Dieter Janecek, mit der AfD (rollen)spielt man nicht!

Hallo Dieter.

Heute habe ich erfahren, dass Du für das Fernsehen einen Tag lang mit einem AfD-Bundestagskandidaten die Rollen getauscht hast. Jeder macht 24 Stunden lang Wahlkampf für den anderen. Als Motiv für dieses „Experiment“ gibst Du im Trailer für die Sendung, deren Sender und Ausstrahlungstermin ich hier nicht verbreiten werde, an, dass „man die Menschen, die AfD wählen ernst nehmen“ müsse. Dagegen ist nur schwer zu argumentieren, so schwammig dieser Satz auch ist.
Das ist allerdings kein Grund, auf scheinbar originelle Weise dieser Partei Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Nicht erst seit gestern Abend wissen wir, dass die AfD-FunktionärInnen die von ihnen als Lügenpresse bzw. Pinocchiopresse beschimpften Medien für ihre eigenen Zwecke erfolgreich instrumentalisieren und sie im Vorfeld für die maximale Aufmerksamkeit, die sie dann auch bekommen, inszenieren. Inzwischen unzählige Talkshowauftritte und ausführliche Berichte in den seriösen überregionalen Zeitungen belegen das. Deshalb ist es nicht nachvollziehbar, dass Du als erfahrener Profi – Deinen vier Jahren als Bundestagsabgeordneter gingen fünf Jahre als hauptamtlicher bayerischer Landesvorsitzender und weitere fünf Jahre als Angestellter im Landesverband voraus – dieser demokratiefeindlichen Partei in einem Fernsehformat zur Bundestagswahl ein Forum bietest. Es ist nicht nur nicht nachvollziehbar – es schmeckt auch sehr nach Profilierung in eigener Sache. (Dass der Kandidat der AfD in dem Trailer zur Sendung eine bessere Figur als Du abgibt, ist eine arg bittere Pointe.)
Es ist mir bewusst, dass mediale Präsenz im Wahlkampf zum Geschäft gehört, aber die ist Dir bis jetzt auch schon ganz gut gelungen. Auf die Titelseite der AZ und in die überregionale Presse schafft es nicht jeder Kandidat kleinerer Parteien.
Hier hast Du einfach eine Grenze überschritten und adelst mit Deinem Auftritt eine Partei, die nicht im Ansatz für grüne Werte und schon gar nicht für eine offene, pluralistische und demokratische Gesellschaft steht. An den Reaktionen anderer Münchner Grünen erkenne ich, dass ich mit meiner Ansicht nicht alleine bin. Solche Auftritte wiegen schwerer als SUV in der Innenstadt.
Wesentlich interessanter, aber natürlich nicht so medienwirksam polarisierend, wäre ein Rollentausch mit eineR FDP-KandidatIn gewesen, um die in manchen Punkten schwer unterscheidbaren Positionen (Bürgerrechte!) herauszuarbeiten. Selbst ein Tausch mit einer Person aus der CSU – gerade in Deinem Thema Mobilität! – wäre im Rahmen der Auseinandersetzung unter Demokraten vertretbar, ja sogar interessant gewesen.

Der Umgang mit der AfD ist schwierig. Reines Ignorieren funktioniert in unseren Zeiten nicht, das ist klar. Ich sehe uns da ein einem Lernprozess, für den wir am 24. September vermutlich teuer bezahlen werden – auch dank solch eines Rollenspiels. Wir wissen aber auch, dass die AfD bewusst mit falschen Zahlen operiert, um wenigstens die sogenannten kleinen Bürger für sich zu gewinnen. Den zahlreichen besser Betuchten, die vermutlich die Partei großzügig finanzieren, kriegt man eh nicht, weil die wissen, wie sie manipuliert bzw. wissentlich dazu beitragen. Diese in meinen Augen gravierenden Unterschiede bei AfD-Wählern werden mir zu wenig thematisiert.
Darüber hinaus ist es mir wichtiger zu wissen, wofür eine Partei, die ich wählen soll, steht. Das kommt bei so einer Sendung garantiert nicht heraus. Dass die AfD die schlechtesten Umfrageergebnisse hatte, als sie in den Medien quasi nicht stattfand, darf einem zu denken geben.

Ich fordere jetzt nicht Deinen Rücktritt. Ich brauche auch kein kritisches Statement des Bundes-, Landes- oder Stadtvorstands zu Deiner TV-Wahlkampfhilfe für die blauen Braunen. Ich habe Dich lediglich für schlauer gehalten und Dir zugetraut, dass Du weißt, wann es geboten ist, die Rampensau im Stall zu lassen.
Ich bin nur froh, dass Du nicht der grüne Direktkandidat in meinem Wahlbezirk bist. Spätestens heute hättest Du meine Erststimme verloren. Aber das kann Dir egal sein, weil Du einen sehr guten Listenplatz hast und, sollten die Grünen nicht unter die Fünf-Prozent-Hürde rutschen, mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder in den Bundestag einziehen wirst.
Aber unter grüner Auseinandersetzung mit Demokratiefeinden verstehe ich etwas anderes, als mit ihnen Rollen zu tauschen und deren Flyer zu verteilen.
Kurz: Mit der AfD (rollen)spielt man nicht!

Viele Grüße
Ben Neudek

Nachtrag, 07.09.2017 Dieter Janecek hat mir via Facebook geantwortet. Sie ist in den Kommentaren.

Zur Transparenz:
Ich habe mich 2013/2014 gerne für die Grünen im Wahlkampf engagiert und war 2014 Vorsitzender des Ortsverbands Au-Haidhausen.

(Bildausschnitt: Dieter Janecek/Facebook)

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