Unauffällig vollendet

Mit Philipp Lahm tritt heute ein Spieler ab, der bei vielen – einschließlich mir – lange unter dem Radar lief. Erst in den letzten Monaten fand er die Wertschätzung, die ihm, der 22 Jahre im Verein war, gebührt. Dieser Text ist nicht möglich, ohne seinen langjährigen Begleiter Bastian Schweinsteiger, mit dem er 2002 A-Jugendmeister wurde, das eine oder andere Mal zu erwähnen.
Eine kleine Würdigung zum Abschied.

1. Einsatz im Olympiastadion, 1. Begegnung mit Felix Magath & 1. Turnier

An Philipp Lahms erstes Spiel bei den Profis kann ich mich nicht erinnern.
Es war die Saison, die international einen Tiefpunkt darstellte, weil bereits vor dem abschließenden Spiel feststand, dass der FC Bayern nicht einmal mehr im UEFA-Cup überwintern durfte. Vor solchen Spielen bediente sich selbst Ottmar Hitzfeld bei den Amateuren. So kam auch Philipp Lahm in der Nachspielzeit zu seinem Debüt bei den Profis gegen RC Lens vor 22000 Zuschauern. Heute ist das Spiel nur noch von Bedeutung, weil Lahm der Letzte in der aktuellen Mannschaft ist, der noch im Olympiastadion gespielt hat. Danach, als die Mannschaft wütend war und mit deutlichem Vorsprung Meister wurde, wurde er nicht mehr eingesetzt.
Dass er 2003 für zwei Jahre an den VfB Stuttgart ausgeliehen wurde, ging an mir vorbei. Hermann Gerland hatte ihn mehreren Trainern angeboten, als hätte er eine Kiste Löwenbrau im Gepäck. Das Grätschen hatte er ihm vorher noch beigebracht. Felix Magath griff schließlich zu und machte ihn sehr schnell zum Stammspieler.

Bastian Schweinsteiger stellte uns zwischenzeitlich seine Cousine vor.

Aufmerksam wurde ich erstmals, als Rudi Völler ihn in die Nationalmannschaft berief. Bei einer grottenschlechten EM spielte er – im Gegensatz zu den damals Poldi und Schweini genannten Jungspunden – durch, was seiner Reputation nicht schadete.

Durchbruch beim FC Bayern

Zum FC Bayern kehrte er 2005 mit einem Kreuzbandriss zurück. Den Platzhalter gab derweil der bereits ein halbes Jahr zuvor zurückgekehrte Bixente Lizarazu, der wiederum Hasan Salihamidžić, der auf der linken Außenbahn eingesetzt wurde, nach dessen Kreuzbandriss ersetzte. Das erste Spiel nach seiner Rekonvaleszenz bestritt er – bei den Amateuren.

Bastian Schweinsteiger musste auf Geheiß Magaths öfter bei den Amateuren spielen.

Die Jahre vergingen. Sie wurden nur dadurch unterbrochen, dass Philipp Lahm im Eröffnungsspiel des erkauften Sommermärchens mit Manschette das erste Tor des Turniers und zwei Jahre später das erlösende 3:2 gegen die Türkei erzielte. Angesichts seiner Torstatistik – im Europapokal schoss er genauso viele Tore wie Sepp Maier, Oliver Kahn und Manuel Neuer zusammen – zwei Momente für die Ewigkeit. Die 0:4-Schmach von Barcelona 2009 blieb ihm erspart. Ihn vertrat Christian Lell.

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Kleine ganz groß, 2009. (Bild: @SammyKuffour

Ein Wechsel und ein teures Interview

Dennoch sollte 2009 ein Einschnitt in seiner Karriere werden.
Nach dem misslungenen Experiment mit dem schwäbisch-kalifornischen Projektmanager betrat Louis van Gaal die ihm zu kleine Bühne. Er ordnete an, dass Philipp Lahm auf der rechte Seite zu spielen habe, weil er ein Rechtsfuß ist. Dabei wurde etwas gewahr, worüber man sich vorher nie Gedanken gemacht hatte:
Philipp Lahm kann man nicht klonen!
Denn die Alternativen auf Links reichten ihm nicht das Wasser. Holger Badstuber war zwar Linksfuß, aber als Innenverteidiger und Spieleröffner weitaus geeigneter (und wurde nicht umsonst von Hermann Gerland im Rahmen seiner Hochbegabtenförderung bei den Amateuren wie der hier Gewürdigte und Mats Hummels auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt). Er wechselte sich ab mit Danijel Pranjić, Edson Braafheid (die zwei größten Fehler van Gaals), Diego Contento, David Alaba (der damals einfach noch zu grün war) und später Luiz Gustravo. Rechts spielte nur Philipp Lahm.

Bastian Schweinsteiger reifte nach seinen Flegeljahren auf der Außenbahn in der Zentrale zum Elder Statesman.

Abseits des Platzes machte sich Lahm inzwischen auch bemerkbar. Er gab der Süddeutschen ein Interview, in dem er dem Verein fehlende Identität attestierte. Es sollte das teuerste Gespräch mit den Medien in der Geschichte des FC Bayern werden. Man munkelt, dass ihn das 50000 Euro gekostet hat. Eine Summe, die sehr gut investiert war, weil er damit Louis van Gaal sekundierte, der im Begriff war, die DNA der Mannschaft auf Jahre hin zu verändern. Sehr erfolgreich, wie wir heute wissen. Es zeigte auch, dass sein Wort im Verein inzwischen an Gewicht gewonnen hatte.
Nach einer sehr schwierigen Anfangsphase, die van Gaal fast den Job gekostet hätte, spielte sich die Mannschaft in einen Rausch, der in Meisterschaft, Pokal und einem verdient verlorenen Champions League-Finale endete. In dieser wegweisenden Saison 2009/10 fand Lahm seinen kongenialen Partner: Arjen Robben. Der seinerzeit als ein Panikeinkauf anmutende Links(!)füßler verstand nach einiger Zeit, was Philipp Lahm dachte und umgekehrt. Bis heute passen sie zusammen wie Schweinebraten und Knödel.

