Doppelter Abschied

Es war wieder einer dieser Momente, wo man sich für seinen Verein schämte, als Karl-Heinz Rummenigge (Uli Hoeneß hatte seinerzeit anderweitige Verpflichtungen in Landsberg) vor drei Jahren sehr nüchtern verkündete, dass Bastian Schweinsteiger fortan bei Manchester United sein Glück suchen würde. Es sah ein wenig nach Vertreibung aus dem Paradies aus, die ihn wenigstens zu seinem einstigen Mentor Louis van Gaal führte. Die Mannschaft feierte weiter Erfolge, für Schweinsteiger entwickelte es sich in England nicht so schön, was auch daran lag, dass van Gaals Nachfolger José Mourinho nicht wusste, wie man einen Helden so abtrainiert, dass es keine Demütigung ist. Konsequenterweise vollzog er seinen persönlichen Brexit und fand in Kalifornien Illinois wenigstens seine Spielfreude zurück.

Drei Jahre später war all das vergessen. Die Zeit heilt doch ein paar Wunden. Ein Abschiedsspiel in einem würdigen Rahmen ist doch eine hervorragend und schnell wirkende Salbe.
Es ist dem FC Bayern hoch anzurechnen, dass er sich an einem wunderbaren Spätsommerabend bis auf die scheinbar inzwischen unvermeidbare Auftrags-Choreographie mit Schnickschnack, den man dem Publikum heute so bieten kann, weitgehend zurückhielt, sondern dem Fußballgott die Bühne überließ. Die Fans im tatsächlich ausverkauften Stadion wussten dies zu schätzen und zeigten sehr eindrucksvoll, dass es nicht viel – im Prinzip nur ein Fußballspiel – braucht, um ein paar Stunden auf der Fröttmaninger Heide zu einem schönen Erlebnis zu machen. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten verließ auch niemand ab der 75. Minute seinen Platz, um zuerst an der Autobahnauffahrt zu sein. Die Rache wäre bitter gewesen: Schweinsteiger ließ sich bis zur 83. Minute Zeit für sein Tor.
Die Stimmung war so gut, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Vielleicht war sie auch Ausdruck einer Sehnsucht nach Idolen, für die der Verein nicht nur ein Arbeitgeber ist. (Schweinsteiger hat nach dem verschossenen Elfer 2012 gelitten. Vorwürfe gab es von den Fans nie.) Haupttribüne und Gegengerade griffen die Gesänge und Aufforderungen aus der Südkurve auf und sorgten zusammen für ein akustisches Feuerwerk. Es war Konsens, dass der Fußballgott aus Kolbermoor für immer einer der ihren bleiben wird. Jede Bewegung von ihm wurde hymnisch gefeiert. Noch besser wurde die Stimmung, als Schweinsteiger in der 2. Halbzeit im roten Trikot auflief. Und als dann noch die verbliebenen Helden von 2013 dazukamen, wurde es ein Fest. Es fehlten als Zugabe nur noch Weggefährten wie Philipp Lahm, Holger Badstuber und Claudio Pizarro zum letzten gemeinsamen Tanz auf der saftgrünen Fläche. Aber so passte es auch sehr gut, und die Jungs hatten viel Spaß. Der Torhüter von Chicago Fire, Ricard Sánchez, indes weniger, wurde er doch für jeden gehaltenen Ball, der von Schweinsteiger geschossen wurde, ausgepfiffen.
Womöglich hat Robert Lewandowski eine kleine Lektion bekommen, als er erfahren durfte, dass man zwar öffentlich um Anspiele für Torschüsse betteln kann, sie sie sich aber auch verdienen muss. Die in der Regel nicht sonderlich kritischen Fans zeigten bei den Anfeuerungen für Schweinsteiger sehr deutlich, was man geleistet haben muss, um in einem für den Wettbewerb bedeutungslosen Spiel aus allen Lagen bedient zu werden. Oder er macht es wie Arjen Robben, der nach der Einwechslung humorlos schnell sein Tor schoss, damit die Konzentration fortan auf die wesentlichen Dinge gerichtet werden konnte. Bastian Schweinsteiger goutierte das, als er nach einem Anspiel Robbens auf die Knie ging. Als er endlich das ersehnte Tor geschossen hatte, war der Höhepunkt erreicht. Nicht zu früh, um die restlichen Minuten ausgelassen ausklingen zu lassen. Nach dem Abpfiff wurde sogar dem Schiedsrichter Schlager eine Umarmung Schweinsteigers zuteil.

Große Worte fand Schweinsteiger nach dem Spiel nicht mehr. Nach 90 Minuten war er ziemlich ausgepumpt und zeigte damit, dass das Abtrainieren in Chicago sehr gut klappt. Ein Freund großer Worte war er nie; doch selbst mit kurzer Atmung und nass geschwitzt im Trikot wirkt der einstige Lausbub aus dem Whirlpool wie ein Staatsmann. Und das liegt nicht nur an den immer grauer werdenden Haaren! Die passende First Lady hat er mit Ana Ivanovic auch an seiner Seite (was für ein schönes Paar!). Davon kann Markus Söder, der ihm tags zuvor geschwind noch den Bayerischen Verdienstorden verlieh, nur träumen. Stattdessen absolvierte er in angemessenem Tempo noch eine ausführliche Ehrenrunde. Die große Fahne der Schickeria behandelte er sehr würdevoll.
Betrat er vor dem Spiel das Stadion als geliebter Held, verließ er es nach dem Spiel als Heiligtum. Seine Gattin wirkte beeindruckt und stolz.

