Gedanken zur Pflege anhand des Polizeirufs „Nachtdienst“

Eine der großen Stärken von Matthias Brandts Kommissar von Meuffels ist es, sich in einen Fall so zu involvieren, dass er immer noch wie ein Außenstehender wirkt. Er gerät bei seinen Ermittlungen häufig in Extremsituationen, passt sich den Umfeldern an, ohne sie sich jedoch zu eigen zu machen..
In Nachtdienst geht es vor allem am Schluss zur Sache. Von Meuffels folgt kurz vor Feierabend dem Hinweis einer 80-jährigen Bewohnerin einer Altenpflegeeinrichtung, die ihm von einem Toten berichtet. Es stellt sich heraus, dass der Bewohner gewaltsam umgekommen ist. Bei den Dienst habenden Pflegern stoßen seine Ermittlungen auf wenig Gegenliebe. Er stört sie in ihren sehr eng getakteten Abläufen; die Angst, dass Missstände in der Nacht zutage gefördert werden, ist ihnen anzusehen.

Der Film zeichnet, das wird sehr schnell deutlich, kein schönes Bild von der Altenpflege. Es gibt keine Canasta-Runde fröhlicher und angeschickerter RentnerInnen zu sehen – ganz im Gegenteil: alle wirken isoliert, die Pflegenden haben keine Zeit für einen kurzen Plausch. Zuwendung gibt es höchstens mit dem Plastiklöffel beim Abendessen. Das dunkelgraue Ambiente rundet die kalte Atmosphäre ab. Der Film überzeichnet sicher ein wenig, am Ende lässt er alles eskalieren. Für die BewohnerInnen endet der letzte Umzug vor dem Tod in einem sehr dunklen Lebensabend. Das ist vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen, wirkt aber auch dank der durch die Bank sehr guten DarstellerInnen stimmig.

Der Film ist keine Werbung für die Pflegeberufe, was eine Bekannte gestern Abend auch kritisierte. Es ist es auch nicht die Aufgabe, eine 90-minütige Imagekampagne für eine Branche zu zeigen. Natürlich, Nachtdienst wird junge Menschen nicht dazu animieren, eine Ausbildung in dem Bereich zu beginnen. Selbst, wenn ich den Film nicht gesehen hätte, würde ich ihnen auch raten, etwas Anderes zu lernen. Etwas, das weniger kraftraubend ist und nicht binnen kurzer Zeit an die Substanz geht.

In den knapp zwei Monaten Wochen, die Hein inzwischen in der stationären Pflege ist, habe ich Dinge gesehen, die ich nur schwer erträglich finde. Es mag mit den Vorgaben von Pflegekassen und Sozialhilfeträgern konform sein, dass in der offenen Geronto abends drei Personen für 32 BewohnerInnen zuständig. Menschen, die dement, inkontinent, alt und krank sind – kurz: hilfebedürftig sind.
Hein und seine MitbewohnerInnen machen einen gepflegten Eindruck. Nichts deutet auf körperliche Misshandlung hin. Dass man das lobend erwähnen muss, lässt angesichts immer wieder aufkommender Berichte über schlechte Betreuung in der Altenpflege tief blicken. Die PflegerInnen haben ihn nach dreieinhalb Wochen im Krankenhaus, wo er bei noch längerem Aufenthalt zu Tode betreut worden wäre, auch wieder sehr gut in die Spur gebracht. In Alltagssituationen macht er sogar kleine Fortschritte. Dass er ein sanftmütiger Mensch ist, gerät ihm sicher nicht zum Nachteil.
Doch unter einer guten Betreuung stelle ich mir etwas anderes vor. Man darf nicht übersehen, wie wenig Zeit für die einzelnen Person vorhanden ist. Das zeigt sich vor allem während der Essenssituationen. Wenn jemand bei der Essensbeigabe – aus welchen Gründen auch immer – zögert, aufbegehrt, ist nach einer Viertelstunde die Mahlzeit beendet, weil andere Andere auch versorgt werden müssen. Nicht selten ist der Teller noch voll. Hein beim Essen zu begleiten, nimmt rund eine Stunde pro Mahlzeit in Anspruch. Zeit, die er bekommt, weil sein Sohn und ich ihn täglich ein bis zweimal besuchen. Hein bekommt regelmäßig frische Luft, weil wir, so es das Wetter zulässt, mit ihm während der Mittagszeit rausgehen. Viele seiner MitbewohnerInnen kommen nicht in den Genuss, weil die PflegerInnen dafür keine Zeit haben und Angehörige ebenfalls keine Zeit haben, zu weit entfernt leben oder auch kein Interesse haben. Ansprache zwischen Essenszeiten gibt es entweder durch den Fernseher oder, wenn es die personelle Situation zulässt, durch kleine Spiele (Tierstimmenraten, Vorlesen) im Gruppenraum. Pädagogische Elemente wie Begleitung und Anleitung bei der Freizeitgestaltung sind allenfals rudimentär.
Der verbale Umgang schwankt zwischen rauh und herzlich, entwürdigend und respektvoll. Manchen PflegerInnen merkt man leider an, dass ihre Deutschkenntnisse nicht sehr gut sind, was die Kommunikation erschwert.
Um 11 Uhr sind die letzten BewohnerInnen aufgestanden, um 16 Uhr werden die ersten ins Bett gebracht, damit die PflegerInnen um 21 Uhr, wenn der Nachtdienst übernimmt, fertig sind.

