Keine Feuerzangenbowle

Gedanken aus der Vergangenheit aus gegebenem Anlass

Einer der schlimmsten Filme deutscher Produktion ist Die Feuerzangenbowle. Der schlecht abgehangene Schinken wird fast jährlich ohne jegliche Kritik an den historischen Kontext wiederholt und erfreut sich, weil man es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit eh nicht so hat, weiterhin großer Beliebtheit. Dabei ist dieser Streifen nichts anderes als eine auf nicht nachvollziehbare Weise verklärende Schülerschmonzette auf braunem Boden, in der ausgerechnet Heinz Rühmann einen Möchtegern-Rebellen spielen durfte. (Wer Rühmann für einen guten Schauspieler hält, möge sich mal die Dürenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tage ansehen, wo er von seinem leider in Vergessenheit geratenen Zeitgenossen Gert Fröbe mit wenigen Mitteln an die Wand gespielt wird.)
Ein fest im Leben stehender Mann träumt in fröhlicher Runde seine nicht gelebte Vergangenheit als Pennäler feucht nach, indem er sich als toller Hecht, der den Lehrern das Leben aber mal so richtig schwer gemacht hat, aufspielt, und die anderen Männer hören bei Feuerzangenbowle den Märchen aus 1000 und einem Reich bewundernd zu. Und alle waren sie selbstverständlich keine Mitläufer, sondern Initiatoren der Schülerstreiche, während Mädchen und junge Frauen allenfalls die Rolle der die vermeintlichen Helden Anhimmelnden bleibt.
Dass mit jedem Rückblick auf die immer ferner liegende Schulzeit Wunschvorstellung und Wahrheit eine nicht mehr auseinander zu haltende Einheit bilden, wird geflissentlich ignoriert – denn es war eh die beste Zeit! Alleine diese Botschaft ist so schlimm, weil sie ausschließt, dass es hinter besser werden kann. Eigentlich müssten am Ende des Films alle, ALLE sterben. Tun sie aber nicht, weil es eine Schmonzette und leider kein Western ist. Stattdessen nerven die Protagonisten die zu Nachkommen – nicht mal die haben sie zustande gebracht! – verkommenden Zuschauern mit ihren Heldentaten, die im Nachgang nur peinlich sind.
Der Film ist somit nur etwas für Gemüt in Zeiten des immer ferner rückenden Endsiegs, der über 70 Jahre später immer noch nicht gefeiert werden kann.

„Bei uns war immer 1. April,“ wird in der Feuerzangenbowle gesagt. Höhö! Vielleicht kann ich dem Film, den uns in der 6. oder 7. Klasse ein Deutschlehrer, den wir alle nur Slowly nannten, in einer letzten Stunde vor den Ferien zeigte, deshalb so wenig abgewinnen, weil ich meine Schulzeit, speziell die acht Jahre am Gymnasium, alles andere als toll empfand. Bei mir war meistens eher 1. November als 1. April. Womöglich hätte ich die Zeit positiver in Erinnerung, wäre ich ein besserer, fleißigerer Schüler gewesen. Aber das gelang mir nicht und war in all den Jahren Gegenstand unschöner Auseinandersetzungen zwischen meiner Mutter und mir. Passenderweise fiel der erste Elternsprechtag auch immer auf einen der letzten Schultage vor dem 1. November, dem sich die Herbstferien anschlossen. Die waren in der Regel für mich perdu, galt es doch, die Versäumnisse, von denen sie Kenntnis genommen hatte, nachzuholen.
Doch das war nicht alleine ursächlich für die Jahre, die ich 25 Jahre später überwiegend immer noch unschön in Erinnerung habe.

