Tramvent: 19. Tür

Straßenbahnen haben weniger Türen als Adventskalender. Dennoch fahren sie weitaus länger, als der Inhalt der Kalender vorhält. Deshalb gibt es hier während der stillen Tage, in den Trambahnen noch voller als sonst sonst, eine kleine Huldigung an die zarteste Versuchung, seit es Nahverkehr gibt.
Aber für jede Tür gilt: bitte erst aussteigen lassen!

GT4

tramvent_19_GT4_S01

Stuttgarter Idylle

Kommen wir zu meinen Lieblingstrambahnen: dem GT4. Es gibt ihn in unterschiedlichen Ausführungen und technischen Unterschieden. Allen Kurzgelenktriebwagen ist gemein, dass sie einen sehr guten Klang haben, traktionsfähig sind und ziemlich gut beschleunigen können.

tramvent_19_GT4_S02

Straßenbahn, klassisch.

Die Stuttgarter Straßenbahnen hatten das Problem, mit den nach dem 2. Weltkrieg produzierten Fahrzeugen nichts anfangen zu können. Die Kurvenradien waren in der Stadt mit dem Kessel zu eng, und Steigungen mussten auch überwunden werden.
Nebenan in Esslingen stellte die örtliche Maschinenfabrik der Landeshauptstadt ein maßgeschneidertes Fahrzeug auf die Schiene. 350 Stück wurden von den schmalen Schönheiten hergestellt. Eingesetzt wurden sie von 1959 bis 2007 zumeist in Doppeltraktion. Ausgelegt waren sie für Dreifachtraktionen. Sie sollten die letzten Meterspurfahrzeuge für Stuttgart sein, was auch die lange Einsatzzeit erklärt, und die letzten Straßenbahnen der Maschinenfabrik Esslingen, die Mitte der 1960er Jahre ihre Werkstore für immer schloss.

tramvent_19_GT4_FR01

Freiburger GT4 im bis in die 180er Jahre weit vebreiteten Elfenbein-Lack

In Freiburg benötigte man Anfang der 1960er auch neue Fahrzeuge, um den technisch auf Vorkriegsniveau basierenden Wagenpark zu modernisieren. Da es nur an zwei Endstationen Wendeschleifen gab, und die Altstadt keine großzügigen Kurven zuließ, entschied man sich für die Esslinger Wagen in Zweirichtungsversion, von denen 19 in mehreren Tranchen (die letzten beiden von der Waggonfabrik Rastatt) beschafft wurden. Auf teurere Druckluftbremsen und Traktionsfähigkeit wurde verzichtet. 30 Jahre bildeten sie das Rückgrat der VAG, mussten aber trotz guter Pflege abgestellt werden, da sie schlicht und einfach zu klein geworden waren.
Sie fanden dankbare Abnehmer in damals wirklich neuen Bundesländern: Nordhausen, Brandenburg und Halberstadt, wo heute noch gelegentlich einer eingesetzt wird.

tramvent_19_GT4_FR02

Nun in Rot-Weiß

Da man mit den GT4 gute Erfahrungen gemacht hatte, entschied man sich 1985 gebrauchte Fahrzeuge aus Stuttgart zu erwerben. Man benötigte sehr kurzfristig Straßenbahnen, da die Fahrgastzahlen nach Einführung der preisgünstigen Umweltkarte sprunghaft angestiegen waren. Zunächst wurden acht GT4 gekauft, die nahezu unverändert auf der am stärksten frequentierten Linie 1 in Doppeltraktion eingesetzt wurden. Weder beim Personal noch bei den Fahrgästen waren sie beliebt, weshalb sie auch den verächtlichen Spitznamen „Spätzle-Express“ bekamen.
Nach fünf Jahren verkaufte man sie weiter nach Halle/Saale.

tramvent_19_GT4_FR03

Ex-Stuttgarter GT4 in Freiburg

Weitere GT4 wurden noch für Reutlingen und Neunkirchen beschafft, wo sie bis zur jeweiligen Einstellung des Betriebs 1974 bzw. 1978 eingesetzt wurden. Die Reutlinger gelangten später, zu Einrichtungswagen umgebaut, nach Ulm.

tramvent_19_GT4_A01

Ex-Stuttgarter GT4 in Augsburg

Die Stuttgarter GT4 sollten, nachdem immer mehr Linien auf die normalspurige Stadtbahn umgestellt worden waren, zu einem Verkaufsschlager werden.
Sie gelangten nicht nur nach Freiburg, sondern auch nach Ulm und Augsburg. Nach der Wende modernisierten sie die Betriebe in Halle/Saale, Nordhausen und Halberstadt. Später traten sie die weite Reise nach Rumänien an, wo sie in Arad und Iaşi bis heute eingesetzt werden. Einen GT4 verschlug es sogar nach Japan.

Andere Waggonbaufabriken bauten auch Kurzgelenktriebwagen, wenn auch mit anderen technischen Details.

Advertisements

2 Gedanken zu “Tramvent: 19. Tür

  1. Nachdem Heinz Kamke gestern aufklärte, dass diese Straßenbahnen in Stuttgart gar keine U-Bahnen sein wollen (die Benennung ist trotzdem lächerlich), bin ich mit ihnen leidlich versöhnt. Und keine Frage: Hübsch anzuschauen sind sie, wie sie sich so um die steilen, eng bebauten Kurven schieben.

    Trotzdem haben sie den Schnellbahn-typischen hohen Einstieg. Was, wo sie nicht mal einen eigenen Straßenraum hat, zu völlig absurd wirkenden Konstruktionen von Bahnsteigen direkt an befahrenen Straßen führt. Ist an sich natürlich nicht schlimm, fühlt sich aber seltsam an.

    Anders als auf Deinen Fotos. Gibt es in Stuttgart etwa beides?

  2. Den Mischbetrieb GT4/DT8 gibt es seit 10 Jahren nicht mehr; den Abschied von den GT4 habe ich hinter der 10. Tür versteckt.
    So städtebaulich fraglich Hochbahnsteige im Straßenbild sind, Stuttgart hat die Umstellung auf Stadtbahn sehr gut hinbekommen, und das Netz wird immer noch erweitert. Muss ma scho au sage.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s