Der Alltag für BewohnerInnen in Altenpflegeeinrichtungen ist grau und trist, auch wenn die Innenrichtung bunter und liebevoller ist, als es der Film zeigt. Das pflegende Personal, das sich nicht wegen seiner Haltung, sondern wegen der Rahmenbedingungen öfter mit einem Bein im Gefängnis befindet, arbeitet am Anschlag; es gibt aus nachvollziehbaren viel Fluktuation, was weder für ein Team, noch für alte Menschen, die sich an gewachsenen Strukturen festhalten wollen, mit denen sie sich erst arrangieren müssen, gut ist.
Insofern hat diese Polizeiruf-Folge ein Stimmungsbild ganz gut wiedergegeben und eine gesellschaftliche Haltung dokumentiert, die uns in 10 bis 20 Jahren, wenn die Babyboomer-Generation pflegebedürftig wird, ganz gehörig um die Ohren fliegen wird.

In nächster Zeit werde ich auf einzelne Aspekte näher eingehen.
Der Film und die Diskussion danach haben mich gestern Abend sehr aufgewühlt, so dass ich nach einer Nacht einige, allgemeine Gedanken, sozusagen als Einführung, dazu aufschreiben musste.

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Kein Spaß für Jung und Alt – oder: Warum Kindergruppen die volle U-Bahn noch voller machen.

Eine erklärende Replik.

Ja, es ist anstrengend, wenn die täglich volle U-Bahn noch voller und lauter ist, weil sich noch eine Kindergruppe reinzwängt. So viel vorweg: Der Spaßfaktor ist auf beiden Seiten äußerst gering.

Warum fahren Kindergruppen während des Stoßverkehrs mit den öffentlichen Verkehrsmitteln?
Ganz einfach: weil es in der Regel nicht anders geht.

Vorstellungen in Theatern, Führungen in Museen für Kindergartengruppen und Schulklassen beginnen um 9 Uhr oder um 9.30 Uhr. Das hat zur Folge, dass die Abfahrt an der Einrichtung im Stadtgebiet zwischen 8 und 8.30 Uhr erfolgen muss, will man nicht verspätet oder vollkommen abgehetzt am Ziel ankommen.
Fahrten mit Kindergruppen dauern länger, weil es eben eine Gruppe mit vergleichsweise verkehrsunerfahrenen Menschen ist und vor allem Umsteigen mehr Zeit in Anspruch nimmt. Eventuell muss man eine Bahn passieren lassen, weil sie zu voll ist und ein spontanes Teilen der Gruppe aus verschiedenen Gründen (Aufsichtspflicht!) obsolet ist.
Eine Gruppe aufgeregter Kinder durch den ÖPNV-Dschungel zu lotsen, ist kein Spaß. Man muss die Gruppe beisammen halten und eventuell eingreifen, wenn doch ein Kind vor lauter Aufregung zu nah an der Bahnsteigkante hüpft. Idealerweise versucht man in der Bahn, die Gruppe zwischen zwei Türen in einem Abteil sammeln, um einen besseren Überblick zu gewährleisten. Der Stressfaktor erhöht sich noch, wenn man an einem belebten U-Bahnhof umsteigen muss oder zwei Kreuzungen überqueren muss, weil die Haltestelle der anderen Linie an einer sehr ungünstigen Stelle liegt.

