#IMT18 (1): #renovateHDK

Dass ich heuer erstmals vom Internationalen Museumstag erfahren habe, spricht nicht für mich. Denn für Menschen wie mich, die für Kultur so gut wie kein Geld abknapsen können, ist dieser Tag eine sehr gute Gelegenheit, in die mannigfaltige Museumswelt der Stadt einzutauchen. Davon habe ich am vergangenen Sonntag Gebrauch gemacht, ohne es in eine Rallye ausarten zu lassen.

Nach einer kleiner Umfrage gibt es drei Texte.

#renovateHDK

Kaum ein Museum hat eine dunklere Geschichte als das Haus der Kunst. Kuratorin und Archivarin Sabine Brantl ging beim Instawalk #renovateHDK auf die Geschichte des Hauses, die bis heute sowohl das Museum als auch die Stadt und ihre Bevölkerung beschäftigt, ein.

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Das als Haus der Deutschen Kunst errichte Gebäude war eines der wichtigsten Bauprojekte von Adolf Hitler. Die namhafte Spender – das Who Is Who der schnell entnazifizierten Rüstungsindustrie – erfüllten ihrem Führer seinen Lieblingswunsch.

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Geplant wurde der Bau wurde von Paul Ludwig Troost. Nach seinem Tod wurden die Pläne, vermutlich von Hitler persönlich, noch einmal geändert.

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Von Anfang an war ein Luftschutzkeller, die ab 1933 verpflichtend für alle neu zu bauenden öffentlichen Gebäude waren, enthalten. Das Haus der Deutschen Kunst war „bis zuletzt“ geöffnet.

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Bereits Mitte 1933 wurden „Luftschutzwerbetage“ durchgeführt. Indem kleine Sandsäcke über der Stadt abgeschmissen wurden, wurde die Bevölkerung schon früh auf den nächsten Krieg vorbereitet.
Der Luftschutzraum dient heute als Raum für die Sammlung Götz.

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Der Heizungskeller galt selbstredend als der modernste seiner Art.

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Natürlich wurde das Haus der Deutschen Kunst 1937 mit einer „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eröffnet. Die Femeschau „Entartete Kunst“ wurde im benachbarten Hofgarten vorgeführt.

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Nach dem Krieg wurde das Haus der Kunst, das nicht zerstört wurde, sehr schnell wieder eröffnet. Man zeigte zeigte Gemälde anfangs aus den Sammlungen anderer, zerstörter Museen in München, u.a. eine Retrospektive der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“.

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Pläne aus den 60er Jahren sahen Überlegungen vor, die prägenden Säulen des Neoklassizismus zu entfernen.
Die Auseinandersetzung mit mit den braunen Wurzeln sollte erst viel später einsetzen und beschäftigt nicht nur den für die Sanierung des Haus der Kunst verantwortlichen Architekten David Chipperfield.

Ich könnte jetzt noch erzählen, dass das P1 früher ein einfaches „Bierstüberl“ war, und die Amerikaner in der Haupthalle Basketball spielten.
Aber ich möchte mich mit diesem Abriss bescheiden.

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Zum Abschluss gibt es einen Ausblick vom Dach des Haus der Kunst.
Vielen Dank für die Einladung und sie sehr informative Führung!

Fortsetzung folgt.

Links:
Chronik Haus der Kunst
#renovateHDK auf Instagram
#renovateHDK auf Twitter

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Lalique only in der Maxvorstadt

Vor 20 Jahren arbeitete ich als Aushilfe in einem Antiquariat, das regelmäßig Auktionen veranstaltete. Während meiner Tätigkeit wurden Zeichnungen, Bücher, Exlibris, Textilien und Photographien an drei Tagen versteigert. Speziell bei den zum Teil namhaften Photos (u.a. von Heinrich Hoffmann) waren sich sehr wichtig fühlende B-Prominente zugegen. Für mich als damaligen Mittzwanziger war es trotz Interesse an Kunst eine eigene Welt, in der ich mich nicht wohlfühlte. Aber der Job war gut bezahlt.
Dass ich aus eigenem Antrieb noch einmal ein Auktionsbesuch besuchen würde, war nicht vorgesehen. Und überhaupt nicht vorgesehen war, dass ich mir freiwillig Vasen und Schmuck anschaue. Aber das Netzwerk Kulturkonsorten, über das ich indirekt darauf aufmerksam wurde, ist offen, deshalb schadet es nicht, wenn ich das zum Vorbild nehme. Dazu gehört jedoch auch, dass sich das Auktionshaus Quittenbaum der Digitalisierung nicht verschließt, sondern netzaffinen Kunstinteressierten öffnet.

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Vase/Tischleuchte „Bacchantes“, 1927 (Bild: Quittenbaum Auktionen)

So gab es am vergangenen Freitag unter dem Motto #laliqueonly eine Veranstaltung, die sich nicht nur an dem Haus bekannte SammlerInnen richtete. Sie diente als Vorgeschmack auf die morgige Auktion der Stücke aus der Glasmanufaktur von René Lalique und seiner Nachfahren. Nach einem kurzen und informativen Vortrag über das Wirken Laliques durften wir die Exponate in Augenschein und in die Hand nehmen.

Nun ist mein Zugang zu Vasen ein eher pragmatischer. Schmücken Blumen meine vier Wände, stehen sie zumeist in einem Weißbierglas oder kleinerem Trinkgefäß. Aber was Lalique – wohl ein Hochbegabter, wurde er doch schon als 12-Jähriger in die künstlerische Obhut einer Zeichenschule gegeben – aus Glas und zuvor an Schmuck kreierte, ist wirklich sehr schön anzuschauen. In den richtigen Ecken aufgestellt geben die Lampen ein wunderschönes Licht. Ein Hauch von Dekadenz wohnt seinen einstigen Auftraggebern bei, wenn Autohersteller Kühlerfiguren anfertigen ließen. Aber gut, jeder, wie er mag. Ein Kunsthandwerk, das Jugendstil und Art Déco ins schöne Licht rückt, das ich anerkennen kann.

