Verschlossen

Ein fast zum Rant verkommender Beitrag für die Blogparade #SchlossGenuss

Wächst man in München auf, ist der Weg zu Schlösser und Burgen nicht weit. Im Land des Mythen behafteten Märchen-Kinis stehen genügend rum; es gibt kaum eine Bahnstrecke, an der man nicht an einem dieser Prachtbauten vorbeifährt. Dennoch mache ich einen großen Bogen um sie und photographiere sie höchstens aus der Ferne.

Natürlich werden einem die architektonischen Zeitzeugen der blühenden Vergangenheit unserer Vorfahren speziell zu Ausflügen während der Schulzeit gezeigt. Jedoch wurde uns das Wissen mit der pädagogischen Brechstange vermittelt.

Als wir im Schloß Nymphenburg waren, hielt es der Lehrkörper – ich weiß zu ihrem oder seinem Glück nicht einmal mehr, wer es war – notwendig, uns die Porzellansammlung in aller Ausführlichkeit zu zeigen. DIE PORZELLANSAMMLUNG! Die ist gewiss atemberaubend, einmalig und von hinreißender Schönheit – aber sie interessiert Zehnjährige so brennend wie Endmoränen. Natürlich waren wir sehr unruhig, was wiederum die Lehrkraft erboste, die hinterher irgendwas von „Wenn Ihr Euch nicht benehmen könnt, können wir solche Ausflüge nicht mehr machen“ faselte.
Ähnlich verhielt es sich in der Residenz. Was wurde uns detailliert vorgeführt? DIE MÜNZSAMMLUNG! Jungen Menschen ist es ziemlich egal, mit welchen Goldtalern, wovon die Plebs eh zu wenig hatte, Könige und Prinzregenten bezahlen ließen.

Es kommt erschwerend hinzu, dass diese wertvollen Stücke, ob Porzellan oder Münzen, aus nachvollziehbaren Gründen in Glasvitrinen liegen, was die Anschaulichkeit jedoch nicht erhöht. Das hat zur Folge, dass sie für BesucherInnen im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar sind. Im übertragenen Sinne gilt das leider für das gesamte Ensemble.
Es bleibt einem verschlossen.

Einige Jahre später – wir unternahmen in den Sommerferien als Quasi-Volljährige eine Radltour durch Bayern – machten wir in Landshut Station. Wir bekamen mit, dass dort die Burg Trausnitz steht. Wir schlossen uns einer Führung an.
Leider war auch die recht fad. Die Führerin wusste gewiss alles und kannte jedes Staubkorn, aber begeistern konnte sie uns nicht. Sie erinnerte uns vom Aussehen und Duktus an unsere Deutschlehrerin, die ein sehr angenehmer Mensch war, aber einen langweiligen Unterricht machte.
Ein paar Jahre später erlebte ich mit einer Kindergruppe wieder eine Führung dort, die eine anderen Person vornahm, aber ähnlich langweilig war und eine sehr unruhige Gruppe zur Folge hatte.

Spätestens danach war das Thema „Schlösser und Burgen“ für mich durch.
So durch, dass ich sogar um Neuschwanstein – DAS SCHLOSS! – einen großen Bogen machte, als wir vor rund zehn Jahren ein Mitarbeiterwochenende in Hohenschwangau verbrachten.

Die erste wirklich gute Führung erlebte ich vor ca. 20 Jahren in der Burg Stein an der Traun.
Im Rahmen einer 14-tägigen Ferienfreizeit im Chiemgau betreuten wir 40 zehn- bis 12-jährige Kinder und dachten uns, diese Burg könnte etwas für sie sein. Die Lage ist ja ein Traum – Immobilienmakler könnten sie besser nicht erfinden. Wir wurden nicht enttäuscht. Der ältere Herr, der uns durch die dunklen Gemächer führte, erzählte so anschaulich, als hätte er den Raubritter Hainz noch persönlich gekannt. Selbst die coolen 12-Jährigen gaben beeindruckt Ruhe.
Sowohl einige Kinder uns BetreuerInnen beschäftigte die Führung noch einige Tage. Besser geht‘s nicht.

Damit will ich auf den konstruktiven Teil des Textes überleiten.