Kapitän

Als Mark van Bommel während der Winterpause 2010/11 den FC Bayern fluchtartig über die Alpen passierte, wurde Philipp Lahm Kapitän. Es war eine schwierige Zeit. Zwischen Mannschaft und Trainer knirschte es. In einem dünnem Kader gab es viele Verletzte, was dazu führte, dass Nicolas Jüllich als Alternative für Lahm auf der Bank saß. Der Wechsel im Tor von Hans-Jörg Butt zu Thomas Kraft war folgenreich. Kraft kassierte ein vermeidbares , spielentscheidendes Tor. Van Gaal wurde danach in einer denkwürdigen Pressekonferenz Hoeneß‘ entlassen. Unter dem beförderten Co-Trainer Andries Jonker taumelte sich die Mannschaft in die Champions League.
Es wurden auch Zweifel an Kapitän Lahm und dessen Stellvertreter Schweinsteiger laut. Zu leise, zu profillos seien diese Jungspunde. Ich teilte diese Zweifel. Während van Bommel nach schlechten Spielen (davon gab es seinerzeit viele) keine Hand vor den Mund nahm, kamen die Aussagen Lahms arg diplomatisch und nichtssagend daher. Aus den starken Aussagen im Interview wurden Belanglosigkeiten. Ich hielt Lahm nach Michael Ballacks Verletzung unmittelbar vor der WM 2010 auch für einen Interims-Kapitän. Aber wer blickt schon wirklich in Mannschaften und deren Hierarchien?

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Von fehlenden Leithammeln zur Vollendung

Jupp Heynckes übernahm die Mannschaft erneut und setzte Lahm zunächst links ein. Zum Glück wurde der nach seinem halbjährigen Engagement zurückgekehrte David Alaba immer stärker, so dass Lahm wieder auf die rechte Seite wechselte. Rafinha auf der Position überzeugte Heynckes nicht.
Das verhinderte jedoch nicht eine Saison, die Bayer Leverkusen zur Ehre gereichte. Vize-Meister, Vize-Pokalsieger und Vize-Pokalsieger. Neben einem dünnen Kader wurde wieder ein Führungsdefizit in der Mannschaft ausgemacht, das von einem abermaligen Halbfinal-Aus der Nationalmannschaft begleitet wurde.

Bastian Schweinsteiger – die tragische Figur des „Finale dahoam“ – wurde von einem sich als zu Höherem berufenen Autor der Sportbild zum „Chefchen“ degradiert.

Fehlende Führungsfiguren vom Schlage eines Effenberg wurden landauf, landab beklagt. Sowohl Lahm als auch sein Stellvertreter schwiegen dazu. Es war das Beste, denn am diagnostizierten Führungsdefizit der Beiden lag es nicht.

Die Antwort sollte ein Jahr später folgen.
Die Mannschaft spielte in der Bundesliga und im Pokal alles in Grund und Boden. Der spielerische Höhepunkt war ein 7:0 gegen den FC Barcelona im Champions League-Halbfinale. Nach dem Gewinn des wichtigsten Vereinspokals war Philipp Lahm endlich ein Vollendeter.

Dass er und Bastian Schweinsteiger gemeinsam den Pott in die Höhe reckten, war das schönste Bild einer einmaligen wie unvergesslichen Saison.

„Der intelligenteste Spieler“

Der mit großem Brimborium empfangene Pep Guardiola bezeichnete Lahm nach wenigen Trainingseinheiten als intelligentesten Spieler, mit dem er je zusammengearbeitet habe. Alsbald stellte sich heraus, dass seine Lobpreisungen mit Vorsicht zu genießen waren. Aber im Gegensatz zu den 1000 Dantes, die er gern in seiner Mannschaft gehabt hätte, war das wohl nicht gelogen. Er setzte Lahm, als mit Schweinsteiger, Martínez und Thiago viele zentrale Strategen ausfielen, auf der Sechs neben Xabi Alonso ein. Überhaupt setzte ihn der Trainer im Mittelfeld fast überall ein. Und man hatte nie den Eindruck, dass er eine Position nicht könne. Wäre es ihm gelungen, Lahm zu klonen, hätte er wohl eine Mannschaft mit Neuer im Tor, neun Lahms und Thiago irgendwo in der Zentrale aufgestellt.

Die Weltmeisterschaft war für ihn ein schwieriges Turnier. Anfangs auf der Sechs eingesetzt und von einer Verletzung gehandicapt, fand er nur schwer ins Turnier und stabilisierte sich erst, als er wieder als rechter Außenverteidiger eingesetzt wurde.
Danach trat er aus der Nationalmannschaft zurück und übergab die Kapitänsbinde an Bastian Schweinsteiger.

Und dann passierte es doch. Philipp Lahm verletzte sich im November 2014 schwerer (er brach sich das Sprunggelenk) und fiel einige Monate aus. Es geschah in einer Phase, als sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League die Weichen bereits gestellt waren.

Nach der Saison verließ Bastian Schweinsteiger den Verein.

In der letzten Rückrunde unter Guardiola schwang er sich nochmal zur Weltklasse auf. Und einigen dämmerte, dass Lahm nie die Wertschätzung erfahren hatte, die anderen zuteil wurde. Dass er sie auf seine alten Tage erfuhr, ist nicht nur der Sentimentalität, die einen häufig befällt, wenn man sich von jemandem verabschiedet, zurückzuführen, sondern auch Pep Gaurdiola, der sein Loblied auf ihn auch mit Inhalt füllte. Wer gesehen hat, wie angeregt sich die beiden nach dem letzten Spiel beim Pokalsieg in Berlin unterhielten, konnte spüren, dass sich zwei trafen, die sich sehr schätzten.