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Brosche „Deux Figurines Et Masque“, 1912 (Bild: Quittenbaum)

Mir gefällt der Weg, den Quittenbaum Auktionen geht, sehr gut. Der Markt für Auktionen ist gewiss begehrt und umkämpft. Neue Pfade zu gehen, ohne seine Kernklientel zu vernachlässigen, erscheint mir als probates Mittel, um seinen Interessentenkreis zu erweitern. Die Offenheit des Inhabers und seiner MitarbeiterInnen tut ihr übriges.

Im Juni wird bei Quittenbaum Design der 1960er Jahre versteigert. Dort werde ich gerne wieder vorbeischauen, wenngleich ich mir davon auch nichts leisten kann.

Links:
Quittenbaum Auktionen
Glasmanufaktur Lalique
Musée Lalique
René Lalique auf Wikipedia

Verschlossen

Ein fast zum Rant verkommender Beitrag für die Blogparade #SchlossGenuss

Wächst man in München auf, ist der Weg zu Schlösser und Burgen nicht weit. Im Land des Mythen behafteten Märchen-Kinis stehen genügend rum; es gibt kaum eine Bahnstrecke, an der man nicht an einem dieser Prachtbauten vorbeifährt. Dennoch mache ich einen großen Bogen um sie und photographiere sie höchstens aus der Ferne.

Natürlich werden einem die architektonischen Zeitzeugen der blühenden Vergangenheit unserer Vorfahren speziell zu Ausflügen während der Schulzeit gezeigt. Jedoch wurde uns das Wissen mit der pädagogischen Brechstange vermittelt.

Als wir im Schloß Nymphenburg waren, hielt es der Lehrkörper – ich weiß zu ihrem oder seinem Glück nicht einmal mehr, wer es war – notwendig, uns die Porzellansammlung in aller Ausführlichkeit zu zeigen. DIE PORZELLANSAMMLUNG! Die ist gewiss atemberaubend, einmalig und von hinreißender Schönheit – aber sie interessiert Zehnjährige so brennend wie Endmoränen. Natürlich waren wir sehr unruhig, was wiederum die Lehrkraft erboste, die hinterher irgendwas von „Wenn Ihr Euch nicht benehmen könnt, können wir solche Ausflüge nicht mehr machen“ faselte.
Ähnlich verhielt es sich in der Residenz. Was wurde uns detailliert vorgeführt? DIE MÜNZSAMMLUNG! Jungen Menschen ist es ziemlich egal, mit welchen Goldtalern, wovon die Plebs eh zu wenig hatte, Könige und Prinzregenten bezahlen ließen.

Es kommt erschwerend hinzu, dass diese wertvollen Stücke, ob Porzellan oder Münzen, aus nachvollziehbaren Gründen in Glasvitrinen liegen, was die Anschaulichkeit jedoch nicht erhöht. Das hat zur Folge, dass sie für BesucherInnen im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar sind. Im übertragenen Sinne gilt das leider für das gesamte Ensemble.
Es bleibt einem verschlossen.

Einige Jahre später – wir unternahmen in den Sommerferien als Quasi-Volljährige eine Radltour durch Bayern – machten wir in Landshut Station. Wir bekamen mit, dass dort die Burg Trausnitz steht. Wir schlossen uns einer Führung an.
Leider war auch die recht fad. Die Führerin wusste gewiss alles und kannte jedes Staubkorn, aber begeistern konnte sie uns nicht. Sie erinnerte uns vom Aussehen und Duktus an unsere Deutschlehrerin, die ein sehr angenehmer Mensch war, aber einen langweiligen Unterricht machte.
Ein paar Jahre später erlebte ich mit einer Kindergruppe wieder eine Führung dort, die eine anderen Person vornahm, aber ähnlich langweilig war und eine sehr unruhige Gruppe zur Folge hatte.

Spätestens danach war das Thema „Schlösser und Burgen“ für mich durch.
So durch, dass ich sogar um Neuschwanstein – DAS SCHLOSS! – einen großen Bogen machte, als wir vor rund zehn Jahren ein Mitarbeiterwochenende in Hohenschwangau verbrachten.

Die erste wirklich gute Führung erlebte ich vor ca. 20 Jahren in der Burg Stein an der Traun.
Im Rahmen einer 14-tägigen Ferienfreizeit im Chiemgau betreuten wir 40 zehn- bis 12-jährige Kinder und dachten uns, diese Burg könnte etwas für sie sein. Die Lage ist ja ein Traum – Immobilienmakler könnten sie besser nicht erfinden. Wir wurden nicht enttäuscht. Der ältere Herr, der uns durch die dunklen Gemächer führte, erzählte so anschaulich, als hätte er den Raubritter Hainz noch persönlich gekannt. Selbst die coolen 12-Jährigen gaben beeindruckt Ruhe.
Sowohl einige Kinder uns BetreuerInnen beschäftigte die Führung noch einige Tage. Besser geht‘s nicht.

Damit will ich auf den konstruktiven Teil des Textes überleiten.

Das Interesse für Kultur – dazu gehören auch Schlösser und Burgen – wird im Kindesalter geweckt. Kinder fragen einen sofort, was das für ein Gebäude ist, wenn es außergewöhnlich aussieht. Nicht umsonst sind Schlösser und Burgen zentrale Orte in Märchen. Ihnen wohnt ein Mythos bei, den man nur mit anschaulicher Patina anreichern muss, um sie zu begeistern. Natürlich ist es wichtig, dass FührerInnen ein breites Wissen über das, was sie zeigen, haben. Aber es ist unwichtig, das alles in eine einstündige oder längere Führung zu packen.
Kinder bringen Neugier und nicht selten etwas Wissen mit, an das man anknüpfen kann. Man muss sich nur darauf einlassen.

