Die kleinen Dinge: das freilaufende Kind

Straßenbahn-Endstationen sind, so sie als Wendeschleife angelegt sind, häufig so gestaltet, dass der Platz um die Gleise herum als Parkplatz genutzt werden darf; gerne als Park&Ride für auswärtig Wohnende, die dort in die Bahn Richtung Innenstadt umsteigen, oder eben auch für Anwohner*innen.
Die Wendeschleife in Ulm-Böfingen, die im Zuge der Verlängerung 2009 entstand, umfährt Garagen, die wohl schon Jahre zuvor errichtet worden waren. Also ohne Autoverkehr kommt man auch an ÖPNV-Anlagen nicht aus.

Ulm, Ostpreußenweg: vorne Garagen, hinten Straßenbahn

Umso bemerkenswerter war das, was ich dort beobachten durfte.
Ein etwa achtjähriges Mädchen kam alleine auf Inlineskates inklusive Knie-, Ellenbogenschonern und Helm aus der Wohnsiedlung nördlich der Schleife und wollte Anlage und daran angrenzende Straße überqueren.
Vor den ersten beiden Gleisen, der Abfahrtshaltestelle, bremste sie ab und schaute sich um: keine Straßenbahn. Vor der kleinen Zufahrtsstraße zu den oben erwähnten Garagen bremste sie ab und schaute in beide Richtung: keine Autos. Vor dem dritten Gleis, der Einfahrt in die Schleife, bremste sie ab und schaute in die entsprechende Richtung: keine Straßenbahn. Vor der schmalen Hauptstraße bremste sie ab und schaute in beide Richtungen: keine Autos. Erst am am abgeflachten Bordstein überkam sie altersgemäßer Übermut: sie hüpfte auf den Gehsteig.
Und sie fuhr selbstsicher weiter ihren Weg. Wie sie die ganze komplexe Überquerung mit einer Selbstsicherheit meisterte! Sie wusste in jeder Sekunde, was sie tat.

Blick auf die Anlage (Bild: Google)

Wann ich zuletzt ein Kind in dem Alter alleine auf der Straße gesehen habe, weiß ich nicht. Es muss länger zurückliegen, weil mich die Situation sonst nicht so beeindruckt hätte. (Ich wäre schon bei der ersten Bremsung auf die Schnauze gefallen und in Hektik geraten.)
Aber da müssen wir wieder hin: Kinder müssen sich alleine in der Stadt bewegen können, ohne an jeder Kreuzung Gefahr laufen zu müssen überfahren zu werden. Verkehrserziehung darf sich nicht alleine daran ausrichten, Kinder vor den Gefahren des Verkehrs zu warnen, sondern der Verkehr muss speziell in Wohngebieten so gestaltet werden, dass er für Kinder (und Erwachsene) nicht zur permanenten Gefahr wird!

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