ÖPNV-Ausbauprogramm: Der große Wurf?

Spät, sehr spät, fast schon zu spät hat man im Stadtrat erkannt, dass der ÖPNV in München massiv ausgebaut werden muss. In einer Pressekonferenz mit OB Dieter Reiter, 2. Bürgermeister Josef Schmid sowie den Fraktionsvorsitzenden Alexander Reissl (SPD) und Manuel Pretzl (CSU) wurden heute große Pläne verkündet. Das 5,5 Milliarden Euro schwere Investitionsprogramm beinhaltet vor allem den Ausbau der U-Bahn und klingt mehr nach Hauruck-Verfahren mit vielen Fragezeichen als nach durchdachter Verkehrsplanung.

Ist-Zustand und Planung

Der Ist-Zustand in München sieht seit geraumer Zeit so aus, dass S-, U-Bahn, Tram und Bus aus allen Nähten platzen, was nicht nur dem verheerenden Fahrzeug- und Personalmanagement bei der S-Bahn München und der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) geschuldet ist, sondern auch einer Kommunalpolitik, die jahrelang zugeschaut hat. Bis auf die 2. Stammstrecke wird derzeit kein Meter Schiene gebaut. Ein Zustand, an dem sich in den nächsten paar Jahren nichts ändern wird. Für eine wachsende Stadt wie München ist das ein Unding!
Die Debatte um mögliche Fahrverbote für Dieselfahrzeuge einhergehend mit zunehmendem Autoverkehr und immer noch ansteigenden PKW-Zulassungszahlen setzt die Stadtspitze unter Druck, so dass es nicht verwunderlich ist, dass sie heute mit der MVG die Flucht nach vorne angetreten ist.

So soll das Liniennetz nach dem Ausbauprogramm aussehen. (Bild: SPD-Stadtratsfraktion)

Die geplanten Maßnahmen im Überblick:
U9: Münchner Freiheit – Pinakotheken – Hauptbahnhof – Theresienwiese/Esperantoplatz – Pocci-/Implerstraße
U5: Pasing – Freiham Zentrum (die Verlängerung vom Laimer Platz nach Pasing ist finanziert)
U4: Arabellapark – Englschalking (– Messestadt?)
U26: Kieferngarten – Am Hart
Tram 23: Schwabing Nord – Heidemannstraße
Tram Westtangente: Romanplatz – Laim – Waldfriedhof – Aidenbachstraße
Tram Nordtangente: Tivolistraße – Englischer Garten – Elisabethplatz

Alles sehr langfristig und wenig konzeptionell

Das sieht alles nach sehr viel aus, ist es jedoch nicht.
Was nämlich fehlt, sind bis auf West- und Nordtangente leistungsfähige Querverbindungen. Auch wenn die Stadt für S-Bahn-Südring und -Nordring nicht zuständig ist, ist es schleierhaft, diese beiden bereits vorhandenen Strecken bei den Planungen außen vor zu lassen.
Es ist schwer nachvollziehbar, warum die Verlängerung der U3 von Moosach über Untermenzing und Allach nach Pasing nicht auftaucht. Sie würde schon am westlichen Stadtrand sehr viele Fahrgäste aufnehmen, die nicht über das Zentrum zu ihrem Arbeitsplatz gelangen wollen. Noch besser wäre ein Ausbau der Tangente zu einem Nordring über Alte Heide, Englschalking und Riem zur Messe. Mit der Verbindung könnte man sehr vielen Fahrgästen einen Umweg über die Innenstadt ersparen und die Radiallinien entlasten.

