Baustellen: Das Volk sieht nichts

Die Stadt verändert sich. Das tut sie wahrscheinlich seit Jahren. Wahrscheinlich schon immer. Wahrscheinlich ist es dem fortschreitendem Alter geschuldet, das einen glauben lässt, nur noch von Kränen, rot-weißen Plastik-Gefahrenabwendern und Baulärm umgeben zu sein, kurz: dass nur noch gebaut wird. Seit eineinhalb Jahren und in den kommenden zehn Jahren keinen Hauptbahnhof zu haben, mag den Eindruck verstärken. Eine von außen unveränderte Baulücke vermittelt wiederum den Eindruck den Eindruck, dass sich die Stadt doch nicht so sehr verändert.

Vielleicht sind gar nicht die vielen Baustellen das Problem, sondern deren Gestaltung. Meterhohe Mauern verhindern jeglichen Einblick. An den Zufahrten steht Sicherheitspersonal, das einen im Blick hat, wenn man sich ihm nähert, und böse wird, wenn man den Photoapparat oder das Handy auspackt, um den kurzen Moment einer offenen Einfahrt für ein Bild festzuhalten. Denn sonst sieht man ja nix.
Das Gebaren wird noch unverständlicher, wenn es sich um Baustellen handelt, in die Steuergelder fließen. Und die obendrein nicht mal die ungeteilte Zustimmung in der Bevölkerung haben.
Exemplarisch dafür steht der der Elisabethmarkt, dessen Neubau im Viertel bis zuletzt heftig bekämpft wurde. Nach dem Abriss im Herbst ziert die Baustelle inklusive der geplanten Tiefgarageneinfahrt eine hohe gelbe Mauer um das gesamte Areal. Nicht einmal Sehschlitze auf verschiedenen Höhen, damit Erwachsene und Kinder schauen können, was da gerade so passiert, gibt es.
Genauso verhält es sich an zwei Baustellen für die zweite S-Bahn-Stammstrecke am Marienhof und am Hauptbahnhof. Abriegelt wie der BND in Pullach. Mitten in der guten Stube. Dass es am Marienhof eine an drei Tagen für jeweils vier Stunden zugängliche Aussichtsplattform gibt, darf nur eine Zugabe sein. Zur Zeit wird sie wegen der Pandemie aus nachvollziehbaren Gründen gar nicht geöffnet. So bleibt einem nur die hohe Mauer mit Simulation, wie es dereinst am Marienhof 2028, 2030, 2032 oder vielleicht gar nicht aussehen wird. Am Bahnhofplatz kann man sich der Baustelle gar nicht annähern, weil der Autoverkehr – warum auch immer – daran vorbeifließen muss. Eine hohe blaue Wand weist darauf hin, dass es zwar keinen Hauptbahnhof, aber wenigstens Züge, die von verschiedenen Gleisen abfahren, gibt.Ansonsten muss der weiße Schaukasten in der Haupthalle ausreichen.

Gewiss gelten heute andere Vorschriften zur Sicherheit auf Baustellen Arbeitender und zum Schutz der daran Vorbeigehenden als vor 25 oder oder 50 Jahren. Dass Menschen reihenweise in offene Gruben der zahlreichen U-Bahnbaustellen im Stadtgebiet fielen, ist jedoch nicht überliefert. Der einzige größere Unfall datiert aus dem Jahr 1994, als man bei der Planung der U-Bahn zur Messestadt die Kieslandschaft in Trudering falsch eingeschätzt hat, die als Krater in die Stadtgeschichte einging.
Wie Transparenz funktioniert, weil es wegen des laufenden Betriebs gar nicht anders geht, sieht man an der Sanierung des U-Bahnhofs Sendlinger Tor.

Wenn Verständnis vor allem für mit öffentlicher Hand finanzierte Baurojekte geweckt werden soll, ist es wichtig, die Baustellen im Rahmen der Schutzverordnungen so zu gestalten, dass die Bevölkerung den Baufortschritt vor Ort verfolgen kann. Mauern ohne Sehschlitze, die für „Das Volk sieht nichts“ stehen, tragen dazu nicht bei, Nicht nur Kinder, für die Bauarbeiter*innen Held*innen sind, freuen sich über diese Form der Transparenz.

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