Abschied mit Misstönen

Als Philipp Lahm ein dreiviertel Jahr später ankündigte, seine Karriere ein Jahr vor Ablauf des Vertrags zu beenden, war man im Verein darüber überrascht und wohl auch verstimmt. Denn er setzte den Verein (bzw. die AG) auch darüber in Kenntnis, dass er nicht gedenke, unter dem Präsidenten Hoeneß das Sportchefchen zu geben. Dabei hatte Karl-Heinz Rummenigge wenige Minuten vor Hoeneß‘ Wiederwahl angekündigt, dass der neue Sportdirektor noch auf dem Platz stehe. Man kann nur mutmaßen, was sich in der Winterpause hinter den Kulissen abspielte.
Ganz so überraschend kam sein vorzeitiger Abgang jedoch nicht. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft wirkte wohlüberlegt. Wer sich seine Leistungen in Rückrunde anschaut, wird feststellen, dass jemand geht, der einsieht, dass ihm schwerer fällt, weiterhin auf högschdem Niveau zu spielen.

Tatsache ist, dass der FC Bayern immer noch ohne Sportdirektor dasteht, während sich Lahm heute von der großen Bühne und vom Verein (erst mal?) verabschieden wird.
Wahrscheinlich werden ihn die Sportjournalisten nach der Saison noch flugs zum Fußballer des Jahres wählen. Etwas, was sie jahrelang versäumt hatten. Er wird es mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen.
Womöglich wird er in Zukunft das Geschehen mit Worthülsen auf Twitter kommentieren und seinem Verein vor wichtigen Spielen mit einigen Hashtags die Daumen drücken. Auf das Angebot Ribérys, ihm Karten fürs Stadion zu besorgen, wird er vorerst nicht zurückkommen.

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Offene Zukunft (Bild & Titelbild: @santapauli1980)


Unauffällige Legende

Ein lässiger Münchner war Philipp Lahm nie und wird er nicht mehr. Diese Rolle beherrschte der gebürtige Oberaudorfer Bastian Schweinsteiger wesentlich besser. Obwohl er dem eigenen Nachwuchs entstammt, flogen ihm nie die Herzen zu wie Schweinsteiger, Müller oder dem nie erwachsen werdenden Ribéry. Nähe war seine Sache nicht. Wenn Schweinsteiger das Glockenbachviertel ist, ist Lahm Harlaching. Unauffällig und ein wenig bieder. Es wird ihm egal sein.
Aber Philipp Lahm tritt als Legende ab, der auf einer Stufe mit Maier, Beckenbauer und Müller steht, wie Guardiola nach dem Pokalsieg 2016 zurecht anmerkte. Es wird ein wenig dauern, bis die Lücke, die der Unauffällige hinterlässt, auf dem Platz geschlossen ist.

[Vielen Dank an @santapauli1980 und @SammyKuffour für die Bilder!]

Weitere Texte:
„Danke Philipp Lahm“ & „Der Durchbruch des Philipp Lahm“ auf Miasanrot

Zwischen Titeln und Spekulationen: Es wird hart!

Es ärgert mich bis heute, im Abgang meiner zahlreichen Kneipenaufenthalte in jungen Jahren bei den annähernd zahlreichen Besuchen der Keramikabteilungen einmal zu wenig in den Kasten, in denen Postkarten aus der ehrfürchtig klingenden Produktion „Edgar“ auf aufgeschlossene Notdürftige warteten, einmal zu wenig zugegriffen zu haben. Ein Motiv zeigte auf einem Schwarz-Weiß-Bild einen jungen Mann, der damals in meinem Alter gewesen sein dürfte, auf einer Toilette. Er hielt die für so eine Lokalität typische Rolle in der Hand und wirkte ansonsten auch nicht glücklich. Auf der Karte stand: „Es wird hart.“
Dieses Gefühl habe ich beim Blick auf die Saison auch. Es drückt mich seit Tagen etwas, das jetzt raus muss.

Vielleicht war die Sommerpause zu lang, und wirklich viel passiert ist nicht. Schalke 04 hat Entscheidungen getroffen, die selbst im kritischen Umfeld überwiegend positiv aufgenommen wurden – die medizinischen Untersuchungen fanden bei anderen Vereinen satt. Der SC Freiburg hat als Absteiger rund 25 Millionen Euro eingenommen, ohne auch nur einen Spieler überteuert nach England abgegeben zu haben (etwas, das mir zu wenig Würdigung erfährt). Sogar der HSV verhielt sich nach seinem Klassenerhalt in letzter Sekunde bis vor dem Pokalspiel unauffällig!
Es drängte sich in den letzten Wochen der Verdacht auf, dass scheinbare Baustellen und somit Themen gefunden werden mussten, um irgendwie im Geschäft zu bleiben. Dass sich der FC Bayern dafür anbietet, ist so nachvollziehbar wie ermüdend.
Bis auf die unsägliche Chinareise, auf der Mannschaft und Begleiter alles außer Unterdrückten zu sehen bekamen, gab der Verein ein positives Bild ab. Das mag daran liegen, dass Karl-Heinz Rummenigge zu wenigen Dingen Stellung bezogen hat. Selbst der Abschied Bastian Schweinsteigers ging relativ geräuschlos über die Bühne. Die Transfers wurden im Hintergrund so gut vorbereitet, dass sie erst öffentlich wurden, als sie quasi schon in trockenen Tüchern waren. Besoffen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Geiselgasteigstraße fuhr auch niemand.
Eigentlich eine ruhige Sommerpause!

Irgendwann fiel Einigen ein, dass der Trainer nur noch ein Jahr Vertrag hat. EIN JAHR! Und gewonnen hat der vor zwei Jahren wie ein Messias gefeierte Katalane in den vergangenen zwei Jahren eigentlich auch nix. Zwei nationale Titel im ersten Jahr, nur noch einen im zweiten Jahr. Es ist also abzusehen, was im dritten Jahr unter der Lame Duck gewonnen wird: Nix!
„Pep unter Druck“ schlagzeilte also ein Blatt vor dem Supercup. Das ist einer der drei vom deutschen Fußball ausgelobten Titel, dessen Bedeutung sich knapp über der des Paulanercups bewegt.
Okay, das Spiel ging verloren. Und jetzt haben wir eine Krise? Nach einem Spiel, in dem LarsNicklas Bendtner, ich wiederhole, LarsNicklas Bendtner den letzten Elfer schießen durfte? Really? (Okay, Elfer sollte die Mannschaft mal üben. Auf welchem Rasen auch immer. Rutschig kann es überall sein.) Die Pressekonferenz ein paar Tage später war recht ungemütlich und Guardiola erstmals sichtlich genervt. Die Personalie Götze, befeuert durch ein seltsam anmutendes Management, garniert mit fragwürdigen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten – so genau lässt sich das nicht nachvollziehen – trug auch nicht zu besserer Laune bei.