In dem Kontext ist es auch nicht verständlich, warum das in den Planungen fortgeschrittene Tram-Nordnetz, das den Petuelring mit Am Hart und weiter über die Heidemannstraße zum Kieferngarten erschließt, ein leistungsfähiges Netz ergeben würde, wieder beerdigt wird. So bleibt nur die Verlängerung der Linie 23 zur Heidemannstraße. (Dafür fehlt die in Aussicht gestellte Verbindung von Münchner Freiheit zur Nordtangente.)
Die stattdessen geplante U26 schafft mehr Probleme, als sie löst und kann erst gebaut werden, wenn die U9 fertig ist, für die aus guten Gründen kein geplanter Eröffnungstermin genannt wird. Entflechtet man mit der U9 das U-Bahnnetz in der Innenstadt mit einer eigenen Trasse, verbaut man sich den teuer erbauten Vorteil mit der U26 wieder, weil man eine neue Verbindung einfädelt. Das jetzige U-Bahnnetz krankt vor allem in der Nord-Süd-Richtung daran, dass sich zwei Linien eine Trasse teilen müssen, was ganz dichte Takte auf einer Linie unmöglich macht und so zu Fahrgaststau vor allem an den Bahnhöfen Hauptbahnhof, Marienplatz und Sendlinger Tor und Verspätungen führt. Dazu kommt der vermutliche Zeitpunkt der U26-Eröffnung: irgendwann um 2045! Bis dahin sollen rund 30 Jahre Expressbusse zwischen Kieferngarten und Am Hart fahren. Das Tram-Nordnetz könnte man mit gutem Willen in knapp zehn Jahren fertig haben. Es wäre feiner erschlossen und für nicht mal die Hälfte der veranschlagten Kosten der U26 zu haben. Das Beispiel zeigt, dass man vor allem klotzen will, als wirklich ein Konzept zu verfolgen.

Die U9 ist, so man sie mit Verlängerungsoptionen klug plant, mit Abstand das teuerste Projekt. Einerseits untermauert sie den monozentrischen Charakter des U-Bahnnetzes, andererseits muss man damit rechnen, dass selbst bei leistungsfähigen Tangenten die Fahrgastzahlen auf den Linien U1/U2 und U3/U6 nicht abnehmen werden. Und zwei Wochen im Jahr findet ein großes Volksfest statt, dass man mit dem bisherigen U-Bahnhof immer schlechter bewältigen kann.
Berücksichtigt man den immer noch schwer erkennbaren Willen, den Autoverkehr zu reduzieren, ist die Operation U9 am offenen Herzen unumgänglich.

Etwas anders sieht es mit der Verlängerung der U4 ostwärts aus. Eine Verlängerung nach Englschalking ist fragwürdig. Sie erhält nur Substanz, wenn man bei der Stadtentwicklungsmaßnahme (SEM) östlich der S8 nicht nur vierstöckige Häuser kleckerlt, sondern sich von den Protesten nicht abschrecken lässt und richtig baut. Dann ergibt auch die Verlängerung über Riem zur Messerstadt wesentlich mehr Sinn. Ansonsten reicht eine Stichstrecke der Tram vom Cosimapark Richtung Osten.

Gegen die Verlängerung der U5 von Pasing nach Freiham ist eigentlich nichts einzuwenden. Aber die Verwirklichung ist in den nächsten 25 Jahren unwahrscheinlich. Bis zur nicht genannten Eröffnung haben viele dort geborene und aufgewachsene Kinder ihr Abitur gemacht. Warum zumindest nicht ein Trambahn-Vorlaufbetrieb, wie es ihn in den 1970er Jahren in Neuperlach gab, angestrebt wird, bleibt offen. Selbst wenn die Tram nach Freiham ein dauerhaftes Provisorium bleiben sollte, ist sie besser als die Anbindung mit Expressbussen. Vor allem hat man jetzt bei der Planung keine Anwohnerproteste zu befürchten, weil es noch keine Anwohner gibt.

Viele offene Fragen und keine kurzfristigen Maßnahmen

Vollkommen ungeklärt ist die Finanzierung. OB Reiter und CSU-Fraktionsvorsitzender Manuel Pretzl fordern den Bund auf, die Mittel für den ÖPNV massiv zu erhöhen, sprich das 2019 auslaufende und bis 2030 halbherzig verlängerte Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) wieder mit Substanz zu füllen. Stand jetzt sieht es so aus, dass sämtliche Mittel in den Bau der 2. S-Bahn-Stammstrecke fließen. Darüber hinaus sind nur die U5-Verlängerung nach Pasing (übernimmt die Stadt mit 750 Millionen Euro komplett) und die U6-Verlängerung nach Martinsried gesichert.
Dass sich die Münchner SPD-Bundestagsabgeordneten Claudia Tausend und Florian Post für eine schnellstmögliche Aufstockung des GVFG stark gemacht haben, ist zumindest nicht öffentlich bekannt. Der Münchner Oberbürgermeister, mit dem sich die Partei so gerne schmückt, wird mit seinem Anliegen und dem Stillstand, den ihm sein Vorgänger Christian Ude hinterlassen hat, im Stich gelassen.
Es ist nicht verkehrt, mit einer Maximalforderung wie diesem Programm nach vorne zu preschen. Es wäre jedoch hilfreich, günstigere Alternativen in der Hand zu haben, wenn die Neuauflage der Großen Koalition das GVFG wirklich erst 2021, wenn die Legislaturperiode abgelaufen ist, signifikant aufstockt.

