Andreas Nagel.

Andreas Nagel. Photo: Aktion Münchner Fahrgäste)

Andreas Nagel. (Photo: Aktion Münchner Fahrgäste)

Es war Anfang der 90er Jahre, als Andreas Nagel und ich uns erstmals begegneten. Es war die Zeit, als sich die diversen Trambahnvereine in der Stadt heftig in der Öffentlichkeit bekämpften und kein gutes Haar aneinander ließen ließen. Über die Zeitung beschimpfte man sich, in der Straßenbahn ignorierte man sich. Eigentlich war das nur einer Person, die sich später Oldtimern mit Stern zuwandte und heute in der Szene glücklicherweise keine Rolle mehr spielt, geschuldet.
In der Zeit trat Andreas Nagel mit seiner Aktion Münchner Fahrgäste auf den Plan. Es stand wieder einmal die Stilllegung einer Trambahnlinie auf der Tagesordnung, die es zu verhindern galt. Da den Entscheidenden mit reiner Polemik, Unterschriftenaktionen und Infoständen nicht beizukommen war, wurde tatsächlich ein Konzept zum Erhalt der Linie 26, die damals isoliert vom restlichen Netz zwischen Lorettoplatz, Harras, Westend und Gondrellplatz verkehrte und wirklich kaum Fahrgäste hatte, erstellt. Eine Anbindung der Waldfriedhofstrecke über die Wiesn und Hauptbahnhof nach Moosach sollte zumindest Teile der Linie retten. Womöglich trügt mich meine Erinnerung, aber das Konzept weckte Interesse. Verhindert werden konnte die Einstellung jedoch nicht; das Dogma „Parallelverkehr“ wurde eisern gepflegt. Seit Mai 1993 ist der Harras trambahnfrei, die komplette Umgestaltung erfolgte erst über 20 Jahr später. (Die Strecke zum Gondrellplatz wurde mit der Linie 18 über ein paar Meter Neubaustrecke aber wieder an das Innenstadtnetz angebunden.)
Stünde man heute vor der Entscheidung, würde man die Strecke nicht mehr einstellen, weil die Fahrgastzahlen in den letzten 20 Jahren massiv anstiegen.

Seit dem liefen Andreas Nagel und ich uns öfter über den Weg.
Der Kontakt vertiefte sich. So hatte ich die Ehre, der erste Nikolaus in der 1994 von Andreas initiierten Christkindl-Tram zu sein, die von den damaligen Verkehrsbetrieben als reine reine Folklore angesehen und deshalb nicht unterstützt wurde. Bernd Helbig, 1. Vorsitzender der Freunde des Münchner Trambahnmuseums und optisch für diese Rolle prädestiniert, wohnte zufällig meiner Einkleidung im 2er-Bahnhof bei. Er wollte mir ein Kissen unters Kostüm schieben, um mir, der ich gerade mal Anfang 20 war und ungefähr 20 Kilo weniger auf der Waage hatte, zu mehr Format zu verhelfen. Es half nix: Ich war ein lausiger Nikolaus, aber die Lebkuchen vom Kreutzkamm („Pause“ war in der Theatinerstraße) waren schon ziemlich gut.
Drei Monate zuvor steckte Andreas mich in Schlafanzug und Schlafmütze – der Nachtverkehr wurde festlich eingeführt. In dem Outfit durfte ich der BR-Rundschau ein Interview geben. Ich habe keine Ahnung, ob das je gesendet wurde.

Danach verloren wir uns aus den Augen, weil ich mich aufs Altenteil als Fan zurückzog. Wir sahen uns nur noch anlässlich der üblichen „Familienfeiern“ wie U-Bahn- oder später, was wir lange Jahre nicht einmal zu hoffen wagten, Trambahneröffnungen.
Ziemlich genau vor einem Jahr, ich zählte in irgendeiner U-Bahn Fahrgäste, stieg Andreas zu, und wir unterhielten uns über alte Zeiten. Während der HVZ. So viel Zeit musste sein.
Zuletzt begegneten wir uns bei der Verlängerung des 25ers nach Steinhausen.

Andreas Nagel war um keinen Kniff verlegen, um dem ÖPNV, speziell der Trambahn, in der breiten Bevölkerung zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Entgegen des Klischees über Schwaben ging er Unkosten nicht aus dem Weg. Er muss auch gute Beziehungen gehabt haben, denn sonst hätte er nicht den Infokiosk mit Verkaufsstand für Fandevotionalien aller Art im Sperrengeschoss des Bahnhofs Stachus betreiben dürfen.

Es war nicht immer einfach mit ihm; aber das wollte er auch nicht. 
Er wird fehlen.

„Gehet hin fahret Tram in Frieden!“
Das waren die Schlussworte des Pfarrers bei der Trauerfeier für Andreas Nagel..
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Nachrufe:
Aktion Münchner Fahrgäste
Abendzeitung
Münchner Merkur
Süddeutsche Zeitung

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