Bei dem Aufwärmprogramm namens Audicup wurde im übertragenden Fernsehen eine Stimmung verbreitet, als stünde der FC Bayern vor dem Abstieg. Als die Mannschaft einen ziemlich derangierten AC Mailand mit 3:0 besiegte, war man andernorts schon wieder in Höchststimmung und schwadronierte von „totaler Dominanz“. Im Fernsehen war man tags drauf zum Finale immer noch in Trauerstimmung. Klar, die Zweitverwertungsrechte für die 2. Liga am Freitag und Sonntag hat Sport1. Die Mannschaft gewann dann doch irgendwie (kurz vor dem Elfmeterschießen!) 1:0 gegen Real Madrid. Und Mario Götze spielte recht gut.

In der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel hatte dann Matthias Sammer einen recht guten Auftritt. Bei ihm weiß man ja nie, ob er weiß, was er am Satzende sagen wird. Diesmal wusste er es offenbar und heizte den Fragenden ordentlich ein.
Das Pokalspiel selbst? Ein 3:1 bei einem Fünftligisten. Das ist nicht berauschend, aber es reicht. Für die SZ war das Spiel eine „Enttäuschung“. Weil die badischen Bauernfünferl nicht bei 45 Grad zweistellig aus dem Stadion geschossen wurden? Das ist lächerlich.
Dazu kommt, dass die Mannschaft immer noch nicht komplett ist. Arjen Robben wurde zwischenzeitlich für eine Woche aus dem Mannschaftstraining genommen, bei Franck Ribéry, Javier Martínez und Holger Badstuber ist noch nicht absehbar, wie lange sie noch ausfallen werden. Die neuen Douglas Costa und Arturo Vidal kamen erst im Laufe der Vorbereitung.

Es wurde sehr viel Unruhe verbreitet, und es ist nicht absehbar, dass sich das legen wird. Man muss befürchten, dass fröhlich weiter gebohrt wird, wenn die Mannschaft nach fünf Spieltagen nicht mindestens zehn Punkte Vorsprung auf den Zweiten hat.
Sollte dies wider Erwarten doch der Fall sein, wird man über unzufriedene Spieler berichten, weil der Trainer diesen zu großen Kader „schlecht moderiert“.

Dabei bin ich recht optimistisch gestimmt und freue mich auf die neue Saison.
Ich den Eindruck habe, dass die Verantwortlichen die richtigen Personalentscheidungen getroffen haben. Douglas Costa – dass in München ein Costa spielt, der kein Grieche ist, ist für mich noch gewöhnungsbedürftig – macht nach den ersten Spielen den Eindruck, der Mannschaft offensiv neue Impulse geben zu können. Da nicht absehbar ist, wie lange Ribéry noch ausfallen wird, scheint das Geld in ihn sehr gut investiert zu sein. Arturo Vidal kann wie vor drei Jahren Martínez so etwas wie der Königstransfer für den ganz großen Wurf sein.
Der Mannschaft dürfte das Gerede um den Trainer relativ egal sein. Mit Lahm, Robben und Ribéry gibt es Spieler, für die es womöglich die letzte Gelegenheit ist, den Europapokal noch einmal zu gewinnen. Flankiert werden sie von neuen und jüngeren Spielern, die die Krönung noch nicht erlebt haben. Und Thomas Müller will eh immer spielen und gewinnen. Die Mischung macht einen stimmigen Eindruck. Ob es reicht, ist nicht zu prognostizieren. Die letzte Saison hat gezeigt, wie unmöglich es ist, Titel in Pokalwettbewerben zu planen.
Daher wünsche ich mir vor allem möglichst wenig Verletzte. Wenn es Pep Guardiola gelingt, junge Spieler wie Joshua Kimmich und Pierre-Emile Højbjerg einzubauen und den sich spätestens mit Schweinsteigers Wechsel begonnen Umbruch einzuleiten, wäre ich auch sehr glücklich.

Sollte die Mannschaft schwer in die Gänge kommen, wird es hart. Aber mit dem HSV stellt sich am 1. Spieltag ein Gegner mit einer tatsächlich unruhigeren Woche als der FCB vor, der der Mannschaft liegt. Dann kann es flutschen wie vor drei Jahren, als Mario Mandžukić wie ein chemischer Rohreiniger auf europäischen Spielfeldern aufräumte.

Ich habe keine Ahnung, wie diese Saison ausgehen wird. Zwischen Nix (also Platz 3 auf den letzten Drücker), Etablierung junger Hasen wie Kimmich, einem Titel, der Torjägerkrone für Lewandowski, drei Titeln und der geordneten Übergabe einer intakten Mannschaft für Jürgen Klopp, Lucien Favre oder Markus Weinzierl ist alles drin.
Wird es ganz schlimm verstecke ich mich wie der junge Mann auf dem Klo und halte die Rolle ganz fest.

—–

Bei Breitnigge und Miasanrot wird auch nach vorne geschaut.

Abschied zwischen Realismus und Emotionen

Als Felix Magath 2004 beim FC Bayern begann, wollte er Bastian Schweinsteiger nicht gekannt haben. Es war wahrscheinlich nur eine gezielte als Motivation beabsichtigte Provokation, mit der er ihn für drei Spiele erst einmal zu den Amateuren schickte. Nach einer EM, bei der er neben Lukas Podolski und Philipp Lahm zu den wenigen Lichtblicken eines ansonsten enttäuschenden Turniers gehört. (Wer erinnert sich nicht an das 0:0 gegen Lettland?)
Aber es waren andere Zeiten. Man war als Nationalspieler nicht automatisch Stammspieler im Verein, und man zeigte stolz zu fortgeschrittener Stunde, weil sich tagsüber zu viele Funktionäre Fans und Funktionäre am Gelände aufhalten, der jüngeren weiblichen Verwandtschaft die beeindruckende Infrastruktur des Vereins. Sicher eine Form von Stolz gepaart mit jugendlichem Leichtsinn, der sich optisch gerne in gewagten Frisuren ausdrückt. Die Presse war begeistert, Uli Hoeneß weniger, wie wenig später ebenda zu lesen war. Das „Gebetbuch“, wie es sein Förderer Hermann Gerland einmal formulierte, war seine Sache nicht.

