Hessiche Befindlichkeiten

968. Tatort: Wer bin ich? (HR/Murot & Wächter)

[Der folgende Text entstand auf den ausdrücklichen Wunsch eines Lesers.]

Die Idee, den Darsteller Tukur des Tatort-Kommissars Murot während der Dreharbeiten in einen scheinbaren Mordfall zu verwickeln, ist originell wie hochtrabend. Der Grat, auf dem sich der Film im Film bewegt, ist indes sehr schmal. Es wir schnell abstrus, wenn der selbstironische Blick auf das Innenleben einer Fernsehspielredaktion mit den Befindlichkeiten kapriziöser Schauspieler in den Vordergrund rückt. Dass der Plot nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt, ist vor allem den hervorragenden Schauspielern zu verdanken, die sich mit einem Augenzwinkern gekonnt auf die Schippe nehmen. Besonders Martin Wuttke, der in diesem Film sein Können zeigt, das man in allen Leipziger Tatorten vermisste, und Michael Rotschopf als Redakteur Hochstätt brillieren. Die Darstellung der „richtigen“ Ermittler ist schon fast gemein. So schlecht angezogene Männer gibt es ansonsten nur in der Lindenstraße zu sehen.

Nach dem schwer zu überbietendem Meisterwerk „Im Schmerz geboren“ war die Fallhöhe groß. Dass sich die Beteiligten – Redaktion, Autor/Regisseur und Darsteller – für etwas vollkommen anderes entschieden, war nicht verkehrt. Es ist der Experimentierfreude der Fernsehspielredaktion des HR um Liane Jessen und Jörg Himstedt zu verdanken, dass sowohl aus Wiesbaden als auch aus Frankfurt keine Stangenware zu sehen ist. So schaue ich gelassener über eine schwächer Folge hinweg als über die x-te fad gewürzte Hausmannskost aus Ludwigshafen oder Leipzig, die für B*ld-RedakteurInnen und LeserInnen wenigstens keiner Erklärungen bedarf.

(7,5/10)

Mehr:Tatort-Fundus; Les Flâneurs; Keyflake: „Tatort – Zwischen Qualität und Quote

Renitenz und Revierpflege

941. Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden

Kommissarin Brandt lässt sich berauschen. (Bild: Christine Schroeder/NDR)

Kommissarin Brandt lässt sich berauschen. (Bild: Christine Schroeder/NDR)

Borowski ist kein Philanthrop, also versucht er erst gar nicht, sich den renitenten Jugendlichen, die im Verdacht stehen, den wegen Pädophilie eingesessenen Onno erschlagen zu haben, im Kieler Glasscherbenviertel Gaarden anzubiedern. Insofern hebt sich diese x-te Milieustudie über vernachlässigte Jugendliche ein wenig von den anderen ab. Für Abwechslung sorgt der Stadtteilsheriff Rauschi, der sich durch seine Hood schläft („Revierpflege“) und seine einstige Schulfreundin Brandt herausfordert.
In der ersten Hälfte erinnert der Plot fatal an sozialpädagogische Kölner und Ludwigshafener Folgen, steigert sich aber, um am Ende richtig Dynamik zu bekommen. Aber Kiel kann mehr. (6,5/10)

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Tag und Nacht und überall

940. Tatort: Das Muli (Rubin & Karow/RBB)

Noch ist die Richtung des neuen Berliner Tatorts unklar. (Bild:  Frédéric Batier/rbb)

Noch ist die Richtung des neuen Berliner Tatorts unklar. (Bild: Frédéric Batier/rbb)

Berlin ist eine facettenreiche Großstadt. Wer das nicht wusste, erfuhr das gestern Abend, als das neue Ermittlerpaar Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) die Hauptstadt vorstellten. Sie waren ständig unterwegs. Tag und Nacht und überall. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Privatleben und ihrer Vergangenheit beschäftigt waren.