Das Interesse für Kultur – dazu gehören auch Schlösser und Burgen – wird im Kindesalter geweckt. Kinder fragen einen sofort, was das für ein Gebäude ist, wenn es außergewöhnlich aussieht. Nicht umsonst sind Schlösser und Burgen zentrale Orte in Märchen. Ihnen wohnt ein Mythos bei, den man nur mit anschaulicher Patina anreichern muss, um sie zu begeistern. Natürlich ist es wichtig, dass FührerInnen ein breites Wissen über das, was sie zeigen, haben. Aber es ist unwichtig, das alles in eine einstündige oder längere Führung zu packen.
Kinder bringen Neugier und nicht selten etwas Wissen mit, an das man anknüpfen kann. Man muss sich nur darauf einlassen.

Betet nicht Geschichte herunter, sondern erzählt Geschichten!
Mythen, Geheimnisse, Gruseliges, Lustiges – jedes Schloss und jede Burg bietet Anekdoten, die kindgerecht aufbereitet zum Zuhören einladen.

Stellt zu Beginn der Führung Fragen!
So bekommt Ihr mit, was Kinder wissen und was sie schwerpunktmäßig interessiert.

Lasst Fragen zu und lasst Euch unterbrechen!
Ihr müsste nicht auf alles eine Antwort wissen. Aber sie wollen das Gefühl haben, dass man sie ernst nimmt.

Gebt ihnen Dinge zum Anfassen!
Natürlich ist alles unheimlich wertvoll. Das respektieren Kinder in der Regel auch. Es genügen schon gebackene Kekse nach dem Originalrezept von 1734. Aber wenn sie nur schauen und keinen Mucks geben dürfen, wird es ihnen schnell fad.

Kleidet Euch so, wie man sich damals angezogen hat!
FüherIn in historischen Gemäuern zu sein, bedeutet auch, eine Rolle zu spielen – und erhöht die natürliche Autorität.

Und Jugendlichen muss man im Zweifelsfall erzählen, wie viele (Jung-)Frauen der König, oder wer auch immer dort residiert haben mag, in seinem Schlafgemach flachgelegt hat, um sie bei der Stange zu halten, und nicht die Augen genervt verdrehen, wenn diese in ihren Augen nicht unwesentliche Frage im Raum steht. Die einst Herrschenden waren bekanntlich keine Engel, auch wenn die bereinigte Geschichte das gerne anders darstellen will. Dass das alle, speziell im Barock, rechte Dreckbären waren, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.
Oder man stellt dar – um bei den oben erwähnten Goldtalern zu bleiben – warum Könige und Prinzregenten so viele Goldtaler hatten, die Untertanen jedoch so wenig.

Das Gebäude mag glänzen, die Vergangenheit tat es ihm in der Regel nicht gleich.
Mögen die ausladenden Bauten nicht im Besitz der BesucherInnen sein, so gehören sie doch ihnen, will man nicht verblassten Ruhm als etwas Unvergängliches verkaufen.
Eigentlich lässt es sich vereinfacht mit einem Stichwort zusammenfassen: Partizipation. Es ist nicht Eure Führung, es ist ihre Führung.

Für mich ist die Kutsche abgefahren. Ein Schlösser- und Burgenfan werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das musste ich feststellen, als eine Bekannte mir vor zwei Jahren das Schloss in Münster, das am Rande der Altstadt auch ordentlich Platz und Parkplatz verbraucht, nahe bringen wollte. Ich interessierte mich zu ihrem Leidwesen eher für die Speisekarte in der Cafeteria als für die im Inneren dargebotene Schönheit. Und ich habe einmal zu viel Regionalfernsehen geschaut, als sich schwäbischer Landadel vor prächtiger Kulisse fürstlich bekochte. Royal Wedding in Klein mit Schäufele an Spätzle und Nochirgendwas. (Jetzt habe ich tatsächlich noch die Kurve zum kulinarischen Aufhänger von #SchlossGenuss gekratzt.)

Aber um mich geht es nicht.
Wenn die architektonisch gewiss meisterhaften Gebäude nicht nur ihren Platz auf Postkarten und in Fotoalben behalten sollen, müssen den jungen Menschen ihre Geschichte und Geschichten lebhaft dargestellt werden. Dann klappt‘s auch mit dem Schlossgenuss.
Ansonsten ist es nur die selbstverliebte Verwaltung von Prunk vergangen geglaubter Zeiten.