Wie der ÖPNV kurzfristig verbessert werden soll, findet keine Erwähnung. Die Probleme sind seit spätestens gestern virulent. Auf der Facebook-Seite der SPD-Stadtratsreaktion erfährt man auf Nachfrage immerhin, dass es bis dahin Expressbusse auf eigenen Spuren richten sollen. Über die ersten zehn dringlichsten soll nach Referatsexpertisen im Juli entschieden werden. Das ist allerdings keine Garantie, dass sie wirklich eingerichtet werden. Zu viele unterschiedlichen Interessen in den Referaten und unterschiedliche Auffassungen im Rathaus versprechen eher eine Verschleppung des Themas als eine kurzfristige Entscheidung für den ÖPNV.

Wie München und die Umlandgemeinden besser und leistungsfähiger mit dem ÖPNV verbunden werden soll, wird auch nicht aufgezeigt und passt nicht zu den letzte Woche zitierten Worten Reiters, verstärkt die Zusammenarbeit zu suchen. Angesichts der vielen PendlerInnen, die sehr viel zu den vollen Straßen in München beitragen, ist das fast schon ignorant.

Wer das alles planen soll, ist ebenfalls unbeantwortet. Die MVG ist mit ihren personellen Ressourcen jedenfalls nicht in der Lage, diese Planungen voranzutreiben. Eine Aussage des Geschäftsführers Ingo Wortmann ist bis dato nicht überliefert.
Wie man im Planungsreferat zu den Planungen steht, ist auch nicht bekannt. Die zuständige Referentin Dr. Elisabeth Merk war bei der heutigen Pressekonferenz nicht zugegen.

Fazit

Der Wille, nach Jahren des Stillstands etwas in Bewegung zu bringen, ist erkennbar. OB Reiter und MVG-Geschäftsführer Wortmann sind bemüht, die Scherben des Nichtstuns ihrer Vorgänger aufzukehren. Doch in München denkt man gerne groß, und die heute vorgestellten Pläne erinnern an den Tscharlie aus den Münchner Geschichten, der gerne von einer „Riesensach“ sprach, wenn er wieder eine Idee verfolgte. Das ist gut gemeint, aber eben nicht gut gedacht. Kleinere, finanziell einfachere Maßnahmen, verpackt in eine Idee, wie nicht nur ÖPNV in München zukünftig aussehen soll, wären besser. Zu viele Unwägbarkeiten schnüren das Paket, von dem man nicht weiß, ob und wann es bei der Bevölkerung ankommt.
Es kommt nicht morgen, nicht übermorgen, sondern vielleicht irgendwann an. Dabei hätte es gestern schon abgeschickt werden sollen.

Links zum Thema (tbc)
Pressemitteilung der SPD-Stadtratsfraktion
PM des Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr (AAN) im Münchner Forum e.V.
Tramreport: „Milliardenausbau: Stadt will weiter planen, statt bauen“
PM der Aktion Münchner Fahrgäste
PM Pro Bahn Stadt- und Kreisgruppe München
Reaktion der Fraktion Grüne/Rosa Liste
Railblog: „5,5 Mrd Euro für U-Bahn und Tram in München“
SZ (Dominik Hutter): „Es braucht endlich Taten“

Generaldebatte zur Wiesn – oder: Schmid vs. Schmid

Das Jahr in München dauert neun Monate. Das ist immerhin fünf oder sechs Monate länger als in Köln – je nach dem, wann die Fastenzeit beginnt.
Neujahr ist, wenn die preiswürdigen Entwürfe für das Wiesnplakat vorgestellt werden. Das ist in der Regel im Februar. Silvester ist am letzten Tag der Wiesn, also am ersten Sonntag im Oktober (oder Montag oder Dienstag. Aber dazu später mehr.) Womit wir auch schon beim Thema wären: Bier.

Beherrschendes Thema der letzten drei Monate in München war folgerichtig die von Bürgermeister und Referent für Arbeit und Wirtschaft (Zuständigkeit u.a. Wiesn) geforderte Bierpreisbremse. Ein handfester Streit unter den Koalitionspartnern SPD und CSU machte Stadt handlungsunfähig.
Nachdem Bedarf angemeldet wurde, über die Wiesn nicht nur im Wirtschaftsausschuss zu befinden, wurde eine Generaldebatte in der Vollversammlung anberaumt.