Es war eigentlich alles angerichtet für eine Zeit, auf die ich mich freute. Es stand, nachdem das Übertrittszeugnis keine Hürde darstellte, schnell fest, dass ich aufs Oskar-von-Miller-Gymnasium, das nur fünf Minuten von Zuhause entfernt war, gehen wollte. Mein bester Freund C. aus der Grundschule zog zwar das Maxgymnasium vor, aber das war weiter nicht schlimm, konnten wir uns doch jeden Tag in den Pausen sehen.
Nachdem ich die halbjährige Probezeit dank eigener Faulheit und fehlender Ernsthaftigkeit nur mit Ach und Krach überstanden hatte, zeigte sich recht schnell, dass sich einen schweren Stand in der Klasse hatte. Dass ich der Älteste war (ich wurde vor der Einschulung ein Jahr zurückgestellt), spielte keine Rolle. Keine Ahnung, was ich an mir hatte, dass ich immer wieder in die Außenseiterrolle geriet. Ich war gewiss damals schon kein einfacher Mensch und hatte politisch – das stellte sich in den folgenden Jahren heraus – eine vollkommen andere Position als die, die kein Problem hatten, auf mich herab zu sehen. Aber warum einige große Freude verspürten, sich an mir abzuarbeiten, verstehe ich bis heute nicht.
Aus finanziellen Gründen war meine alleinerziehende Mutter nicht in der Lage, mich mit neuer Kleidung auszustatten, was in einer Schule, in der ordentlich Geld steckte, mehr auffiel, als mir lieb sein konnte. Mich störte es nicht, die Kleidung des sieben Jahre älteren Nachbarssohnes über mir aufzutragen. Selbst die Brillen waren gebrauchte Gestelle. Die zwei Polohemden von Lacoste hatte ich von meinen Großeltern. Mir fiel es nicht mal wirklich auf, dass meine Kleidung nicht so schick war, wie die der Anderen. Ich fühlte mich halbwegs wohl darin. Auch nach meinem heutigen Verständnis war nichts dabei, das man nicht mehr tragen konnte. In der Klasse sah man das offenbar anders, denn ein paar Stofffetzen reichten aus, um mich über mehrere Jahre hinweg immer wieder als Müllmann zu bezeichnen. Und als ich auf einmal in einem pinken T-Shirt, das natürlich auch Second Hand war, mir allerdings wirklich gut gefiel (ich glaube, meine Mutter hatte es vorher getragen), aufkreuzte, war der Teufel los! Ich war fortan der schwule Müllmann. (Den Ohrring ein paar Monate später habe ich mir natürlich auch auf der „falschen“ Seite stechen lassen.) Wahrscheinlich wurde ich noch mit ein paar Beleidigungen mehr bedacht, aber der Verdrängungsmechanismus macht auch vor mir nicht Halt.
Zum Spießrutenlauf geriet man Dasein, als ich mich unglücklich in N. Verliebte, die einen Jahrgang unter uns war. Ich stellte mich beim Werben um sie sehr stümperhaft an, so dass es mindestens zwei Jahrgänge wussten und diese keinen Hehl daraus machten, wie lustig sie mein vergebliches Balzen fanden. Meine mindestens in der dritten Generation vererbte Sturheit machte mir das Leben nicht einfacher. (Gestalkt habe ich N. nicht, ordentlich genervt mit meiner Penetranz gewiss.)
Es waren sehr harte Jahre, die man heute vielleicht Mobbing nennen würde. Ich bin nach über 30 Jahren emotional immer noch zu nahe dran, um das seriös beurteilen zu können. Heute würde man vielleicht kompromittierende Videos von mir durch die sozialen Netzwerke jagen. Jede Zeit hat ihre Mittel, um Menschen fertig zu machen.
Dazu gesellte sich der Sportunterricht, den ich im Nachhinein als menschenverachtend bezeichne. Gleich im ersten Jahr hatten wir einen Schleifer vor dem Herrn, der Schülern die kalte Schulter zeigte, wenn sie nicht das zeigten, was er für Standard hielt. Der Fünfer im Zeugnis war mir herzlich egal. Aber immer als Letzter übrig zu bleiben, wenn Mannschaften gewählt werden (aussuchen durften natürlich die Cracks!), trägt nicht zur Motivation bei und sendet Schülern das Signal, dass man den Schlechten eh nicht braucht. Sie mussten sich nicht mal bemühen, nix von mir zu halten. Es erfüllte mich deshalb mit großer Schadenfreude, als ich erfuhr, dass Herr Fritsch Jahre später seinen Dienst wegen eines chronischen Bandscheibenvorfalls quittieren musste.