Mit Magath, der wahrscheinlich nur dann ausgelassene Freude empfindet, wenn der grüne Tee en minute gezogen ist, konnte es nichts werden. Jugendliche Spielfreude, die nicht auf blindem Gehorsam fußt, verträgt sich nur schwer mit der Vorstellung von beliebig verschiebbaren Schachfiguren. 23 von 75 durchgespielten Bundesligaspielen standen nach den zweieinhalb Jahren zu Buche.
Unter Ottmar Hitzfeld und Jürgen Klinsmann wurde es leider kaum besser, sieht man von eindrucksvollen Spielen und Toren gegen Portugal im Zweijahresrhythmus ab. Meine Prognose „Dieses Jahr packt er’s aber!“ wurde meistens nach einigen Spieltagen Jahr um Jahr auf die nächste Spielzeit verschoben. Ich verzweifelte nicht, weil er mir zu sehr Schweini war, aber verstehen konnte ich das Stagnieren nicht.

Louis van Gaal überraschte mich unmittelbar nach den ersten Trainingseinheiten 2009 mit der Aussage, dass Schweinsteiger nach Mark van Bommel und Philipp Lahm der dritte Kapitän sei. Die Begründung lieferte er nach meinen skeptischen Gedanken prompt nach: weil er schon so lange im Verein sei. Das bestätigte meine Zweifel, und ich hatte die Hoffnung, dass aus ihm noch etwas werden könnte, eigentlich schon aufgegeben. Wenigstens gab sich der neue Trainer höflich.
Doch der eitle Holländer, den die Vereinsfunktionäre Jahre später immer noch so darstellen wie die CSU die Opposition und andere Linksradikale, redete nicht nur gerne und ausführlich, sondern hatte eine Idee vom Fußballspielen, die er seinen Spielern – bis auf Franck Ribéry vielleicht – sogar vermitteln konnte. Für Bastian Schweinsteiger hatte er eine sinnvolle Aufgabe, indem er ihn von der Außenbahn in die Zentrale beorderte. Unter Joachim Löw und Jupp Heynckes in seiner zweiten Amtszeit, in der es lediglich um Schadensbegrenzung ging, durfte er bereits auf der Sechs spielen, aber das blieb eine Randnotiz.
An der Seite von Mark van Bommel wurde aus Schweini binnen weniger Spiele Schweinsteiger. Sinnloses Rennen übers Spielfeld wich Übersicht und Passgenauigkeit. Dieser Versetzung nach holprigem Saisonstart folgte die bis dato spielerisch beste Phase die ich als Fan in 25 Jahren erleben durfte. Sie mündete nur knapp nicht im Triple. Es folgte sein bestes Turnier in der Nationalmannschaft. Über den ARD-Brennpunkt nach Michael Ballacks schwerer Verletzung blicke ich gerne amüsiert zurück. Es war auch die Zeit, in der sich der Öffentlichkeit abseits des Fußballplatzes entzog und mit 25 so etwas wie ein Elder Statesman wurde. Die das Untermauernde grauen Haare wuchsen erst später.
Es folgte eine Saison, in der wegen einiger Verletzter wenig klappte, sein Seniorpartner van Bommel verließ im Winter fluchtartig die Stadt, und wenig später wurde van Gaal in einer denkwürdigen Pressekonferenz mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Der einzige Höhepunkt war die vor 69000 Zuschauern im Stadion und rund einer Million Pay TV-Abonnenten verkündete Vertragsverlängerung bis 2016.

Auf der Höhe seiner Schaffenskraft, Jupp Heynckes war inzwischen zurückgekehrt, nahmen leider Schweinsteigers Verletzungen zu. Häufig entstand der Eindruck, auf dem Platz quält sich einer für seine Mannschaft, für seinen Verein. Von wegen „Chefchen“! Wahrscheinlich sollte es so sein, dass er den entschiedenen Elfmeter im unseligen Finale dahoam verschoss. Andere trauten sich den Gang zum Punkt gar nicht erst zu. Er opferte sich, wurde zum tragischen Helden. Es heißt, dass nur Titel zählen. Eine schlimme Niederlage anzunehmen, ist ungleich schwieriger. Womöglich wurde er in diesen Sekunden das, was man gerne als „erwachsen“ bezeichnet.
Sichtlich gezeichnet schleppte er sich durch das nächste große Turnier.
Jupp Heynckes erkannte dies und gab Schweinsteiger das Signal, er solle sich die Zeit, die er benötige, nehmen, um wieder fit zu werden. Er setze auf ihn. Im Herbst kehrte er zurück und trug wesentlich zur erfolgreichsten Saison seines FC Bayern bei. Ein Jahr, in der sich die Mannschaft den gesamten Frust des Vorjahres von der Seele spielte. Nach dem Gewinn des Europapokals war keine kindliche, keine Schweini-Freude bei ihm zu sehen. Nur Erleichterung und Dankbarkeit, für die Leiden der 12 Monate zuvor endlich entschädigt worden zu sein. Das Gerede, dass die Mannschaft um Lahm und Schweinsteiger keine große Titel gewinnen könne, verstummte endlich. Ausgelassen wurde es eine Woche später, als der DFB-Pokal die Sammlung komplettierte.
Nach dieser Saison kaufte ich mir ein Trikot mit seinem Namen auf dem Rücken.

