Grauschlag

Die neue BR-Serie Hindafing

Die tristen Orte, die von der Industrialisierung nach dem 2. Weltkrieg vergessen wurden, gibt es in Bayern wirklich. Sie befinden sich nicht südlich Münchens, wo bekanntlich sogar im November durchgehend die Sonne scheint, sondern nordöstlich, wo man sich als Bundes- und Landespolitiker allenfalls während des Wahlkampfs freiwillig aufhält. Hindafing im Niemandsland nahe der tschechischen Grenze anzusiedeln, wo es außer Chrystal Meth wenig gibt, ist deshalb ein gutes Setting für eine bayerische Geschichte der anderen Art.

Die Tristesse ist so grau, dass nur noch ein graues Bio-Shoppingcenter „Donau Village“ mit angeschlossener Autobahnausfahrt den Ort retten kann, nachdem der Windpark in einem finanziellen Fiasko endete. Das wissen der Bürgermeister Alfons Zischl und der Landwirt Sepp Goldhammer zu gut und machen deshalb gemeinsame Sache. Der Bürgermeister bekommt einen lukrativen Beratervertrag und einen Showroom für seine wenig erfolgreich malende Ehefrau. Allerdings hat der Landrat Pfaffinger auch noch ein Wörtchen mitzureden und vor allem die Vollmacht über das Konto des gerade verstorbenen Zischl sr. in Panama, und so müssen flugs Flüchtlinge in dem Rohbau untergebracht werden. Das ist unmittelbar vor der Bürgermeisterwahl sehr ungünstig, und der überschuldete Zischl regiert, korrumpiert und schnupft sich um Kopf und Kragen.

Nach gemächlichem Tempo gewinnt die Serie in der 2. Folge an Fahrt, und es gibt niemandem mehr, mit dem Zischl kein Problem hat. Niklas Hoffmann, Boris Kunz und Ralf Parente, die Hindafing nach einer Ausschreibung des BR entwickelten, lassen nichts aus und bohren ganz tief im bayerischen Provinzboden. Die Beziehungsgeflechte werden immer komplexer, was eine Stärke ist. Alle versuchen, ihre Interessen mit allen Mitteln zu vertreten. Oder sie wischen ihrem Widersacher eins aus, wie z.B. der Gegenkandidat, der es sich nicht nehmen lässt, den 80. Geburtstag von Zischls Mutter im Pflegeheim öffentlichkeitswirksam zu zelebrieren. Die Macher haben einen sehr guten Nährboden für ihren Stoff aufgetan und weben aktuelle politische Themen wie Energiewende, Flüchtlinge, Wirtschaftsförderung und Korruption in das zur Spezlwirtschaft verkommene Dorfleben ein.

Dabei überragt Maximilian Brückner als Alfons Zischl alle. Es macht sehr viel Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er sich schnell in einen Rausch spielt. Leider geht das zulasten der anderen Figuren, die bis auf wenige Ausnahmen wenig Konturen entwickeln. Der von Andreas Giebel dargestellte Goldhammer bleibt sehr stereotyp. Einzig Pertra Berndt als mit Bäuerinnenschläue ausgestattete Goldhammer-Gattin, Roland Schreglmann als dessen einfältiger und leicht zu provozierender Sohn und Kathrin von Steinburg als begehrte wie fallen gelassene Dorfpomeranze spielen sich sich aus dem Randfigurendasein. Dagegen bleibt der türkisch-stämmige, alleinerziehende Polizist Erol Yildirim (Ercan Karacyli), dessen Moral ihm ein ums andere Mal ein Bein stellt, blass. Das ist fast schon ärgerlich, weil er jede Menge Material für eine spannende Persönlichkeit bietet. Der im weiteren Verlauf wichtiger werdende Karli Spitz (Heinz-Josef Braun) beschränkt sich zu sehr auf seine Empörung.
Den Dialogen fehlt häufig das richtige Timing, was die ruhigen Momente mitunter langatmig macht. Da hätten mehr Zuspitzung und mehr Dialekt gut getan.
Der Schluss beinhaltet jedoch eine feine Pointe, die Raum für eine Fortsetzung bietet, in der die Biographien genauer erzählt werden können.

Hindafing ist nicht der ganz große Wurf und kann Braunschlag, das einen ähnlichen Plot hat, nicht das Wasser reichen. Dafür verharrt die kleine Dorfsage zu sehr im Grau. Die Serie hat aber das Potential, in einer Fortsetzung mit dem nötigen Feinschliff wirklich sehr gut zu werden. Ein größeres Publikum hat Hindafing allemal verdient, weil es zeigt, dass es in Bayern nicht nur arbeitsscheue Provinz-Cops und oder sich über 17(!) Staffeln mit dem Bürgermeister streitende Nonnen unter weiß-blauem Himmel gibt. Der BR war so mutig, eine für deutsche Verhältnisse neue Erzählform auszuprobieren, wofür ihm schon Dank gebührt, und räumt einen Sendeplatz, auf dem ansonsten Wiederholungen ausgestrahlt werden, in der Prime Time frei.

Hindafing, Doppelfolgen dienstags um 20.15 Uhr im BR-Fernsehen und bis 5.6.2017 in der Mediathek

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