Betet nicht Geschichte herunter, sondern erzählt Geschichten!
Mythen, Geheimnisse, Gruseliges, Lustiges – jedes Schloss und jede Burg bietet Anekdoten, die kindgerecht aufbereitet zum Zuhören einladen.

Stellt zu Beginn der Führung Fragen!
So bekommt Ihr mit, was Kinder wissen und was sie schwerpunktmäßig interessiert.

Lasst Fragen zu und lasst Euch unterbrechen!
Ihr müsste nicht auf alles eine Antwort wissen. Aber sie wollen das Gefühl haben, dass man sie ernst nimmt.

Gebt ihnen Dinge zum Anfassen!
Natürlich ist alles unheimlich wertvoll. Das respektieren Kinder in der Regel auch. Es genügen schon gebackene Kekse nach dem Originalrezept von 1734. Aber wenn sie nur schauen und keinen Mucks geben dürfen, wird es ihnen schnell fad.

Kleidet Euch so, wie man sich damals angezogen hat!
FüherIn in historischen Gemäuern zu sein, bedeutet auch, eine Rolle zu spielen – und erhöht die natürliche Autorität.

Und Jugendlichen muss man im Zweifelsfall erzählen, wie viele (Jung-)Frauen der König, oder wer auch immer dort residiert haben mag, in seinem Schlafgemach flachgelegt hat, um sie bei der Stange zu halten, und nicht die Augen genervt verdrehen, wenn diese in ihren Augen nicht unwesentliche Frage im Raum steht. Die einst Herrschenden waren bekanntlich keine Engel, auch wenn die bereinigte Geschichte das gerne anders darstellen will. Dass das alle, speziell im Barock, rechte Dreckbären waren, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.
Oder man stellt dar – um bei den oben erwähnten Goldtalern zu bleiben – warum Könige und Prinzregenten so viele Goldtaler hatten, die Untertanen jedoch so wenig.

Das Gebäude mag glänzen, die Vergangenheit tat es ihm in der Regel nicht gleich.
Mögen die ausladenden Bauten nicht im Besitz der BesucherInnen sein, so gehören sie doch ihnen, will man nicht verblassten Ruhm als etwas Unvergängliches verkaufen.
Eigentlich lässt es sich vereinfacht mit einem Stichwort zusammenfassen: Partizipation. Es ist nicht Eure Führung, es ist ihre Führung.

Für mich ist die Kutsche abgefahren. Ein Schlösser- und Burgenfan werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das musste ich feststellen, als eine Bekannte mir vor zwei Jahren das Schloss in Münster, das am Rande der Altstadt auch ordentlich Platz und Parkplatz verbraucht, nahe bringen wollte. Ich interessierte mich zu ihrem Leidwesen eher für die Speisekarte in der Cafeteria als für die im Inneren dargebotene Schönheit. Und ich habe einmal zu viel Regionalfernsehen geschaut, als sich schwäbischer Landadel vor prächtiger Kulisse fürstlich bekochte. Royal Wedding in Klein mit Schäufele an Spätzle und Nochirgendwas. (Jetzt habe ich tatsächlich noch die Kurve zum kulinarischen Aufhänger von #SchlossGenuss gekratzt.)

Aber um mich geht es nicht.
Wenn die architektonisch gewiss meisterhaften Gebäude nicht nur ihren Platz auf Postkarten und in Fotoalben behalten sollen, müssen den jungen Menschen ihre Geschichte und Geschichten lebhaft dargestellt werden. Dann klappt‘s auch mit dem Schlossgenuss.
Ansonsten ist es nur die selbstverliebte Verwaltung von Prunk vergangen geglaubter Zeiten.

Nachtrag, 8.5.2018
Wie man es richtig macht, zeigt die Burg Posterstein im Altenburger Land. Dort wurde eine Ausstellung gemeinsam mit Kindern entwickelt. Ergebnis: Die Besucherzahlen stiegen

Links:
Blogparade #SchlossGenuss der Schlösser und Gärten Deutschland
#SchlossGenuss im HKMPodcast von Heinrich Rudolf Bruns
#SchlossGenuss auf Pinterest (von Tanja Praske)
#SchlossGenuss auf Twitter

Endstigmatisierung

Persönliche Gedanken zum Bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz

Ich habe den Text am 24.04.2018 um eine Passage erweitert. Die Linkliste am Schluss wird laufend aktualisiert.

Als Anfang der Woche öffentlich wurde, dass das in erster Lesung verabschiedete Bayerische Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (BayPsychKHG) vor allem eine Datenbank für die Polizei ist, schrieb auf Twitter jemand, dass das Gesetz der Endstigmatisierung diene. Gemeint war Entstigmatisierung, aber die Argumentation unterstützte eher die Haltung der Staatsregierung. Dennoch trifft dieser Verschreiber den Nagel ungewollt auf den Kopf.

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Aus der Sicht eines Betroffenen möchte ich darstellen, was das Gesetz für Folgen haben kann, wenn die Stigmatisierung wichtiger ist als die notwendige Hilfe. Daran ändert auch die Aussage Söders, man wolle es etwas entschärfen, nichts.

Als ich vor sieben Jahren in der Geschlossenen der Psychiatrie landete, geschah das nicht ganz freiwillig. Es war an einem Freitag Nachmittag, als der Sozialpsychiatrische Dienst, nachdem er von KollegInnen alarmiert worden war, mit der Feuerwehr vor der Tür stand. Hätte ich nicht aufgemacht, hätte die Feuerwehr die Tür eingetreten. (Hätte ich durch den Küchenbalkon nicht gesehen, dass es so ernst ist, hätte ich wohl auch nicht aufgemacht.) Nach einem längerem Gespräch mit den wirklich empathischen Menschen vom Sozialpsychiatrischen Dienst ließ ich mich überzeugen, in die Psychiatrie zu gehen. Gezwungen wurde ich nicht. Ich weiß nicht, ob sie die Polizei gerufen hätten, wäre das Gespräch anders verlaufen; angedroht wurde es mir nicht.

