#IMT18 (1): #renovateHDK

Dass ich heuer erstmals vom Internationalen Museumstag erfahren habe, spricht nicht für mich. Denn für Menschen wie mich, die für Kultur so gut wie kein Geld abknapsen können, ist dieser Tag eine sehr gute Gelegenheit, in die mannigfaltige Museumswelt der Stadt einzutauchen. Davon habe ich am vergangenen Sonntag Gebrauch gemacht, ohne es in eine Rallye ausarten zu lassen.

Nach einer kleiner Umfrage gibt es drei Texte.

#renovateHDK

Kaum ein Museum hat eine dunklere Geschichte als das Haus der Kunst. Kuratorin und Archivarin Sabine Brantl ging beim Instawalk #renovateHDK auf die Geschichte des Hauses, die bis heute sowohl das Museum als auch die Stadt und ihre Bevölkerung beschäftigt, ein.

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Das als Haus der Deutschen Kunst errichte Gebäude war eines der wichtigsten Bauprojekte von Adolf Hitler. Die namhafte Spender – das Who Is Who der schnell entnazifizierten Rüstungsindustrie – erfüllten ihrem Führer seinen Lieblingswunsch.

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Geplant wurde der Bau wurde von Paul Ludwig Troost. Nach seinem Tod wurden die Pläne, vermutlich von Hitler persönlich, noch einmal geändert.

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Von Anfang an war ein Luftschutzkeller, die ab 1933 verpflichtend für alle neu zu bauenden öffentlichen Gebäude waren, enthalten. Das Haus der Deutschen Kunst war „bis zuletzt“ geöffnet.

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Bereits Mitte 1933 wurden „Luftschutzwerbetage“ durchgeführt. Indem kleine Sandsäcke über der Stadt abgeschmissen wurden, wurde die Bevölkerung schon früh auf den nächsten Krieg vorbereitet.
Der Luftschutzraum dient heute als Raum für die Sammlung Götz.

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Der Heizungskeller galt selbstredend als der modernste seiner Art.

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Natürlich wurde das Haus der Deutschen Kunst 1937 mit einer „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eröffnet. Die Femeschau „Entartete Kunst“ wurde im benachbarten Hofgarten vorgeführt.

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Nach dem Krieg wurde das Haus der Kunst, das nicht zerstört wurde, sehr schnell wieder eröffnet. Man zeigte zeigte Gemälde anfangs aus den Sammlungen anderer, zerstörter Museen in München, u.a. eine Retrospektive der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“.

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Pläne aus den 60er Jahren sahen Überlegungen vor, die prägenden Säulen des Neoklassizismus zu entfernen.
Die Auseinandersetzung mit mit den braunen Wurzeln sollte erst viel später einsetzen und beschäftigt nicht nur den für die Sanierung des Haus der Kunst verantwortlichen Architekten David Chipperfield.

Ich könnte jetzt noch erzählen, dass das P1 früher ein einfaches „Bierstüberl“ war, und die Amerikaner in der Haupthalle Basketball spielten.
Aber ich möchte mich mit diesem Abriss bescheiden.

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Zum Abschluss gibt es einen Ausblick vom Dach des Haus der Kunst.
Vielen Dank für die Einladung und sie sehr informative Führung!

Fortsetzung folgt.

Links:
Chronik Haus der Kunst
#renovateHDK auf Instagram
#renovateHDK auf Twitter

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Lalique only in der Maxvorstadt

Vor 20 Jahren arbeitete ich als Aushilfe in einem Antiquariat, das regelmäßig Auktionen veranstaltete. Während meiner Tätigkeit wurden Zeichnungen, Bücher, Exlibris, Textilien und Photographien an drei Tagen versteigert. Speziell bei den zum Teil namhaften Photos (u.a. von Heinrich Hoffmann) waren sich sehr wichtig fühlende B-Prominente zugegen. Für mich als damaligen Mittzwanziger war es trotz Interesse an Kunst eine eigene Welt, in der ich mich nicht wohlfühlte. Aber der Job war gut bezahlt.
Dass ich aus eigenem Antrieb noch einmal ein Auktionsbesuch besuchen würde, war nicht vorgesehen. Und überhaupt nicht vorgesehen war, dass ich mir freiwillig Vasen und Schmuck anschaue. Aber das Netzwerk Kulturkonsorten, über das ich indirekt darauf aufmerksam wurde, ist offen, deshalb schadet es nicht, wenn ich das zum Vorbild nehme. Dazu gehört jedoch auch, dass sich das Auktionshaus Quittenbaum der Digitalisierung nicht verschließt, sondern netzaffinen Kunstinteressierten öffnet.