Alleine war jeder, der es ansonsten in der Gruppe auf mich abgesehen hatte, indes umgänglich, ja bisweilen sogar großzügig.
Ich erlebte – Boris Becker machte gerade erfolgreich Bum-Bum – die Welt des Tennis, in die ich ohne Kontakte nicht hätte reinschnuppern können. Ich bekam auch die komplette Beatles-Diskographie auf Musikkassetten überspielt. Und wahrscheinlich gab man sich mit mir nicht ab, um das schlechtes Gewissen zu überspielen. War man mit mir alleine, war ich wohl ganz erträglich, vielleicht sogar normal. Oder ich war damals schon das Chamäleon, als das mich eine Freundin Jahre später mal ganz treffend bezeichnete.
Traten die Einzelnen in der Gruppe auf, war ich der Depp, den man fertigmachte. Wehren konnte ich mich nicht. Niederschreien brachte mir lediglich Heiserkeit ein. Vielleicht prallten einfach nur unterschiedliche Welten aufeinander – Schwabinger Gentrifizierungsadel (zu dem ich, als mein Vater noch lebte, auch gehörte) vs. finanzielle Unterschicht. Speziell ersteres war am Oskar-von-Miller-Gymnasium sehr stark vertreten, selbst wenn er aus Bogenhausen, Daglfing oder Ismaning kam.

Einen Zusammenhalt gab es in dem bunt zusammen gewürfelten Haufen namens Schulklasse sowieso nicht. Lediglich in der 6. Klasse hatten wir eine Klassenlehrerin, der an Gemeinschaft etwas lag und die durch regelmäßiges Umsetzen dafür sorgte, dass wir auch mit Leuten in Kontakt kamen, mit denen wir sonst nichts am Hut hatten.
In dem Schuljahr kam S. dazu, der noch viel schneller zum Außenseiter wurde als ich. Schlechter Mensch, wie man nur sein kann, machte ich natürlich mit, wenn es gegen ihn ging, war es doch für der willkommene Anlass, von mir abzulenken. Ich wurde vom Hinterherläufer zum Mitläufer. Es fällt mir schwer in den Spiegel zu schauen, wenn ich daran denke, dass ich fleißig Pfeile mitwarf, wenn er die Zielscheibe war. Dabei verstanden wir uns eigentlich ganz gut. Außenseiter und Halbwaisen unter sich.

An den beiden Skilagern in der 7. und 8. Klasse nahm ich auch nicht teil. La Boum in den Bergen fand ohne mich statt. (Ich habe bis heute nicht eine Flasche gedreht.) Das Geld – ich erwähnte es bereits – war dafür nicht vorhanden und Ski fahren konnte ich auch nicht. Ökologisch fand ich diese Form der Freizeit mindestens fragwürdig. Aber das kann auch nur das innere Schönreden eines nicht zu ändernden Umstands gewesen sein. Vielleicht hätte da die Chance bestanden, etwas näher an den Kreis zu rücken. Vielleicht wäre die Diskrepanz auf engem Raum auch noch deutlicher zutage getreten. Ich erkannte allerdings auch kein Bemühen seitens der Lehrer, sich dafür einzusetzen, dass ich mitfahren kann. Komischerweise fiel es mir nicht sonderlich schwer, Zuhause bleiben zu müssen. In den Parallelklassen wurde ich als Gast für eine Woche freundlich aufgenommen.
Ich hoffe inständig, dass Schulen und LehrerInnen heute weiter sind, wenn es darum geht, SchülerInnen mit finanziell sehr schwachem Hintergrund an nicht gerade billigen Schulveranstaltungen teilhaben zu lassen! Es waren in diesen acht Jahren tatsächlich zwei von was weiß ich wie vielen Lehrkörpern, die in mir nicht nur den mittelmäßig bis schlechten und ansonsten unauffälligen, nicht aufbegehrenden Schüler sahen (eine unwichtige Erdkunde-Lehrerin bezeichnete mich beim Elternsprechtag mal als faulen Sack) und mit meiner Mutter nicht nur darüber sprechen wollten. Ich danke Ihnen dafür, Frau Spanier und Herr Leppla!

