Sven Voss und die (fehlende) Selbstverständlichkeit

Peter Fischer musste sich im Sportstudio für seine klare Haltung gegen Ausgrenzug, Rassismus und Antisemitismus rechtfertigen.

„Klare Kante oder Populismus?“ So führte Sportstudio-Moderator Sven Voss seinen Gast Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, ein und gab mit der Frage einen Vorgeschmack auf ein Interview, das so nicht hätte geführt werden dürfen (Mediathek). Immerhin durfte der eingeladene und doch unerwünscht wirkende Gast ausreden. Denn die Fragen des Moderators und die Einspieler der Redaktion wirkten so, als wären die Gesellschaft verbindende Werte anrüchig.

„Brauchten Sie das Thema AfD für Ihre Wiederwahl?“ Eine Frage, die als versteckte Diskreditierung daherkam, weil sie suggeriert, dass Peter Fischer lediglich Grußaugust der Eintracht ist und ein Thema braucht, um sich vor den Vereinsmitgliedern zu profilieren. „Es ist ja auch leicht, auf die AfD einzuschlagen.“ Es ist unfassbar, wie leicht Voss es sich machte, jeglicher Haltung aus dem Weg zu gehen und Fischer dazu brachte, sich permanent rechtfertigen zu müssen. Es ist eben nicht leicht, weil, wie Fischer richtig konstatiert, die AfD sehr gut organisiert ist, in vielen Landtagen und im Bundestag sitzt und an parlamentarischen Prozessen (Ausschussvorsitze, etc.) teilnimmt. Und die AfD ist nun mal der parteipolitische Arm der Menschen, die keine Problem haben, Werte, die eigentlich selbstverständlich sind, verbal und physisch zu bekämpfen, und die ihre Opferrolle „gut geübt hat“ (Fischer).
Abgesehen davon umreißt Fischer in der Rede vor seiner Wiederwahl sehr gut, worum es ihm geht. Er sieht sich als Vertreter eines Vereins, dessen Werte in der Satzung verankert sind und somit Gesetz sind.

Peter Fischer setzt sich, für die breite Öffentlichkeit seit sechs Wochen bemerkbar, sehr ausführlich und glaubwürdig gegen Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus ein, während der Präsident des Branchenführers um Verständnis für die Annektion der Krim durch Russland wirbt und der Kanzlerin rät, es ihm gleich zu tun und Fehler (in der Flüchtlingspolitik) einzugestehen. Vielleicht ärgert sich Hoeneß auch nur, weil Fischer 0,5 Prozent mehr Stimmen bekommen hat als er.
Öffentliche Unterstützung durch seine Kollegen in den Bundesligen erfuhr bis jetzt Fischer nicht, sieht man von Ausnahmen in Düsseldorf und St. Pauli ab.

Voss ließ viele Bälle liegen. Er hätte fragen können, wie antirassistische Fangruppierungen von ihrem Verein Unterstützung erfahren (können), wie mit nach rechts offenen Fangruppierungen umgegangen werden soll. Es passiert immer noch, dass sich farbige Spieler im Stadion mit Affenrufen demütigen lassen müssen. In der Regionalliga Nord-Ost muss der SV Babelsberg 03 den Zwangsabstieg befürchten, weil er sich weigert, einem skandalösen Urteil nachzukommen und von offizieller Seite keine Unterstützung erfährt.
Nichts von alledem sprach Voss an. Stattdessen kokettierte er damit, dass Fischer auf dem linken Auge blind sei, weil er vor über vier Jahren für einen undiplomatischen Umgang mit rechten Fans in der Kurve plädierte. Zum Schluss attestierte der Moderator seinem Gast an der Torwand nach zwei Fehlschüssen, eine große Klappe zu haben. Das ist angesichts dessen, wofür sich der Eintracht-Präsident nicht erst seit gestern lautstark einsetzt, ziemlich respektlos.
Sven Voss vermittelte die ganze Zeit den Eindruck, in Peter Fischer nichts anderes als einen linksradikalen Hooligan im Samtanzug zu sehen, der Präsident eines Bundesligisten sein darf.

Es entspricht nicht meiner Erwartung, dass ein Journalist seinem Interviewpartner nach dem Mund redet. Aber es muss journalistischer Konsens sein, dass Integration, Antirassismus und das Eintreten gegen Antisemitismus nicht diskutabel sind. Diese Haltung ließ Voss in seinem Interview vollkommen vermissen.
Wenn Voss und der Sportstudio-Redaktion gesellschaftspolitische Themen, die zum Sport gehören wie Siege und Niederlagen, zu unangenehm sind, sollen sie sich solche Gäste nicht einladen, sondern lieber Spieler, die schöne Fotos auf Instagram posten und ansonsten nichts zu sagen haben.

Der Profifußball mit seiner großen Breitenwirkung braucht Menschen wie Peter Fischer, Journalismus, wie ihn Sven Voss gestern darstellte, hingegen nicht.

(Bild: Screenshot ZDF)

Nachtrag vom 9.2.2018
Daniel Otto von den Ruhrnachrichten hat beim ZDF nachgefragt und eine (sehr dünne) Antwort bekommen.
Beve hat etwas weiter ausgeholt und einen Kontext zum Úmgang des Nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV) mit dem SV Babelsberg 03 hergestellt. 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster hat die Interviewführung Sven Voss‘ auch stark kritisiert. Und Ewald Lienen, Technischer Direktor beim FC St. Pauli stärkte in Sky90 Peter Fischer den Rücken. Moderator Patrick Wasserziehr, der das Interview nicht „in Gänze“ gesehen hatte, brach Lienen unschön ab.

Advertisements

Unauffällig vollendet

Mit Philipp Lahm tritt heute ein Spieler ab, der bei vielen – einschließlich mir – lange unter dem Radar lief. Erst in den letzten Monaten fand er die Wertschätzung, die ihm, der 22 Jahre im Verein war, gebührt. Dieser Text ist nicht möglich, ohne seinen langjährigen Begleiter Bastian Schweinsteiger, mit dem er 2002 A-Jugendmeister wurde, das eine oder andere Mal zu erwähnen.
Eine kleine Würdigung zum Abschied.

