Tramvent: 10. Tür

Straßenbahnen haben weniger Türen als Adventskalender. Dennoch fahren sie weitaus länger, als der Inhalt der Kalender vorhält. Deshalb gibt es hier während der stillen Tage, in den Trambahnen noch voller als sonst sonst, eine kleine Huldigung an die zarteste Versuchung, seit es Nahverkehr gibt.
Aber für jede Tür gilt: bitte erst aussteigen lassen!

Värrprräächer!

In der Münchner Trambahn-Szene gab es eine sehr markante Figur. Herrmann Johann Pollitzer war Fan durch und durch. Im Fußball würde man ihn als Ultrà bezeichnen. Seine Liebe zur Trambahn ging so weit, dass er sogar Gemälde mit Münchner Straßenbahnen anfertigen ließ. Die geschmacklich unterschiedlich bewerteten Schinken sind übrigens heute und nächsten Sonntag im MVG-Museum zu bewundern. Für einen Film arrangierte er eine Schafherde, die eine Straßentrasse kreuzte.
Er erlebte den Niedergang der Tram in München hautnah mit. Jeder, und es gab derer viele, der seinen Beitrag dazu leistete, hat er „Värrprräächer“ (Verbrecher) gehießen.
Heute geht es um Einstellungen und Abschiede von Betrieben, Strecken und Fahrzeugen, also um die Resultate der „Värrprräächer“, die das verantworteten.

Noch relativ frisch ist die Einstellung der Straßenbahn in Toshkent (Usbekistan). Die Stadt in Zentralasien unterhielt bis zum Schluss ein Netz von rund 90(!) Kilometern, das zwischen April und Mai 2016 komplett platt gemacht und größtenteils wohl schon abgebaut wurde. Noch 2006 beschaffte man Fahrzeuge mit Niederfluranteil.
Das kriegen in der Geschwindigkeit auch nur Diktaturen hin.

In Almaty betrieb man zuletzt noch zwei Linien, zum größten Teil mit gebrauchten Tatra aus Chemnitz und Leipzig. 2005 stellte man die Straßenbahn ein.

Mit Eröffnung der U15 am 27.102007 wurde in Stuttgart die letzte Meterspurlinie eingestellt. Damit verschwanden auch die letzten der 350 GT4, die fast 40 Jahre das Straßenbild Stuttgarts prägten.

In der Fernsehreihe des SWF (später SWR) Eisenbahn-Romantik widmete man sich 1996 ausnahmsweise der Straßenbahn. Anlass war die Stilllegung der Strecke von Brandenburg nach Kirchmöser. Ein wirklich wunderschöne Strecke, die wegen einer maroden Brücke und einer Umgehungsstraße von der Bildfläche verschwinden musste, obwohl sie genügend Fahrgäste hatte, die den weiteren Betrieb gerechtfertigt hätte.

Ebenfalls 1996 wurden in Berlin die Rekowagen verabschiedet. Sie waren ein Neubau auf alten Fahrgestellen des Reichsbahnausbesserungswerks Schöneweide. Man versuchte damit, den Wagenpark zu „modernisieren“. Die Fahrzeuge wurden bis 1976 gebaut und galten als „die härtere Art, Straßenbahn zu fahren“ (so lautete ein Buch, dass sich diesen Fahrzeugen widmete).

Auf der Krim, in Molochne, betrieb man bis 2014 im Sommer eine kleine Straßenbahn, die eine Strandroute befuhr. Das Fahrgastaufkommen war am Schluss recht überschaubar.

Zu guter Letzt fahren wir nach Wien, wo es gerne morbid wird.
So auch am 2.9. dieses Jahres als die Linie 58 verabschiedet wurde. Eingestellt wurde dafür eigentlich nichts, nur die Linien 10 und 60 übernahmen Funktionen des 58ers, der gefühlt seit Sisi und Franz verkehrte.
Aber man muss die Beerdigungen feiern, wie sie fallen. Es lebe der Zentralfriedhof!

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