Nachtrag, 8.5.2018
Wie man es richtig macht, zeigt die Burg Posterstein im Altenburger Land. Dort wurde eine Ausstellung gemeinsam mit Kindern entwickelt. Ergebnis: Die Besucherzahlen stiegen

Links:
Blogparade #SchlossGenuss der Schlösser und Gärten Deutschland
#SchlossGenuss im HKMPodcast von Heinrich Rudolf Bruns
#SchlossGenuss auf Pinterest (von Tanja Praske)
#SchlossGenuss auf Twitter

Schulweg: Plädoyer für den Scheiß

Manche Dinge glaubt man erst, wenn man sie mit eigenen Augen sieht.
Als ich zuletzt in einem Hort arbeitete, war es üblich, in der Anfangszeit die ErstklässlerInnen von der Schule abzuholen. Dabei beobachtete ich, wie eine Mutter ihre Tochter und eine Freundin abholte. Sie parkte – Obacht: Klischee! – den SUV schnittig im Halteverbot vor dem Haupteingang der Schule. Das Ungetüm ragte mit seinem breiten Heck rund einen halben Meter in die kleine Einbahnstraße. Hurtig lud sie die beiden Mädchen ein und fuhr rückwärts gegen die vorgegebene Fahrtrichtung in die Balanstraße, um von dort vermutlich zur Wiesn zu gelangen. Zumindest deutete ihre Bekleidung darauf hin. (Warum man angeblich mit dem Auto von Haidhausen zum Oktoberfest fahren muss, ist ein anderes Thema.)
Wahrscheinlich können viele kopfschüttelnd solche Beispiele aufzählen. Dieses Verhalten fand ich besonders dreist und ist Ausdruck eines Problems, das immer mehr Menschen, vor allem LehrerInnen, beschäftigt sowie Seiten im Internet und Zeitungen füllt. Einerseits fordern Eltern Sicherheit für ihre Kinder ein, andererseits gefährden sie mit ihrem Verhalten die Sicherheit vieler anderer Kinder und nehmen ihren wichtige Erfahrungen.

Es gibt in der Stadt kaum schlüssige Argumente, die eigene Brut mit dem Auto ins Klassenzimmer zu fahren. Schlechtes Wetter, Obdachlose auf der Bank, die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, die große Kreuzung, große Entfernung (deshalb bin ich ein Freund davon, Kinder im Sprengel einzuschulen), etc. sind keine Gründe, Kindern die wichtige Sozialisation Schulweg zu ersparen. Selbst Verschlafen gehört nicht dazu, weil es menschlich ist.

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Für Kinder ist es wichtig, nicht den ganzen Tag durchgeplant und beobachtet zu werden. Sie müssen alleine oder in der Gruppe Erfahrungen machen, die Erwachsene, (Eltern und ErzieherInnen) ihnen nicht bieten können: Stichwort „Peer Group“.
Kurz: sie müssen auch mal einen Scheiß machen dürfen, ohne dass im Hintergrund der erwachsene Zeigefinger lauert. Dazu gehören Klingelstreiche (und gegebenenfalls der undiplomatische Anschiss von einem Betroffenen), das Pausenbrot weg zu werfen, sich über Andere lustig zu machen, Trödeln, Streiten, Süßigkeiten zu kaufen und das Verschlingen vor dem Mittagessen, ja, sogar mal bei Rot über die Ampel zu gehen, weil das verboten und gefährlich ist. Sie müssen Umwege machen dürfen. Dabei lernen sie ihre Umgebung besser kennen. Kinder, denen man vertraut, entwickeln sehr schnell ein Gespür dafür, was ihnen gut tut und ihnen eher schadet. Und sie lernen, dass selbst in einem Viertel wie Haidhausen nicht alles Friede, Freude, Gentrifizierung ist.
Natürlich dauert der Weg länger, wenn sie ihn in unter Aufsicht gehen! Benötigt man als Erwachsener zu Fuß rund 10 Minuten für den Weg, benötigen Kinder mindestens 10 Minuten länger. Mit Umwegen und anderen wichtigen Erledigungen, die uns nichts angehen, kann er locker eine halbe Stunde dauern. Selbst bei starkem Regen werden die Kinder wahrscheinlich nicht früher ankommen, weil noch ein Regenwurm oder eine Schnecke gerettet werden muss. (Nur fünf Minuten Schulweg können da sehr undankbar sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.)
Wichtig ist nur, dass die Kinder in den ersten Wochen begleitet werden, sie auf Gefahrenherde, die zumeist durch den Autoverkehr verursacht werden, hingewiesen und ein verbindlicher spätester Zeitpunkt für das Ankommen Zuhause bzw. im Hort ausgemacht werden. Dementsprechend früh geht das Kind folglich aus dem Haus, u pünktlich in der Schule zu sein. (Der Weg zur Schule wird in der Regel schneller zurückgelegt als der nach Hause; auch Kinder schätzen irgendwann die Minuten, die sie länger schlafen können.)