Wenn die jetzige Führung nicht nur auf ihre Verdienste schaut, wird sie versuchen, Bastian Schweinsteiger an den Verein zu binden. Auf mich macht er nicht den Eindruck, nach seinem Ende als Aktiver auf einen Posten beim FC Bayern angewiesen zu sein. Dennoch sind Rummenigge und Hoeneß gut beraten, es nicht so zu versauen wie vor anderthalb Jahren bei Philipp Lahm, der jetzt bei den „Amateuren“ des DFB Karriere macht.

Für mich war dieser Abend auch ein würdiger Abschluss nach 34 Jahren als Fan. Es war das vorerst letzte Mal, dass ich im Stadion war. Zu viele Dinge sind in den letzten Jahren passiert, als dass ich den Verein weiterhin bedingungslos unterstützen kann.
Ich kann mich nicht mit einem Präsidenten anfreunden, der nach seiner verbüßten Haftstrafe den Eindruck erweckt, sein wieder erlangtes Amt für seinen persönlichen Rachefeldzug zu instrumentalisieren. Ich möchte nicht von einem Mann vertreten werden, der Polemik auf AfD-Niveau mit einer sportlichen Bilanz gleichsetzt. (Die Reaktion von Thomas Müller und Manuel Neuer auf Özils Kritik fand ich mindestens irritierend.) Diese verbale Brandstiftung steht diametral zu der Weltoffenheit, für die der einstige Präsident Kurt Landauer stand. Ich möchte auch keine Doppelmoral, die einerseits den „FC Katar“ geißelt, aber keine Probleme damit hat, von Katar Geld zu nehmen und die antisemitische Diktatur auf diese Weise zu legitimieren. Es verstört mich zutiefst, dass ein Großteil der Fans und Mitglieder damit kein Problem hat und „ihren“ Präsidenten für alles feiert. Ich sehe nicht, wo ich meinen Anteil leisten kann, um den gegenzusteuern, wenn schon die wenigen kritische Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung ausgepfiffen und eingeschüchtert werden. Es gibt gesellschaftspolitisch andere Felder, die mein Engagement sinnvoller erscheinen lassen, um den immer offener auftretenden blanken Hass gegenüber Schwächeren in der Gesellschaft entgegenzutreten. Beim FC Bayern sehe ich dieses Feld nicht.
Auf die Amateure oder Jugendmannschaften auszuweichen, ist für mich inzwischen auch keine Alternative mehr. Ich kann nicht guten Gewissens 16-Jährigen zujubeln, die mitunter wesentlich mehr verdienen als eine Altenpflegerin. Die Blase Nachwuchsleistungszentrum sehe ich inzwischen sehr kritisch, unterwirft sie bereits 13-Jährige einem gnadenlosen Leistungsprinzip, das nur hopp oder top kennt. Da schaue ich mir lieber Rumpelfußball in Neuperlach an, wenn ich Zeit und Lust habe. Dort kann ich wenigstens noch ein Augustiner aus der Flasche trinken und muss mir im Vorfeld keinen Gedanken machen, was ich mitnehmen darf.
Ich habe auch keine Lust, wie anderthalb Stunden nach dem Abpfiff im U-Bahn-Stüberl erlebt, auf Raufereien unter Fans. Worum es ging, weiß ich nicht; es ist mir auch egal. Dass einige selbst nach so einem Spiel handfesten Konfrontationen nicht ausweichen können, ist für mich unverständlich.
Ich schließe nicht aus, wieder ins Stadion zu gehen. Wenn Franck Ribéry ein Abschiedsspiel bekommt, gehe ich wohl hin. Konsequenz sieht gewiss anders aus, aber Widersprüche und Irratio stecken im Menschen wie Darm und Nieren. Bei mir sowieso.

Dazu gehört für mich auch, eine Heldenverehrung wie die Verabschiedung von Schweinsteiger emotional zu verfolgen. Ein würdiger Abschluss nach vielen intensiven Jahren mit sehr vielen Höhepunkten, einigen Tiefen und vielen Tränen.
Vielen Dank – und: Servus Basti!

Napto über Bastian Schweinsteiger

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6 Gedanken zu “Doppelter Abschied

    • Klar, man wechselt einfach mal so nach über 30 Jahren die Farben. Noch dazu zu einem Verein, der es der Gnade eines ahnungslosen Investors verdankt, Volksfeste in „seinem“ Stadion feiern zu dürfen.
      Du vermittelst mir ein komisches Fanverständnis.

  1. Bastian Schweinsteier hat für den FC Bayern München und für den Deutschen Fußball Großes geleistet. Es wäre schön, wenn er zum FC Bayern zurückkehren könnte. Für seinen weiteren Lebenslauf wünsche ich ihm alles Gute!

  2. Pingback: Round-Up: Die goldenen Zwanziger

  3. Ich kann deine Sorgen alle nachvollziehen. Hoeneß, Katar, besser bezahlte U21 als Leute in sozialen Berufen, aber:
    Fan von Fussball und den Leuten die ihn verkörper zu sein, heißt auch zu hoffen und an Besserungen zu glauben. Wenn man will findet man immer negatives an den Dingen die man liebt, bringt halt nur nichts. Lieber über schöne Dinge freuen. Glas halb voll/leer und so…

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