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Vase/Tischleuchte „Bacchantes“, 1927 (Bild: Quittenbaum Auktionen)

So gab es am vergangenen Freitag unter dem Motto #laliqueonly eine Veranstaltung, die sich nicht nur an dem Haus bekannte SammlerInnen richtete. Sie diente als Vorgeschmack auf die morgige Auktion der Stücke aus der Glasmanufaktur von René Lalique und seiner Nachfahren. Nach einem kurzen und informativen Vortrag über das Wirken Laliques durften wir die Exponate in Augenschein und in die Hand nehmen.

Nun ist mein Zugang zu Vasen ein eher pragmatischer. Schmücken Blumen meine vier Wände, stehen sie zumeist in einem Weißbierglas oder kleinerem Trinkgefäß. Aber was Lalique – wohl ein Hochbegabter, wurde er doch schon als 12-Jähriger in die künstlerische Obhut einer Zeichenschule gegeben – aus Glas und zuvor an Schmuck kreierte, ist wirklich sehr schön anzuschauen. In den richtigen Ecken aufgestellt geben die Lampen ein wunderschönes Licht. Ein Hauch von Dekadenz wohnt seinen einstigen Auftraggebern bei, wenn Autohersteller Kühlerfiguren anfertigen ließen. Aber gut, jeder, wie er mag. Ein Kunsthandwerk, das Jugendstil und Art Déco ins schöne Licht rückt, das ich anerkennen kann.

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Brosche „Deux Figurines Et Masque“, 1912 (Bild: Quittenbaum)

Mir gefällt der Weg, den Quittenbaum Auktionen geht, sehr gut. Der Markt für Auktionen ist gewiss begehrt und umkämpft. Neue Pfade zu gehen, ohne seine Kernklientel zu vernachlässigen, erscheint mir als probates Mittel, um seinen Interessentenkreis zu erweitern. Die Offenheit des Inhabers und seiner MitarbeiterInnen tut ihr übriges.

Im Juni wird bei Quittenbaum Design der 1960er Jahre versteigert. Dort werde ich gerne wieder vorbeischauen, wenngleich ich mir davon auch nichts leisten kann.

Links:
Quittenbaum Auktionen
Glasmanufaktur Lalique
Musée Lalique
René Lalique auf Wikipedia

Verschlossen

Ein fast zum Rant verkommender Beitrag für die Blogparade #SchlossGenuss

Wächst man in München auf, ist der Weg zu Schlösser und Burgen nicht weit. Im Land des Mythen behafteten Märchen-Kinis stehen genügend rum; es gibt kaum eine Bahnstrecke, an der man nicht an einem dieser Prachtbauten vorbeifährt. Dennoch mache ich einen großen Bogen um sie und photographiere sie höchstens aus der Ferne.

Natürlich werden einem die architektonischen Zeitzeugen der blühenden Vergangenheit unserer Vorfahren speziell zu Ausflügen während der Schulzeit gezeigt. Jedoch wurde uns das Wissen mit der pädagogischen Brechstange vermittelt.

Als wir im Schloß Nymphenburg waren, hielt es der Lehrkörper – ich weiß zu ihrem oder seinem Glück nicht einmal mehr, wer es war – notwendig, uns die Porzellansammlung in aller Ausführlichkeit zu zeigen. DIE PORZELLANSAMMLUNG! Die ist gewiss atemberaubend, einmalig und von hinreißender Schönheit – aber sie interessiert Zehnjährige so brennend wie Endmoränen. Natürlich waren wir sehr unruhig, was wiederum die Lehrkraft erboste, die hinterher irgendwas von „Wenn Ihr Euch nicht benehmen könnt, können wir solche Ausflüge nicht mehr machen“ faselte.
Ähnlich verhielt es sich in der Residenz. Was wurde uns detailliert vorgeführt? DIE MÜNZSAMMLUNG! Jungen Menschen ist es ziemlich egal, mit welchen Goldtalern, wovon die Plebs eh zu wenig hatte, Könige und Prinzregenten bezahlen ließen.