Wohin die Reise mit den Nachfolgern von Till Ritter und Felix Stark geht, ist nach dem ersten Film noch nicht klar. Zu diffus, zu indifferent war das Debüt, das nicht schlecht war, aber eben auch nicht gut. Stefan Kolditz (Buch) und Stephan Wagner (Regie) packten zu viel in den Film rein. Roadmovie, Film Noir, Milieustudie, Imagefilm, Krimi, Familiendrama – von allem etwas. Die Komödie wurde ausgespart, sonst wäre alles ins Lächerliche abgedriftet.
Das serielle Erzählen, das im Dortmunder Tatort und im Rostocker Polizeiruf hervorragend umgesetzt wird, soll wohl seinen Platz haben. Das ist gut, wenn das klischeehaft chaotische Privatleben der Kommissarin, der pubertierende Brut und Ehe über den Kopf zu wachsen scheinen, etwas weniger Raum bekommt, und der Kommissar mit seiner anscheinend dunklen Vergangenheit keine billige Mischung aus dem Dortmunder Faber und dem Rostocker Bukow wird.
Wenn sich die Fälle idealerweise nicht noch hinter der Leistungsschau Berliner Filmkunst verstecken müssen, könnte es was werden mit dem neuen Berliner Tatort. Dann kann man sich auch auf den eigentlichen Plot konzentrieren, der sicher nicht schlecht war, wenn man nicht von dem Drumherum abgelenkt war.
Denn mit Meret Becker kann man mich immer locken. (6/10)

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Tatort-Schinken, gut abgehangen: Karlsruhe 1974

43. Tatort: Gefährliche Wanzen (Lutz/SDR)

Alte Tatorte versprechen viel Nostalgie: alte Autos, lange tote oder einst juvenile Schauspieler*innen und mit Glück eine gute Geschichte. Diesmal geht es in das Jahr 1974.

(Bild: SWR/Jehle)

(Bild: SWR/Jehle)

Die Gangster van Ammen (Karl-Heinz von Hassel) und Scholl (Claus-Theo Gärtner) türmen aus der JVA Bruchsal, legen an einem Rastplatz einen Autofahrer um, um schneller fliehen zu können. Im Streit um ihr Ziel verursachen sie einen Unfall, bei dem van Ammen stirbt.
Es ist nur das Vorspiel, oder wenn man es so betrachten will, eine für Wolfgang Menge typische Finte, um später eine vollkommene andere Geschichte zu erzählen. Der Weg des diesmal nach Karlsruhe versetzten Kommissars Lutz (Werner Schumacher) führt ihn ins Kernforschungszentrum zu seinem ehemaligen Kollegen Wöhrle (Werner Kreindl), der dort den Wachdienst leitet. Der widerborstige Ermittler und hartnäckige Schnüffler stößt dort auf einen Fall von Industriespionage im großen Stil, die en detail aufgeschlüsselt wird. Dramaturgisch geschickt erklären die Protagonisten Thema, das sich plastisch schwer beschreiben lässt. Die Mittel sind heute andere, Spionieren und Abhören verlieren nie an Aktualität, wie die gesellschaftliche und politische Debatte verdeutlichen.
Es wirkt nichts konstruiert, die Umsetzung von Theo Mezger lässt dem für damalige Verhältnisse nicht hochkarätigen, dennoch bekannten Ensemble genügend Spielraum. Ein sehr solides Stück. (7,5/10)

Meinungen: Tatort-Fans, Tatort-Forum

Keine Helden

937. Tatort: Das Haus am Ende der Straße (Steier/HR)

Poller und Steier: (Ex-Polizisten unter sich (Bild: Bettina Müller/ARD-Degeto)

Poller und Steier: (Ex-)Polizisten unter sich (Bild: Bettina Müller/ARD-Degeto)

Zwei gescheiterte Polizisten buhlen um das Schicksal eines Einbrechertrios und ihrer Definition von Recht und Gerechtigkeit. Steier gerät bei dem Versuch, den Ex-Polizisten Poller aus den Fängen der jungen Verbrecher zu befreien, in dessen Fänge. Daraus entwickelt sich ein Kammerspiel im idyllisch gelegenen Haus am Ende der Straße. Joachim Król und Armin Rohde laufen in dem Duell, das keinen Sieger haben kann, zur Hochform auf. Das Ende der Welt in Frankfurt-Nied.

Fällt es anfangs schwer, die verschiedenen Erzählebenen einzuordnen, entwickelt sich der Film nach einer halben Stunde zu einem Psychogramm zweier Männer, die nur noch „Held in ihrem eigenen Film“ sein wollen. Der Soundtrack (Chet Backer, während sich die Frau des Verbrechertrios Heroin spritzt) rundet den Film ab. Kritikwürdig ist die Männerlastigkeit; es gibt nicht eine tragende Frauenrolle. Und natürlich vermisst man dabei Frank Steiers Ex-Partnerin Conny Mey, die den Haufen frustrierter und zu allem entschlossener Männer ordentlich aufgemischt hätte.

