Tramvent: 11. Tür

Straßenbahnen haben weniger Türen als Adventskalender. Dennoch fahren sie weitaus länger, als der Inhalt der Kalender vorhält. Deshalb gibt es hier während der stillen Tage, in den Trambahnen noch voller als sonst sonst, eine kleine Huldigung an die zarteste Versuchung, seit es Nahverkehr gibt.
Aber für jede Tür gilt: bitte erst aussteigen lassen!

Arbeitswagen

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Nicht mehr im Einsatz ist der Fahrschulwagen der MVG 2924. (Bild: Daniel Schuhmann/Tramgeschichten)

Beginnen wir die Woche sehr unangenehm und typisch: mit Arbeit.
Eine spezielle Gattung unter den Straßenbahnen ist der Arbeitswagen. Das Gemeine ist: Im Gegensatz zum Menschen arbeitet er recht selten, und es bedarf Glück oder guter Kontakte, ihn in freier Wildbahn, also arbeitend zu erleben.
Dafür ist er der Pfau unter den Straßenbahnen, weil er wesentlich auffälliger als die Linienfahrzeuge gekleidet bzw. lackiert ist. Das Orange, das er in der Regel trägt, ist nicht besonders schön, aber eben anders.

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Aus einem Linienfahrzeug entstand 1982 Schienenschleifwagen 405 der Freiburger Verkehrs AG. Inzwischen pflegt er die Schienen in Halberstadt.

Zumeist ist der Arbeitswagen ein ehemaliges Linienfahrzeug, das nach seinen 20, 30 Jahren im täglichen Einsatz umgebaut wurde, um im Netz nur noch einen speziellen Zweck zu erfüllen. In der Regel ist das die Schienenpflege. Dafür wurden Unterbau und das Fahrzeuginnere aufwändig umgestaltet, um diesem Zweck gerecht zu werden. Regelmäßig, aber doch vergleichsweise selten verlebt der Arbeitswagen seine Altersteilzeit im Einsatz. Die überwiegende Zeit genießt er die Wärme fernab von Witterungseinflüssen im Depot.

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In der Regel nur noch im Museum kann man Schneepflüge auf Schienen bewundern. So auch 3942 im MVG-Museum; dahinter Salzbeiwagen.

Bis Ende des letzten Jahrhunderts war der Fuhrpark an Arbeitswagen noch umfangreicher.
Nahezu jeder Betrieb unterhielt spezielle Fahrschulwagen, die mit allen möglichen Vorrichtungen ausgestattet waren, um den angehenden FahrerInnen spezielle Situationen zu simulieren. Einen Luxus, den sich heute nur noch wenige Betriebe gönnen, weil erst ein regelmäßiger Einsatz den Umbau auf neueste Technik amortisiert.
Deshalb gibt es in unseren Breitengraden auch noch kaum spezielle Schneepflüge. Zu klein sind die Netze, und zu selten gibt es so viel Schnee, um für drei, vier Monate ein spezielles Fahrzeug zu unterhalten.

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Immer noch im Einsatz: Fahrdrahtkontrollwagen 2942 der MVG (Bild: Daniel Schuhmann/Tramgeschichten)

Es gab und gibt auch Arbeitswagen, die kein Vorleben als Linienfahrzeug hatten. Heutzutage sind das in der Regel Schienenpflegefahrzeuge.
Ein spezielles Fahrzeug unterhält heute noch die MVG mit dem Fahrdrahtkontrollwagen (alleine das Wort schon!) 2942, der 1961 auf dem Fahrgestell einer Tram aus dem Jahr 1926 neu gebaut wurde. Dank der zahlreichen Baustellen im Netz dreht er noch relativ regelmäßig seine Runden, um zu überprüfen, ob die neuen Fahrleitungen auch richtig aufgehängt wurden.

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Kann Trambahnen abschleppen und mit entsprechendem Vorbau auch Schnee räumen: das Zweiwegefahrzeug. (Bild: Daniel Schuhmann/Tramgeschichten)

Der klassische Arbeitswagen wurde vom Zweiwegefahrzeug abgelöst, das sowohl auf den Schienen als auch auf der Straße fahren kann. Zumeist nimmt er den kürzesten Weg auf der Straße, um eine liegen geblieben Straßenbahn in den Betriebshof zu ziehen. Der Zwitter, gerne ein Unimog, kann auch mit entsprechendem saisonalen Vorbau Schnee räumen – auf der Straße und auf Schienen.

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Mit offenem Verdeck pflegt 5572 in Prag die Schienen. (Bild: Sebastian Fiebrig)

Mann muss dann schon nach Prag schauen, wo Arbeitswagen noch weit verbreitet sind. Bei einer Streckenlänge von 142 Kilometern ist für einen Arbeitswagen Altersteilzeit nur ein Wort. Speziell ein Schienenpflegefahrzeug ist dort quasi täglich im Einsatz. Wenn es dann auch noch originell aussieht, gewinnt es schnell die Herzen der Bevölkerung. Nur so ist es zu erklären, dass Mazací tramvaj 5572 eine eigene Wikipedia-Seite und eine Facebook-Fanpage hat. Selbst die Frankfurter Rundschau hat diesem Unikum einen Artikel gewidmet.

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Staubsauger auf Schienen: Schlucki. (Bild: u-bahn-muenchen.de)

Auch im Untergrund gibt es Arbeitswagen. Ein spezielles Fahrzeug bei der MVG ist der „Schlucki“ genannte Staubsauger auf Schienen. In unregelmäßigen Abständen befreit er das Netz von Unrat aller Art, speziell von Papier, das leicht entflammbar ist. Deshalb wird am späteren Abend gerne mal ein Teil des Netzes eingestellt, damit Schlucki die Gleise gründlich reinigen kann.

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