Verschlossen

Ein fast zum Rant verkommender Beitrag für die Blogparade #SchlossGenuss

Wächst man in München auf, ist der Weg zu Schlösser und Burgen nicht weit. Im Land des Mythen behafteten Märchen-Kinis stehen genügend rum; es gibt kaum eine Bahnstrecke, an der man nicht an einem dieser Prachtbauten vorbeifährt. Dennoch mache ich einen großen Bogen um sie und photographiere sie höchstens aus der Ferne.

Natürlich werden einem die architektonischen Zeitzeugen der blühenden Vergangenheit unserer Vorfahren speziell zu Ausflügen während der Schulzeit gezeigt. Jedoch wurde uns das Wissen mit der pädagogischen Brechstange vermittelt.

Als wir im Schloß Nymphenburg waren, hielt es der Lehrkörper – ich weiß zu ihrem oder seinem Glück nicht einmal mehr, wer es war – notwendig, uns die Porzellansammlung in aller Ausführlichkeit zu zeigen. DIE PORZELLANSAMMLUNG! Die ist gewiss atemberaubend, einmalig und von hinreißender Schönheit – aber sie interessiert Zehnjährige so brennend wie Endmoränen. Natürlich waren wir sehr unruhig, was wiederum die Lehrkraft erboste, die hinterher irgendwas von „Wenn Ihr Euch nicht benehmen könnt, können wir solche Ausflüge nicht mehr machen“ faselte.
Ähnlich verhielt es sich in der Residenz. Was wurde uns detailliert vorgeführt? DIE MÜNZSAMMLUNG! Jungen Menschen ist es ziemlich egal, mit welchen Goldtalern, wovon die Plebs eh zu wenig hatte, Könige und Prinzregenten bezahlen ließen.

Es kommt erschwerend hinzu, dass diese wertvollen Stücke, ob Porzellan oder Münzen, aus nachvollziehbaren Gründen in Glasvitrinen liegen, was die Anschaulichkeit jedoch nicht erhöht. Das hat zur Folge, dass sie für BesucherInnen im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar sind. Im übertragenen Sinne gilt das leider für das gesamte Ensemble.
Es bleibt einem verschlossen.

Einige Jahre später – wir unternahmen in den Sommerferien als Quasi-Volljährige eine Radltour durch Bayern – machten wir in Landshut Station. Wir bekamen mit, dass dort die Burg Trausnitz steht. Wir schlossen uns einer Führung an.
Leider war auch die recht fad. Die Führerin wusste gewiss alles und kannte jedes Staubkorn, aber begeistern konnte sie uns nicht. Sie erinnerte uns vom Aussehen und Duktus an unsere Deutschlehrerin, die ein sehr angenehmer Mensch war, aber einen langweiligen Unterricht machte.
Ein paar Jahre später erlebte ich mit einer Kindergruppe wieder eine Führung dort, die eine anderen Person vornahm, aber ähnlich langweilig war und eine sehr unruhige Gruppe zur Folge hatte.

Spätestens danach war das Thema „Schlösser und Burgen“ für mich durch.
So durch, dass ich sogar um Neuschwanstein – DAS SCHLOSS! – einen großen Bogen machte, als wir vor rund zehn Jahren ein Mitarbeiterwochenende in Hohenschwangau verbrachten.

Die erste wirklich gute Führung erlebte ich vor ca. 20 Jahren in der Burg Stein an der Traun.
Im Rahmen einer 14-tägigen Ferienfreizeit im Chiemgau betreuten wir 40 zehn- bis 12-jährige Kinder und dachten uns, diese Burg könnte etwas für sie sein. Die Lage ist ja ein Traum – Immobilienmakler könnten sie besser nicht erfinden. Wir wurden nicht enttäuscht. Der ältere Herr, der uns durch die dunklen Gemächer führte, erzählte so anschaulich, als hätte er den Raubritter Hainz noch persönlich gekannt. Selbst die coolen 12-Jährigen gaben beeindruckt Ruhe.
Sowohl einige Kinder uns BetreuerInnen beschäftigte die Führung noch einige Tage. Besser geht‘s nicht.

