NSU-Crashkurs in 90 Minuten

Auch Deutsche unter den Opfern von Tuğsal Moğul im Theater Münster

Sich dem komplexen Thema NSU im Theater anzunähern, ohne ausschließlich dokumentarisch zu werden, ist wohl möglich, aber für ein Ensemble, das ein Stück darüber mit dem Autor entwickelt, etwas vergnüglicher, wenn es spielerische Elemente enthält. Das ließen alle Beteiligten im anschließenden Publikumsgespräch zumindest anklingen. Es ist aus meiner Zuschauerperspektive nachvollziehbar, weil das Material zu umfangreich ist und zu viele Personen und Institutionen involviert sind, um darob nicht wahnsinnig zu werden.Dass der Prozess vor dem Oberlandesgericht München 2017 ins fünfte Jahr geht, ist nur ein Beleg dafür.
Nicht umsonst wird Auch Deutsche unter den Opfern als Rechercheprojekt angekündigt.

Der Beginn (siehe Video) ist anstrengend wie wohltuend, weil Lilly Gropper, Dennis Laubenthal und Christoph Rinke den Opfern den Platz geben, der ihnen in der breiten Berichterstattung zu wenig eingeräumt wird, weil sie sich meistens auf Beate Zschäpe konzentriert, was nur bedingt nachvollziehbar ist. Sie bekommt natürlich auch ihre Auftritte – so findet unter anderem ihr gestern unterbrochenes Schweigen Eingang.
Mit Bravour gelingt es den DarstellerInnen, in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen. Ihre große Stärke ist es, so gut wie alle Perspektiven – Opfer, Täter, Zeugen und Ermittler – zu beleuchten. Die Darstellung, wie Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme, der in der Berichterstattung nur noch als Andreas T. firmiert, den Mord an Halit Yozgat in Kassel nicht gesehen haben will, ist grotesk. Sie lassen einen ignoranten Temme mehrmals über den Erschossenen steigen wie jemanden, der einen Haufen Dreck nicht wahrnehmen will. Hier spielen sie den Irrsinn weg, weil er anders nicht zu ertragen ist. Fiktive Elemente wie der Zschäpe beaufsichtigende Justizbeamte mit ausländischen Wurzeln (Anleihe bei Tania Kambouri) werden eingebaut, ohne dass sie wie Fremdkörper wirken.
Nebenbei verändern sie mit einem einfachen Mittel wie Kreidezeichnungen das Bühnenbild. Sitzt das Publikum am Anfang an den Tatorten, in der Mitte am Esstisch der nationalsozialistischen WG, befindet es sich am Schluss im Zuschauerraum des OLG München.
Die Vorstellung, dass sieben Sonderkommissionen nebeneinander ermittelten und diese die Täter nahezu ausschließlich unter Türken vermuteten, während Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unbehelligt auf kindliche Weise das Dritte Reich („Pogromly“ als Monopoly) nachspielten, erscheint mit dem heutigen Wissen absurd. Den Gedanken, dass viele ermittelnde Behörden auf dem rechten Auge blind sind, als reine Verschwörungstheorie abzutun, fällt schwer. Man geht inzwischen von 270 rechtsradikal motivierten Morden seit 1990 aus. Die Dunkelziffer dürfte, wie so häufig, weitaus höher sein. Wie Christoph Rinke verzweifelt aus einem Aktenordner die Namen der Getöteten verliest, ist beeindruckend.
Den Pink Panther kann man sich auch nicht mehr anschauen, ohne ihn mit dem NSU in Verbindung zu bringen. Das hinderte die deutschen Paarläufer bei den Olympischen Spielen 2014 nicht daran, eben dieses Motiv zu verwenden. Das wird zu Beginn und am Ende in einer Videoinstallation aufgegriffen.
All das verarbeiten Gropper, Laubenthal, Rinke und Moğul in diesem Parforceritt durch inzwischen 15 Jahre aktueller Zeitgeschichte. Alles lässt sich nicht unterbringen, was in anderthalb Stunden gar nicht möglich ist; die Aspekte, denen sie sich widmen, genügen jedoch.

Wer über den NSU wenig weiß, bekommt in den 90 Minuten einen hervorragenden Abriss dessen, was von 2001 an über die Aufdeckung vor fünf Jahren bis heute passiert ist – und noch passieren könnte. Die Protagonisten wagen einen Ausblick ins Jahr 2021, der wenig optimistisch ist.
Wer sich viel angelesen und angesehen hat, wird sich nicht langweilen, sondern sich an kleinen Details „erfreuen“, die zeigen, wie genau recherchiert wurde. Sehr viel länger dürfte das Rechercheprojekt nicht dauern,. Das liegt einerseits an der Stoffdichte, andererseits auch am U2 des Theater Münster, das sehr schnell stickig wurde. Das wiederum war ausverkauft; es waren erfreulicherweise viele junge Leute im Publikum.
Das Stück ersetzt locker einige Geschichtsstunden und ist deshalb für Schulklassen ab der Mittelstufe besonders geeignet. Das Ensemble um Tuğsal Moğul hat noch Kapazitäten frei.

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