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kinder dabei in Situationen geraten, die ihnen unangenehm sind, im Extremfall sogar gefährlich sind. Jedoch müssen sie lernen, alleine Strategien im Umgang damit zu entwickeln. Sie durch Fahrdienste davor zu bewahren, beruhigt gewiss das Sicherheitsempfinden, fördert aber nicht die Selbstständigkeit. Für den Extremfall müssen die Kinder gelernt haben, wo und wie sie sich Hilfe holen können. Etwas, das man im Vorfeld Zuhause und in der Schule/im Hort bespricht und im Fall der Fälle hinterher gemeinsam reflektiert.

Um die Konsequenzen zu verdeutlichen, berichtet Wunsch vom Beispiel einer Hamburger Schule, die den Kindern Hitzefrei geben wollte. Die Umsetzung sei daran gescheitert, dass zu viele Schüler noch nie allein nach Hause gegangen seien und den Weg einfach nicht gekannt hätten. (Quelle)

Wenn das eintritt, hat nicht die Schule versagt, sondern ist es die Schuld der Eltern, die ihren Kindern nichts zutrauen und wesentliche Dinge des Alltags nicht beigebracht haben.

Lassen Sie ihre Kinder laufen; sie werden es Ihnen mit Selbständigkeit und Vertrauen zurückzahlen! Und die Schulen haben Wichtigeres (Bildung!) zu tun, als Elterntaxis vom Gelände fern zu halten.

„Erzieher kann jeder?!“

Letzte Woche nörgelte ich noch über die schlechte Kampagne, in der unter anderem Kinder instrumentalisiert werden, der Gewerkschaften zur Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes.

Ein paar Tage später entdeckte ich auf Facebook das Video vier angehender Erzieherinnen, die mit Abstand das Beste zu dem Thema gemacht haben.
Et voilà!

Es ist am Anfang etwas anklagend, aber die jungen Frauen fassen in den sechs Minuten sehr gut zusammen, worum es in unserem Beruf, neben besserer Bezahlung, geht.
Vielen Dank dafür!

Gehen Sie hin und verbreiten das Video!

Haltet die Kinder raus!

Ein Appell an meine Kolleginnen* und die Gewerkschaften

Für den Sozial- und Erziehungsdienst – in ihm sind Kinderpflegerinnen, Erzieherinnen, Sozialpädagoginnen, Heilerziehungspflegerinnen, Heilpädagoginnen, also für alle, die in Krippen, Kindergärten, Jugendzentren, Wohngruppen, Behindertenhilfe, etc. arbeiten, vertreten – wird derzeit ein neuer Tarifvertrag verhandelt, weil der 2009 verabschiedete von den Arbeitnehmervertretern gekündigt wurde. Ziel des neuen Tarifvertrags ist eine angemessenere Bezahlung, damit sich z.B. eine alleinerziehende Kinderpflegerin eine Stadt wie München leisten kann.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Arbeitgeberseite, vertreten von der öffentlichen Hand, die Forderungen nicht so toll findet und entgegen der Sonntagsreden ihrer Repräsentanten, also der Politiker, sich erst einmal querstellt. Die Rhetorik ist während dieser Zeit eher rustikaler Art und nichts für Schöngeister.
So weit, so gut.

Erzieherinnen lassen Kinder sprechen.

Erzieherinnen lassen Kinder sprechen.