Pep Guardiola kam, und es begann sich im Spiel wieder einiges zu ändern. Schweinsteiger hatte seinen Platz sicher, die Position wechselte, wenn er nicht gerade wieder verletzt war. Zwischendurch wurde er Weltmeister und hatte alles erreicht, was man mit seinem Verein und seiner Nationalmannschaft erreichen konnte.
Zu meiner Überraschung trat nicht er zurück, sondern Philipp Lahm. Ich habe es bis jetzt noch nicht verstanden. Doch sein Ehrgeiz, als Kapitän noch einen Titel zu holen – die Europameisterschaft fehlt ihm noch –, scheint sehr groß zu sein.

So ist es, trotz aller kolportierten Unstimmigkeiten mit Guardiola, logisch, dass er, schon länger in Würde ergrauend, mit 30 Jahren ein großes Abenteuer wagt.
Schweinsteigers Lehrmeister van Gaal vereinfachte sicher den Schritt von seinem Verein weg auf die Insel. Es beruhigt meine kleine Fanseele, dass er nicht zu Irgendjemandem geht, sondern einem Trainer folgt, der weiß, was er an ihm hat. (Ich hoffe nur, dass er in Manchester kein gutes Restaurant mit bayerischer Küche findet, weil Thomas Müller eventuell doch noch schwach werden könnte.) Bleibt er von Verletzungen verschont, kann er Kopf einer sich im Umbruch befindlichen Mannschaft werden – und läutet damit selbst den anstehenden Umbruch beim FC Bayern ein.

In den letzten Tagen drängte sich der Eindruck auf, dass die Verantwortlichen über seine Entscheidung erleichtert sind. Aus sportlichen wie wirtschaftlichen Gründen ist es nachvollziehbar, dass sie wenig Lust verspürten, seinen Vertrag nennenswert zu verlängern. Für den Fan, der der seinen Emotionen freien Lauf lassen darf, ist es schmerzhaft, wenn einer der Protagonisten, nein, der Fußballgott einer großen Mannschaft von Bord geht. Andererseits bleiben uns lange öffentliche und hitzige Diskussionen über wahrscheinliche Nicht-Aufstellungen und sich hinziehende Vertragsgespräche erspart. Womöglich erkannte er das, was wiederum für Reife und und ein intaktes persönliches Umfeld spricht. (Uli Hoeneß kann da sicher aus dem Nähkästchen plaudern.)
Es hätte nicht so eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Abschiedspressekonferenz wie im Frühjahr in Dortmund bei Jürgen Klopps Kündigung sein müssen, dennoch wäre ein wenig Pathos am Samstag angemessen gewesen. Aber dafür stehen der scheinbar weltgewandte Karl-Heinz Rummenigge und der immer nach vorne orientierte Matthias Sammer nicht. Die Abteilung „Familie und Empathie“ ist seit dem Rücktritt Hoeneß‘, der den Wechsel nicht hätte verhindern können, vakant. (Vielleicht muss man einfach froh sein, dass der Abschied nicht so unwürdig ist wie der Iker Cassilas‘ in Madrid dieser Tage.) Da nicht absehbar ist, wer kurzfristig die Stelle besetzen kann, steht Schweinsteiger die Möglichkeit offen, sie nach dem Ende seiner Karriere einzunehmen.

Am Ende des Tages kann ich nur konstatieren, dass ich für die Scheiß Emotionen verantwortlich bin, die mich mit dem Abschied begleiten. Bastian Schweinsteiger steht nicht nur für den größten Erfolg, den ich als Fan erleben durfte, sondern auch für eine Mannschaft, die das Triple mit den Eigengewächsen Philipp Lahm, Diego Contento, Holger Badstuber, David Alaba, Thomas Müller, Toni Kroos und eben ihm gewonnen hat.

Ich bedanke mich für eine tolle wie intensive Zeit. Mögen die bevorstehenden Jahre in Manchester ganz großes Tennis werden!
Bis zum Abschiedsspiel verabschiede ich mich mit einem herzlichen Oberaudorf!

Freitagsgeburtstagspieltagsfeier

FC Bayern München – 1. FC Köln & 115. Geburtstag

Das Saatkorn, das wir gesät haben, ist herrlich aufgegangen. (Bild: @Fischer89Martin)

Das Saatkorn , das wir gesät haben, ist herrlich aufgegangen. (Bild: @Fischner89Martin)

Entweder ist es das Alter oder die Macht der Gewohnheit, dass ich Fußballspiele, so ich sie nicht vor Ort anschaue, am liebsten auf Großbildleinwand sehe. Mein Fernseher ist nicht klein, aber die Spieler wirken auf dem Bildschirm inzwischen sehr klein. Ein neues Gerät zu kaufen will ich noch nicht, da das derzeitige mein erster selbst gekaufter neuer Fernseher ist. Und das mit Mitte 30. (Der erste selbst erworbene Fernseher war ein gebrauchter, der bei mir keine zwei Jahre überlebte, was mich zur Anschaffung eines neuen animierte.)
Gestern war es so, dass mir Bild auf der großen Leinwand im Backstage sehr unscharf vorkam. Ich fragte meinen Begleiter, ob das an mir oder der Leinwand läge. Er sehe immer schlecht, war seine Antwort. So blieb diese Frage offen.