Vorhang auf für eine Sternstunde der Kommunalpolitik. Oder das Königlich-Bayerische Amtsgericht. Oder für den Komödienstadl.

Halt! Bevor es losging, passierte Ungeheuerliches.

Dann folgte das Duell Seppi Schmid (2. Bürgermeister) und Helmut Schmid (SPD, ehemaliger Wiesn-Stadtrat). Es wurde… leidenschaftlich.

Nach dem Duell Schmid vs. Schmid ging die Debatte mit Wortbeiträgen anderer StadträtInnen weiter.

Irritationen bei den Zusehenden machte sich breit.

Weiter in der Generaldebatte!

Dann wurde die Expertise eines Juristen herangezogen.

Dann wurde es meta. Verfahrensfragen. Wer wen nicht informiert hat und warum. Und irgendwie und sowieso.

Meanwhile ón Twitter.

Dann endlich: Abstimmung!

Auch abgelehnt wurde der zusätzliche Montag, wenn er nicht der 3. Oktober ist. Beschlossen wurden dagegen das Sicherheitskonzept und die Umsatzpacht.
Nach 2¾ (in Worten: zweidreiviertel) Stunden war die Wiesn generaldebattiert. Länger dauern nur Haushaltsdebatten.

Danach wurde es im Plenum schlagartig leer, weil für die zahlreichen MedienvertreterInnen Interviews gegeben werden mussten. Die Sitzungsleitung übernahm die 3. Burgermeisterin Christine Strobl.

Nach der Mittagspause wurde u.a. noch über das Konzept „Soziale Mietobergrenzen“ diskutiert: 10 (in Worten: zehn!) Minuten.
Prioritäten in München. Wohnungen bauen sich von selbst, und der Verkehr nimmt auch von selbst ab.

Die Aufzeichnung der Generaldebatte ist online (0:22:25-3:09:15).

Dogmatismus in der Weltstadt?!

Nachtrag, 15.50 Uhr
Der Text ist erfreulicherweise hinfällig geworden. Markus Hollemann hat heute seine Kandidatur zurückgezogen. Die Wahl wurde auf den 4. März verschoben. Bis dahin hat die CSU Zeit, jemand Anderen vorzuschlagen und, wie StRin Anne Hübner richtig anmerkt, zu zeigen, „ob sie im 21. Jahrhundert angekommen ist“.

In München wird heute ein neuer Referent, ein berufsmäßger Stadtrat, gewählt. Eine Formsache, die hoffentlich abermals aus dem Ruder gerät, weil es mehr als um Formalien geht.

Pannen bei der Referentenwahl gab es immer wieder. Zuletzt, als Boris Schwartz Kommunalreferent wurde, und von der Regierung von Oberbayern nach seiner Wahl aus formalen Gründen erfolgreich abgelehnt wurde. So weit kam Christian Ude gar nicht, der 1987 Peter Gauweiler als Kreisverwaltungsreferent beerben wollte und trotz Hochschulstudium gar nicht erst gewählt wurde, weil seine Partei unfähig war.
Heute wird der Nachfolger von Joachim Lorenz, der seit 1993 Umwelt- und seit 1998 auch Gesundheitsreferent ist, gewählt.
Wiederum ein Politikum, diesmal großkoalitionär.

Die Rathaus-CSU agiert sehr geschickt, das muss man ihr lassen.
Sie lässt ihren ihren 2. Bürgermeister, der erst in der ersten Stichwahl seit 1984 nicht Oberbürgermeister wurde, Josef Schmid zum Wirtschaftsreferenten wählen und signalisiert damit einer Großstadt gut zu Gesicht stehenden Pragmatismus.
Beim Vorschlagsrecht für den morgen zu wählenden Gesundheits- und Umweltreferenten verzichtete die CSU auf das Parteibuch.
Markus Hollemann, ÖDP-Mitglied, derzeit Bürgermeister von Denzlingen und Münchner, soll Nachfolger von Joachim Lorenz werden. Glaubt man Medienberichten, leitet zukünftig ein Dogmatiker, der dubiose gläubige Organisationen unterstützt, ein umfangreiches Referat. Mag in der Umweltpolitik Radikalität nicht verkehrt sein, ist in der Gesundheitspolitik sehr viel Sensibilität notwendig. Die Probleme dort sind sehr vielschichtig und vor allem multi-religiös. Glaubt man den veröffentlichten Berichten, ist Markus Hollemann dafür nicht geeignet.
In der Münchner CSU, die eigentlich weltoffener als vor 10 oder 20 Jahren ist, hätte ein Hollemann keine Chance auf eine Karriere.