Aber jede Kampagne, jeder Streikaufruf hat Grenzen.
Mich stoßen Plakate, auf denen Kinder abgebildet werden, ab. Ja, wir arbeiten mit Kindern. Nur: sie können wirklich nichts dafür, dass wir so schlecht bezahlt werden. Es sind Erwachsene, die meinen, dass unsere Bezahlung ausreichend ist!
Es hat für mich etwas mit Berufsethos zu tun, dass ich Kinder nicht für meine Interessen instrumentalisiere und ihnen Sätze, die so eh nie sagen würden, in den Mund lege. Sie würden uns sicher die beste Bezahlung gönnen, wenn sie sich in unserer Obhut wohlfühlen. Aber sie sind nicht die unfreiwilligen Handlanger unserer teilweise verheerenden Außendarstellung.
Also, liebe Kolleginnen, liebe Gewerkschaften: Haltet die Kinder raus!

Und wenn ich schon beim Meckern bin…
Wenn wir streiken und Kundgebungen veranstalten, können wir uns bitte auch darauf achten, dass die Banner frei von Rechtschreib- und Interpunktionsfehlern sind? Wir arbeiten in Bildungseinrichtungen! Es ist eine peinliche Außendarstellung, wenn fehlerhafte Kundgebungsplakate in den sozialen Medien verbreitet werden und so den Weg in Nachrichtensendungen oder Zeitungen finden.

Von den uns vertretenden Gewerkschaften wünsche ich mir eine Kampagne, die nicht nur aus Unterschriftenlisten und schlechter Menüführung besteht. Banner für Blogs, Facebook, Twitter, die man auf seine Website einbinden oder als Avatar verwenden kann, wären in der heutigen Zeit ganz sinnvoll. Wenigstens ist der Hashtag #aufwerten einigermaßen griffig.

* Generisches Femininum; es sind also auch Kollegen gemeint.

Großstadtmädchen im Winter

Ein Mädchen, etwa 9 Jahre alt, fuhr auf seinem Roller.
Der Gehsteig war breit, bot aber nicht den Platz, den er gewöhnlich anzubieten hatte. Am Rand stapelte sich geräumter Schnee, die Platten waren von einem Gemisch aus Streu und gerade gefrierendem Batz bedeckt. Darauf liefen einige Menschen, die zwischen Feierabend und Abendessen noch etwas zu erledigen hatten, was sie mit einigem Missmut taten. Das immer dunkler werdende Grau, das tagsüber schon kaum zu Helligkeit fähig war, tat sein übriges. Ich hatte einige Probleme, meine Beine und Gehhilfen darauf zu bewegen, ohne zu stürzen.

Sie fuhr auf ihrem Roller und las dabei ein Buch.
Nein, sie jonglierte.
Die weitaus dünnere Hälfte des Buches lag leicht angeschrägt auf dem Lenker. Beides hielt sie mit ihrem linken Daumen und Zeigefinger fest. Irgendwie.
Ihre Umwelt nahm sie allenfalls in akustischen Umrissen wahr. Aber sie umfuhr auf ihrem Roller lesend traumwandlerisch jede Gefahr, ohne den Blick von ihrem Buch abwenden zu müssen. Wandte sie den Blick vom Buch kurz ab, wirkte es wie ein Schlucken oder Blinzeln. Was man eben so macht, ohne darauf zu achten.
Schnell war sie nicht. Selbst mir als derzeit Fußkrankem wäre es ein Leichtes gewesen, sie zu überholen.
An der Kreuzung blieb sie stehen, ohne darauf zu schauen. Sie blieb einfach stehen und las weiter. Als die Ampel auf Grün umschaltete, hob sie kurz ihren Kopf an. Die Kreuzung überquerte sie ohne zu lesen. Als sie wieder auf dem Gehsteig war, widmete sie sich erneut dem – wie ich vermute – spannenden Buch.

Rollernd lesen, ohne sich dabei in Gefahr zu begeben. Das können nur Kinder!
Ich beneide sie darum.

Verkleiden ist eine Form von Zuneigung

Der Text ist eine Replik auf „Kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching: warum ich meinen Kindern keine Indianerkostüme nähe“ von Ella.

Ich hasse Fasching, ich hasse Verkleiden. Deshalb feiere ich ihn nur, wenn ich dafür bezahlt werde. So also im Kindergarten, wo man dem Wahnsinn nicht entkommt, weil die alljährliche Krankmeldung am Faschingsdienstag selbst bei regem Personalwechsel auffällt.