Es kommt erschwerend hinzu, dass diese wertvollen Stücke, ob Porzellan oder Münzen, aus nachvollziehbaren Gründen in Glasvitrinen liegen, was die Anschaulichkeit jedoch nicht erhöht. Das hat zur Folge, dass sie für BesucherInnen im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar sind. Im übertragenen Sinne gilt das leider für das gesamte Ensemble.
Es bleibt einem verschlossen.

Einige Jahre später – wir unternahmen in den Sommerferien als Quasi-Volljährige eine Radltour durch Bayern – machten wir in Landshut Station. Wir bekamen mit, dass dort die Burg Trausnitz steht. Wir schlossen uns einer Führung an.
Leider war auch die recht fad. Die Führerin wusste gewiss alles und kannte jedes Staubkorn, aber begeistern konnte sie uns nicht. Sie erinnerte uns vom Aussehen und Duktus an unsere Deutschlehrerin, die ein sehr angenehmer Mensch war, aber einen langweiligen Unterricht machte.
Ein paar Jahre später erlebte ich mit einer Kindergruppe wieder eine Führung dort, die eine anderen Person vornahm, aber ähnlich langweilig war und eine sehr unruhige Gruppe zur Folge hatte.

Spätestens danach war das Thema „Schlösser und Burgen“ für mich durch.
So durch, dass ich sogar um Neuschwanstein – DAS SCHLOSS! – einen großen Bogen machte, als wir vor rund zehn Jahren ein Mitarbeiterwochenende in Hohenschwangau verbrachten.

Die erste wirklich gute Führung erlebte ich vor ca. 20 Jahren in der Burg Stein an der Traun.
Im Rahmen einer 14-tägigen Ferienfreizeit im Chiemgau betreuten wir 40 zehn- bis 12-jährige Kinder und dachten uns, diese Burg könnte etwas für sie sein. Die Lage ist ja ein Traum – Immobilienmakler könnten sie besser nicht erfinden. Wir wurden nicht enttäuscht. Der ältere Herr, der uns durch die dunklen Gemächer führte, erzählte so anschaulich, als hätte er den Raubritter Hainz noch persönlich gekannt. Selbst die coolen 12-Jährigen gaben beeindruckt Ruhe.
Sowohl einige Kinder uns BetreuerInnen beschäftigte die Führung noch einige Tage. Besser geht‘s nicht.

Damit will ich auf den konstruktiven Teil des Textes überleiten.

Das Interesse für Kultur – dazu gehören auch Schlösser und Burgen – wird im Kindesalter geweckt. Kinder fragen einen sofort, was das für ein Gebäude ist, wenn es außergewöhnlich aussieht. Nicht umsonst sind Schlösser und Burgen zentrale Orte in Märchen. Ihnen wohnt ein Mythos bei, den man nur mit anschaulicher Patina anreichern muss, um sie zu begeistern. Natürlich ist es wichtig, dass FührerInnen ein breites Wissen über das, was sie zeigen, haben. Aber es ist unwichtig, das alles in eine einstündige oder längere Führung zu packen.
Kinder bringen Neugier und nicht selten etwas Wissen mit, an das man anknüpfen kann. Man muss sich nur darauf einlassen.

Betet nicht Geschichte herunter, sondern erzählt Geschichten!
Mythen, Geheimnisse, Gruseliges, Lustiges – jedes Schloss und jede Burg bietet Anekdoten, die kindgerecht aufbereitet zum Zuhören einladen.

Stellt zu Beginn der Führung Fragen!
So bekommt Ihr mit, was Kinder wissen und was sie schwerpunktmäßig interessiert.

Lasst Fragen zu und lasst Euch unterbrechen!
Ihr müsste nicht auf alles eine Antwort wissen. Aber sie wollen das Gefühl haben, dass man sie ernst nimmt.