1. Einsatz im Olympiastadion, 1. Begegnung mit Felix Magath & 1. Turnier

An Philipp Lahms erstes Spiel bei den Profis kann ich mich nicht erinnern.
Es war die Saison, die international einen Tiefpunkt darstellte, weil bereits vor dem abschließenden Spiel feststand, dass der FC Bayern nicht einmal mehr im UEFA-Cup überwintern durfte. Vor solchen Spielen bediente sich selbst Ottmar Hitzfeld bei den Amateuren. So kam auch Philipp Lahm in der Nachspielzeit zu seinem Debüt bei den Profis gegen RC Lens vor 22000 Zuschauern. Heute ist das Spiel nur noch von Bedeutung, weil Lahm der Letzte in der aktuellen Mannschaft ist, der noch im Olympiastadion gespielt hat. Danach, als die Mannschaft wütend war und mit deutlichem Vorsprung Meister wurde, wurde er nicht mehr eingesetzt.
Dass er 2003 für zwei Jahre an den VfB Stuttgart ausgeliehen wurde, ging an mir vorbei. Hermann Gerland hatte ihn mehreren Trainern angeboten, als hätte er eine Kiste Löwenbrau im Gepäck. Das Grätschen hatte er ihm vorher noch beigebracht. Felix Magath griff schließlich zu und machte ihn sehr schnell zum Stammspieler.

Bastian Schweinsteiger stellte uns zwischenzeitlich seine Cousine vor.

Aufmerksam wurde ich erstmals, als Rudi Völler ihn in die Nationalmannschaft berief. Bei einer grottenschlechten EM spielte er – im Gegensatz zu den damals Poldi und Schweini genannten Jungspunden – durch, was seiner Reputation nicht schadete.

Durchbruch beim FC Bayern

Zum FC Bayern kehrte er 2005 mit einem Kreuzbandriss zurück. Den Platzhalter gab derweil der bereits ein halbes Jahr zuvor zurückgekehrte Bixente Lizarazu, der wiederum Hasan Salihamidžić, der auf der linken Außenbahn eingesetzt wurde, nach dessen Kreuzbandriss ersetzte. Das erste Spiel nach seiner Rekonvaleszenz bestritt er – bei den Amateuren.

Bastian Schweinsteiger musste auf Geheiß Magaths öfter bei den Amateuren spielen.

Die Jahre vergingen. Sie wurden nur dadurch unterbrochen, dass Philipp Lahm im Eröffnungsspiel des erkauften Sommermärchens mit Manschette das erste Tor des Turniers und zwei Jahre später das erlösende 3:2 gegen die Türkei erzielte. Angesichts seiner Torstatistik – im Europapokal schoss er genauso viele Tore wie Sepp Maier, Oliver Kahn und Manuel Neuer zusammen – zwei Momente für die Ewigkeit. Die 0:4-Schmach von Barcelona 2009 blieb ihm erspart. Ihn vertrat Christian Lell.

2009_Messi-Lahm_by-SammyKuffour

Kleine ganz groß, 2009. (Bild: @SammyKuffour

Ein Wechsel und ein teures Interview

Dennoch sollte 2009 ein Einschnitt in seiner Karriere werden.
Nach dem misslungenen Experiment mit dem schwäbisch-kalifornischen Projektmanager betrat Louis van Gaal die ihm zu kleine Bühne. Er ordnete an, dass Philipp Lahm auf der rechte Seite zu spielen habe, weil er ein Rechtsfuß ist. Dabei wurde etwas gewahr, worüber man sich vorher nie Gedanken gemacht hatte:
Philipp Lahm kann man nicht klonen!
Denn die Alternativen auf Links reichten ihm nicht das Wasser. Holger Badstuber war zwar Linksfuß, aber als Innenverteidiger und Spieleröffner weitaus geeigneter (und wurde nicht umsonst von Hermann Gerland im Rahmen seiner Hochbegabtenförderung bei den Amateuren wie der hier Gewürdigte und Mats Hummels auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt). Er wechselte sich ab mit Danijel Pranjić, Edson Braafheid (die zwei größten Fehler van Gaals), Diego Contento, David Alaba (der damals einfach noch zu grün war) und später Luiz Gustravo. Rechts spielte nur Philipp Lahm.

Bastian Schweinsteiger reifte nach seinen Flegeljahren auf der Außenbahn in der Zentrale zum Elder Statesman.

Abseits des Platzes machte sich Lahm inzwischen auch bemerkbar. Er gab der Süddeutschen ein Interview, in dem er dem Verein fehlende Identität attestierte. Es sollte das teuerste Gespräch mit den Medien in der Geschichte des FC Bayern werden. Man munkelt, dass ihn das 50000 Euro gekostet hat. Eine Summe, die sehr gut investiert war, weil er damit Louis van Gaal sekundierte, der im Begriff war, die DNA der Mannschaft auf Jahre hin zu verändern. Sehr erfolgreich, wie wir heute wissen. Es zeigte auch, dass sein Wort im Verein inzwischen an Gewicht gewonnen hatte.
Nach einer sehr schwierigen Anfangsphase, die van Gaal fast den Job gekostet hätte, spielte sich die Mannschaft in einen Rausch, der in Meisterschaft, Pokal und einem verdient verlorenen Champions League-Finale endete. In dieser wegweisenden Saison 2009/10 fand Lahm seinen kongenialen Partner: Arjen Robben. Der seinerzeit als ein Panikeinkauf anmutende Links(!)füßler verstand nach einiger Zeit, was Philipp Lahm dachte und umgekehrt. Bis heute passen sie zusammen wie Schweinebraten und Knödel.

Kapitän

Als Mark van Bommel während der Winterpause 2010/11 den FC Bayern fluchtartig über die Alpen passierte, wurde Philipp Lahm Kapitän. Es war eine schwierige Zeit. Zwischen Mannschaft und Trainer knirschte es. In einem dünnem Kader gab es viele Verletzte, was dazu führte, dass Nicolas Jüllich als Alternative für Lahm auf der Bank saß. Der Wechsel im Tor von Hans-Jörg Butt zu Thomas Kraft war folgenreich. Kraft kassierte ein vermeidbares , spielentscheidendes Tor. Van Gaal wurde danach in einer denkwürdigen Pressekonferenz Hoeneß‘ entlassen. Unter dem beförderten Co-Trainer Andries Jonker taumelte sich die Mannschaft in die Champions League.
Es wurden auch Zweifel an Kapitän Lahm und dessen Stellvertreter Schweinsteiger laut. Zu leise, zu profillos seien diese Jungspunde. Ich teilte diese Zweifel. Während van Bommel nach schlechten Spielen (davon gab es seinerzeit viele) keine Hand vor den Mund nahm, kamen die Aussagen Lahms arg diplomatisch und nichtssagend daher. Aus den starken Aussagen im Interview wurden Belanglosigkeiten. Ich hielt Lahm nach Michael Ballacks Verletzung unmittelbar vor der WM 2010 auch für einen Interims-Kapitän. Aber wer blickt schon wirklich in Mannschaften und deren Hierarchien?