Zum Wochenende bekommt als Notfall man nicht die Wunschstation zugeschrieben – man landet erst einmal in der Geschlossenen. Mit 5er-Ausgang. Das bedeutet, dass man nicht mal ohne Begleitung der Pflegenden in den Garten der Klinik darf.
Es folgte eine grauenhafte Nacht mit vier Mitpatienten, alle laute Schnarcher, auf einem Zimmer und maximal einer Stunde Schlaf. Wenigstens war einer der nachtdiensthabenden Pfleger sehr freundlich zu mir und ließ mich im Raucherkammerl rauchen, wenn ich das Bedürfnis hatte.
Nach dem Frühstück saß ich einem mindestens sechsköpfigen Gremium gegenüber, dass mir beschied, dass ich hier zu bleiben habe. Nicht mal persönliche Sachen ließ man mich holen. Dem sanften Aufbegehren, ich könne auch gehen und nicht wiederkommen, entgegnete man mir deutlich, man könne mich auch mit einem richterlichen Beschluss zwingen, auf der Station zu bleiben. Die Aktenlage war ein kurzes Aufnahmegespräch am Abend zuvor. Die Ausgangsregel wurde natürlich nicht gelockert; das Ansetzen von heftigen Medikamenten (Tavor!) konnte ich gerade noch verhindern. Ich hatte durch meine damalige Tätigkeit in der Behindertenhilfe zu viele Kenntnisse über Wirkungen und Nebenwirkungen. (Damit macht man sich in diesem Umfeld auch nicht unbedingt Freunde.)
Nach der Visite überließ man mich mir.
Es gab auch genügend zu verarbeiten. Unter anderem beängstigend krank aussehende MitpatientInnen: Aonorexie, Bipolare Störung, Depression, Demenz, Medikamentenentzug, Psychosen – die Geschlossene kam mir als als Sammelbecken für alle irgendwie psychiatrisch Gestrandete, mit denen man wenig anfangen kann, und die auch miteinander wenig anfangen können, vor. Zur Ruhe kam ich nicht, weil immer irgendwas ist. Weshalb die PflegerInnen auch nicht Zeit für Einzelne haben, wenn sie sich nicht gerade auffällig verhalten. Das wollte ich nun gar nicht. Es gelang mir. Wenigstens gab es die Süddeutsche Zeitung, abends Fernsehen und ein paar MitpatientInnen, mit denen ich mich unterhalten konnte (und die mir die wichtigsten Überlebenstricks verrieten).
Das erste intensivere Einzelgespräch mit einer Pschyiaterin hatte ich nach der vierten Nacht. Dort wurde auch mein Ausgang so gelockert, dass sich sogar alleine das Gelände verlassen durfte. Weil auf den offenen Stationen Plätze Mangelware waren, dauerte es schließlich vier Wochen, bis ich dort einen Platz bekam.

Hätte ich gewusst, was mich in den ersten Tagen dort erwartet, hätte ich mich nicht eingewiesen. Das ändert nichts daran, dass die Behandlung meiner Depression nötig war, aber diese Parameter fördern Rückzug.

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Perspektivwechsel.

Genauso unschön ist es, wenn man in die Situation gerät, zum letzten Mittel zu greifen, weil man eine Person nicht mehr erreicht, die kurz zuvor von Suizid sprach.
Mit Anderen im Rücken habe ich folglich die Polizei gerufen. An sich ist das eh schon ein übergriffiges Verhalten, das jedoch nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit ist. Und das Gefühl, nicht oder zu spät gehandelt zu haben, möchte auch nicht mit mir herumtragen. Egal, wie man es macht: Es geht einem nicht gut damit.
Wenn zukünftig die Konsequenz aus der entfernten, indirekten Hilfe ist, dass die hilfebedürftige Person nicht nur in der Psychiatrie, sondern auch noch in der Datenbank der Polizei landet, ist das auch für um Unterstützung Bittende aus dem engeren Umfeld des Erkrankten ziemlich übel. Wenn ich Jemandem nicht direkt helfen kann, möchte ihn zumindest nicht kriminalisieren, wenn ich zum Äußersten greife. Ich könnte nicht damit leben, jemand mir Nahestehenden auf diese Art zu bestrafen.

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Das BayPsychKHG, das quasi parallel zum Polizeiaufgabengesetz eingeführt werden soll, macht mir Angst. Es scheint eher im Innenministerium als im Sozialministerium entstanden zu sein, wenn die Kriminalisierung und Stigmatisierung von psychisch Kranken derart im Vordergrund steht. Gerade Depressive ziehen sich zurück. Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich kenne die Krankheit zu lange.
Es animiert mich nicht, mich, wenn es wieder ganz ernst werden sollte, in irgendeiner Form zu öffnen. Es fällt mir jetzt schon schwer genug.

Psychisch kranke Menschen brauchen Hilfe, Raum und ausreichend Personal, das sich um sie kümmert, wenn sie in einer Einrichtung sind. Die Zustände in den geschlossenen Abteilungen sind nun nicht so, dass man dort schnell Vertrauen fasst und sich in irgendeiner Weise wohlfühlt.
Wer psychisch krank ist, ist vielleicht nicht normal, aber bestimmt nicht kriminell!