Trotz der Abstriche ist der Abschied des Kommissars stark. Nicht nur er braucht danach einen guten Vodka zur Beruhigung. (8,5/10)

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Kopflos

933. Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel (Borowski & Brandt/NDR)

Borowski versucht sich Rita und ihrem Umfeld anzunähern. (Bild: NDR/Christine Schröder)

Borowski versucht sich Rita und ihrem Umfeld anzunähern. (Bild: NDR/Christine Schröder)

Der Versuchung, einen langen Text zu schreiben, ist groß. Da ich kein professioneller Filmkritiker und Feuilletonist bin, fasse ich mich kurz.

„Borowski und der Himmel über Kiel“ ist ein hervorragender Film!
Christian Schwochow, der zum ersten Mal einen Tatort drehen durfte, lässt mit Kameramann Frank Lamm Bilder sprechen. Eindrucksvolle Bilder, die deutlich machen, was Drogen mit Menschen anrichten können. Ästhetisch wie beklemmend wird gezeigt, wie die junge Rita, deren Freund getötet und enthauptet wurde, wegen des Konsums von Crystal Meth außer Rand und Band gerät und vollkommen kopflos wird. Die toll aufspielende Elisa Schott saugt die ihr geschaffene Atmosphäre auf wie einen Schwamm und verleiht ihrer Rita damit die notwendige die Glaubwürdigkeit und Tiefe. Das Stilmittel Rückblende – häufig die Bankrotterklärung eines dünnen Drehbuchs – wird zur anschaulichen Kunstform erhoben, was aus diesem Tatort keinen klassischen Kriminalfall, sondern eine bedrückende Studie macht.
Rolf Basedow verzichtet darauf, den Figuren moralinsaure und betroffene Dialoge in den Mund zu legen. Die Sorge des Vaters Borowski, dessen Tochter Carla in Ritas Alter ist, wird durch einen Anruf bei ihr thematisiert. Mehr muss man nicht zeigen!
Die Ermittlungsarbeit gerät durch die ausführliche Darstellung der Trips ein wenig in den Hintergrund. Das stört nicht, weil Geschichte und Bilder schlüssig sind.

Nach „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gibt es wieder einen Spielfilm über Drogenabhängigkeit und ihre Folgen, den man Jugendlichen guten Gewissens zeigen kann. Und sollte. (9/10)

Hintergrund & Meinungen: Pressemappe; Les Flâneurs, Der Wahlberliner, Wie war der Tatort?, Tatort-Forum

Verschwörung fressen Schmäh auf

930. Tatort: Deckname Kidon (Eisner & Fellner/ORF)

Eisner und Fellner beim Benefiz-Barockball (Bild: ORF)

Eisner und Fellner beim Benefiz-Barockball (Bild: ORF)

Während ein Taxifahrer von seinem Mercedes 77er Baujahrs schwärmt, fällt der iranische Diplomat Dr. Bansari aus einem Hotelfenster auf dessen Dach.
Das ist die Ankündigung, dass wieder am großen Rad gedreht wird.

Bansari war beauftragt, trotz des Handelsembargos wichtige Ventile und Pumpen für Kernreaktoren zu beschaffen und traf sich mit dem Lobbyisten Johannes Leopold Trachtenfels-Lissé. Hinter dem Attentat wird der israelische Geheimdienst Mossad vermutet.
Daraus entwickelt sich der für den Wiener Tatort inzwischen typische Verlauf. Der Diplomatenschutz erschwert Eisners und Fellners Ermittlungen, sie werden abgehört, der Sektionschef Rauter fällt ihnen in den Rücken. Am Schluss schauen die Kommissare in die Röhre, weil höhere Mächte, in dem Fall der Mossad, stärker sind.