Der Besuch von Theatern und Museen ist kulturelle Bildung und findet aus naheliegenden Gründen außerhalb der vier Einrichtungswände statt. Deren Bedeutung als wesentliches Element von Bildung und Erziehung steht, so hoffe ich, außer Diskussion.
Dazu bietet sich nun mal der Vormittag an, weil Grundschulen Unterrichtszeiten bis mittags haben und es immer noch Kinder gibt, die nur halbtags in den Kindergarten gehen und von solchen Ausflügen nicht ausgeschlossen werden sollen.
Verkehrserziehung, also das Erlernen richtigen Verhaltens im Straßenverkehr, an Haltestellen und Bahnhöfen ist ein Bestandteil von Erziehung. Es gibt sicher bessere Zeitpunkte als die morgendliche Hauptverkehrszeit, aber wie oben schon ausgeführt, lässt sich das eben nicht verhindern. Wenn es möglich ist, sucht man sich Verbindungen aus, die kein Umsteigen, jedoch häufig eine längere Fahrt erfordern. Aber das funktioniert auch nur, wenn Einrichtung und Ziel zentrumsnah oder im Umfeld der Innenstadt liegen.
Abgesehen davon sind außerhalb des Berufsverkehrs Bahnen und Busse im Innenstadtbereich ähnlich voll. Den perfekten Zeitpunkt, mit Kindern U-Bahn zu fahren, gibt es also nicht.

Eigens einen Bus für solche Ausflüge zu mieten, ist aus verschiedenen Gründen kein Thema. Der Bus steht genauso im Stau wie die anderen Autos und ist erheblich teurer als der MVV. Angesichts der Feinstaubbelastung ist er obendrein keine glaubwürdige Alternative. Und die Kinder lernen, wenn sie von Eingang zu Eingang kutschiert werden, nicht, wie man sich im Straßenverkehr verhält. (In ländlicher Umgebung mag das angesichts fehlender ÖPNV-Verbindungen anders aussehen.)

Wenn also eine Kindergruppe während des Stoßverkehrs die volle U-Bahn noch voller macht, dann nicht, weil die ErzieherInnen, KinderpflegerInnen (so nennt man „Kindergärtnernde“ übrigens) „antizyklisch doof“ handeln, sondern wie viele PendlerInnen keine andere Möglichkeit haben.
Der Stress ist für Kinder und Betreuende ungleich größer als für am Smartphone daddelnde Fahrgäste. Ein Tag auf dem Spielplatz um die Ecke ist wesentlich entspannter.

Mit anderen Augen durch die Stadt – oder: das Albert-Renger-Patzsch-Virus

Inzwischen sind es über 2500 Photos. Photos, die im Rahmen der Ausstellung „Ruhrgebietslandschaften“ von Albert Renger-Patzsch entstanden sind. Diese sehenswerte und offensichtlich nicht nur mich inspirierende Schau ist noch drei Tage (bis 23.04.2017) in der Pinakothek der Moderne zu sehen.

Park.

Selten hat mich eine Ausstellung so getriggert wie diese Photographien, die man nicht nachstellen kann – schon gar nicht in München. Aber die Ende der 1920er Jahre entstandenen Bilder von Straßenszenen, Landschaften und längst stillgelegten Zechen sind nicht nur wunderbare Zeitdokumente, sondern auch Antrieb, die eigene Umgebung neu auf sich wirken zu lassen.
Ich habe mich schon immer gerne durch die Stadt treiben lassen, um dann stehen zu bleiben, wenn ich etwas Interessantes sehe, bzw. etwas bildlich festhalten will. Aber Die Neue Sachlichkeit hat mir die Augen nochmal neu geöffnet. Und das mit -12 Dioptrien!

Schienen ohne Bahn.