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Nachtrag, 24.04.2018

Es sind ein paar Tage und ein intensives Wochenende, die mich sehr gut vom Psychiatriegesetz abgelenkt haben, vergangen.
Das lindert meine Wut, die mir die Tränen in die Augen treibt, nicht im geringsten. Im Gegenteil: mit jedem Tag wird sie größer. Das BayPsychKHG ist für mich ein Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten. Es kann und darf nicht sein, dass man „näher am Menschen“ ist, wenn man bestimmte Gruppen, die sich ihre Krankheit nicht aussuchen, schlicht und ergreifend stigmatisiert, kriminalisiert und ausschließt. Das ist mehr 1933 als 2018. Was kommt als nächstes? Zwangssterilisation von psychisch Kranken?

„Ich habe den großen Luxus, dass in diesem Kabinett, mit Winfried Bausback als Justizminister und mit Innenminister Joachim Herrmann, zwei sitzen, die das Herz am rechten Fleck haben.“

Dieser Satz von Kerstin Schreyer beruhigt mich keineswegs. Ich bin geneigt, diese Aussage doppeldeutig zu verstehen. Den Eindruck, dass Sozialministerin Schreyer (die das Gesetz von ihrer Vorgängerin Emilia Müller „geerbt“ hat), Gesundheitsministerin Huml, Justizminister Bausback, Innenminister Herrmann und Ministepräsident Söder verstanden haben, was sie mit diesem Gesetz anrichten, habe ich nicht.

Es gilt, was Frau Donnerhall sagt:

„Aber das Hirn, DAS HIRN wäre wichtig.“

Es ist wichtig, dass der Widerstand weiter wächst. Vielleicht bekommen so die Sachverständigen aus Psychologie und Psychiatrie, die gehört wurden und werden, bei der Änderung den notwendigen Einfluss, dass das BayPsychKHG wirklich eine Hilfe für die Erkrankten und ihre Umfelder sind und seinen Namen zurecht trägt.
Als letzte Hoffnung bleiben die die Verfassungen schützenden Organe.

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die meinen Beitrag wohlwollend aufgefasst und geteilt haben. Normalerweise stehe ich nicht auf Dauerpromotion meiner Texte. Aber dieser ist mir sehr wichtig; auch weil ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Es sind so viele Menschen von diesem unmenschlichen Machwerk betroffen sind!
Das BayPsychKHG und auch das Polizeiaufgabengesetz, das in die gleiche Kerbe schlägt, müssen unter allen Umständen verhindert werden!

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Links (Liste wird aktualisiert):

Onlinepetition gegen das Psychiatriegesetz

Heinrich Rudolf Bruns: Danke, Staatsregierung!
Interview mit Andreas Ernst, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité
Veronika Wawatschek: Das geplante Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (für das „Notizbuch“ auf Bayern 2)
Samuel Thoma: „„Der Plan ist lebensgefährlich“ (in der taz)
Sebastian Eder: „Furchtbar, erschütternd, angsteinflößend“ (in der FAZ)

Informationen des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales zum BayPsychKHG

#ConstructKlee

„Paul Klee. Konstruktion des Geheimnisses“in der Pinakothek der Moderne

Man kann es sich sehr einfach machen, will man eine Klee-Ausstellung konzipieren Ansätze gibt es dank seines mannigfaltigen Œvres und seiner Aufzeichnungen genügend. In Zeiten rückläufiger Zuschauerzahlen muss man den BesucherInnen jedoch mehr bieten als nur eine Werkschau.

Kurator Oliver Kase und seine gestaltenden KollegInnen ist es gelungen, die Werke in einen Kontext, der seine Zeit im Bauhaus als Schwerpunkt hat, zu setzen und ein in räumliches Umfeld zu betten, dass die Ausstellung „Konstruktion des Geheimnisses“ zu einem Genuss macht. Die Gestaltung greift Klees Prozess mit Farben und Formen auf, so dass alleine schon jeder der zehn Räume sehenswert ist. Seine komplexen, geheimnisvollen Gedankengänge, die sich in verschiedene Phasen seines Schaffens wiederholen, ohne eine pure Reproduktion zu sein werden gegenübergestellt. Dabei erheben sie nicht den Anspruch, sie auflösen zu können. Es ist eben eine Konstruktion. Es ist lohnenswert, sich die Zeit zu nehmen, auf und mit welchen Materialien er gearbeitet hat. Es lassen sich Zusammenhänge erstellen. Die Ausstellung gewährt einen tiefen Einblick in Klees Wirken beim Bauhaus und dessen subtiler Kritik an der Entwicklung. Seine Mitmenschen haben vermutlich kein einfaches Auskommen mit ihm gehabt.
Ich habe selten eine ästhetischere und in Details verliebtere Ausstellung gesehen.

Begleitend zur Konstruktion des Geheimnisses gibt es die App #ConstructKlee, die typische Motive aufgreift und das Weiterspinnen in die heutige Zeit ermöglicht.

#ConstructKlee eignet sich auch hervorragend für Kinder und Jugendliche. Von Haus aus mit reichlich Phantasie ausgestattet werden sie hier sehr viele Anregungen finden. Es könnte lediglich für Eltern und ErzieherInnen nach dem Besuch etwas anstrengend werden…

An dieser Stelle möchte ich mich bei Antje Lange und Nadine Engel von den Pinakotheken bedanken, die mir spontan eine Exklusivführung gaben. Ich bin immer noch sehr gerührt ob dieser Einladung.

Links:
„Paul Klee. Konstruktion des Geheimnisses“ in der Pinakothek der Moderne, verlängert bis 18. Juni 2018
„Paul Klee. Landschaften“ im Franz-Marc-Museum in Murnau, bis 10. Juni 2018
Die App #ConstructKlee (Beeitrag im SWR-Magazin „Kunscht!“)

Sven Voss und die (fehlende) Selbstverständlichkeit

Peter Fischer musste sich im Sportstudio für seine klare Haltung gegen Ausgrenzug, Rassismus und Antisemitismus rechtfertigen.