Embed from Getty Images

Von fehlenden Leithammeln zur Vollendung

Jupp Heynckes übernahm die Mannschaft erneut und setzte Lahm zunächst links ein. Zum Glück wurde der nach seinem halbjährigen Engagement zurückgekehrte David Alaba immer stärker, so dass Lahm wieder auf die rechte Seite wechselte. Rafinha auf der Position überzeugte Heynckes nicht.
Das verhinderte jedoch nicht eine Saison, die Bayer Leverkusen zur Ehre gereichte. Vize-Meister, Vize-Pokalsieger und Vize-Pokalsieger. Neben einem dünnen Kader wurde wieder ein Führungsdefizit in der Mannschaft ausgemacht, das von einem abermaligen Halbfinal-Aus der Nationalmannschaft begleitet wurde.

Bastian Schweinsteiger – die tragische Figur des „Finale dahoam“ – wurde von einem sich als zu Höherem berufenen Autor der Sportbild zum „Chefchen“ degradiert.

Fehlende Führungsfiguren vom Schlage eines Effenberg wurden landauf, landab beklagt. Sowohl Lahm als auch sein Stellvertreter schwiegen dazu. Es war das Beste, denn am diagnostizierten Führungsdefizit der Beiden lag es nicht.

Die Antwort sollte ein Jahr später folgen.
Die Mannschaft spielte in der Bundesliga und im Pokal alles in Grund und Boden. Der spielerische Höhepunkt war ein 7:0 gegen den FC Barcelona im Champions League-Halbfinale. Nach dem Gewinn des wichtigsten Vereinspokals war Philipp Lahm endlich ein Vollendeter.

Dass er und Bastian Schweinsteiger gemeinsam den Pott in die Höhe reckten, war das schönste Bild einer einmaligen wie unvergesslichen Saison.

„Der intelligenteste Spieler“

Der mit großem Brimborium empfangene Pep Guardiola bezeichnete Lahm nach wenigen Trainingseinheiten als intelligentesten Spieler, mit dem er je zusammengearbeitet habe. Alsbald stellte sich heraus, dass seine Lobpreisungen mit Vorsicht zu genießen waren. Aber im Gegensatz zu den 1000 Dantes, die er gern in seiner Mannschaft gehabt hätte, war das wohl nicht gelogen. Er setzte Lahm, als mit Schweinsteiger, Martínez und Thiago viele zentrale Strategen ausfielen, auf der Sechs neben Xabi Alonso ein. Überhaupt setzte ihn der Trainer im Mittelfeld fast überall ein. Und man hatte nie den Eindruck, dass er eine Position nicht könne. Wäre es ihm gelungen, Lahm zu klonen, hätte er wohl eine Mannschaft mit Neuer im Tor, neun Lahms und Thiago irgendwo in der Zentrale aufgestellt.

Die Weltmeisterschaft war für ihn ein schwieriges Turnier. Anfangs auf der Sechs eingesetzt und von einer Verletzung gehandicapt, fand er nur schwer ins Turnier und stabilisierte sich erst, als er wieder als rechter Außenverteidiger eingesetzt wurde.
Danach trat er aus der Nationalmannschaft zurück und übergab die Kapitänsbinde an Bastian Schweinsteiger.

Und dann passierte es doch. Philipp Lahm verletzte sich im November 2014 schwerer (er brach sich das Sprunggelenk) und fiel einige Monate aus. Es geschah in einer Phase, als sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League die Weichen bereits gestellt waren.

Nach der Saison verließ Bastian Schweinsteiger den Verein.

In der letzten Rückrunde unter Guardiola schwang er sich nochmal zur Weltklasse auf. Und einigen dämmerte, dass Lahm nie die Wertschätzung erfahren hatte, die anderen zuteil wurde. Dass er sie auf seine alten Tage erfuhr, ist nicht nur der Sentimentalität, die einen häufig befällt, wenn man sich von jemandem verabschiedet, zurückzuführen, sondern auch Pep Gaurdiola, der sein Loblied auf ihn auch mit Inhalt füllte. Wer gesehen hat, wie angeregt sich die beiden nach dem letzten Spiel beim Pokalsieg in Berlin unterhielten, konnte spüren, dass sich zwei trafen, die sich sehr schätzten.

Abschied mit Misstönen

Als Philipp Lahm ein dreiviertel Jahr später ankündigte, seine Karriere ein Jahr vor Ablauf des Vertrags zu beenden, war man im Verein darüber überrascht und wohl auch verstimmt. Denn er setzte den Verein (bzw. die AG) auch darüber in Kenntnis, dass er nicht gedenke, unter dem Präsidenten Hoeneß das Sportchefchen zu geben. Dabei hatte Karl-Heinz Rummenigge wenige Minuten vor Hoeneß‘ Wiederwahl angekündigt, dass der neue Sportdirektor noch auf dem Platz stehe. Man kann nur mutmaßen, was sich in der Winterpause hinter den Kulissen abspielte.
Ganz so überraschend kam sein vorzeitiger Abgang jedoch nicht. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft wirkte wohlüberlegt. Wer sich seine Leistungen in Rückrunde anschaut, wird feststellen, dass jemand geht, der einsieht, dass ihm schwerer fällt, weiterhin auf högschdem Niveau zu spielen.

Tatsache ist, dass der FC Bayern immer noch ohne Sportdirektor dasteht, während sich Lahm heute von der großen Bühne und vom Verein (erst mal?) verabschieden wird.
Wahrscheinlich werden ihn die Sportjournalisten nach der Saison noch flugs zum Fußballer des Jahres wählen. Etwas, was sie jahrelang versäumt hatten. Er wird es mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen.
Womöglich wird er in Zukunft das Geschehen mit Worthülsen auf Twitter kommentieren und seinem Verein vor wichtigen Spielen mit einigen Hashtags die Daumen drücken. Auf das Angebot Ribérys, ihm Karten fürs Stadion zu besorgen, wird er vorerst nicht zurückkommen.