Der nach einer Führung veranstaltete Instawalk durch die Stadt zeigte sehr schnell, wie viele Motive es selbst im schicken München gibt. Das Kreativquartier, das ich mit einigen Anderen ansteuerte, ist nur ein Eck. Dort entstanden unterschiedlichste Bilder.
Andere zog es nach Neuperlach, ins Schlachthofviertel, Werksviertel, zu den ehemaligen Siemenswerken, etc. Alle kamen zufrieden zurück in die Cafeteria der Pinakothek der Moderne zurück, um sich auszutauschen. An diesem sonnigen Samstag im März kamen schon rund 400 Bilder zusammen.
In Leverkusen, Duisburg und Wesseling bei Bei Bonn fanden nahezu parallel auch Instawalks statt.

Baugerümpel.

Die Photos von Renger-Patzsch ließen mich nicht los, bemerkte ich recht schnell. In den darauf folgenden Tagen und Wochen bis heute fand ich viele Motive, die meine Lust am Photographieren neu erweckten. Ich erschloss mir Ecken, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt hatte (Blumenau, Obersendling), und andere aufs Neue.
Die Befürchtung, nur während der grauen Märztage mit noch kahlen Bäumen, Inspiration zu finden, bewahrheitete sich nicht.

Kahl.

Zwischenräume tun sich in München zur Genüge auf. Man muss sie gar nicht lange suchen. Die eine oder andere Baulücke, hinter der sich prächtige Motive auftun, gibt es selbst in zentraler Lage. Irgendwo ragt immer ein Kran in den blauen oder trüben Himmel. Eine Straßenlaterne, die sich ins Bild krümmt, gibt es fast überall. Es ist eine Frage des Blickwinkels. Der Mut zum Zeit verzögernden Umweg ist dabei hilfreich. Nur mit dem Waschaufhang im öffentlichen Straßenbild wird‘s schwierig. Allerdings dürfte das eher an gewöhnlich gewordenen Trocknern als an fehlenden Leinen liegen.
Am besten kann ich das, wenn ich durch die Stadt gehe. Sitze ich in der Trambahn (und das mache ich bekanntlich gerne), rauschen mögliche Motive zu schnell an mir vorbei; auf dem Radl bin ich zu sehr mit meinem verkehrlichen Umfeld beschäftigt, als dass ich mich auf potentielle Bilder kaprizieren könnte.

Tor zur Stadt

Vier Wochen nach dem Instawalk fand eine Podiumsdiskussion mit Antje Lange (Leiterin Online-Kommunikation der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, Anke von Heyl (Herbergsmütter), Helena Grebe (Photographiestudentin Folkwang Universität der Künste) und Christian Gries (Kulturkonsorten) unter der Leitung der Kuratorin Dr. Simone Förster statt, die sich mit u.a. mit der Nachhaltigkeit von Ausstellungen und dieser im speziellen beschäftigte. Einig waren sich die TeilnehmerInnen, dass Kunst auch im digitalen Raum stattfinden muss. Die in den Museen gezeigten Originale verlieren nichts, solange die Technik sie nicht zerstört. Die Nachhaltigkeit ist über den Hashtag StadtLandBild auf Instagram gegeben. Die Akzeptanz und Vermittlung neuer Kulturtechniken ist wichtig, um neue BesucherInnen zu gewinnen.

Ödnis seit 1991.

Im Publikum zeigte man sich begeistert über Weiterführung der Ausstellung im Netz. Kontakte zu anderen BesucherInnen sind durch die Teilnahme am Instawalk entstanden. Der Wunsch, ähnliche Aktionen auch während anderer Ausstellungen zu ermöglichen, wurde mehrfach geäußert. („Wie sähe so etwas zu den Blauen Reitern aus?“)

St. Jakob

Es war mir ein großes Vergnügen und eine faszinierende Inspiration. Ich werde wohl noch einige Zeit mit dem Renger-Patzsch-Virus durch die Stadt gehen und photographieren.
Vielen Dank an die Kulurtkonsorten, Herbergsmütter sowie an Antje Lange, Anna Volz, Dr. Simone Förster von den Pinakotheken sowie die Kulturstiftung der Stadtsparkasse München für die Ausstellung, Inspiration, Speis und Trank!

Zum Schockraum.