Leider konnte ich mich Zuhause nicht anvertrauen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit meinen Empfindungen und Demütigungen bei meiner Mutter ernsthaft Gehör finden könnte. Das lag gewiss an ihrer angespannten Situation. Sie war über mehrere Jahre hinweg mit einer Unterbrechung arbeitslos. Alleinerziehend und arbeitslos – das gab es Mitte der 1980er Jahre allenfalls in der von Helmut Kohl platt gesessenen Statistik, aber nicht in der gesellschaftlichen Wahrnehmung! Und schon gar nicht in Schwabing. Dennoch habe ich mir gewünscht, das Gefühl zu haben, ihr meine Sorgen anvertrauen zu können. Einmal versuchte ich es, aber ich wurde von ihr beschwichtigt. Ihr bei uns lebender Freund war zwar ein guter Kumpel, aber auch nicht der Mensch, dem ich mich öffnen konnte. Über persönliche Dinge wurde nicht gesprochen. Sie wurden per se nie tabuisiert, aber das Klima dafür gab es über meine gesamte Kindheit und Jugend hinweg nicht.
Aus einem traurigen Kind wurde ein trauriger Jugendlicher, der sich mehr schlecht als recht damit arrangierte, Dinge mit sich selbst auszumachen. Wenn ich es nicht schon vorher tat – spätestens in diesen Jahren legte ich den Grundstein für den Eisblock in Fragen die eigene Person betreffend. Ein stabiles Fundament, muss ich sagen. Trotz fortschreitender Klimaerwärmung steht der Eisblock immer noch sehr gut.

Vor der 9. Klasse mussten wir uns zwischen Französisch und Russisch als dritte Fremdsprache entscheiden. Ich wählte Russisch, weil ich mir auch erhoffte, so ein wenig den Fängen meiner Mutter zu entgehen. (Dass sie beschloss, mit mir die Sprache zu lernen, hatte ich nicht auf der Rechnung.) Es zeichnete sich ab, dass ich der einzige aus meiner Klasse war, der sich dafür entschied. So kam es auch, und ich musste die Klasse wechseln. Darüber war ich alles andere als unglücklich.
Während mich viele aus meiner alten Klasse umgehend nicht mehr grüßten, wurde es in der neuen tatsächlich besser. Ich saß fortan drei Jahre neben meinem damals besten Freund G., den ich in der 5. Klasse beim schulinternen Schachturnier, das wir als Letzter und Vorletzter abschlossen, kennengelernt hatte. Auch von den Anderen fühlte ich mich akzeptiert, auch wenn ich das eine oder andere Mal sicher aneckte. Sogar die Mädchen hatten nichts von der Arroganz, die ich vorher kennengelernt hatte. Die Schülerzeitung setzte sich auch aus einem Teil meiner Klasse zusammen, und wir hatten viel Spaß. (Ich hoffe, man konnte es herauslesen.) Bestätigung holte ich mir noch als Tutor von der 10. bis 12. Klasse. Das war wahrscheinlich der Grundstein für meine beruflichen Weg. (Dass mich selbst meine Mittutorinnen im ersten Jahr, die eine Klasse über mir waren, mich außerhalb des Kontextes im Schulhaus nicht grüßten, möchte ich nicht unerwähnt lassen, aber auch nicht überbewerten. Ich war ja schon einigermaßen abgehärtet.) Diesem kleinen Ehrenamt verdanke ich auch, dass ich am Ende dieses Schuljahres plötzlich eine Zwei in Deutsch hatte, weil die für uns TutorInnen zuständige Frau Denks auch meine Deutschlehrerin war. (Die Eins im Hausaufsatz war neben meinem einzigen geschossenen Tor gegen Herrn Ballweg im Tor einer meiner wenigen leistungsmäßigen Höhepunkte.)
Abseits fühlte ich mich erst wieder, als die Zeit begann, wo man sich auch abends traf. Etwas, was meine Mutter nicht zuließ. Freitag biss 22 Uhr – und das auch nur, wenn es die Noten erlaubten. Vielleicht wäre mehr möglich gewesen, hätte ich nicht wie der HSV jahrelang um den Klassenerhalt zittern müssen.
Dazu gesellte sich allmählich eine Schwabinger SPD-Altbau-Arroganz, die mich, wenngleich die Protagonisten inzwischen andere sind, bis heute auf die Palme treibt. Schwabing halt.