Für viele Kinder ist Fasching jedoch ein Höhepunkt im pädagogisch wertvollen Betreuungsalltag, weil sie sich sich verkleiden können und dabei die Sau rauslassen können, es Süßkram in rauen Mengen gibt und das Personal alles, was den Anschein von Erziehung weckt, wenigstens für einen Tag zu hause lässt.

Betrachtet man sich die Kostüme der Kinder genau, tragen sie meistens etwas, was ihnen gefällt. Man ist umgeben von Löwen, Leoparden, Prinzessinnen, Pippi Langstrumpfs, Star Wars-Helden, Comicfiguren, die wir nicht kennen, Feuerwehrmännern und sogar Müllmännern. Und eben von Cowboys und Indianern. Sie verkleiden sich also als Jemand, der sie zumindest für den Moment sein möchten.
Das erklärt auch, warum man sehr wenige Mistkäfer, Ratten oder Küchenschaben sieht.

Natürlich bringen wir Kindern bei, dass Indianer oder Native Americans, wie das richtig heißt, unterdrückt wurden und werden. Und es ist nicht schwer, bei Kindern auf diesem Weg ein Gefühl für Ungerechtigkeit und Unverständnis zu wecken. Kinder spüren sehr schnell, was Menschen mit anderen Menschen anstellen, die eine andere Hautfarbe haben und deswegen diskriminiert werden.
Es ist wichtig, mit ihnen das zu thematisieren, verbunden mit der Hoffnung, dass sie es vielleicht besser machen, wenn sie erwachsen sind.

Und es ist absolut notwendig, dass alltagsrassistische Begriffe wie Negerkuss oder Zigeuner aus dem Wortschatz verschwinden, und wir sie von diskriminierenden Klischees fernhalten.
Ihnen jedoch aus gut gemeinter Haltung eine Kostümierung zu verbieten, die nicht dem Spott dient, sondern eine Zuneigung ausdrückt, ist falsch. (Warum Pierre Brice wegen seiner Rolle als Winnetou so beliebt ist, lasse ich an dieser Stelle außen vor.)
Nach dieser Logik dürften sich Kinder auch nicht als Bienen verkleiden, weil sie dank mit chemischen Mitteln gut ausgestatteter Menschen vom Aussterben bedroht sind.

Wir muten unseren Kindern schon sehr viel an politischer Korrektheit und kritisch reflektierender Pädagogik zu, überlassen den Besuch bei McDonalds – mit erhobenem Zeigefinger! – Paten und anderen pädagogisch Unbefleckten und wenden uns kopfschüttelnd ab, wenn die Großeltern ihnen mit schrill klingendem Plastikkram die größte Freude machen.
Wir müssen die Kindern nicht auch noch an Fasching mit unseren guten Absichten und einwandfreien Ansichten überschütten. Selbst wenn sie als Polizist gehen wollen.

Nicht mehr da.

Geschichten vom Tod

Eine nicht abschließend zu erörternde Frage unter uns pädagogischen Fachkräften ist: „Wie bringe ich Kindern das Thema Tod nahe?“
Es gibt zum Glück einige gute Bücher, die man mit Kindern lesen kann (und soll!), dazu, aber sie beantworten die Frage, wenn sie konkret wird, wenn zum Beispiel ein unmittelbarer Angehöriger stirbt, nicht. Wie hinterbliebene Eltern oder Elternteile und folglich ihre Kinder damit umgehen, wissen wir vorher nicht. Glaubensfragen, die im normalen Kindergartenalltag keine Rolle spielen, können plötzlich wichtig werden. Also ist von „Engel im Himmel“ bis „Unwiederbringlich unter der Erde“ alles drin und erlaubt. Wie ich dazu stehe, ist zweitrangig. Kinder senden meistens Signale, wie man mit ihnen, dem Tod und ihrer Trauer umgehen soll.

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Während meiner Tätigkeit in der Behindertenhilfe gehörte der Tod nicht zur Tagesordnung, war aber ein regelmäßiger Begleiter. Von den rund 150 Kindern und Jugendlichen, die in in der Einrichtung teilweise 365 Tage im Jahr verbringen, starben jährlich zwei, drei. Krankheit und Behinderung setzen Körper und Geist dauerhaft zu sehr zu, um das Leben zu verlängern. Wir waren auch nicht verpflichtet wiederzubeleben, was wir als Erleichterung empfanden. Im Heim starben Betreute bevorzugt nachts. Vermutlich, weil sie dann die Ruhe hatten, sich zu verabschieden.
Ein Tisch am Haupteingang erinnerte für eine Woche daran, dass ein Kind gestorben war. Bei einer Trauerfeier konnten sich Kinder und Betreuende, die mit dem Toten zu tun hatten, von ihm verabschieden.