„Klare Kante oder Populismus?“ So führte Sportstudio-Moderator Sven Voss seinen Gast Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, ein und gab mit der Frage einen Vorgeschmack auf ein Interview, das so nicht hätte geführt werden dürfen (Mediathek). Immerhin durfte der eingeladene und doch unerwünscht wirkende Gast ausreden. Denn die Fragen des Moderators und die Einspieler der Redaktion wirkten so, als wären die Gesellschaft verbindende Werte anrüchig.

„Brauchten Sie das Thema AfD für Ihre Wiederwahl?“ Eine Frage, die als versteckte Diskreditierung daherkam, weil sie suggeriert, dass Peter Fischer lediglich Grußaugust der Eintracht ist und ein Thema braucht, um sich vor den Vereinsmitgliedern zu profilieren. „Es ist ja auch leicht, auf die AfD einzuschlagen.“ Es ist unfassbar, wie leicht Voss es sich machte, jeglicher Haltung aus dem Weg zu gehen und Fischer dazu brachte, sich permanent rechtfertigen zu müssen. Es ist eben nicht leicht, weil, wie Fischer richtig konstatiert, die AfD sehr gut organisiert ist, in vielen Landtagen und im Bundestag sitzt und an parlamentarischen Prozessen (Ausschussvorsitze, etc.) teilnimmt. Und die AfD ist nun mal der parteipolitische Arm der Menschen, die keine Problem haben, Werte, die eigentlich selbstverständlich sind, verbal und physisch zu bekämpfen, und die ihre Opferrolle „gut geübt hat“ (Fischer).
Abgesehen davon umreißt Fischer in der Rede vor seiner Wiederwahl sehr gut, worum es ihm geht. Er sieht sich als Vertreter eines Vereins, dessen Werte in der Satzung verankert sind und somit Gesetz sind.

Peter Fischer setzt sich, für die breite Öffentlichkeit seit sechs Wochen bemerkbar, sehr ausführlich und glaubwürdig gegen Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus ein, während der Präsident des Branchenführers um Verständnis für die Annektion der Krim durch Russland wirbt und der Kanzlerin rät, es ihm gleich zu tun und Fehler (in der Flüchtlingspolitik) einzugestehen. Vielleicht ärgert sich Hoeneß auch nur, weil Fischer 0,5 Prozent mehr Stimmen bekommen hat als er.
Öffentliche Unterstützung durch seine Kollegen in den Bundesligen erfuhr bis jetzt Fischer nicht, sieht man von Ausnahmen in Düsseldorf und St. Pauli ab.

Voss ließ viele Bälle liegen. Er hätte fragen können, wie antirassistische Fangruppierungen von ihrem Verein Unterstützung erfahren (können), wie mit nach rechts offenen Fangruppierungen umgegangen werden soll. Es passiert immer noch, dass sich farbige Spieler im Stadion mit Affenrufen demütigen lassen müssen. In der Regionalliga Nord-Ost muss der SV Babelsberg 03 den Zwangsabstieg befürchten, weil er sich weigert, einem skandalösen Urteil nachzukommen und von offizieller Seite keine Unterstützung erfährt.
Nichts von alledem sprach Voss an. Stattdessen kokettierte er damit, dass Fischer auf dem linken Auge blind sei, weil er vor über vier Jahren für einen undiplomatischen Umgang mit rechten Fans in der Kurve plädierte. Zum Schluss attestierte der Moderator seinem Gast an der Torwand nach zwei Fehlschüssen, eine große Klappe zu haben. Das ist angesichts dessen, wofür sich der Eintracht-Präsident nicht erst seit gestern lautstark einsetzt, ziemlich respektlos.
Sven Voss vermittelte die ganze Zeit den Eindruck, in Peter Fischer nichts anderes als einen linksradikalen Hooligan im Samtanzug zu sehen, der Präsident eines Bundesligisten sein darf.

Es entspricht nicht meiner Erwartung, dass ein Journalist seinem Interviewpartner nach dem Mund redet. Aber es muss journalistischer Konsens sein, dass Integration, Antirassismus und das Eintreten gegen Antisemitismus nicht diskutabel sind. Diese Haltung ließ Voss in seinem Interview vollkommen vermissen.
Wenn Voss und der Sportstudio-Redaktion gesellschaftspolitische Themen, die zum Sport gehören wie Siege und Niederlagen, zu unangenehm sind, sollen sie sich solche Gäste nicht einladen, sondern lieber Spieler, die schöne Fotos auf Instagram posten und ansonsten nichts zu sagen haben.

Der Profifußball mit seiner großen Breitenwirkung braucht Menschen wie Peter Fischer, Journalismus, wie ihn Sven Voss gestern darstellte, hingegen nicht.

(Bild: Screenshot ZDF)

Nachtrag vom 9.2.2018
Daniel Otto von den Ruhrnachrichten hat beim ZDF nachgefragt und eine (sehr dünne) Antwort bekommen.
Beve hat etwas weiter ausgeholt und einen Kontext zum Úmgang des Nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV) mit dem SV Babelsberg 03 hergestellt. 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster hat die Interviewführung Sven Voss‘ auch stark kritisiert. Und Ewald Lienen, Technischer Direktor beim FC St. Pauli stärkte in Sky90 Peter Fischer den Rücken. Moderator Patrick Wasserziehr, der das Interview nicht „in Gänze“ gesehen hatte, brach Lienen unschön ab.

ÖPNV-Ausbauprogramm: Der große Wurf?

Spät, sehr spät, fast schon zu spät hat man im Stadtrat erkannt, dass der ÖPNV in München massiv ausgebaut werden muss. In einer Pressekonferenz mit OB Dieter Reiter, 2. Bürgermeister Josef Schmid sowie den Fraktionsvorsitzenden Alexander Reissl (SPD) und Manuel Pretzl (CSU) wurden heute große Pläne verkündet. Das 5,5 Milliarden Euro schwere Investitionsprogramm beinhaltet vor allem den Ausbau der U-Bahn und klingt mehr nach Hauruck-Verfahren mit vielen Fragezeichen als nach durchdachter Verkehrsplanung.