Damit will ich auf den konstruktiven Teil des Textes überleiten.

Das Interesse für Kultur – dazu gehören auch Schlösser und Burgen – wird im Kindesalter geweckt. Kinder fragen einen sofort, was das für ein Gebäude ist, wenn es außergewöhnlich aussieht. Nicht umsonst sind Schlösser und Burgen zentrale Orte in Märchen. Ihnen wohnt ein Mythos bei, den man nur mit anschaulicher Patina anreichern muss, um sie zu begeistern. Natürlich ist es wichtig, dass FührerInnen ein breites Wissen über das, was sie zeigen, haben. Aber es ist unwichtig, das alles in eine einstündige oder längere Führung zu packen.
Kinder bringen Neugier und nicht selten etwas Wissen mit, an das man anknüpfen kann. Man muss sich nur darauf einlassen.

Betet nicht Geschichte herunter, sondern erzählt Geschichten!
Mythen, Geheimnisse, Gruseliges, Lustiges – jedes Schloss und jede Burg bietet Anekdoten, die kindgerecht aufbereitet zum Zuhören einladen.

Stellt zu Beginn der Führung Fragen!
So bekommt Ihr mit, was Kinder wissen und was sie schwerpunktmäßig interessiert.

Lasst Fragen zu und lasst Euch unterbrechen!
Ihr müsste nicht auf alles eine Antwort wissen. Aber sie wollen das Gefühl haben, dass man sie ernst nimmt.

Gebt ihnen Dinge zum Anfassen!
Natürlich ist alles unheimlich wertvoll. Das respektieren Kinder in der Regel auch. Es genügen schon gebackene Kekse nach dem Originalrezept von 1734. Aber wenn sie nur schauen und keinen Mucks geben dürfen, wird es ihnen schnell fad.

Kleidet Euch so, wie man sich damals angezogen hat!
FüherIn in historischen Gemäuern zu sein, bedeutet auch, eine Rolle zu spielen – und erhöht die natürliche Autorität.

Und Jugendlichen muss man im Zweifelsfall erzählen, wie viele (Jung-)Frauen der König, oder wer auch immer dort residiert haben mag, in seinem Schlafgemach flachgelegt hat, um sie bei der Stange zu halten, und nicht die Augen genervt verdrehen, wenn diese in ihren Augen nicht unwesentliche Frage im Raum steht. Die einst Herrschenden waren bekanntlich keine Engel, auch wenn die bereinigte Geschichte das gerne anders darstellen will. Dass das alle, speziell im Barock, rechte Dreckbären waren, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.
Oder man stellt dar – um bei den oben erwähnten Goldtalern zu bleiben – warum Könige und Prinzregenten so viele Goldtaler hatten, die Untertanen jedoch so wenig.

Das Gebäude mag glänzen, die Vergangenheit tat es ihm in der Regel nicht gleich.
Mögen die ausladenden Bauten nicht im Besitz der BesucherInnen sein, so gehören sie doch ihnen, will man nicht verblassten Ruhm als etwas Unvergängliches verkaufen.
Eigentlich lässt es sich vereinfacht mit einem Stichwort zusammenfassen: Partizipation. Es ist nicht Eure Führung, es ist ihre Führung.

Für mich ist die Kutsche abgefahren. Ein Schlösser- und Burgenfan werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das musste ich feststellen, als eine Bekannte mir vor zwei Jahren das Schloss in Münster, das am Rande der Altstadt auch ordentlich Platz und Parkplatz verbraucht, nahe bringen wollte. Ich interessierte mich zu ihrem Leidwesen eher für die Speisekarte in der Cafeteria als für die im Inneren dargebotene Schönheit. Und ich habe einmal zu viel Regionalfernsehen geschaut, als sich schwäbischer Landadel vor prächtiger Kulisse fürstlich bekochte. Royal Wedding in Klein mit Schäufele an Spätzle und Nochirgendwas. (Jetzt habe ich tatsächlich noch die Kurve zum kulinarischen Aufhänger von #SchlossGenuss gekratzt.)