Philipp-Lahm02_by-santapauli

Offene Zukunft (Bild & Titelbild: @santapauli1980)


Unauffällige Legende

Ein lässiger Münchner war Philipp Lahm nie und wird er nicht mehr. Diese Rolle beherrschte der gebürtige Oberaudorfer Bastian Schweinsteiger wesentlich besser. Obwohl er dem eigenen Nachwuchs entstammt, flogen ihm nie die Herzen zu wie Schweinsteiger, Müller oder dem nie erwachsen werdenden Ribéry. Nähe war seine Sache nicht. Wenn Schweinsteiger das Glockenbachviertel ist, ist Lahm Harlaching. Unauffällig und ein wenig bieder. Es wird ihm egal sein.
Aber Philipp Lahm tritt als Legende ab, der auf einer Stufe mit Maier, Beckenbauer und Müller steht, wie Guardiola nach dem Pokalsieg 2016 zurecht anmerkte. Es wird ein wenig dauern, bis die Lücke, die der Unauffällige hinterlässt, auf dem Platz geschlossen ist.

[Vielen Dank an @santapauli1980 und @SammyKuffour für die Bilder!]

Weitere Texte:
„Danke Philipp Lahm“ & „Der Durchbruch des Philipp Lahm“ auf Miasanrot

Die kleinen Dinge: „Holger, hau ihn um!“

Es gibt wenig Argumente, sich an einem nasskalten Freitag Abend im November in die Hermann-Gerland-Kampfbahn zu begeben. Bei Spielen der Bayern Amateure vergisst man gerne mal, dass man in München ist. Die talentierten Spieler bieten häufig karge Hausmannskost, während auf der Gegengerade eine fast schon fremde Stadt besungen wird. Auf ihr findet jeder genügend Platz, und die Wohnungsnot rückt ob der Großzügigkeit des Raumes zum günstigen Preis für 90 Minuten plus Nachspielzeit inklusive Halbzeit in den Hintergrund. Passiert auf dem Spielfeld wenig, hat sogar der der für den C12-Liveticker Verantwortliche Zeit, sich mit seinen angenehmen Begleiterinnen und Begleitern zu unterhalten.

Und dann steht Holger Badstuber auf dem Platz. Der Hauch von Champions League vor 325 handverlesenen Gästen weht durch das luftige Areal. Die Nebelschwaden im Flutlicht vertreten die Hymne würdig. Nach sieben Jahren die Rückkehr in die Amateure-Mannschaft. Der hochbegabte Verteidiger, der vom Namensgeber der Kampfbahn auch im Mittelfeld eingesetzt wurde, bevor er von einem niederländischen Trainer, der der Vereinsführung schon länger unbekannt ist, in die Profimannschaft befördert wurde, kehrte zurück. Aus freien Stücken. Um in der Länderspielpause, die das Melatonin vieler Fußballfans ist, Spielpraxis zu sammeln. Gegen SV Seligenporten, das gefühlte FK Rostow der Regionalliga Bayern. Macht nicht jeder.

Holger Badstuber im Zweikampf (Bild: @SammyKuffour)

Holger Badstuber im Zweikampf (Bild: @SammyKuffour)

„Holger, hau ihn um!“ Ein paar Mal gerät er in Bedrängnis. Aber in der Szene, die wirklich wie ein Foul aussieht, trennt er seinen Gegenspieler nur vom Ball. Dazwischen dirigiert er und besetzt Räume. Manchmal gestikuliert er, um seine jungen Mitspieler für Spielsituationen zu sensibilisieren. Der Aufforderung aus der Kurve, sich doch auch mal nach vorne zu stellen – seine Mitspieler hatten schon das eine oder andere Mal den letzten Pass oder den Abschluss verpasst – kommt er nach. Ein Torschuss verfehlt das Ziel – nicht ganz knapp. Geschenkt. Und dann schnibbelt er einen wunderbaren Diagonalpass von links über das halbe Spielfeld nach rechts. Die Temperatur gerät in Vergessenheit.
Zwischendurch wird er von den Fans besungen. Überhaupt ist die Stimmung sehr gut. Nach der dritten Auswechslung ist klar, dass er bis zum Ende spielt. Wenn… – aber daran will niemand denken, und es passiert auch nicht.
Das Spiel endet 2:0. Es war gar nicht so schlecht, was nicht nur an Badstuber lag.

Nach dem Spiel wird er aufgefordert, sein Trikot herzugeben. Der Kult, da ist er ganz Allgäuer, ist ihm vor 325 wie vor 75000 Zuschauern fremd. Es landet in guten Händen. Vermutlich weiß er es. Wahrscheinlich – das war von oben nicht so genau zu erkennen – hat Holger Badstuber sogar gelächelt.
300 Zuschauerinnen und Zuschauer gehen glücklich nach Hause. Die anderen 25 zurück ins Kloster. Ein schöner Abend.

Fußballfragebogen: #MiaSanQuattro!

Dein Verein heißt:
Immer noch FC Bayern München

Wie lautet das offizielle Saisonziel, sofern es bekannt ist?
Aufstieg. Ach so, das gilt ja für die Amateure.
Ich habe noch nix gehört oder nicht aufgepasst, aber ich vermute mal Meisterschaft, weil das laut Rolex-Kalle „der ehrlichste Titel“ ist.

Wie lautet DEIN Saisonziel für deinen Verein?
Tatsächlich Aufstieg der Amateure, damit der Schritt in die Bundesliga für Nachwuchsspieler kleiner wird.
Darüber hinaus: Meisterschaft, Paulaner Cup und keine Verletzte.

Welchen Spieler hätte deine Mannschaft in der Pause lieber nicht abgegeben?
So weh der Abschied Bastian Schweinsteigers tut: er war richtig. Ihm bleibt eine Diskussion über seinen Vertrag und Spiele auf der Bank erspart.
Pepe Reina hätte ich gerne noch bei uns gesehen, aber der will eben noch spielen und nicht nur sitzen.

Welchen Spieler hätte deine Mannschaft besser verkaufen sollen?
Keinen. Für einen verletzten Spieler wie Jan Kirchhoff gibt es eben keinen Markt.

Wen hätte deine Mannschaft diese Saison lieber NICHT gekauft?
Sven Ulreich ist jetzt nicht so der Brüller. Aber als Platzhalter für Manuel Neuer bekommst Du eben nur Durchschnitt.

Wer von den neuen Spielern wird deiner Mannschaft am besten helfen?
Wie ich vorhin schrieb: Arturo Vidal kann der Königstransfer für den ganz großen Wurf sein.

Wie wirst du in dieser Saison deine Mannschaft unterstützen?
Im Stadion singend, ansonsten sitzend und trinkend.

Wie findest du das neue Trikot Deiner Mannschaft?
Eher so meh. Die beiden Rottöne beißen sich.

Welcher Stürmer wird die Torjägerkanone holen?
Henrikh Mkhitaryan. Vielleicht kann ich seinen Namen nach der Saison schreiben, ohne eine Suchmaschine zu bemühen.