Ist-Zustand und Planung

Der Ist-Zustand in München sieht seit geraumer Zeit so aus, dass S-, U-Bahn, Tram und Bus aus allen Nähten platzen, was nicht nur dem verheerenden Fahrzeug- und Personalmanagement bei der S-Bahn München und der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) geschuldet ist, sondern auch einer Kommunalpolitik, die jahrelang zugeschaut hat. Bis auf die 2. Stammstrecke wird derzeit kein Meter Schiene gebaut. Ein Zustand, an dem sich in den nächsten paar Jahren nichts ändern wird. Für eine wachsende Stadt wie München ist das ein Unding!
Die Debatte um mögliche Fahrverbote für Dieselfahrzeuge einhergehend mit zunehmendem Autoverkehr und immer noch ansteigenden PKW-Zulassungszahlen setzt die Stadtspitze unter Druck, so dass es nicht verwunderlich ist, dass sie heute mit der MVG die Flucht nach vorne angetreten ist.

So soll das Liniennetz nach dem Ausbauprogramm aussehen. (Bild: SPD-Stadtratsfraktion)

Die geplanten Maßnahmen im Überblick:
U9: Münchner Freiheit – Pinakotheken – Hauptbahnhof – Theresienwiese/Esperantoplatz – Pocci-/Implerstraße
U5: Pasing – Freiham Zentrum (die Verlängerung vom Laimer Platz nach Pasing ist finanziert)
U4: Arabellapark – Englschalking (– Messestadt?)
U26: Kieferngarten – Am Hart
Tram 23: Schwabing Nord – Heidemannstraße
Tram Westtangente: Romanplatz – Laim – Waldfriedhof – Aidenbachstraße
Tram Nordtangente: Tivolistraße – Englischer Garten – Elisabethplatz

Alles sehr langfristig und wenig konzeptionell

Das sieht alles nach sehr viel aus, ist es jedoch nicht.
Was nämlich fehlt, sind bis auf West- und Nordtangente leistungsfähige Querverbindungen. Auch wenn die Stadt für S-Bahn-Südring und -Nordring nicht zuständig ist, ist es schleierhaft, diese beiden bereits vorhandenen Strecken bei den Planungen außen vor zu lassen.
Es ist schwer nachvollziehbar, warum die Verlängerung der U3 von Moosach über Untermenzing und Allach nach Pasing nicht auftaucht. Sie würde schon am westlichen Stadtrand sehr viele Fahrgäste aufnehmen, die nicht über das Zentrum zu ihrem Arbeitsplatz gelangen wollen. Noch besser wäre ein Ausbau der Tangente zu einem Nordring über Alte Heide, Englschalking und Riem zur Messe. Mit der Verbindung könnte man sehr vielen Fahrgästen einen Umweg über die Innenstadt ersparen und die Radiallinien entlasten.

In dem Kontext ist es auch nicht verständlich, warum das in den Planungen fortgeschrittene Tram-Nordnetz, das den Petuelring mit Am Hart und weiter über die Heidemannstraße zum Kieferngarten erschließt, ein leistungsfähiges Netz ergeben würde, wieder beerdigt wird. So bleibt nur die Verlängerung der Linie 23 zur Heidemannstraße. (Dafür fehlt die in Aussicht gestellte Verbindung von Münchner Freiheit zur Nordtangente.)
Die stattdessen geplante U26 schafft mehr Probleme, als sie löst und kann erst gebaut werden, wenn die U9 fertig ist, für die aus guten Gründen kein geplanter Eröffnungstermin genannt wird. Entflechtet man mit der U9 das U-Bahnnetz in der Innenstadt mit einer eigenen Trasse, verbaut man sich den teuer erbauten Vorteil mit der U26 wieder, weil man eine neue Verbindung einfädelt. Das jetzige U-Bahnnetz krankt vor allem in der Nord-Süd-Richtung daran, dass sich zwei Linien eine Trasse teilen müssen, was ganz dichte Takte auf einer Linie unmöglich macht und so zu Fahrgaststau vor allem an den Bahnhöfen Hauptbahnhof, Marienplatz und Sendlinger Tor und Verspätungen führt. Dazu kommt der vermutliche Zeitpunkt der U26-Eröffnung: irgendwann um 2045! Bis dahin sollen rund 30 Jahre Expressbusse zwischen Kieferngarten und Am Hart fahren. Das Tram-Nordnetz könnte man mit gutem Willen in knapp zehn Jahren fertig haben. Es wäre feiner erschlossen und für nicht mal die Hälfte der veranschlagten Kosten der U26 zu haben. Das Beispiel zeigt, dass man vor allem klotzen will, als wirklich ein Konzept zu verfolgen.

Die U9 ist, so man sie mit Verlängerungsoptionen klug plant, mit Abstand das teuerste Projekt. Einerseits untermauert sie den monozentrischen Charakter des U-Bahnnetzes, andererseits muss man damit rechnen, dass selbst bei leistungsfähigen Tangenten die Fahrgastzahlen auf den Linien U1/U2 und U3/U6 nicht abnehmen werden. Und zwei Wochen im Jahr findet ein großes Volksfest statt, dass man mit dem bisherigen U-Bahnhof immer schlechter bewältigen kann.
Berücksichtigt man den immer noch schwer erkennbaren Willen, den Autoverkehr zu reduzieren, ist die Operation U9 am offenen Herzen unumgänglich.

