Unglück.

Wie beschränkt mein Wissen war, erfuhr ich wiederum erst später.
Als Julia Edenhofer noch auf Bayern 3 moderierte, hatte sie am Nachmittag vor dem Heiligen Abend eine Sendung, in der sie die erfolgreichsten Weihnachtslieder abspielte. Allesamt Oldies, weil die ihr Steckenpferd waren. Sie begann jedes Mal mit „Happy Xmas (War Is Over)“. Spät begriff ich, dass dieser Song von John Lennon (und von Yoko Ono, aber darauf komme ich später noch zu sprechen) war, der wiederum – aber das wissen Sie schon sehr lange und ich noch nicht ganz so lange.

Es muss wahrscheinlich zu John Lennons 50. Geburtstag gewesen sein, als ein opulenter Dokumentarfilm in die Kinos kam. Das Elternhaus meinte, dass ich mir den Streifen anschauen solle, wenn ich mich für die Beatles interessiere.
Der ausführliche Abriss enthielt sehr viel Lennon und – in der getrübten Erinnerung – noch mehr Yoko Ono, die sein Erbe bis heute sehr geschickt verwaltet. Weitere Songs, die ich immer wieder mal hörte, aber nicht zuordnen konnte, waren also auch von von ihm. Eine erschöpfende Bandbreite, die ich erstaunt, jedoch nicht weiter kritisch zur Kenntnis nahm. Eine nicht autorisierte Biographie las ich auch noch und fühlte mich wieder mal allwissend.

Daraus wuchs eine Zuneigung, die ich nicht als Vergötterung bezeichnen möchte. (Ich konnte mich noch hemmungslos in Frauen verlieben, ohne an John zu denken.) Aber als mir ein Musiker in der Fußgängerzone „You look like John Lennon“ zurief, war ich ziemlich stolz. Das Singen ließ ich jedoch sein.
Ich fand ziemlich viel toll, was er so machte. Musik, Friedensbewegung, Rauchen und so. Und lange Haare hatte er auch.

Es war meine zwei Jahre ältere zweite Ausbilderin, die in einem launigen Gespräch, als wir die Kinder bekochten, anmerkte, dass Lennon einen Mutterkomplex gehabt habe. Sie habe sich im Rahmen eines Referats näher mit ihm beschäftigt und sei dabei zu diesem Schluss gekommen. Ich widersprach ihr nicht und tue es bis heute nicht, weil es doch einige Anzeichen gibt, die nur womöglich nicht den küchenpsychologischen Bereich verlassen.
Hört man sich „Mother“ an und berücksichtigt die traumatische Erfahrung, die er als Jugendlicher machen musste, bedarf es nicht viel Phantasie. Dass er sich während seiner ersten Ehe der älteren Yoko Ono zuwandte, unterstützt diese These, auf der ich nicht weiter weiter herumreiten will.
Yoko Ono wird bis heute sehr viel Schlechtes nachgesagt. Als Künstlerin halte ich ich sie bis heute für überschätzt, trat sie während der Ehe und nach seinem Tod als solche nicht sonderlich in Erscheinung. Man teilt Idole auch nicht gerne mit Anderen. Aber dass sie die treibende Kraft für das Ende der Beatles – also das Böse! – gewesen sein soll, erscheint mir übertrieben. Es sind vier junge Männer älter geworden und haben sich weiter entwickelt. (Und es gab ja auch noch Linda Eastman.) Sie hat ihm wohl gut getan, was das Beste ist, was man einem Menschen neben Gesundheit wünschen kann.
Und es war vielleicht sogar sehr gut, dass sich John, Paul, George und Ringo nach „Let It Be“ getrennt haben. Andere Bands haben sich nach wesentlich schlechteren Alben getrennt.

John Lennons Werk danach betrachte ich nach der anfänglich beschriebenen Euphorie, die man wohl nur als Teenie und Twen haben kann, sehr zwiespältig.
Am besten gefällt mir sein Album „Rock ’n‘ Roll“, auf dem er hauptsächlich Gecovertes zum Besten gibt. Dort kommt das Rebellische, dem er so gut eine eindrucksvolle Stimme geben konnte, am besten zur Geltung. Dass keine Zeile von ihm stammt – geschenkt! Seine mit Yoko vorgetragene Gesellschaftskritik hatte zu viel von sozialpädagogisch korrekter Lagerfeuerromantik. Sie traf den Nerv der Zeit, die heute nicht nur Rainald Grebe belustigt. Die Wirkung dieses von Beiden besungenen 1. Mai ist auch nach Nelkenzigarettenkonsum sehr überschaubar. Dass „Imagine“ in den vergangenen Monaten rund um flüchtende Menschen und religiöse Debatten wieder auferstehen durfte, ist wahrscheinlich mehr Ausdruck der Verzweiflung denn Hoffnung auf Besserung in altem Kleid.
Sein letztes Album „Double Fantasy“ ist eine einzige Enttäuschung. Die verklärte Hymne an die (seine) Frau ist noch der Höhepunkt eines Singsangs, der offenbar am heimischen Küchentisch entstand, an dem John dem Zweitgeborenen zeigen wollte, dass er wirklich Musiker war. Wenn Väter ihren Kindern etwas beweisen wollen, wird’s schnell peinlich. Sei es auf dem Fußballplatz, auf dem Pausenhof oder im Studio. So wird aus einem Album schnell ein musikalischer Kreuzbandriss.

Dass John Lennon das Comeback nach fünf Jahren nicht mehr erleben durfte, weil ein Wahnsinniger erfolgreich nach seinem Leben trachtete, machte aus einem – musikalisch – sehr weltlich gewordenen Musiker einen Mythos.
Die Frage, was er danach veröffentlicht hätte, bleibt offen. Das ist auch ganz gut so.
Denn die Jahre später in drei Teilen herausgegebene Anthologie der Beatles ist interessant wie ernüchternd. Eigentlich ist sie eine Unverschämtheit. Dass Lennons Gesang in Fragmente eingefügt wurde, ist annehmbar. Dass dieses Werk von Jeff Lynne produziert wurde und somit auch wie das Electric Light Orchestra, das es zu Zeiten der Beatles noch nicht gab, klingt, ist ein unverzeihlicher Umstand! Unabhängig davon lag eine Menge Ausschuss im Archiv, den die Fab Four nicht zu Unrecht rund 20 Jahre unter Verschluss hielten.
Vielleicht hätte John Lennon sich mit anderen Musikern zusammen getan wie mit Elton John oder David Bowie und sich dadurch befruchten lassen.
Wir werden es nicht erfahren.

Aber als Fan ist man irrational. Lebte John Lennon noch, und würde er noch weiter Musik machen – ich würde seine Alben kaufen. Weil es John Lennon ist.
Einmal Fan, immer Fan!

Und wenn ich „Happy Xmas (War Is Over)“ höre, entzünde ich natürlich immer noch innerlich Frieden stiftende Duftkerzen. So viel Verehrung und Naivität müssen sein!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s