Gebt ihnen Dinge zum Anfassen!
Natürlich ist alles unheimlich wertvoll. Das respektieren Kinder in der Regel auch. Es genügen schon gebackene Kekse nach dem Originalrezept von 1734. Aber wenn sie nur schauen und keinen Mucks geben dürfen, wird es ihnen schnell fad.

Kleidet Euch so, wie man sich damals angezogen hat!
FüherIn in historischen Gemäuern zu sein, bedeutet auch, eine Rolle zu spielen – und erhöht die natürliche Autorität.

Und Jugendlichen muss man im Zweifelsfall erzählen, wie viele (Jung-)Frauen der König, oder wer auch immer dort residiert haben mag, in seinem Schlafgemach flachgelegt hat, um sie bei der Stange zu halten, und nicht die Augen genervt verdrehen, wenn diese in ihren Augen nicht unwesentliche Frage im Raum steht. Die einst Herrschenden waren bekanntlich keine Engel, auch wenn die bereinigte Geschichte das gerne anders darstellen will. Dass das alle, speziell im Barock, rechte Dreckbären waren, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.
Oder man stellt dar – um bei den oben erwähnten Goldtalern zu bleiben – warum Könige und Prinzregenten so viele Goldtaler hatten, die Untertanen jedoch so wenig.

Das Gebäude mag glänzen, die Vergangenheit tat es ihm in der Regel nicht gleich.
Mögen die ausladenden Bauten nicht im Besitz der BesucherInnen sein, so gehören sie doch ihnen, will man nicht verblassten Ruhm als etwas Unvergängliches verkaufen.
Eigentlich lässt es sich vereinfacht mit einem Stichwort zusammenfassen: Partizipation. Es ist nicht Eure Führung, es ist ihre Führung.

Für mich ist die Kutsche abgefahren. Ein Schlösser- und Burgenfan werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das musste ich feststellen, als eine Bekannte mir vor zwei Jahren das Schloss in Münster, das am Rande der Altstadt auch ordentlich Platz und Parkplatz verbraucht, nahe bringen wollte. Ich interessierte mich zu ihrem Leidwesen eher für die Speisekarte in der Cafeteria als für die im Inneren dargebotene Schönheit. Und ich habe einmal zu viel Regionalfernsehen geschaut, als sich schwäbischer Landadel vor prächtiger Kulisse fürstlich bekochte. Royal Wedding in Klein mit Schäufele an Spätzle und Nochirgendwas. (Jetzt habe ich tatsächlich noch die Kurve zum kulinarischen Aufhänger von #SchlossGenuss gekratzt.)

Aber um mich geht es nicht.
Wenn die architektonisch gewiss meisterhaften Gebäude nicht nur ihren Platz auf Postkarten und in Fotoalben behalten sollen, müssen den jungen Menschen ihre Geschichte und Geschichten lebhaft dargestellt werden. Dann klappt‘s auch mit dem Schlossgenuss.
Ansonsten ist es nur die selbstverliebte Verwaltung von Prunk vergangen geglaubter Zeiten.

Nachtrag, 8.5.2018
Wie man es richtig macht, zeigt die Burg Posterstein im Altenburger Land. Dort wurde eine Ausstellung gemeinsam mit Kindern entwickelt. Ergebnis: Die Besucherzahlen stiegen

Links:
Blogparade #SchlossGenuss der Schlösser und Gärten Deutschland
#SchlossGenuss im HKMPodcast von Heinrich Rudolf Bruns
#SchlossGenuss auf Pinterest (von Tanja Praske)
#SchlossGenuss auf Twitter

Le petit enfant

Der Tod von Jeanne Moreau vor über zehn Tagen nahm ich anfangs wahr, aber nicht mehr als andere Nachrichten. Erst als sie das DLF-Kulturmagazin Corso das „Schlusswort“ (ab 23:44) sprechen ließ, wurde ich hellhörig. Das erste Zitat sprach sie nicht, sie sang es! Und – Zack! – wurde ich in meine Kindheit versetzt!