Welcher Trainer wird als erstes gefeuert?
Das ist der Elfmeter unter diesen Fragen: Michael Frontzeck.

Welche Mannschaft wird das erste Tor der Saison schießen?
Der HSV, ein Eigentor.

Welche Mannschaften SOLLTEN absteigen?
Puh, sollten… Aber was Hannover 96 und Hertha BSC veranstalten, erschließt sich mir nicht. Hertha wird Tabellenletzter und geht mit Darmstadt 98 in die 2. Liga. H96 muss in die Relegation.

Welche Mannschaft wird Meister?
#MiaSanQuattro! (Tschulligung.)

Wenn du nicht im Stadion bist, wo wirst du die Spiele sehen?
Beim Ali mit Sam, Raul und den anderen jungen Burschen, die sich im Gegensatz zu mir noch grazil über den grünen Rasen bewegen und um die vollen Tische schwanzeln können wie Frank Ribéry.

Wie sehr vermisst du die Bundesliga auf einer Skala von 1 bis 10 – wobei bei 1 so ziemlich keine Träne nach der Bundesliga verdrückt wird und 10 quasi bedeutet, dass du ernste Entzugserscheinungen hast?
11. Wird Zeit. Aber sowas von! Die drei Monate waren zu lang!

[2013]

Zwischen Titeln und Spekulationen: Es wird hart!

Es ärgert mich bis heute, im Abgang meiner zahlreichen Kneipenaufenthalte in jungen Jahren bei den annähernd zahlreichen Besuchen der Keramikabteilungen einmal zu wenig in den Kasten, in denen Postkarten aus der ehrfürchtig klingenden Produktion „Edgar“ auf aufgeschlossene Notdürftige warteten, einmal zu wenig zugegriffen zu haben. Ein Motiv zeigte auf einem Schwarz-Weiß-Bild einen jungen Mann, der damals in meinem Alter gewesen sein dürfte, auf einer Toilette. Er hielt die für so eine Lokalität typische Rolle in der Hand und wirkte ansonsten auch nicht glücklich. Auf der Karte stand: „Es wird hart.“
Dieses Gefühl habe ich beim Blick auf die Saison auch. Es drückt mich seit Tagen etwas, das jetzt raus muss.

Vielleicht war die Sommerpause zu lang, und wirklich viel passiert ist nicht. Schalke 04 hat Entscheidungen getroffen, die selbst im kritischen Umfeld überwiegend positiv aufgenommen wurden – die medizinischen Untersuchungen fanden bei anderen Vereinen satt. Der SC Freiburg hat als Absteiger rund 25 Millionen Euro eingenommen, ohne auch nur einen Spieler überteuert nach England abgegeben zu haben (etwas, das mir zu wenig Würdigung erfährt). Sogar der HSV verhielt sich nach seinem Klassenerhalt in letzter Sekunde bis vor dem Pokalspiel unauffällig!
Es drängte sich in den letzten Wochen der Verdacht auf, dass scheinbare Baustellen und somit Themen gefunden werden mussten, um irgendwie im Geschäft zu bleiben. Dass sich der FC Bayern dafür anbietet, ist so nachvollziehbar wie ermüdend.
Bis auf die unsägliche Chinareise, auf der Mannschaft und Begleiter alles außer Unterdrückten zu sehen bekamen, gab der Verein ein positives Bild ab. Das mag daran liegen, dass Karl-Heinz Rummenigge zu wenigen Dingen Stellung bezogen hat. Selbst der Abschied Bastian Schweinsteigers ging relativ geräuschlos über die Bühne. Die Transfers wurden im Hintergrund so gut vorbereitet, dass sie erst öffentlich wurden, als sie quasi schon in trockenen Tüchern waren. Besoffen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Geiselgasteigstraße fuhr auch niemand.
Eigentlich eine ruhige Sommerpause!

Irgendwann fiel Einigen ein, dass der Trainer nur noch ein Jahr Vertrag hat. EIN JAHR! Und gewonnen hat der vor zwei Jahren wie ein Messias gefeierte Katalane in den vergangenen zwei Jahren eigentlich auch nix. Zwei nationale Titel im ersten Jahr, nur noch einen im zweiten Jahr. Es ist also abzusehen, was im dritten Jahr unter der Lame Duck gewonnen wird: Nix!
„Pep unter Druck“ schlagzeilte also ein Blatt vor dem Supercup. Das ist einer der drei vom deutschen Fußball ausgelobten Titel, dessen Bedeutung sich knapp über der des Paulanercups bewegt.
Okay, das Spiel ging verloren. Und jetzt haben wir eine Krise? Nach einem Spiel, in dem LarsNicklas Bendtner, ich wiederhole, LarsNicklas Bendtner den letzten Elfer schießen durfte? Really? (Okay, Elfer sollte die Mannschaft mal üben. Auf welchem Rasen auch immer. Rutschig kann es überall sein.) Die Pressekonferenz ein paar Tage später war recht ungemütlich und Guardiola erstmals sichtlich genervt. Die Personalie Götze, befeuert durch ein seltsam anmutendes Management, garniert mit fragwürdigen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten – so genau lässt sich das nicht nachvollziehen – trug auch nicht zu besserer Laune bei.

Bei dem Aufwärmprogramm namens Audicup wurde im übertragenden Fernsehen eine Stimmung verbreitet, als stünde der FC Bayern vor dem Abstieg. Als die Mannschaft einen ziemlich derangierten AC Mailand mit 3:0 besiegte, war man andernorts schon wieder in Höchststimmung und schwadronierte von „totaler Dominanz“. Im Fernsehen war man tags drauf zum Finale immer noch in Trauerstimmung. Klar, die Zweitverwertungsrechte für die 2. Liga am Freitag und Sonntag hat Sport1. Die Mannschaft gewann dann doch irgendwie (kurz vor dem Elfmeterschießen!) 1:0 gegen Real Madrid. Und Mario Götze spielte recht gut.

In der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel hatte dann Matthias Sammer einen recht guten Auftritt. Bei ihm weiß man ja nie, ob er weiß, was er am Satzende sagen wird. Diesmal wusste er es offenbar und heizte den Fragenden ordentlich ein.
Das Pokalspiel selbst? Ein 3:1 bei einem Fünftligisten. Das ist nicht berauschend, aber es reicht. Für die SZ war das Spiel eine „Enttäuschung“. Weil die badischen Bauernfünferl nicht bei 45 Grad zweistellig aus dem Stadion geschossen wurden? Das ist lächerlich.
Dazu kommt, dass die Mannschaft immer noch nicht komplett ist. Arjen Robben wurde zwischenzeitlich für eine Woche aus dem Mannschaftstraining genommen, bei Franck Ribéry, Javier Martínez und Holger Badstuber ist noch nicht absehbar, wie lange sie noch ausfallen werden. Die neuen Douglas Costa und Arturo Vidal kamen erst im Laufe der Vorbereitung.