Etwas anders sieht es mit der Verlängerung der U4 ostwärts aus. Eine Verlängerung nach Englschalking ist fragwürdig. Sie erhält nur Substanz, wenn man bei der Stadtentwicklungsmaßnahme (SEM) östlich der S8 nicht nur vierstöckige Häuser kleckerlt, sondern sich von den Protesten nicht abschrecken lässt und richtig baut. Dann ergibt auch die Verlängerung über Riem zur Messerstadt wesentlich mehr Sinn. Ansonsten reicht eine Stichstrecke der Tram vom Cosimapark Richtung Osten.

Gegen die Verlängerung der U5 von Pasing nach Freiham ist eigentlich nichts einzuwenden. Aber die Verwirklichung ist in den nächsten 25 Jahren unwahrscheinlich. Bis zur nicht genannten Eröffnung haben viele dort geborene und aufgewachsene Kinder ihr Abitur gemacht. Warum zumindest nicht ein Trambahn-Vorlaufbetrieb, wie es ihn in den 1970er Jahren in Neuperlach gab, angestrebt wird, bleibt offen. Selbst wenn die Tram nach Freiham ein dauerhaftes Provisorium bleiben sollte, ist sie besser als die Anbindung mit Expressbussen. Vor allem hat man jetzt bei der Planung keine Anwohnerproteste zu befürchten, weil es noch keine Anwohner gibt.

Viele offene Fragen und keine kurzfristigen Maßnahmen

Vollkommen ungeklärt ist die Finanzierung. OB Reiter und CSU-Fraktionsvorsitzender Manuel Pretzl fordern den Bund auf, die Mittel für den ÖPNV massiv zu erhöhen, sprich das 2019 auslaufende und bis 2030 halbherzig verlängerte Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) wieder mit Substanz zu füllen. Stand jetzt sieht es so aus, dass sämtliche Mittel in den Bau der 2. S-Bahn-Stammstrecke fließen. Darüber hinaus sind nur die U5-Verlängerung nach Pasing (übernimmt die Stadt mit 750 Millionen Euro komplett) und die U6-Verlängerung nach Martinsried gesichert.
Dass sich die Münchner SPD-Bundestagsabgeordneten Claudia Tausend und Florian Post für eine schnellstmögliche Aufstockung des GVFG stark gemacht haben, ist zumindest nicht öffentlich bekannt. Der Münchner Oberbürgermeister, mit dem sich die Partei so gerne schmückt, wird mit seinem Anliegen und dem Stillstand, den ihm sein Vorgänger Christian Ude hinterlassen hat, im Stich gelassen.
Es ist nicht verkehrt, mit einer Maximalforderung wie diesem Programm nach vorne zu preschen. Es wäre jedoch hilfreich, günstigere Alternativen in der Hand zu haben, wenn die Neuauflage der Großen Koalition das GVFG wirklich erst 2021, wenn die Legislaturperiode abgelaufen ist, signifikant aufstockt.

Wie der ÖPNV kurzfristig verbessert werden soll, findet keine Erwähnung. Die Probleme sind seit spätestens gestern virulent. Auf der Facebook-Seite der SPD-Stadtratsreaktion erfährt man auf Nachfrage immerhin, dass es bis dahin Expressbusse auf eigenen Spuren richten sollen. Über die ersten zehn dringlichsten soll nach Referatsexpertisen im Juli entschieden werden. Das ist allerdings keine Garantie, dass sie wirklich eingerichtet werden. Zu viele unterschiedlichen Interessen in den Referaten und unterschiedliche Auffassungen im Rathaus versprechen eher eine Verschleppung des Themas als eine kurzfristige Entscheidung für den ÖPNV.

Wie München und die Umlandgemeinden besser und leistungsfähiger mit dem ÖPNV verbunden werden soll, wird auch nicht aufgezeigt und passt nicht zu den letzte Woche zitierten Worten Reiters, verstärkt die Zusammenarbeit zu suchen. Angesichts der vielen PendlerInnen, die sehr viel zu den vollen Straßen in München beitragen, ist das fast schon ignorant.

Wer das alles planen soll, ist ebenfalls unbeantwortet. Die MVG ist mit ihren personellen Ressourcen jedenfalls nicht in der Lage, diese Planungen voranzutreiben. Eine Aussage des Geschäftsführers Ingo Wortmann ist bis dato nicht überliefert.
Wie man im Planungsreferat zu den Planungen steht, ist auch nicht bekannt. Die zuständige Referentin Dr. Elisabeth Merk war bei der heutigen Pressekonferenz nicht zugegen.

Fazit

Der Wille, nach Jahren des Stillstands etwas in Bewegung zu bringen, ist erkennbar. OB Reiter und MVG-Geschäftsführer Wortmann sind bemüht, die Scherben des Nichtstuns ihrer Vorgänger aufzukehren. Doch in München denkt man gerne groß, und die heute vorgestellten Pläne erinnern an den Tscharlie aus den Münchner Geschichten, der gerne von einer „Riesensach“ sprach, wenn er wieder eine Idee verfolgte. Das ist gut gemeint, aber eben nicht gut gedacht. Kleinere, finanziell einfachere Maßnahmen, verpackt in eine Idee, wie nicht nur ÖPNV in München zukünftig aussehen soll, wären besser. Zu viele Unwägbarkeiten schnüren das Paket, von dem man nicht weiß, ob und wann es bei der Bevölkerung ankommt.
Es kommt nicht morgen, nicht übermorgen, sondern vielleicht irgendwann an. Dabei hätte es gestern schon abgeschickt werden sollen.

Links zum Thema (tbc)
Pressemitteilung der SPD-Stadtratsfraktion
PM des Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr (AAN) im Münchner Forum e.V.
Tramreport: „Milliardenausbau: Stadt will weiter planen, statt bauen“
PM der Aktion Münchner Fahrgäste
PM Pro Bahn Stadt- und Kreisgruppe München
Reaktion der Fraktion Grüne/Rosa Liste
Railblog: „5,5 Mrd Euro für U-Bahn und Tram in München“
SZ (Dominik Hutter): „Es braucht endlich Taten“