Eine Erweckung nach Jahrzehnten!
Meine frankophile Mutter legte die Platte, auf der das Lied ist, gerne auf, als mein Vater noch lebte, und es im Wohnzimmer noch eine Stereoanlage gab. Ich verstand nix, aber das Lied gefiel mir. Es war wohl der erste Ohrwurm, mit dem ich konfrontiert wurde, ohne zu wissen, was das ist. Anfangs wusste ich nicht mal, in welcher Sprache die Unbekannte sang. Es war irgendein Kauderwelsch. Später wusste ich wenigstens, dass Französisch gesungen wurde, wenn auch weder von Mireille Mathieu noch von Edith Piaf.
Ich vergaß das Lied wieder. Womöglich wurde das Lied im Elternhaus weniger abgespielt, oder es berührte mich nicht mehr – ich weiß es nicht.
In den weiteren 40 Jahren ploppte in sehr unregelmäßigen Abständen der Ohrwurm in mir auf, aber es war nur eine Melodie. Das Unterbewusstsein macht ja ganz gerne Dinge mit einem. Text gab es nicht, denn mein Französisch bewegt sich bis heute auf dem Niveau des Möchtegern-Weltmanns Karl-Heinz Rummenigge. Statt als dritte Fremdsprache Französisch zu lernen, zog ich Russisch vor, um den Fängen meiner Mutter zu entgehen. (Es gelang mir nur bedingt, aber das ist eine andere Geschichte.) Ich bin jedenfalls bis heute beeindruckt, wie sie telefonisch eine Dame oder Herrn in einem Hotel in Neuchâtel wegen einer falschen Reservierung auf Französisch zur Schnecke machte!

Nun also die Erweckung nach Jahrzehnten!
Da ich nicht wusste, was Jeanne Moreau sang, ich meine Mutter aus verschiedenen Gründen nicht fragen konnte (das passt in die oben erwähnte andere Geschichte), musste ich also das Internet (ein Hoch darauf!) bemühen, um herauszufinden, was sie sang. Ich klickte mich durch viele Videos, bis ich sicher war, den richtigen Refrain bzw. das passende Lied gefunden zu haben. Über den Umweg Vanessa Paradis…

Sie sang »Le Tourbillon De La Vie« im Rahmen der Verleihung des Ehren-César an Jeanne Moreau, die davon offenbar ernsthaft beeindruckt war und mitsang. Für mich schloss sich damit ein Kreis, weil ich als Jugendlicher unheimlich in Vannessa Paradis verknallt war, als sie mit dünner Stimme »Joe Le Taxi« besang. (Und später war ich ein wenig eifersüchtig auf Johnny Depp.)
Dass nahezu jede aufstrebende französische Sängerin das Chanson sang, erfuhr ich ich erst durch die Recherche. Aber das sind Fakten, hier geht’s um Erinnerungen und Emotionen!
Aber ich habe den ersten Ohrwurm meines Lebens gefunden! Und ich bin sehr glüklich.

Dass Jeanne Moreau nicht ganz unbedeutend war, war selbst mir Ignoranten nicht ganz entgangen. Aber ich habe mich nie mit ihr beschäftigt und das Interview, das sie dem SZ-Magazin gegeben hat, natürlich erst nach ihrem Tod gelesen. Dass sie DAS Lied in einem Film von François Truffaut, dessen Tod meiner Erinnerung nach am heimischen Küchentisch betrauert wurde, sang, habe ich nun zur Kenntnis genommen.
Ich nehme den Tod von Jeanne Moreau zum Anlass, mich sowohl mit ihrem als auch mit seinem Werk etwas näher zu beschäftigen. Und mit meiner Vergangenheit in den vergangenen 40 Jahren.

»Le Tourbillon De La Vie« im Original und in der Übersetzung

(Bild: bswise/Flickr; vermutlich Screenshot)

Mit anderen Augen durch die Stadt – oder: das Albert-Renger-Patzsch-Virus

Inzwischen sind es über 2500 Photos. Photos, die im Rahmen der Ausstellung „Ruhrgebietslandschaften“ von Albert Renger-Patzsch entstanden sind. Diese sehenswerte und offensichtlich nicht nur mich inspirierende Schau ist noch drei Tage (bis 23.04.2017) in der Pinakothek der Moderne zu sehen.