Wenn die CSU mit Hollemann ihr wahres Weltbild durchdrücken und ihn auf diesem Wege zum Gesundheits- und Umweltreferenten küren will, ist das ihre Sache. Es spricht nicht für eine Großstadtpartei mit konservativem Profil. Wenn der Juniorpartner SPD, der „nur“ den OB stellt, diese Personalie durchwinkt, verprellt er er ein weltoffenes München, dem ein Parteibuch egal ist und keine Lust auf Dogmatiker hat. „Nobagida“ lebt von seiner Überparteilichkeit. In diesen Tagen nicht das schlechteste Signal.

Ein Bündnis aus SPD, Grüne/Rosa Liste, HUT, Piraten und FDP käme auf 44 von 81 Stimmen, um einen scheinbar Unabhängigen, wie ihn die CSU versprach, zu verhindern.
Eine Mehrheit, wie sie auch die Bevölkerung widerspiegelte.
Ohne die SPD und den Koalitionsvertrag, der in der Kommunalpolitik angeblich eh nur ein leitfadendes Papier ist, ist diese repräsentative Mehrheit jedoch nicht möglich.
Abweichende Mehrheiten sind übrigens nicht ungewöhnlich: Der Umzug der Messe nach Riem wurde in einer rot-grünen Koalition mit Stimmen von SPD und CSU beschlossen.

Der zugängliche Oberbürgermeister Dieter Reiter muss sich heute womöglich erstmals offen gegen den gerne mit der CSU paktierenden Fraktionsvorsitzenden Alexander Reissl positionieren, wenn es ihm nicht gelingt, seinen Stellvertreter Schmid von Holleman abzubringen. Wenn es ihm wichtig ist.
Die überwiegend linke Opposition steht vor einem Scherbenhaufen wie die haltungslose SPD. HUT und Piraten war nach der Wahl der Fraktionsstatus mit der FDP, die Hollemann auch nicht will, wichtiger als Inhalte. Ironie des Schicksals.
Wird Markus Hollemann heute zum Gesundheits- und Umweltreferenten gewählt, ist es kollektives Versagen mit Anlauf.

Verhindern kann die Wahl nur noch die SPD.

Offenlegung: Ich bin Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen.

Glossar zu Markus Hollemann: Unterstützte Projekte von Markus Hollemann, Alfa e.V.;
SZ-Artikel

Reiter weiter!

München 2014

Als ich beschloss, endlich einen Münchner Jahresrückblick zu schreiben, fiel mir erschreckend wenig ein, weshalb ich das Internet fragte:

Der Input beschränkte sich auf zwei Antworten, was, wie ich glaube, nicht nur am weihnachtlichen Völlegefühl lag. Nach einigem Überlegen fand ich doch etwas. Nichts Besonderes – München halt.

Die größte Veränderung ist, daß Christian Ude nicht mehr Oberbürgermeister ist, weil er sich nicht mehr zur Wahl stellen durfte. Davon bemerkt man relativ wenig, sieht man davon ab, dass er und seine Frau Edith von Welser-Ude seit seiner Abdankung noch mehr Bilder von griechischen Katzen ins Internet stellen. Denn sein Nachfolger Dieter Reiter, der sich in der Stichwahl gegen den wieder Josef heißenden Schmid durchsetzte, fiel in den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit noch nicht auf. Vielleicht bekam er einfach nur viele E-Mails nicht, weil die Verwaltung mit LiMux nicht umgehen kann. Was für ein Glück, dass sich Microsoft 2016 in München niederlässt!
Der ehemalige Seppi wurde dafür Reiters Stellvertreter und sein Nachfolger als Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef! Die CSU darf also wieder mitregieren, während den Grünen nach 24 Jahren der Koalitionsstuhl vor die Tür gestellt wurde. GroKo im Millionendorfformat, weil im Nachmachen die Stadt schon immer gut war.

Damit wäre die Kommunalpolitik für dieses Jahr erschöpfend behandelt, weil sonst – wie in den Jahren zuvor – nichts passierte.
Es wurde keine U-Bahnstrecke wegen großstädtischer Verzögerung und Verteuerung wie in Berlin oder Hamburg nicht eröffnet, weil keine im Bau ist. Nicht mal einen öffentlichkeitswirksamen Spatenstich gab es. Dafür plant man fleißig, während die Stadt im Verkehr und Feinstaub erstickt. In der bis 2020 andauernden Legislaturperiode wird man keinen Meter U-Bahn eröffnen.
Genauso still ist es um die 2. Stammstrecke, bei der Verkehrsminister Joachim Herrmann immer noch darauf hofft, dass Geld vom Himmel fällt. Aber sie kommt, ganz bestimmt!