Es wurde sehr viel Unruhe verbreitet, und es ist nicht absehbar, dass sich das legen wird. Man muss befürchten, dass fröhlich weiter gebohrt wird, wenn die Mannschaft nach fünf Spieltagen nicht mindestens zehn Punkte Vorsprung auf den Zweiten hat.
Sollte dies wider Erwarten doch der Fall sein, wird man über unzufriedene Spieler berichten, weil der Trainer diesen zu großen Kader „schlecht moderiert“.

Dabei bin ich recht optimistisch gestimmt und freue mich auf die neue Saison.
Ich den Eindruck habe, dass die Verantwortlichen die richtigen Personalentscheidungen getroffen haben. Douglas Costa – dass in München ein Costa spielt, der kein Grieche ist, ist für mich noch gewöhnungsbedürftig – macht nach den ersten Spielen den Eindruck, der Mannschaft offensiv neue Impulse geben zu können. Da nicht absehbar ist, wie lange Ribéry noch ausfallen wird, scheint das Geld in ihn sehr gut investiert zu sein. Arturo Vidal kann wie vor drei Jahren Martínez so etwas wie der Königstransfer für den ganz großen Wurf sein.
Der Mannschaft dürfte das Gerede um den Trainer relativ egal sein. Mit Lahm, Robben und Ribéry gibt es Spieler, für die es womöglich die letzte Gelegenheit ist, den Europapokal noch einmal zu gewinnen. Flankiert werden sie von neuen und jüngeren Spielern, die die Krönung noch nicht erlebt haben. Und Thomas Müller will eh immer spielen und gewinnen. Die Mischung macht einen stimmigen Eindruck. Ob es reicht, ist nicht zu prognostizieren. Die letzte Saison hat gezeigt, wie unmöglich es ist, Titel in Pokalwettbewerben zu planen.
Daher wünsche ich mir vor allem möglichst wenig Verletzte. Wenn es Pep Guardiola gelingt, junge Spieler wie Joshua Kimmich und Pierre-Emile Højbjerg einzubauen und den sich spätestens mit Schweinsteigers Wechsel begonnen Umbruch einzuleiten, wäre ich auch sehr glücklich.

Sollte die Mannschaft schwer in die Gänge kommen, wird es hart. Aber mit dem HSV stellt sich am 1. Spieltag ein Gegner mit einer tatsächlich unruhigeren Woche als der FCB vor, der der Mannschaft liegt. Dann kann es flutschen wie vor drei Jahren, als Mario Mandžukić wie ein chemischer Rohreiniger auf europäischen Spielfeldern aufräumte.

Ich habe keine Ahnung, wie diese Saison ausgehen wird. Zwischen Nix (also Platz 3 auf den letzten Drücker), Etablierung junger Hasen wie Kimmich, einem Titel, der Torjägerkrone für Lewandowski, drei Titeln und der geordneten Übergabe einer intakten Mannschaft für Jürgen Klopp, Lucien Favre oder Markus Weinzierl ist alles drin.
Wird es ganz schlimm verstecke ich mich wie der junge Mann auf dem Klo und halte die Rolle ganz fest.

—–

Bei Breitnigge und Miasanrot wird auch nach vorne geschaut.

Abschied zwischen Realismus und Emotionen

Als Felix Magath 2004 beim FC Bayern begann, wollte er Bastian Schweinsteiger nicht gekannt haben. Es war wahrscheinlich nur eine gezielte als Motivation beabsichtigte Provokation, mit der er ihn für drei Spiele erst einmal zu den Amateuren schickte. Nach einer EM, bei der er neben Lukas Podolski und Philipp Lahm zu den wenigen Lichtblicken eines ansonsten enttäuschenden Turniers gehört. (Wer erinnert sich nicht an das 0:0 gegen Lettland?)
Aber es waren andere Zeiten. Man war als Nationalspieler nicht automatisch Stammspieler im Verein, und man zeigte stolz zu fortgeschrittener Stunde, weil sich tagsüber zu viele Funktionäre Fans und Funktionäre am Gelände aufhalten, der jüngeren weiblichen Verwandtschaft die beeindruckende Infrastruktur des Vereins. Sicher eine Form von Stolz gepaart mit jugendlichem Leichtsinn, der sich optisch gerne in gewagten Frisuren ausdrückt. Die Presse war begeistert, Uli Hoeneß weniger, wie wenig später ebenda zu lesen war. Das „Gebetbuch“, wie es sein Förderer Hermann Gerland einmal formulierte, war seine Sache nicht.

Mit Magath, der wahrscheinlich nur dann ausgelassene Freude empfindet, wenn der grüne Tee en minute gezogen ist, konnte es nichts werden. Jugendliche Spielfreude, die nicht auf blindem Gehorsam fußt, verträgt sich nur schwer mit der Vorstellung von beliebig verschiebbaren Schachfiguren. 23 von 75 durchgespielten Bundesligaspielen standen nach den zweieinhalb Jahren zu Buche.
Unter Ottmar Hitzfeld und Jürgen Klinsmann wurde es leider kaum besser, sieht man von eindrucksvollen Spielen und Toren gegen Portugal im Zweijahresrhythmus ab. Meine Prognose „Dieses Jahr packt er’s aber!“ wurde meistens nach einigen Spieltagen Jahr um Jahr auf die nächste Spielzeit verschoben. Ich verzweifelte nicht, weil er mir zu sehr Schweini war, aber verstehen konnte ich das Stagnieren nicht.