Park.

Selten hat mich eine Ausstellung so getriggert wie diese Photographien, die man nicht nachstellen kann – schon gar nicht in München. Aber die Ende der 1920er Jahre entstandenen Bilder von Straßenszenen, Landschaften und längst stillgelegten Zechen sind nicht nur wunderbare Zeitdokumente, sondern auch Antrieb, die eigene Umgebung neu auf sich wirken zu lassen.
Ich habe mich schon immer gerne durch die Stadt treiben lassen, um dann stehen zu bleiben, wenn ich etwas Interessantes sehe, bzw. etwas bildlich festhalten will. Aber Die Neue Sachlichkeit hat mir die Augen nochmal neu geöffnet. Und das mit -12 Dioptrien!

Schienen ohne Bahn.

Der nach einer Führung veranstaltete Instawalk durch die Stadt zeigte sehr schnell, wie viele Motive es selbst im schicken München gibt. Das Kreativquartier, das ich mit einigen Anderen ansteuerte, ist nur ein Eck. Dort entstanden unterschiedlichste Bilder.
Andere zog es nach Neuperlach, ins Schlachthofviertel, Werksviertel, zu den ehemaligen Siemenswerken, etc. Alle kamen zufrieden zurück in die Cafeteria der Pinakothek der Moderne zurück, um sich auszutauschen. An diesem sonnigen Samstag im März kamen schon rund 400 Bilder zusammen.
In Leverkusen, Duisburg und Wesseling bei Bei Bonn fanden nahezu parallel auch Instawalks statt.

Baugerümpel.

Die Photos von Renger-Patzsch ließen mich nicht los, bemerkte ich recht schnell. In den darauf folgenden Tagen und Wochen bis heute fand ich viele Motive, die meine Lust am Photographieren neu erweckten. Ich erschloss mir Ecken, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt hatte (Blumenau, Obersendling), und andere aufs Neue.
Die Befürchtung, nur während der grauen Märztage mit noch kahlen Bäumen, Inspiration zu finden, bewahrheitete sich nicht.

Kahl.

Zwischenräume tun sich in München zur Genüge auf. Man muss sie gar nicht lange suchen. Die eine oder andere Baulücke, hinter der sich prächtige Motive auftun, gibt es selbst in zentraler Lage. Irgendwo ragt immer ein Kran in den blauen oder trüben Himmel. Eine Straßenlaterne, die sich ins Bild krümmt, gibt es fast überall. Es ist eine Frage des Blickwinkels. Der Mut zum Zeit verzögernden Umweg ist dabei hilfreich. Nur mit dem Waschaufhang im öffentlichen Straßenbild wird‘s schwierig. Allerdings dürfte das eher an gewöhnlich gewordenen Trocknern als an fehlenden Leinen liegen.
Am besten kann ich das, wenn ich durch die Stadt gehe. Sitze ich in der Trambahn (und das mache ich bekanntlich gerne), rauschen mögliche Motive zu schnell an mir vorbei; auf dem Radl bin ich zu sehr mit meinem verkehrlichen Umfeld beschäftigt, als dass ich mich auf potentielle Bilder kaprizieren könnte.

Tor zur Stadt

Vier Wochen nach dem Instawalk fand eine Podiumsdiskussion mit Antje Lange (Leiterin Online-Kommunikation der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, Anke von Heyl (Herbergsmütter), Helena Grebe (Photographiestudentin Folkwang Universität der Künste) und Christian Gries (Kulturkonsorten) unter der Leitung der Kuratorin Dr. Simone Förster statt, die sich mit u.a. mit der Nachhaltigkeit von Ausstellungen und dieser im speziellen beschäftigte. Einig waren sich die TeilnehmerInnen, dass Kunst auch im digitalen Raum stattfinden muss. Die in den Museen gezeigten Originale verlieren nichts, solange die Technik sie nicht zerstört. Die Nachhaltigkeit ist über den Hashtag StadtLandBild auf Instagram gegeben. Die Akzeptanz und Vermittlung neuer Kulturtechniken ist wichtig, um neue BesucherInnen zu gewinnen.