Aber um mich geht es nicht.
Wenn die architektonisch gewiss meisterhaften Gebäude nicht nur ihren Platz auf Postkarten und in Fotoalben behalten sollen, müssen den jungen Menschen ihre Geschichte und Geschichten lebhaft dargestellt werden. Dann klappt‘s auch mit dem Schlossgenuss.
Ansonsten ist es nur die selbstverliebte Verwaltung von Prunk vergangen geglaubter Zeiten.

Nachtrag, 8.5.2018
Wie man es richtig macht, zeigt die Burg Posterstein im Altenburger Land. Dort wurde eine Ausstellung gemeinsam mit Kindern entwickelt. Ergebnis: Die Besucherzahlen stiegen

Links:
Blogparade #SchlossGenuss der Schlösser und Gärten Deutschland
#SchlossGenuss im HKMPodcast von Heinrich Rudolf Bruns
#SchlossGenuss auf Pinterest (von Tanja Praske)
#SchlossGenuss auf Twitter

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11 Gedanken zu “Verschlossen

  1. Auch wenn Schlösser für Dich kein Genuss mehr sind: In Deinem Post steckt so viel Wahres. Es ist wie immer im Leben. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Und es ist wie so oft: Unengagierte Erwachsene treiben Kindern aus, was die interessieren könnte. Zum Glück habe ich mittlerweile viele Führungen für Kinder erlebt, die diesen Fehler nicht machen. Die Museumspädagogik hat viel dazugelernt. Vielleicht gelingt es ihr sogar, in der Kindheit verschreckte Erwachsene wieder ins Schloss zu kriegen.

  2. Ganz herzlichen Dank für diesen kritischen und konstruktiven Beitrag! Es ist unendlich schade, wenn einem Kind die Begegnung mit Schlössern für alle Zeit verdorben wurde, denn gerade Kinder lieben ja das Geheimnisvolle und Märchenhafte. Diese Art von Führungen gibt es leider noch immer, ich habe selber erst letztes Jahr eine erlebt. Glücklicherweise werden sie aber immer seltener, da können wir Susanne nur zustimmen, es hat sich viel getan.

  3. Wunderbarer Post – bin ich froh, dass unser Twitter-Ping-Pong diesen klasse Beitrag hervorrief!!!
    Geschichten erzählen ist tatsächlich das Kerngeschäft von Kulturorten, mal besser mal nun ja … Zweite Kategorie erlebtest du, wenngleich es da auch einen Lichtblick gab. Ich stimme Susanne zu, dass sich einiges in der Kulturvermittlung verändert hat und ja, bestimmt gibt es noch Verbesserungsbedarf bei der ein oder anderen Führung. Übrigens geht Susanne im Beitrag #Nr. 6 zur Blogparade auf das Schloss im Münsterland ein, nachdem sie Orte in Mecklenburg-Vorpommern aufsuchte – auch sehr lesenswert. Ebenso wie die bislang sieben Blogartikel zu SchlossGenuss – spannend ist hier auch das Blog #ArtTwo. Eine Kunsthistorikerin erzählt Geschichten zum Schloss Favorite in Förch. Jetzt bin ich aber leicht abgedriftet 😉
    Das Fragestellen finde ich ganz wichtig, es regt zum Nachdenken an und kann eine Führung richtig beleben, so meine Erfahrung, auch als jemand, der Führungen durchführte. Mich faszinierte daran immer, worauf geachtet wird und das ist oft etwas ganz anderes, als ich es vorher vermutete. Mache ich jetzt SocialWalks für Museen, dann kitzle ich besondere Geschichten heraus, denn die sind zuhauf da. Im Herbst passiert dazu etwas in einem Münchner Museum. Welches verrate ich noch nicht, Spannung muss sein.
    Bei weniger ist mehr, bin ich ganz bei dir. Auch bei Geschichten erzählen, sie brennen sich ungleich schneller und nachhaltiger ein. Du hast uns deine Geschichte zu #SchlossGenuss erzählt und uns Kulturvermittlern einigen Denkstoff gegeben – danke dir herzlichst dafür!
    Sonnige Grüße, genießend im Garten