Die plausible Geschichte von Max Gruber, die den Brennpunkt Nahost anschaulich unter die Lupe nimmt, kommt jedoch nicht in Schwung. Einige Längen verstreichen ungenützt, weil die Charaktere unter der Regie von Thomas Roth sehr oberflächlich agieren. So spielt Udo Samel den einflussreichen Strippenzieher Trachtenfels-Lissé, der dem sehr gut vernetzten Alfons Mensdorff-Pouilly nachempfunden ist (Vielen Dank, @mingo713, für diesen Hinweis!), ohne jegliche Tiefe. Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer wirken fast schon leblos, weil ihr gewöhnlich sehr gutes Zusammenspiel nur angedeutet wird. Die bedeutungsschwangere Luft, die durch den ganzen Film weht, erdrückt die handelnden Personen. Aus der Szene, in der die Kommissare Trachtenfels bei seinem Benefiz-Barockball demaskieren, hätte man sehr viel machen können – Komödie, Tragödie, Drama! Leider wird sie nur lieblos heruntergespielt. So sind es nur wenige Sequenzen wie der Dialog Eisners mit einem korrupten Dorfpolizisten oder die Verfolgungsjagd mit dem materialschweren Güterzug, die für frischen Wind sorgen.

Verschwörung fressen Schmäh auf. Schade.
Vielleicht täte den Ermittlern zur Abwechslung der Mord an einem Kaffeehausbesitzer oder Heurigenwirt ganz gut. (5,5/10)

Weitere Meinungen: Les Flâneurs, Wie war der Tatort?, Tatort-Forum

Weimarer Wahnsinn

929. Tatort: Der irre Iwan (Lessing & Dorn/MDR)

Ermittlungen im FKK-Paradies (Bild: MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer)

Ermittlungen im FKK-Paradies (Bild: MDR/Wiedemann & Berg Television/Anke Neugebauer)

Alles Tödliche kommt von oben: Ein Schuss in die Decke trifft die Sekretärin des Stadtkämmerers Iwan Windisch, die wie der Sitzball, auf dem sie sitzt, in sich zusammensackt. Ein hervorragendes Bild, das den Auftakt für einen Tatort bildet, der sehr dicht gestrickt ist, während die Meisten nicht ganz dicht sind.

Die Autoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger führen das das gemeinsame Kind schaukelnde Ermittlerpaar Lessing-Dorn und die Zuschauer im Parforceritt durch seltsame Abgründe, die jede Region zu bieten hat. Das Rudolstädter Vogelschießen ist der Ort, an dem Figuren wie die Geisterbahnbetreiberin Rita Eisenheim, Kettensägenclown Caspar Bogdanski und Kanaille Kongo bestens aufgehoben. Der obligatorische Ausflug in die DDR-Vergangenheit führt ins FKK-Paradies, in dem Peggy Schuhschnabel und der Leiter der Mordkommission herum hüpfen.
Es wird schnell unübersichtlich, und eine Massenvernehmung gerät zur Paartherapie, die selbst abgebrühteste Therapeuten sprachlos zurück lässt und zu Recht in den Memoiren des fassungslosen Chefs von Lessing und Dorn erwähnt wird.
Nach vielen Irrungen und Wirrungen mündet alles in ein großes Finale mit Happy End und Element Of Crime.

Möglichen Längen wird mit Details vorgebeugt, die irrelevant sind, aber irre Spaß machen. Dazu gehören der Selbstmord der mit 109 Jahren ältesten Thüringerin („Habe jede Hoffnung verloren, eines natürlichen Todes zu sterben.“), fremde Horoskope etc.
Garniert wird der Film mit Spielfreude aller Darsteller*innen – exemplarisch sei hier Sophie Rois als derbe, Jumpsuit tragende Geisterbahnbetreiberin genannt –, einer liebevolle Kameraführung mit stimmigen Bildern, Dialogen und Situationskomik, die nicht erklärt, sondern einfach nur gezeigt werden.
Das ist alles übertrieben und in der geballten Form bar jeder Realität – ja, es ist „Weimarer Wahnsinn“, wie Clausen anmerkt. Aber es ist Unterhaltung! Das beantwortet auch im neuen Jahr die alte Frage: Was darf der Tatort?
Antwort: Alles, wenn er gut ist und irgendwie mit Krimi zu tun hat.

„Der irre Iwan“ ist köstlicher Krimi-Klamauk, bei dem es nur für den miserablen Ton Abzüge gibt. Dass die Mutter von Helene Fischer, der MDR, so etwas einmal im Jahr ermöglicht, ist bemerkenswert. (9/10)

[Offenlegung: Mit Murmel Clausen drückte ich acht Jahre gemeinsam die Schulbank und bekam von ihm 2013 zwei signierte Bücher geschenkt.]