Ödnis seit 1991.

Im Publikum zeigte man sich begeistert über Weiterführung der Ausstellung im Netz. Kontakte zu anderen BesucherInnen sind durch die Teilnahme am Instawalk entstanden. Der Wunsch, ähnliche Aktionen auch während anderer Ausstellungen zu ermöglichen, wurde mehrfach geäußert. („Wie sähe so etwas zu den Blauen Reitern aus?“)

St. Jakob

Es war mir ein großes Vergnügen und eine faszinierende Inspiration. Ich werde wohl noch einige Zeit mit dem Renger-Patzsch-Virus durch die Stadt gehen und photographieren.
Vielen Dank an die Kulurtkonsorten, Herbergsmütter sowie an Antje Lange, Anna Volz, Dr. Simone Förster von den Pinakotheken sowie die Kulturstiftung der Stadtsparkasse München für die Ausstellung, Inspiration, Speis und Trank!

Zum Schockraum.

Bilder:
#StadtLandBild auf Instagram
#StadtLandMuc auf Instagram
#StadtLandLev, #StadtLandDuis
Meine Bilder auf Instagram und flickr

Weiterführende Links:
Albert Renger-Patzsch: „Ruhrgebietslandschaften“ (Pinakothek der Moderne)
StadtLandBild (Pinakothek der Moderne)
StadtLandBild – Almanach nach des Zwischenraums (Kulturkonsorten)
Storify der Kulturkonsorten zum Instawalk
BR24/Rundschau zum Instawalk
Die Herbergsmütter zu StadtLandBild
Antje Lange über die Nachhaltigkeit von Social Media-Aktivitäten im Kulturbetrieb anhand von #StadtLandBild

West-Berlin in Alt-Schwabing

Fil sprach, las und sang im Vereinsheim

Wenn ich etwas zuerst mit West-Berlin assoziiere, sind es der ZOB und Umgebung in Charlottenburg, die eine Huldigung an die 60er und 70er Jahre in Beton sind. Es gibt kaum etwas Greisligeres, aber Beton hat eine Anziehungskraft auf mich, die ich durchaus Erotik nennen möchte. Das Märkische Viertel scheint noch eine Stufe extremer zu sein, wenn man den Ausführungen Fils glauben darf. Er vergleicht es mit Neuperlach; ich kann es nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass Neuperlach besser als sein Ruf ist.

Im Gegensatz zum in West-Berlin aufgewachsenen Stefan, den ich gestern Abend begleiten durfte, kann ich so gar nichts beurteilen, was Fil über seine Kindheit und Jugend umgeben von der Mauer schreibt. Das ist jedoch so was von egal, weil persönliche Erinnerungen nicht plausibel, sondern interessant sein sollen. Idealerweise sind sie auch lustig, was für Fils Art zu schreiben uneingeschränkt gilt.
Da zwischen Betonbunkern außer „Pikern“ und Hagebuttensträuchern nichts blüht, ist die Sprache sehr direkt. Das überrascht nicht, wenn das Buch „Pullern im Stehn“ heißt. Es ist die Berliner Art, auch Schnauze genannt, mit der man konfrontiert wird. Wer es blumig mag, soll die Buddenbrooks lesen.
Diese Lesung ist nichts für distinguierte Herren im Kaschmirpullover, die sich von der Hochkultur in der Maximilianstraße in die Abgründe der Kleinkunst Alt-Schwabings hinab begaben, weil man ja die abseitige Kultur auch mal unterstützen muss. Ich musste jedenfalls häufig sehr laut lachen, was diese Herren, die direkt vor uns saßen, erzürnte. Stefan war dann so freundlich, ihnen seine Meinung zu sagen. Auf Berlinerisch, vermute ich. Danach war Ruhe.

In einigen Beschreibungen erkannte ich meine Jugend wieder. Fil, laut Buch sechs Jahre älter als ich, las über Punks, Öko-Mädchen, misslungene Bocksprünge, Samenergüsse und anderes. Das alles war mir nicht fremd. Dass ich Punks und Öko-Mädchen (Henna! Docs!) trotz der in dem Alter sehr groß erscheinenden sechs Jahre so erlebte, erkläre ich mir damit, dass viele Wellen München erst spät erreichten und immer noch erreichen.