  4. Vielen Dank für die freundlichen Rückmeldungen!

    Ich hoffe doch sehr, dass sich in den letzten 20, 30 Jahren etwas getan hat.
    Als selbst seit Neuestem Führender stelle ich nach wenigen Gruppen fest, dass jede Führung anders ist. wenn ich nicht nach Schema F vorgehe. (Das muss sich bei mir noch einpendeln, gerade bei jemandem wie mir, der gerne redet.) Jede Gruppe bringt eigene Schwerpunkte und unterschiedliches Vorwissen mit. Meine Aufgabe ist, damit so umzugehen, dass die Gruppe mit dem Eindruck hinausgeht, die Führung sei auf persönlich auf sie zugeschnitten worden. Im besten Fall lerne ich auch noch etwas dazu.

    Tatsächlich hat mich der #HohenzollernWalk letztes Jahr interessiert, habe ihn aber zu spät mitbekommen, verfolgte ihn aber aufmerksam im Netz. Es ist bei mir also noch nicht alles verloren, was Schlösser und Burgen betrifft. Aber man muss mir schon was bieten…

  5. Eine Ausstellung, in denen die Preziosen eines Schlosses oder Schlossbesitzers in Vitrinen gezeigt werden, lockt schon lange niemanden mehr. Ebensowenig eine trockene Schlossführung, die nur die Daten herunterbetet, die das Schloss oder die Burg erwähnenswert machen. Da stimme ich zu. Es gibt so viele andere Möglichkeiten, das Leben auf einer Burg oder in einem Schloss lebendig werden zu lassen.

    Warum muss es denn immer eine Führung sein? Inzwischen gibt’s Angebote, bei denen man die Epoche eines Schlosses oder einer Burg hautnah erleben kann. Da kann man mittelalterlich kochen, jungen Besuchern die Möglichkeit bieten, sich einmal als Burgfräulein zu kleiden oder mit einem modernen Burgbesitzer sprechen, der keine Grenzen mag. Ritteressen machen auch Spaß. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man die Zeit der Schlösser und das Leben darin wirklich lebendig präsentieren kann. Einige Schlösser und Burgen tun dies bereits und ermöglichen ihren Besuchern somit ein Erlebnis, das in Erinnerung bleibt.

  6. Pingback: SchlossGenuss: Welches Schloss, Burg, Kloster & Garten fasziniert?

  7. Ich kann das alles unterschreiben. Aber irgendwie glaube ich, das gilt alles so oder so ähnlich für sämtliche Führungen. Nein, eigentlich für jedes Vermitteln von Wissen gegenüber Kindergruppen. Und Erwachsenen. Auch als Einzelpersonen.

  8. Pingback: Kaiserburg, Eppelein, Burgenwinkel und my Home is my Castle

  9. Pingback: Schloßgenuß - die Blogparade | Ich lebe! Jetzt!

  10. „Betet nicht Geschichte herunter, sondern erzählt Geschichten!“ – Vielen Dank für diesen Aufruf!
    Deine Geschichte zeigt wie unglaublich wichtig die Art der Vermittlung ist. Geschichte ist spannend, historische Gebäude ziehen Menschen in ihren Bann,aber man kann all die Begeisterung und die Neugier, die zunächst vorhanden sind so leicht zerstören, wenn man eben nur „herunterbetet“ und „verschliesst“.
    Ich finde es daher sehr wichtig es gerade den Vermittlern von Geschichte und Kultur immer wieder zu sagen, dass Geschichten erzählennicht verwerflich ist,sondern förderlich, speziell um einen Dialog mit den Nicht-Spezialisten zu erhalten und wirklich vermitteln zu können.

    Herzliche Grüße
    Anja

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