Hintergrund: Pressemappe, Interview mit Nora Tschirner und Christian Ulmen
Weitere Meinungen: Les Flâneurs, Der Wahlberliner, Wie war der Tatort?, Tatort-Forum

Fatale Wunschzettel

928. Tatort: Das verkaufte Lächeln (Batic & Leitmayr/BR)

Knackiger Stoff zwischen den Jahren: Jugendliche stellen im Internet gegen Erfüllen von Wunschlisten ihren Körper zur Schau. Einer von ihnen wird erschossen an der Isar aufgefunden. Ins Visier gerät alsbald ein Mann (angemessen glatt: Maxim Mehmet), der als junger Familienvater und Jugendtrainer ein Bilderbuchfamilienleben führt.

Leitmayr (Udo Wachtveitl) versucht, die Jugendlichen (Anna-Lena Klenke) zu verstehen. (Bild: Elke Werner/BR)

Leitmayr (Udo Wachtveitl) versucht, die Jugendlichen (Anna-Lena Klenke) zu verstehen. (Bild: Elke Werner/BR)

Die Kommissare Batic („Mit Apps kannst ebb’s machen.“) und Leitmayr haben nicht sehr viel Ahnung vom Internet. Also muss ihnen der junge Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) helfen, wie man an gelöschte Daten und Passwörter rankommt. Das ist grauer, immer weißer werdender Tatort-Alltag und ermüdet ein wenig.
In „Das verkaufte Lächeln“ steht die Ahnungslosigkeit der älteren Männer auch sinnbildlich für immer noch zu viele Eltern, die dem Netz aus dem Weg gehen und nicht mitbekommen, was ihre Kinder dort treiben, was der Ahnungslosigkeit einen erträglichen Rahmen gibt.

Vielleicht ist der Film ein wenig zu sehr Aufklärfilm, weil – leider typisch – ziemlich viel erklärt wird, wenn deutliche Bilder sprechen. Dank der jungen Darsteller (Anna-Lena Klenke, Nino Böhlau und Justus Schlingensiepen) und Katharina Marie Schubert als Mutter ist er lebendig.
Autor Holger Joos verzichtet dankenswerterweise darauf, die eine Ursache für das Verhalten der Jugendlichen zu suchen und umschifft damit Klischeefallen. Die Motive, sich im Internet zu verkaufen, sind verschieden. Andreas Senn bewegt sich mit der Umsetzung am Rande des Voyeurismus. Ein, zwei Einstellungen mehr, und es wäre zu viel des Guten geworden. Glaubt man den jugendlichen Darstellern, hielt er sehr viel Rücksprache mit ihnen.

Ich kritisiere gerne und oft, daß in Filmen das Internet immer nur böse dargestellt wird. Diesen Tatort möchte ich davon ausklammern, weil er als Appell, sich als Eltern mit dem Netz zu beschäftigen, verstanden werden kann. Das umfangreiche Kompendium, das der BR auf seiner Website zur Verfügung stellt, bietet als Einstieg ein wenig Hintergrund zum Thema an.
Dennoch wünsche mir ich einen Tatort, in dem die Fähigkeiten des Internets gezeigt werden. (7/10)

Weitere Meinungen: Les Flâneurs, Wie war der Tatort, Tatort-Forum

Tatort-Polizeiruf-Schnelldurchlauf November 2014

Es fällt mir schon länger schwer, jeder Folge einzeln die Aufmerksamkeit zu schenken, daß es für eine wöchentliche Besprechung reicht. Viele Filme haben die Aufmerksamkeit nicht mehr verdient haben. Manchmal weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr, worum es ging, oder ich laufe Gefahr, mich ständig zu wiederholen.
Deshalb wird es in Zukunft nur noch vereinzelte Besprechungen geben. In der Regel dann, wenn sie wirklich sehenswert ist. Also eher selten.