Wenn Sie klare und humorvolle Sprache, die sich mit Selbstironie vereint, mögen und Beton nicht vollkommen abgeneigt sind, sollten sie es nicht versäumen, wenn Fil in Ihrer Stadt aus seinem Buch liest. Dazu erzählt er viel und singt natürlich.
Und Fil signiert seine Bücher auch mit „Für Mausi“. Der Mann hat wirklich Humor!

Und ich muss wieder nach Berlin. Dringend!

Moral, Mond, Lücke

Gedanken nach dem Tod von Dieter Hildebrandt

 
Den passenden Zeitpunkt für den Abgang gibt es nicht. Irgendwas liegt immer noch rum, das erledigt werden muss. Und wenn es nur eine Große Koalition mit beängstigend historischer Mehrheit ist.
Dieter Hildebrandt hätte auch dafür notwendige wie angemessene Worte gefunden.

Sein Werk und sein Wirken wurden in in den letzten Tagen zurecht gewürdigt. Als kritischer Beobachter und bissiger Kommentator des politischen Geschehens wird er am meisten fehlen. Mit ihm verstummte eine der wichtigsten Stimmen Nachkriegsdeutschlands für immer. Wir müssen damit umgehen, und wir werden damit umgehen. Daß mit ihm auch ein Stück Moral gegangen ist – ja nun.
An welcher Stelle die rangiert, hat er einst mit Hanns Dieter Hüsch besprochen.

Nachdem sich 2001 wieder einmal ein Ensemble der Münchner Lach- und Schießgesellschaft aufgelöst hatte, und „der Laden“ vor einer ungewissen Zukunft stand, legte Hildebrandt auf Anraten Bruno Jonas‘ die Bühne in die Hände von Till Hofmann. Als Betreiber des Lustpielhauses gelang es dem unruhigen Niederbayern, Alt-Schwabing als Künstlerviertel langsam wiederzubeleben, nachdem dort jahrelang nur Absturzkneipen für Durstige aus den Umlandgemeinden die Feiltzsch- und angrenzenden Straßen zu einer Bannmeile für kulturell Interessierte umwandelten. Inzwischen steht das Karree zwischen Münchner Freiheit und Englischem Garten mit Lustpielhaus, Lach- und Schießgesellschaft, Vereinsheim und dem Heppel & Ettlich im Drugstore wieder besser da. Sogar für die Schwabinger 7 konnte, dank vehementen Protests engagierter Künstlerinnen und Künstler, ein neuer Raum gefunden werden.

Vor Cindy aus Marzahn und Mario Barth konnte Hildebrandt uns nicht bewahren, aber er konnte sich nicht um alles kümmern. Dafür gab er jungen Kabarettistinnen und Kabarettisten regelmäßig eine in der Öffentlichkeit wahrgenommene Bühne. Sein Scheibenwischer war eine Talentschmiede wie die von ihm geliebten Münchner Löwen. Daß es im Fernsehen wieder (oder immer noch) Kabarett gibt, ist sein großer Verdienst.
Daß seine künstlerischen Nachfahren im Neuland, das für wesentlich Jüngere einem Störsender gleicht, zu sehen sind, ist ihm auch zu verdanken. Denn es ist nicht garantiert, daß der Satz von Gerhard Polt „Den Hildebrandt bringen’s immer wieder im Fernsehen“ auch in Zukunft gilt.

Der Mond ist untergegangen. Zum Glück geht er wieder auf.

Die Lücke, die Dieter Hildebrandt hinterlassen hat, ist groß. Er hat dafür gesorgt, daß sie nicht zum Vakuum wird.

Wer sich einen Überblick über sein Schaffen in Bildern machen will, kann das diese Woche in seiner künstlerischen Heimat Schwabing tun.

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„Dieter Hildebrandt – Ein Abschied in Bildern“
Galerie Truk Tschechtarow, Haimhauserstraße 16я (nahe Münchner Freiheit)
Dienstag – Sonntag, jeweils von 15 – 20 Uhr (nur diese Woche)