Die kleinen Dinge: das Überraschungsei

Am vergangenen Freitag durfte ich in eigener Sache ins Impfzentrum fahren. (Darüber werde ich hier noch berichten.) Im Gegensatz zu den Terminen, bei denen ich meine Nachbarin begleitete, fuhr ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an den östlichen Rand der Stadt.

Hinter dem Hauptbahnhof stieg ein regelmäßiger Gast des Heimatstern zu. Also keiner, der auf der Sonnenseite des Lebens steht. Er entdeckte mich zuerst, bevor ich ihn nicht nur wegen seines freiwilligen Haarwuches nach einem halben Jahr wiedererkannte. (Steht ihm übrigens sehr gut!)
Während der fünf, sechs Stationen unterhielten wir uns angeregt. Er kam gerade vom Heimatstern mit einer Tüte voller guter Sachen, für die Menschen, denen es besser geht und das bewusst ist, gespendet haben. Es sei sehr viel los gewesen. Aber es habe genügend für Alle gegeben. Er wirkte gut gelaunt und erleichtert darüber, in den nächsten Tagen eine Sorge weniger zu haben. Ja, die Armut ist im vergangenen Jahr nochmal offensichtlicher geworden. Zumindest nehme ich das auf den vielen Spaziergängen wahr.
Er freute sich mit mir über meinen Impftermin. Und ich freute mich, dass es ihm offenbar verhältnismäßig gut ging. Es waren sehr schöne sieben, acht Minuten.

Kurz bevor er ausstieg, griff er in seine Tüte. „Ich hab etwas für Dich.“ Ich guckte überrascht. Freudig drückte er mir ein Überraschungsei in die Hand. „Das habe ich heute beim Heimatstern bekommen.“ Ich konnte und wollte das nicht annehmen und gab ihm das auch so zu verstehen. „Doch, das musst Du annehmen. Denn nach dem Impfen brauchst Du Zucker!“ Dem Argument konnte ich mich nicht verschließen. Und wenn jemand geben will, wird er seine guten Gründe haben.

Das Überraschungsei habe ich Zuhause sehr genussvoll gegessen. Ich bin über dieses Geschenk aus vollem Herzen immer noch sehr gerührt. Man kann Hab und Gut und verlieren oder nie welches gehabt haben. Dass er darüber nicht seine Empathie verloren hat, beeindruckt mich sehr. Nach ein paar Nachmittagen beim Heimatstern, die dunkle wie helle Seite des Lebens parallel zeigen, weiß ich, dass er nicht der einzige ist, der Freude teilen kann. Selbstverständlich ist es für mich nicht, weil ich jede Frustration und Resignation von Menschen, denen das Leben nicht nur einmal den Mittelfinger gezeigt hat, nachvollziehen kann.

Man bekommt immer etwas zurück. Nicht unbedingt sofort, nicht unbedingt, wenn man es erwartet. Aber es kommt der Moment. Man muss ihn nur festhalten und genießen. So wie am vergangenen Freitag.

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