346. Polzeiruf 110: Familiensache (NDR/König & Bukow)
Grandiose Folge, die einen eigenen Beitrag bekam.

347. Polizeiruf 110: Eine mörderische Idee (MDR/Brasch & Drexler)
Irgendeine Supermarkterpresung, ein am Hafen ermordeter Wachmann und ein koreanischer Computerexperte bildeten das Gerüst eines seltsamen Gemischs aus Magdeburg. Claudia Michelsen und Sylvester Groth sind passable Schauspieler, aber das Fertige, das den Figuren Brasch und Drexler anhaftet, hat so gar nichts Authentisches. Einzig Groths „Machdeburch“ wirkt überzeugend, wobei ich mit dem dort gesprochenen Dialekt nicht vertraut bin. Schlecht abgehangene Stangenware.
Ich glaube, der MDR kann wirklich nur Helene Fischer. (2,5/10)

922. Tatort: Vielleicht (RBB/Stark)
Der Abschied von Stark (Boris Aljinovic) hätte ein richtiger Kracher werden können. Die seherischen Fähigkeiten der norwegischen Psychologiestudentin Trude Bruun Thorvaldsen (Olsen Lise Risom) passten sehr gut zum ruhigen, mit verständnisvollen Timbre sprechenden Kommissar, der ihre Ängste ernst nahm. Es fehlte aber der bärbeißige Großstadt-Cowboy Ritter (Dominic Raake hatte keine Lust auf einen letzten Fall), der gegen den Esoterikkram rumstänkert. So zerfloss der an sich gute Plot in ständigem Konsens des Teams um den kleinen Cop. Dialoge aus der Hölle entwerteten den Film, der von Klaus Krämer geschrieben und umgesetzt wurde, über Gebühr. Der Zuschauer wurde ständig mit ausgesprochenem „Vielleicht“ darauf hingewiesen, daß das der letzte Fall ist. Konsequent war der Schluss, der offen hält, ob Stark den vorhergesagten Mordanschlag überlebt.
Die Besetzung des neuen Teams mit Meret Becker und Mark Waschke klingt hoffnungsvoll. (6/10)

923. Tatort: Eine Frage des Gewissens (SWR/Lannert & Bootz)
Je mehr Folgen mit Richy Müller und Felix Klare ich sehe, desto weniger kann ich die beiden auseinander halten. Dabei sehen sie sich gar nicht ähnlich. Aber sie plätschern so dahin. Der Beginn mit dem von Bootz erschossenen Räuber im Supermarkt war nicht schlecht. Vom Anwalt des Toten ordentlich in die Ecke gedrängt, wurde der Finale Rettungsschuss schön hinterfragt. Nach dem Mord an der einzigen Zeugin wurd’s arg behäbig und endete in der Kehrwoche. (4/10)

924. Tatort: Die Feigheit des Löwen (NDR/Falke & Lorenz)
Ein Giftmord mit der von Falke (Wotan Wilke Möhring) so geliebten Billsttedter Milch (mit Korn) etwas schmissiger gewesen als die Schleusergeschichte von Friedrich Ani. Das Versteckspiel um traumatisierte syrische Flüchtlinge und arrivierte Deutsch-Syrer kam leider nur schleppend in Gang. Action gab es nur, als der Milchtrinker und seine Kollegin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in der Kiste landeten und die Wiener (!) Gerichtsmedizinerin den Mord nachspielte. Da ist Ani, der gerne schräge Figuren einbaut, der Fiakergaul durchgegangen. (5/10)

Bonustracks
Der SWR wiederholte in den letzten Wochen zwei alte Tatort-Folgen aus den 70er Jahren.

17. Tatort: Kennwort Fähre (SDR/Lutz)
Die Gattin des Bootbauers Reiser ist auf dem Bodensee für immer von Bord gegangen. Kommissar Eugen Lutz (Werner Schumacher) glaubte an Mord und stieg dem verdächtigten Witwer ziemlich nach und verfolgte in durch den halben Südwesten bis nach Zürich. Neben der Wendung am Schluss beeindruckten die Außendrehs, die von Frankfurt über Stuttgart, verschiedenen Orten am Bodensee bis nach Zürich reichten. (8/10)

28. Tatort: Stuttgarter Blüten (SDR/Lutz)
Lutz bekam es in seinem ersten Fall in Stuttgart mit einem Mord im Falschgeldmilieu zu tun. Wolfgang Menge spann ein feines Netz mit vielen Fallstricken für Zuschauer und Ermittler, das Theo Mezger behutsam inszenierte. Höhepunkt war Volksschauspieler Willy Reichert in seiner letzten Rolle als listiger Rentner Eckstein, der den Kommissar nicht nur einmal an dr Nase herumführt.
Es gibt Lokalkolorit satt mit vielen heute alten Ansichten Stuttgarts. (7/10)