Louis van Gaal überraschte mich unmittelbar nach den ersten Trainingseinheiten 2009 mit der Aussage, dass Schweinsteiger nach Mark van Bommel und Philipp Lahm der dritte Kapitän sei. Die Begründung lieferte er nach meinen skeptischen Gedanken prompt nach: weil er schon so lange im Verein sei. Das bestätigte meine Zweifel, und ich hatte die Hoffnung, dass aus ihm noch etwas werden könnte, eigentlich schon aufgegeben. Wenigstens gab sich der neue Trainer höflich.
Doch der eitle Holländer, den die Vereinsfunktionäre Jahre später immer noch so darstellen wie die CSU die Opposition und andere Linksradikale, redete nicht nur gerne und ausführlich, sondern hatte eine Idee vom Fußballspielen, die er seinen Spielern – bis auf Franck Ribéry vielleicht – sogar vermitteln konnte. Für Bastian Schweinsteiger hatte er eine sinnvolle Aufgabe, indem er ihn von der Außenbahn in die Zentrale beorderte. Unter Joachim Löw und Jupp Heynckes in seiner zweiten Amtszeit, in der es lediglich um Schadensbegrenzung ging, durfte er bereits auf der Sechs spielen, aber das blieb eine Randnotiz.
An der Seite von Mark van Bommel wurde aus Schweini binnen weniger Spiele Schweinsteiger. Sinnloses Rennen übers Spielfeld wich Übersicht und Passgenauigkeit. Dieser Versetzung nach holprigem Saisonstart folgte die bis dato spielerisch beste Phase die ich als Fan in 25 Jahren erleben durfte. Sie mündete nur knapp nicht im Triple. Es folgte sein bestes Turnier in der Nationalmannschaft. Über den ARD-Brennpunkt nach Michael Ballacks schwerer Verletzung blicke ich gerne amüsiert zurück. Es war auch die Zeit, in der sich der Öffentlichkeit abseits des Fußballplatzes entzog und mit 25 so etwas wie ein Elder Statesman wurde. Die das Untermauernde grauen Haare wuchsen erst später.
Es folgte eine Saison, in der wegen einiger Verletzter wenig klappte, sein Seniorpartner van Bommel verließ im Winter fluchtartig die Stadt, und wenig später wurde van Gaal in einer denkwürdigen Pressekonferenz mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Der einzige Höhepunkt war die vor 69000 Zuschauern im Stadion und rund einer Million Pay TV-Abonnenten verkündete Vertragsverlängerung bis 2016.

Auf der Höhe seiner Schaffenskraft, Jupp Heynckes war inzwischen zurückgekehrt, nahmen leider Schweinsteigers Verletzungen zu. Häufig entstand der Eindruck, auf dem Platz quält sich einer für seine Mannschaft, für seinen Verein. Von wegen „Chefchen“! Wahrscheinlich sollte es so sein, dass er den entschiedenen Elfmeter im unseligen Finale dahoam verschoss. Andere trauten sich den Gang zum Punkt gar nicht erst zu. Er opferte sich, wurde zum tragischen Helden. Es heißt, dass nur Titel zählen. Eine schlimme Niederlage anzunehmen, ist ungleich schwieriger. Womöglich wurde er in diesen Sekunden das, was man gerne als „erwachsen“ bezeichnet.
Sichtlich gezeichnet schleppte er sich durch das nächste große Turnier.
Jupp Heynckes erkannte dies und gab Schweinsteiger das Signal, er solle sich die Zeit, die er benötige, nehmen, um wieder fit zu werden. Er setze auf ihn. Im Herbst kehrte er zurück und trug wesentlich zur erfolgreichsten Saison seines FC Bayern bei. Ein Jahr, in der sich die Mannschaft den gesamten Frust des Vorjahres von der Seele spielte. Nach dem Gewinn des Europapokals war keine kindliche, keine Schweini-Freude bei ihm zu sehen. Nur Erleichterung und Dankbarkeit, für die Leiden der 12 Monate zuvor endlich entschädigt worden zu sein. Das Gerede, dass die Mannschaft um Lahm und Schweinsteiger keine große Titel gewinnen könne, verstummte endlich. Ausgelassen wurde es eine Woche später, als der DFB-Pokal die Sammlung komplettierte.
Nach dieser Saison kaufte ich mir ein Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken.

Pep Guardiola kam, und es begann sich im Spiel wieder einiges zu ändern. Schweinsteiger hatte seinen Platz sicher, die Position wechselte, wenn er nicht gerade wieder verletzt war. Zwischendurch wurde er Weltmeister und hatte alles erreicht, was man mit seinem Verein und seiner Nationalmannschaft erreichen konnte.
Zu meiner Überraschung trat nicht er zurück, sondern Philipp Lahm. Ich habe es bis jetzt noch nicht verstanden. Doch sein Ehrgeiz, als Kapitän noch einen Titel zu holen – die Europameisterschaft fehlt ihm noch –, scheint sehr groß zu sein.

So ist es, trotz aller kolportierten Unstimmigkeiten mit Guardiola, logisch, dass er, schon länger in Würde ergrauend, mit 30 Jahren ein großes Abenteuer wagt.
Schweinsteigers Lehrmeister van Gaal vereinfachte sicher den Schritt von seinem Verein weg auf die Insel. Es beruhigt meine kleine Fanseele, dass er nicht zu Irgendjemandem geht, sondern einem Trainer folgt, der weiß, was er an ihm hat. (Ich hoffe nur, dass er in Manchester kein gutes Restaurant mit bayerischer Küche findet, weil Thomas Müller eventuell doch noch schwach werden könnte.) Bleibt er von Verletzungen verschont, kann er Kopf einer sich im Umbruch befindlichen Mannschaft werden – und läutet damit selbst den anstehenden Umbruch beim FC Bayern ein.

In den letzten Tagen drängte sich der Eindruck auf, dass die Verantwortlichen über seine Entscheidung erleichtert sind. Aus sportlichen wie wirtschaftlichen Gründen ist es nachvollziehbar, dass sie wenig Lust verspürten, seinen Vertrag nennenswert zu verlängern. Für den Fan, der der seinen Emotionen freien Lauf lassen darf, ist es schmerzhaft, wenn einer der Protagonisten, nein, der Fußballgott einer großen Mannschaft von Bord geht. Andererseits bleiben uns lange öffentliche und hitzige Diskussionen über wahrscheinliche Nicht-Aufstellungen und sich hinziehende Vertragsgespräche erspart. Womöglich erkannte er das, was wiederum für Reife und und ein intaktes persönliches Umfeld spricht. (Uli Hoeneß kann da sicher aus dem Nähkästchen plaudern.)
Es hätte nicht so eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Abschiedspressekonferenz wie im Frühjahr in Dortmund bei Jürgen Klopps Kündigung sein müssen, dennoch wäre ein wenig Pathos am Samstag angemessen gewesen. Aber dafür stehen der scheinbar weltgewandte Karl-Heinz Rummenigge und der immer nach vorne orientierte Matthias Sammer nicht. Die Abteilung „Familie und Empathie“ ist seit dem Rücktritt Hoeneß‘, der den Wechsel nicht hätte verhindern können, vakant. (Vielleicht muss man einfach froh sein, dass der Abschied nicht so unwürdig ist wie der Iker Cassilas‘ in Madrid dieser Tage.) Da nicht absehbar ist, wer kurzfristig die Stelle besetzen kann, steht Schweinsteiger die Möglichkeit offen, sie nach dem Ende seiner Karriere einzunehmen.