Gegen Ende der Mittelstufe wandte ich mich über einen wieder gefundenen Freund aus Grundschulzeit den Leuten aus dem Willy-Graf-Gymnasium zu. Dort fühlte ich mich wohler, ging man doch eher in die Clemensburg anstatt ins Roses (damals ein unheimlich angesagter Schwabinger In-Schuppen für junge Menschen mit aussagekräftigem Geldbeutel). Themen und Atmosphäre waren eine andere und strahlten mehr Wärme aus, was nicht nur an L. lag, in die ich – auch unglücklich – verliebt war. Aber sie wies mich nicht schroff ab. Und ich machte meine Zuneigung nicht öffentlich.

Inzwischen volljährig genoss ich die Freiheiten, die mir das Gesetz bot. Ich ließ nichts aus – vor allem abends und nachts. Die Schule war mir scheißegal. Es galt Dinge nachzuholen, die Andere schon vor mir in der Mittelstufe erlebt hatten. Ich war schon immer ein Spätentwickler. Die Schule geriet zur lästigen Nebensache, und meine Mutter machte sich Sorgen. Das gab mir ihr Freund an einem verkaterten Morgen einmal zu verstehen. Er mischte sich vor mir sonst nie in die Angelegenheiten zwischen uns ein.
Als ich am Ende der 12. Klasse, die mit dem täglichen Ausflug in den Latein-Leistungskurs am benachbarten Maxgymnasium, das noch weniger meine Welt war, verbunden war, folgerichtig das mit Abstand schlechteste Zeugnis meiner „Karriere“ in den Händen hielt, hatte ich zwei Optionen: wiederholen oder ohne Abitur abgehen. Ich entschied mich für letzteres und innerhalb von zwei Tagen beschloss ich, die Ausbildung zum Erzieher zu machen. Für mich war es ein Befreiungsschlag. Ich musste viele der Leute, mit denen ich so gar nichts anfangen konnte, nicht mehr sehen und entzog mich den strengen Kontrollblicken meiner Mutter. Nur Wenige informierte ich in den Ferien über meine Entscheidung. Den meisten war es vermutlich egal, dass ich im neuen Schuljahr nicht mehr da war.

Ich war das erste Mal seit vielen Jahren vollkommen frei von Druck und habe die fünf Jahre Ausbildung als die besten Jahre meines Lebens in Erinnerung. (Wäre schön, wenn noch ein paar folgten.) Im ersten Ausbildungsjahr war ich im Kindergarten der King – diese Bestätigung war ein für mich vollkommen neues Gefühl! Dass mir der Lernstoff mehr oder weniger zufiel und die Fachakademie mich speziell im zweiten Schuljahr wenig sah, war das verdiente Glück nach Jahren der Entbehrungen. Finanziell leisten konnte es mir auch, weil die Ausbildungsversicherung, die meine Eltern abgeschlossen hatten, ausbezahlt wurde. Über den zweiten Bildungsweg holte ich das Fachabitur nach (was auch dem sanftmütigsten Mathelehrer, den man nur haben kann, zu verdanken war).

Dieses Wochenende feiert „mein“ Jahrgang 25 Jahre Abitur. Große Freude kam bei mir nicht auf, als mich die Einladung erreichte. Dennoch sagte ich zu. Im Gegensatz zum Zehnjährigen kam jedoch dieses Mal einiges hoch, was ich niederschreiben wollte, um es endlich mal loszuwerden.
Dieser Text ist das vorläufige Endergebnis.