Bilder:
#StadtLandBild auf Instagram
#StadtLandMuc auf Instagram
#StadtLandLev, #StadtLandDuis
Meine Bilder auf Instagram und flickr

Weiterführende Links:
Albert Renger-Patzsch: „Ruhrgebietslandschaften“ (Pinakothek der Moderne)
StadtLandBild (Pinakothek der Moderne)
StadtLandBild – Almanach nach des Zwischenraums (Kulturkonsorten)
Storify der Kulturkonsorten zum Instawalk
BR24/Rundschau zum Instawalk
Die Herbergsmütter zu StadtLandBild
Antje Lange über die Nachhaltigkeit von Social Media-Aktivitäten im Kulturbetrieb anhand von #StadtLandBild

Grob passiertes Abendessen in städtischen Kliniken um 16 Uhr künftig noch billiger

Der folgende Text ist ein Leserbrief (mein erster!) auf den Artikel „Sanierungskonzept Mindestens ein Viertel weniger Lohn: Klinikum will in den Küchen sparen“. Ich habe keine Ahnung, ob er veröffentlicht wird, aber ich möchte damit ein wenig Druck auf die Mitglieder des Finanzausschusses im Münchner Stadtrat ausüben.

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Es ist schon kein Vergnügen, als Besucher einem Patienten das um 16 Uhr – ja, Sie haben richtig gelesen: um 16 Uhr – von dem am Anschlag arbeitenden Pflegerinnen aufgetragene Abendessen beizugeben, weil er nicht mehr in der Lage ist, es selbst einzunehmen. Darüber könnte man halbwegs getrost hinwegsehen, wäre das frühe Abendmahl von einer Qualität, die wenigstens mit einem Fastfood-Restaurant mithalten könnte. Doch die Leberwurst riecht nach Katzenfutter, und das „Grob Passierte“ wird auf der Karte gar nicht erst spezifiziert. Vermutlich ist es Apfelkompott. Es könnte auch Kartoffelstampf sein – man weiß es nicht.
Es ist das Essen, das schlecht bezahltes Personal zu Dumpingpreisen zusammenstellt; eine ökotrophologische Idee ist nicht erkennbar. Es grenzt an ein Wunder, dass Patienten dieses kulinarische Martyrium ohne Widerspruch über sich ergehen lassen.

Nun sind also die für die Mahlzeiten in den Kliniken zuständigen Mitarbeiterinnen zu teuer, und folglich sollen neu Eingestellte in zwei zu gründenden Servicegesellschaften (sic!) für noch weniger Gehalt für das leibliche Wohl der Patienten sorgen. Da es um Einsparungen geht, ist nicht zu erwarten, dass die wesentlich geringeren Personalkosten eine bessere Qualität der Mahlzeiten für die Patienten zur Folge haben werden.
Im Gegenteil: Man muss befürchten, dass die allenfalls Hygienestandards entsprechenden Mahlzeiten von noch schlechterer Qualität als jetzt sein werden, weil gutes Personal zu Niedrigstlöhnen in einer teuren Stadt wie München eben nicht auf Bäumen wächst. Bedenkt man, dass schon für die Vermittlung von unterbezahltem Fachpersonal auf den Stationen eine Prämie ausgesetzt wird, kann man nur zu dem Schluss kommen: Hier wird eine Milchmädchenrechnung aufgestellt!

Das größte Einsparungspotential ergäbe sich im Übrigen, die Küchen langfristig komplett zu schließen und die Angehörigen anzuhalten, sich selbst um die Mahlzeiten der Patienten zu kümmern. Das wäre wenigstens eine qualitative Aufwertung.

Nachtrag vom 25.08.2017: Bericht in der Abendzeitung

Mein Twitter im Feber

Fasching und andere Katastrophen.
Und Anne Schüßler wird die Tweets der Anderen auch bald gesammelt haben.

Mein Twitter im Januar

Nach längerer Pause mache ich wieder mal mit. Anne Schüßler sammelt auch weiterhin die Lieblinge der Anderen.

Andreas Nagel.