Offen blieb auch die Frage, wie das gestrige Spiel, zu dem wir unter anderem das Backstage aufsuchten, ausgegangen wäre, hätte Manuel Neuer gegen seinen potentiellen Ex-Verein nicht mehrmals sehr gut gehalten und somit den überraschenden Ausgleich verhindert. Den indirekten Freistoß, den er nach der mit Hand aufgenommen Rückgabe von Jérôme Boateng verursachte, hielt er auchmusste er nicht halten, weil den Thomas Müller abblockte.
Wir hatte gerade Platz genommen und das erste Bier gekauft, als Bastian Schweinsteiger nach einer Ecke (!) von Arjen Robben das 1:0 köpfte. Wir jubelten, erst danach kamen wir dazu, den ersten Schluck zu nehmen. Beim dritten Schluck stand es bereits 2:0, und wir begannen uns auf einen sehr entspannten Abend einzustellen.
Doch irgendwie legte die Mannschaft die Entschlossenheit ab, was den defensiv aber nicht devot auftretenden Kölnern nach anfänglichem Zögern gefiel. So war das 2:1 mit dem Pausenpfiff nicht unverdient.
Es folgte die erwähnte Viertelstunde von Manuel Neuer, für die er zu Recht vom Trainer geherzt wurde. Sky blendete die Ankündigung einer Dokumentation über den ungeliebten Untermieter ein, woraufhin das berühmte Bayernligalied angestimmt wurde. Mitten im Gesang fiel das 3:1. 30 Sekunden, die wunderbar choreographiert waren.
Besser konnte die Stimmung an den Bierbänken nicht mehr werden! Das 4:1 war eine nette Zugabe – für Robert Lewandowski (dafür steht er eben da, „wo ein Stürmer stehen muss“, auch wenn es unnötig erscheint) wie für uns Zuschauer.
Am Ende standen zwei Augustiner Hoibe gegen vier Tore, was man als durchaus ausgeglichene Bilanz ansehen kann.
(Gehaltsvoller wird das Spiel wie immer bei Miasanrot aufbereitet.)

115 Jahre FCB im Backsatge

115 Jahre FCB im Backsatge

Während Matthias Sammer nach dem Spiel wieder den im Winter vor starkem Schneefall warnenden Meteorologen gab, indem er Schlendrian, Bruder Leichtfuss und andere unseriöse Gesellen geißelte, entkam Holger Badstuber im Interview mit Christina Rann in der Bezahlfernsehboazn „Mein Stadion“ ein kurzes Lächeln. Man musste schon genau hinschauen, aber er lächelte. Vielleicht war es auch nur ein Schmunzeln, doch das ist egal. Badstuber scheint es sehr gut zu gehen, das ist für mich die Kernaussage. Denn Allgäuer lächeln nicht grundlos. Und der FCB braucht den Großmeister des gepflegten Querpasses, der mit Boateng das humorloseste wie coolste Abwehrduo der Bundesliga bildet.

Und dann wurde gefeiert. 115 Jahre FC Bayern.
Was wir in München eben so „Feiern“ nennen. Das Backstage ist der einzige namhafte halbwegs abgefuckte Schuppen, den wir in der Stadt haben. Selbst die Umgebung ist noch unmotiviert hässlch. Aber die Stadtentwicklungspolitik arbeitet seit einigen Jahren fleißig daran, dass das Umfeld auch architektonisch geweiht greislig wird.
Welche Musik spielt man?
„Skandal im Sperrbezirk“, klar. „Fürstenfeld“, auch logisch. Und die Erste Allgemeine Verunsicherung sowieso.
Aber „Bochum“?
Mir erschloss sich die Fanfreundschaft zwischen dem FC Bayern und dem VfL Bochum nie. Da aber Hermann Gerland neben den Gebrüdern Schweinsteiger der beste Mann im Verein ist, gröhlten wir eben mit voller Inbrunst „Ich komm aus Dir“, auch wenn wir den Slang, wie ihn der Kuttenträger aus Herne, dessen Mutter während jeder Sommerpause die Weste auf ansehnlichen Vordermann bringt, nie wiedergeben können.

Hinter den Kulissen des Club Nr. 12

Hinter den Kulissen des Club Nr. 12

Sehr schnell sehr müde, schaffte ich es mit Mühe, bis 1.15 Uhr durchzuhalten. Das Durchhalten lohnte sich jedoch, da uns Napto, Kuhstaller und Konsorten Einblick ins Headquarter des „Club Nr. 12“, dem Fanherz des Vereins, gewährten. Eine Werkstatt, in der Choreographien entstehen wie die zum 115. Geburtstag. Ein Ort, der den Verein zu Reflexion veranlasst, auf die er bisweilen gern verzichtete.

Es war ein Abend, den ich weder auf Großbildleinwand noch am heimischen Fernseher hätte erleben können.
Liebe ist irrational. Egal, wie schlecht ich sehe – ich kann sie mir nicht schön trinken.
Will ich auch nicht.

Nota bene: Ich bedanke mich beim Club Nr. 12 und @StefKohlsen für zur Verfügungstellung von Choreographiebildern. Ich entschied mich für das von @Fischer89Martin. Vielen Dank!

Eine Niederlage zum Genießen

Es war mir klar, daß ich erst wieder über ein Spiel schreibe, wenn es verloren gegangen ist. Ranten und Jammern auf hohem Niveau. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Weit gefehlt!

Ich gehe nicht so weit zu behaupten, am Dienstag die schönste Niederlage meines Lebens gesehen zu haben. Dafür war das entscheidende Gegentor kurz vor Schluss zu ärgerlich. Was ich jedoch zwischen der 20. und 85. Minute sah, hatte so gar nichts mit Niederlage zu tun.
Medhi Benatia brachte als letzter Mann Sergio Agüero im Strafraum zu Fall, sah zurecht Rot, und der Gefoulte brachte die Citizens in Führung. Erinnerungen an den vor zwei Jahren gegen BATE Baryssau ähnlich ungeschickt agierenden Jérôme Boateng wurden wach. Heute ist er cooler als Ernst Eiswürfel. Richtig uncool fand es wohl Sebastian Rode, der unmittelbar danach für Dante Platz machen musste, obwohl er vielversprechend auftrat.

Daß aus dem unbedeutenden Kick am vorletzten Spieltag der Champions League-Vorrunde recht unerwartet ein Planspiel wurde, sah der Kneipenbesuch nicht vor. Im Rahmen unserer Möglichkeiten – wir Drei sahen uns länger nicht – beschränkten wir unsere Gespräche auf das Nötigste und konzentrierten uns fortan auf das Spiel.
Nach einiger Zeit frisch sortiert erzwang sich der FCB Standards (zum Glück keine Ecken), und Xabi Alonso erwies sich abermals Meister des unter der Mauer hindurch geschossenen Freistoßtores. Undankbar für den Gegner im Allgemeinen und Joe Hart im Speziellen, der aussah wie ein englischer Torwar nach gängigem Klischee aussieht, obwohl es wenig zu halten gab. Aber Mauerstellen und so. Vor der Pause köpfte Robert Lewandowski die Führung, und ich war beeindruckt. Vielleicht waren das die besten 25 Minuten, die die Spieler in dieser Saison boten. Man spricht gerne davon, daß eine Mannschaft eine Reaktion zeigen müsse. Es gelang ihr eindrucksvoll.
Euphorie brach in der Kneipe nicht aus, aber die Halbzeitzigaretten vor der Tür waren mehr Genuss als Stress. Irgendwas zwischen „Geht ja um nix“ und „Super gemacht“ war der Tenor.