Ich verspüre keine Lust, wieder wie ein Verlierer da zu stehen, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt und von der Hand in den Mund lebt. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Das ist weder die Schuld der Menschen, die mich gedemütigt haben, noch der Schule! Das habe ich schon ganz alleine hingekriegt. Mit etwas mehr Stabilität von Haus aus stünde ich wahrscheinlich besser da.
Dennoch habe ich Angst davor, mich in dieser Runde zu offenbaren, und ich habe keine Lust, in dieser Runde meinen Rock runter zu lassen. Mit „Mein Haus, meine Familie, meine Yacht“ kann ich nicht dienen, ich habe nur „Meine Untermiete, mein Alleinsein, meine Schulden“ zu bieten. Ich kann nicht einschätzen, wie darauf reagiert wird, und auf euphemistische Lügen, die sich zwischen Wunschvorstellung und Wahrheit bewegen, habe ich keine Lust. Zu feiern haben habe ich also nichts. Und das ist nicht dem Abitur, das ich nicht gemacht habe, geschuldet. (Immerhin so selbstbewusst bin ich. Inzwischen.) Ich bin darob nicht mal gram, aber der innere Aufwand ist mir zu groß für die Überwindung, die mich dieses Treffen kostet. Was ich über Menschlichkeit und Empathie gelernt habe, habe ich leider nicht in acht Jahren am neureichen Gymnasium gelernt. Ich wünschte, ich könnte Anderes schreiben.
Einige Wochen später bekam ich zudem die Einladung zur Geburtstagsfeier einer lieb gewonnenen Person, die wiederum Menschen eingeladen hat, die ich in den vergangenen Jahren sehr zu schätzen gelernt habe. Mir ist die Gegenwart mit ihnen wichtiger als die schulische Vergangenheit.
Natürlich hätte ich mich gefreut, die Eine oder den Anderen wieder zu sehen. Aber dazu bedarf es nicht zwingend eines Jahrgangstreffens, bei dem keine Zeit für Tiefgang ist. Wer über dieses runde Jubiläum hinaus das Bedürfnis hat, sich mit mir zu treffen, kann sich bei mir melden. Meine E-Mail-Adresse steht im Impressum dieser Seite.
Genießt den Abend, lasst Euch und Eure Erinnerungen hoch leben und trinkt das eine oder andere Bier, das Ihr mir nicht ausgeben müsst, auf mich – wenn Ihr wollt! Wenn nicht, ist es auch okay.

Und vielleicht finden sich ein paar Filmschaffende – eine Autorin, ein Regisseur, eine Produzentin, eine Redaktion –, die nach 75 Jahren der Feuerzangenbowle etwas entgegensetzen, das eben keine biederen Männer zu selbsternannten Helden der Schulzeit verklärt, sondern diesen Rückblick anders, facettenreicher darstellt. Das ist freilich nicht so lustig und wenig Degeto-kompatibel an einem Freitag Abend.
Aber was ist schon wirklich lustig außer Alf?

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2 Gedanken zu “Keine Feuerzangenbowle

  1. Sehr schön geschrieben und Danke für die Erwähnung von „S“! Er hat es, wider allem damaligen Erwarten, auch noch zu etwas gebracht, wenn auch mit viel Kraftaufwand. Allerdings hat die damalige Zeit auch bei ihm ziemliche Spuren hinterlassen, bis heute. Obwohl er schon früh (-er als Du) die Segel gestrichen hat. Aber deshalb ist er auch schon lange in Vergessenheit geraten und nie zu etwas eingeladen worden. Und das ist wohl auch ganz gut so… Dir trägt er bzgl. damals absolut nichts nach, denn Mitläufertum ist schließlich auch ihm leider nicht fremd gewesen. Zur „Feier“ dieses sehr schönen Artikels wird er an diesem Wochenende nun wohl sein neues in Garching entwickeltes Auto mit dem „M“ (gefolgt von nur einer Ziffer und diese ist >2) am Beginn der Modellbezeichnung aus der Garage holen und sich ein paar schöne Landstraßen suchen. Eine kleine „Nachricht“ an einige von damals und sorry dafür an den Bloginhaber!

  2. Ich war auch am Oskar und habe dort vor 12 Jahren Abi gemacht…ich fand es lustig, einige der Lehrernamen wiederzuerkennen!
    Auch wenn ich nicht im gleichen Ausmaß mies behandelt wurde…richtig wohl gefühlt habe ich mich ebnfalls nicht, habe die Klassengemeinschaft auch als nicht-existent erlebt; auch ich hege keinerlei nostalgische Gefühle und bin auch bislang bei keinem Klassentreffen gewesen, was ich nicht bereue. In der Schule dachte ich auch immer, einfach nicht kompatibel zu sein und nicht dazuzugehören… man sollte früh (früher als ich) anfangen, sich auch außerhalb dieser Zwangsgemeinschaft nach Freunden umzusehen.

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