Bei älteren Jugendlichen war meist Organversagen durch jahrelange Medikation – Antiepileptika sind keine Globuli – die Todesursache. Manche boten dem Tod sehr lange und sehr viel Widerstand.
Ein Kind, das als 500-Gramm-Frühchen schwerst behindert zeit seines Lebens einen Kampf führte und trotzdem bei sich jeder bietenden Gelegenheit lachte, raffte nach Autoimmunkrankheit und später noch Rheuma mit neun Jahren der Krebs dahin. Ich spürte eine Form von Erleichterung in mir, als ich davon erfuhr. Unverständlich war für mich der Zeitpunkt des Todes eines Jugendlichen, der am Heiligen Abend Zuhause in der Badewanne verstarb. Wie man als Angehörige damit „vernünftig“ umgehen kann, weiß ich nicht.

Eine Geschichte, die mich heute noch berührt, liegt rund zehn Jahre zurück.
Die 16-jährige Martina, die körperlich wie geistig behindert war, musste sich auf den baldigen Tod ihrer Mutter einstellen. Ihre alleinerziehende Mutter, mit der wir heftigste Auseinandersetzungen hatten, litt an Krebs und hatte nicht mehr lange zu leben. Spät offenbarte sie ihre Krankheit.
Meinen Kolleginnen (ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr in dieser Gruppe) gelang es auf wunderbare Weise, die Demütigungen, die teilweise weit unter die Gürtellinie gingen, zu verdrängen, um das Mädchen auf den anstehenden Tod ihrer Mutter und einzigen Angehörigen behutsam vorzubereiten. Es fanden sich einige, die sich bereit erklärten, mit Martina ins Krankenhaus zu gehen, wenn sie es oder ihre Mutter wollte. Mit psychologischer Begleitung gelang es dem Team, das Mädchen auf den bevorstehenden Tod ihrer Mutter vorzubereiten. Als es so weit war, entwickelten sie ein Trauer- und Gedenkritual, das Bestand hatte, bis sie aus Altersgründen die Einrichtung verlassen musste. (Widerlich wurde es lediglich, als kurz nach der Beerdigung die bucklige Verwandtschaft, die sich sonst nie blicken ließ, auftauchte, weil sie sich ein Erbe erhoffte.)
Wie groß die Belastung war, zeigte sich ein paar Monate später, als das Team auseinander brach. Begleitende, externe Supervision gab es nicht, weil die Kostenträger dafür keine Mittel bereit stellten.

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Es kommt viel Trauer auf dich zu mein Kind
Mit der Zeit und mit dem Tod und mit dem Wind
Du willst es jetzt zwar noch nicht glauben
Lass dir von mir den Mut nicht rauben
Doch kommt viel Trauer auf dich zu mein Kind

(Hanns Dieter Hüsch: „Leichtes Land“)

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Die Erinnerung, wie ich als Achtjähriger mit dem Tod meines Vaters umgegangen bin, hätte mir bei Martina wohl nur wenig geholfen. Jeder Tod ist anders, jedes Sterben ist anders.

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Meine Mutter brachte mir den plötzlichen Tod meines Vaters in Etappen bei.
Eines morgens sagte sie mir, dass ich zu meinen Großeltern fahre, weil Papa im Krankenhaus liege. Mitten während der Schulzeit. Ein Trost für die Sorgen, an die ich heute keinerlei Erinnerung mehr habe. Ich meine, die Zeit bei ihnen, wie so oft, genossen zu haben.
Auf der Rückfahrt weinte ich, weil ich traurig war, wieder nach hause fahren zu müssen. Das „Päckle“, das ich immer mit bekam, war in dem Moment nur ein schwacher Trost. Meine Mutter fragte mich, warum ich weinte, weil meine Trauer darüber intensiver als für gewöhnlich war. Sie konnte ihre Tränen nun nicht mehr verbergen. Mein Vater sei in der Zwischenzeit gestorben. Die Beerdigung habe auch schon stattgefunden. Ich glaube, daß ich damals nicht wusste, dass man Verstorbene beerdigt, ansonsten wäre ich enttäuscht gewesen, beim letzten Gang mein es Vaters nicht dabei gewesen zu sein. Er war der Erste aus meinem nahen Umfeld, der starb. Ich weiß bis heute nicht, wo seine Urne steht.
Meine Lehrerin, mit einem herrlichen Mutterwitz ausgestattet, fragte mich nach meiner Rückkehr in die Klasse, ob ich zu Fuß nach hause gegangen sei, weil ich so lange weg war. Ihre Reaktion, die wohl auch Beleidsbekundung beinhaltete, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, gefällt mir heute noch gut.