Andreas Nagel. Photo: Aktion Münchner Fahrgäste)

Andreas Nagel. (Photo: Aktion Münchner Fahrgäste)

Es war Anfang der 90er Jahre, als Andreas Nagel und ich uns erstmals begegneten. Es war die Zeit, als sich die diversen Trambahnvereine in der Stadt heftig in der Öffentlichkeit bekämpften und kein gutes Haar aneinander ließen ließen. Über die Zeitung beschimpfte man sich, in der Straßenbahn ignorierte man sich. Eigentlich war das nur einer Person, die sich später Oldtimern mit Stern zuwandte und heute in der Szene glücklicherweise keine Rolle mehr spielt, geschuldet.
In der Zeit trat Andreas Nagel mit seiner Aktion Münchner Fahrgäste auf den Plan. Es stand wieder einmal die Stilllegung einer Trambahnlinie auf der Tagesordnung, die es zu verhindern galt. Da den Entscheidenden mit reiner Polemik, Unterschriftenaktionen und Infoständen nicht beizukommen war, wurde tatsächlich ein Konzept zum Erhalt der Linie 26, die damals isoliert vom restlichen Netz zwischen Lorettoplatz, Harras, Westend und Gondrellplatz verkehrte und wirklich kaum Fahrgäste hatte, erstellt. Eine Anbindung der Waldfriedhofstrecke über die Wiesn und Hauptbahnhof nach Moosach sollte zumindest Teile der Linie retten. Womöglich trügt mich meine Erinnerung, aber das Konzept weckte Interesse. Verhindert werden konnte die Einstellung jedoch nicht; das Dogma „Parallelverkehr“ wurde eisern gepflegt. Seit Mai 1993 ist der Harras trambahnfrei, die komplette Umgestaltung erfolgte erst über 20 Jahr später. (Die Strecke zum Gondrellplatz wurde mit der Linie 18 über ein paar Meter Neubaustrecke aber wieder an das Innenstadtnetz angebunden.)
Stünde man heute vor der Entscheidung, würde man die Strecke nicht mehr einstellen, weil die Fahrgastzahlen in den letzten 20 Jahren massiv anstiegen.

Seit dem liefen Andreas Nagel und ich uns öfter über den Weg.
Der Kontakt vertiefte sich. So hatte ich die Ehre, der erste Nikolaus in der 1994 von Andreas initiierten Christkindl-Tram zu sein, die von den damaligen Verkehrsbetrieben als reine reine Folklore angesehen und deshalb nicht unterstützt wurde. Bernd Helbig, 1. Vorsitzender der Freunde des Münchner Trambahnmuseums und optisch für diese Rolle prädestiniert, wohnte zufällig meiner Einkleidung im 2er-Bahnhof bei. Er wollte mir ein Kissen unters Kostüm schieben, um mir, der ich gerade mal Anfang 20 war und ungefähr 20 Kilo weniger auf der Waage hatte, zu mehr Format zu verhelfen. Es half nix: Ich war ein lausiger Nikolaus, aber die Lebkuchen vom Kreutzkamm („Pause“ war in der Theatinerstraße) waren schon ziemlich gut.
Drei Monate zuvor steckte Andreas mich in Schlafanzug und Schlafmütze – der Nachtverkehr wurde festlich eingeführt. In dem Outfit durfte ich der BR-Rundschau ein Interview geben. Ich habe keine Ahnung, ob das je gesendet wurde.

Danach verloren wir uns aus den Augen, weil ich mich aufs Altenteil als Fan zurückzog. Wir sahen uns nur noch anlässlich der üblichen „Familienfeiern“ wie U-Bahn- oder später, was wir lange Jahre nicht einmal zu hoffen wagten, Trambahneröffnungen.
Ziemlich genau vor einem Jahr, ich zählte in irgendeiner U-Bahn Fahrgäste, stieg Andreas zu, und wir unterhielten uns über alte Zeiten. Während der HVZ. So viel Zeit musste sein.
Zuletzt begegneten wir uns bei der Verlängerung des 25ers nach Steinhausen.

Andreas Nagel war um keinen Kniff verlegen, um dem ÖPNV, speziell der Trambahn, in der breiten Bevölkerung zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Entgegen des Klischees über Schwaben ging er Unkosten nicht aus dem Weg. Er muss auch gute Beziehungen gehabt haben, denn sonst hätte er nicht den Infokiosk mit Verkaufsstand für Fandevotionalien aller Art im Sperrengeschoss des Bahnhofs Stachus betreiben dürfen.

Es war nicht immer einfach mit ihm; aber das wollte er auch nicht. 
Er wird fehlen.

„Gehet hin fahret Tram in Frieden!“
Das waren die Schlussworte des Pfarrers bei der Trauerfeier für Andreas Nagel..
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