Am Ende des Tages kann ich nur konstatieren, dass ich für die Scheiß Emotionen verantwortlich bin, die mich mit dem Abschied begleiten. Bastian Schweinsteiger steht nicht nur für den größten Erfolg, den ich als Fan erleben durfte, sondern auch für eine Mannschaft, die das Triple mit den Eigengewächsen Philipp Lahm, Diego Contento, Holger Badstuber, David Alaba, Thomas Müller, Toni Kroos und eben ihm gewonnen hat.

Ich bedanke mich für eine tolle wie intensive Zeit. Mögen die bevorstehenden Jahre in Manchester ganz großes Tennis werden!
Bis zum Abschiedsspiel verabschiede ich mich mit einem herzlichen Oberaudorf!

Amateurederby zwischen Event und Bürgerkrieg

Die gut beschirmte Choreographie  (Bild: Johanna Röhr)

Die gut beschirmte Choreographie (Bild: Johanna Röhr)

Beginnen wir mit dem Wesentlichen: DERBYSIEGER!

Es war kein sonderlich gutes Fußballspiel. Beide Mannschaften taten sich schwer, ins Spiel zu kommen. Letzte und vorletzte Pässe erreichten häufig keine Mitspieler, so dass wenig Chancen herausgespielt wurden oder dem Zufall entsprachen. Die Angst vor einer Niederlage im Derby vor großer Kulisse war den jungen Spielern anzumerken. Von der Ferne der Gegengerade zweifelhaft anmutende Entscheidungen des Bundesliga-erfahrenen Pullacher Schiedsrichters Günther Perl rundeten das Bild ab. Es deutete sich ein leistungsgerechtes 0:0 an, bis Lukas Görtler in der 75. Minute einem Zuspiel von Gerrit Wegkamp ein Traumtor, das ihn zum Helden erhob, gelang.
Die Junglöwen erholten sich davon nicht mehr und mussten die zweite Derby-Niederlage der Saison hinnehmen. Die Bayern Amateure verkürzten den Rückstand auf den Tabellenführer Würzburger Kickers auf acht Punkte.
Die Spieler des FC Bayern ließen sich anschließend lange von ihren Fans feiern; der Torschütze bewies ohne Mikrofon, dass er gut bei Stimme ist.
Einen ausführlichen Spielbericht gibt es bei Miasanrot.

Choreo von oben

Choreo von oben

Damit wäre zu dem Spiel eigentlich alles gesagt.
Es passierte in den letzten Tagen und Wochen jedoch zu viel, um die Nebengeräusche auszublenden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Polizei, Stadtrat und viele Medien sich redlich Mühe gaben, dem Spiel noch mehr Raum zu geben, als es das innerhalb der Fans beider Mannschaften ohnehin schon hat. Natürlich zieht das kleine Derby viele an, die sonst nicht auf die Idee kämen, sich ein Spiel der zweiten Mannschaften anzuschauen. (Ich bin auch viel zu selten in der Hermann-Gerland-Kampfbahn.) Die Profis trugen die letzte Stadtmeisterschaft 2008 im Viertelfinale des DFB-Pokals aus, und das alte Stadion tragen dazu bei. Und natürlich gib es immer ein paar Idioten, die meinen, sich auf Kosten anderer inszenieren zu müssen. So werde ich nie verstehen, was an Pyrotechnik, wenn sie zum Anpfiff gezündet und dann noch aufs Spielfeld geworfen wird, so toll sein sein soll. Ich gehe ins Stadion, um etwas vom Spiel zu sehen und meine Mannschaft verbal anzufeuern. Es wundert mich, wie es den Schwachmaten immer wieder gelingt, ins Stadion zu schmuggeln; weder Einlasskontrolleure noch 1200 Polizeibeamte konnten sie verhindern.
Das täuscht aber darüber hinweg, dass auch dieses Derby friedlich ablief. 12 vorübergehende Festnahmen (Pressemeldung/Twitter) sprechen für ein normales Derby.
B*LD und die Bayern2-Regionalzeit sahen in der Polizei sogar den „wahren Derbysieger“. Mit derartigen Schlagzeilen und Berichten wird ein Fußballspiel populistisch wie fahrlässig zum Bürgerkrieg hochstilisiert. Einzig Felix Müller vom Münchner Merkur vermochte es, mit angemessenen Worten die Verhältnisse gerade zu rücken.
Die großräumige Unterbrechung der Trambahn zwischen Ostfriedhof und Wettersteinplatz sowie der Buslinien 54 und 58 hätte man auch früher kommunizieren können als unmittelbar vor der Sperrung. Es kann mir niemand erzählen, dass das spontan beschlossen wurde. Das Verbieten einer Choreographie spricht auch nicht für einen souveränen und deeskalierenden Umgang mit Fans. Dass es dennoch eine – noch dazu sehr schöne, die von der Polizei auf Twitter veröffentlicht wurde – gab, ist den kreativen Köpfen des Club Nr. 12 zu verdanken.

Die Derbysieger

Die Derbysieger

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Stadtrat vor dem nächsten Derby verhält. Glaubt er dem Polizeibericht oder den reißerischen Berichten in den Zeitungen? Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge lädt nun zu einem Runden Tisch ein , an dem Vertreter der Stadt, Polizei und Vereine sitzen sollen. Es ist im Sinne eines Dialogs sehr sinnvoll, dazu auch Fanvertreter beider Vereine einzuladen.

Für mich bleibt nach dem Spiel, bei dem ich auf Hin- und Rückweg unmittelbaren Kontakt mit dem „Feind“ hatte, die Erkenntnis, dass ich das Kurvengefühl beim Auswärtsspiel der Amateure in Augsburg angenehmer fand. Das Spiel ging zwar verloren, war aber atmosphärischer, weil Gesang und Support kreativer waren. Den Spielen abseits des Derbys fehlt der Eventcharakter, den viele auch verbal durchzusetzen versuchen.

Vielen Dank an @Surfin_Bird, der mir sein Ticket überließ, und Johanna Röhrl, deren Bild von der Choreographie ich für diesen Text verwenden darf, und dem Club Nr. 12 für sein Engagement!