In der 2. Halbzeit hielten sich die Citizens zwar vornehmlich in der gegnerischen Hälfte auf, doch Raum und Zeit schienen ihnen abzugehen. Daß der FCB Rückstand und Platzverweis kompensieren kann, war Konsens. Die Gespräche abseits des Bildschirms nahmen zu und wurden nur von der Auswechslung Lewandowskis für Xherdhan Shaqiri unterbrochen, die wohl so nicht geplant war. Aber auch Pep kann sich mal vertun, wenn man dem 4. Offiziellen die falsche Rückennummer übermittelt. (Hat eigentlich niemand den Trainer gefragt, wer statt seiner raus sollte?)
Bei der Einwechslung Schweinsteigers kurz davor büllte ich „BASTIAN SCHWEINSTEIGER FUSSBALLGOTT!“ und stiftete kurzzeitig Verwirrung in der Kneipe. Ich hatte zwar war keine fechten Augen wie Anfang des Jahres beim Pokalsieg in Hamburg, als er erstmals nach langer Verletzung eingewechselt wurde, werde jedoch mit den Fans nicht mehr warm, die so etwas einfach nur zur Kenntnis nehmen.
Plötzlich ging es sehr schnell, und es stand auf 3:2. Individuelle Fehler. Fehlende Konzentration. Passiert. Schnelles Zahlen. Die Kneipe leerte sich im Minutentakt. Einige waren sicher sauer. Zehn Euro Mindestumsatz, und dann verlieren die Bayern!
Zurück blieben Drei, die begeistert waren.

Vielleicht war es nicht die schönste, aber es war eine Niederlage zum Genießen.

Ich bin noch nicht bereit.

Als Arjen Robben in Wembley das 2:1 schoss, tobte die Kneipe um mich. Ich nahm das nur schemenhaft war, weil ich in Tränen zerfloss. Nein, nicht, weil es ein Ausgerechnet-Tor des Umjubelten wie Verhassten war, sondern, weil alles von mir abfiel. Drei zweite Plätze, ziemlich viel Unruhe und eine Portion Ungewissheit hinterließen Spuren. „Wir haben es geschafft“, sagte man mir, als wir Minuten nach dem Abpfiff auf der Straße standen. Ich musste mir erst noch einmal eine Zigarette drehen und anzünden, bis ich es wirklich glauben konnte.
Der Pokalsieg eine Woche später war das dritte I-Düpferl auf eine Saison, die nicht nur ich nie vergessen werde.
TRIPLÖÖÖ!
Ja, der gute, nein, überragende Franck Ribéry brachte es neben Mehmet Scholl auf die sechs Punkte des aus seinem Mund schönen, putzig klingenden Umlauts.

Aber kaum war diese historische Saison vorbei, ging es weiter, obwohl doch Sommerpause war. Dabei fand kein wichtiges Turnier statt – die Confedcup-Teilnehmer und EM-Teilnehmerinnen mögen es mir verzeihen.
Der neue Heilsbringer überschattete alles. Es ist nicht die Schuld Pep Guardiolas, daß der gerade drei Wochen alte Ruhm derart schnell in den Schatten des regenreichen Junis geriet. Nachdem übereinstimmend festgestellt wurde, daß der Katalane besser Deutsch kann, als viele Journalisten seinen Namen unfallfrei aussprechen können, wurde eine Lawine losgetreten, der ich so gut als möglich auswich. Ich war bei keinem Showtraining in Fröttmaning, las so gut wie nichts in den zahlreichen Medien, machte mir keine Gedanken darüber, wo Thiago Alcántara denn spielen könnte und feierte nicht den Deutschen Meister 2013/14. Stattdessen erfreute ich mich an Mario Gómez‘ warmen Empfang in Florenz und genoss die Sonne. In der Vorbereitungsphase mit den vielen, nur Staub fangenden Pokalen sah ich eine Halbzeit. Die 2. Halbzeit verbrachte ich im Hof des Gastgebers, der ein rauschendes Fest feierte, was nicht nur am Sieg seiner Mannschaft lag. (Wenn wir schon nicht gewinnen, saufen wir ihm wenigstens den Kühlschrank leer!)

Vorgestern fand das erste Pflichtspiel statt. DFB-Pokal. Ich habe dieses Spiel tatsächlich versäumt, obwohl die ARD so freundlich war, es zu übertragen. Ich war noch nicht bereit. Am Freitag beginnt die Bundesliga; wenigstens habe ich schon ein wenig im „Chefkicker“ (ich weiß nicht mehr, wer diesen wunderbaren Ausdruck in meine Timeline schmiss) geblättert.

Ich bin nicht satt, sondern müde. Mir ging das alles zu schnell. Es kommt mir so vor, als habe die letzte Saison vor zwei Wochen erst aufgehört. Natürlich muss es weitergehen. Die Titel der letzten Saison sind nur noch Schmuck für den Briefkopf, und die Generation „Lahm/Schweinsteiger“ muss nun natürlich beweisen, daß sie große Titel auch verteidigen kann.

Ich bin nicht böse, wenn es ihr nicht gelingt. Denn ich kann mir vorstellen, daß die Spieler noch müder sind als ich und sich erst mit dem neuen Trainer zusammenraufen müssen, um sich zu neuen Großtaten aufzuschwingen. Das wird sicher auch einige Energien kosten.

Was bleibt, ist die Favoritenrolle – und eine für mich zu kurze Sommerpause.