Für meine Mutter war die Zeit wohl wesentlich schlimmer als für mich. Er war halt nicht mehr da. In den letzten Jahren war er für mich kaum präsent, weil er ständig unterwegs war. Arbeiten. Die meisten der wenigen Wochenenden, die er nicht arbeitete, verbrachte er mit Freunden. War er da, stritten meine Eltern viel. Es ging schon beim Frühstück los. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, meine Mutter ging meistens als Verliererin aus den Auseinandersetzungen hervor.
Ich sprach von Etappen. Es waren lange Etappen.

Am Heiligen Abend hatten wir – meine Mutter, ihr Freund, mit dem sie kurz nach dem Tod meines Vaters zusammen kam, und der kurze Zeit später bei uns einzog – das Ritual, Tarotkarten zu legen. Wie wird das nächste Jahr? Ein Spiel eben, mehr nicht.
Ich zog, inzwischen 20-jährig, eine Karte und konnte deren Symbolik in meinen Kontext nicht einbauen. Meine Mutter und ihr Freund beließen es auch bei rudimentären Erklärungsversuchen und dem Bestreben, dieser Karte und diesem Spiel nicht viel Bedeutung beizumessen. Ein Spiel eben, mehr nicht.

Zwei Tage später saßen meine Mutter und ich bei Plätzchen und Kaffee in der Küche beisammen. Ob ich denn was wüsste. Ich verstand ihre Frage nicht. Ob ich denn wirklich nichts wüsste. Es musste etwas Ernstes ein, denn sie insistierte auf eine Art, die mir bis dahin bei ihr unbekannt war.

Ich hatte den Gehängten gezogen und „Erhängter“ gelesen. Freud hatte zugeschlagen.
Nachbarn hatten meinen Vater im Keller gefunden, während meine Mutter arbeiten und ich bei einer Freundin war. Wie es meiner Mutter gelungen war, Hektik und Emotionen am Abend und am Morgen danach bis zur Übergabe an meine Großeltern in Stuttgart vor mir fernzuhalten, weiß ich nicht. Sie auch nicht. Es gibt Situationen, in denen Menschen auf irrationale Art und Weise „funktionieren“.
12 Jahre später erfuhr ich durch diesen „Zufall“ (seit dem glaube ich nicht mehr an Zufälle), was wirklich passiert war. Sie befürchtete, jemand könnte mir inzwischen etwas erzählt haben. Da ich nie einen Zweifel an einem Herzinfarkt hatte, fragte ich nie nach. Weder bei meiner Mutter, noch bei meinen Großeltern.

Dennoch war ein jahrelanger Bann gebrochen, und meine Mutter war erleichtert, endlich erzählen zu können, was wirklich passiert war. Es war ein tränenreicher Nachmittag, an dem wir uns so nahe wie lange nicht waren.
Vorwürfe machte ich ihr nie. Ich weiß nicht, wie ich agieren und reagieren würde, müsste ich ad hoc den Tod der Partnerin und das Kind organisieren.

Danach legten wir keine Tarotkarten mehr.

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Der Tod bleibt ein schwieriges Thema für mich. Mit Abschieden kann ich ebenso schlecht umgehen. Vielleicht fühle ich mich deshalb dem morbiden und zynischen Wien so verbunden. Meine Depression vor drei Jahren dürfte auch im Tod meines Vaters eine Ursache haben.

Ob ich (mir anvertraute) Kinder bei Tod und Trauer angemessen begleiten kann, weiß ich nicht. Die Angst, etwas bei ihnen zu übersehen, sie ungewollt zu verletzen, ist da.