Für ein wenig Unruhe sorgte die Vergabe des Hippodrom-Nachfolgezelts auf der Wiesn. Beim Zuschlag für das Wirtepaar Able soll es nicht ganz mit sauberen Dingen zugegangen sein, beschwerten sich Mitbewerber. Die Neuen wurden auch erst einmal nicht in die Wiesnwirtefamilie aufgenommen, obwohl sich das Marstall nur namentlich und farblich von seinem Vorgänger unterscheidet.
Der stadtplanerische Fehlgriff Schrannenhalle bekommt unterdessen wieder einen neuen Betreiber. Edeka darf dort seine Lebensmittel zur Freude der benachbarten Standlbetreiber am Viktualienmarkt nicht lieben, dafür wird mit Eataly nach dem nächsten Umbau alles gut. Wieder mal. Richtig rentabel dürfte in der sündteuren Resterampe nur eine einmal wöchentlich von FC Bayern-Stars in Tracht bespielte Show-Trainingshalle mit angeschlossenem Fanshop, Audi-Showroom und einer Dauerausstellung mit Karl-Heinz Rummenigges schönsten Rolex-Uhren sein.

Aus den Tiefen der vor sich hin schlummernden 2. Stammstrecke wurde zwischenzeitlich der Konzertsaal gehoben. Allerdings nicht von den Kommunal- oder Landespolitikern, sondern von den Freunden des Konzertsaals, die ihre Pläne für das „Neue Odeon“ im Finanzgarten vorstellten. Horst Seehofer gab sich darauf hin reserviert, und die Stadt kann sich erneut zu keiner eindeutigen Haltung durchringen. Es spricht einiges dafür, daß der Konzertsaal ein Luftschloss bleibt. Derweil fluchen Orchester und Besucher weiterhin über die Akustik im renovierungsbedürftigen Gasteig.

Die wenigen Impulse, um die Stadt von ihrer Mischung aus Selbstverliebtheit und Lethargie abzulenken, kamen aus anderen Ecken als dem Rathaus.
Der Versuch, mit der „Lackiererei“ in der Kirchenstraße Kultur abseits des Mainstreams einen Raum zu geben, wurde jedoch schnell abgebügelt. Beschwerden von Anwohnern und angeblich falsche Unterlagen machten dem Haidhauser Hinterhofareal den Garaus, bevor es richtig losging. Hoffentlich ist Zehra Spindler mit „BieBie“ auf dem Druckereigelände in Freimann erfolgreicher. Professioneller allemal.
Schwung in das leidige Thema Wohnraum kam durch Goldgrund, das Kreativität mit Prominenz vereint.
Dass Flüchtlinge nicht nur, wenn überhaupt, schimmlige Räume zur Begrüßung vorfanden, sondern auch so etwas wie Gastfreundschaft erleben durften, ist vielen privaten Initiativen zu verdanken. Das tröstet über drei rechte Stadträte hinweg, und Dieter Reiter schämte sich wenigstens für die Rattenlöcher. Das projektierte „Bellevue di Monaco“ in der Müllerstraße ist der richtige Anfang, sofern die Stadt nicht noch kalte Füße bekommt.

Überregional Schlagzeilen machte die Stadt eigentlich nur mit dem FC Bayern und dem Prozess gegen seinen ehemaligen Präsidenten Uli Hoeneß, der bis Anfang kommenden Jahres in der Feste Landsberg einsitzt. Für den Klatsch gaben die Verhandlungstage wenig her; das klappte früher besser. Was waren das noch für Zeiten, als Bayern-Präsidenten noch Spitznamen wie „Champagner-Willi“ trugen (und auch so aussahen), die Morde an schillernden Persönlichkeiten, K.O.-Tropfen in Traditionsgaststätten und renitente Wiesnwirte Journalisten beschäftigten und Seiten füllten!
Daran knüpft nur noch 1860 München an, der sich abermals redlich bemüht, sportliche Schlagzeilen zu vermeiden. Puffbesuche, wiederholte Präsidentenwahl, prozessmassige Betrugsvorwürfe, Bierverbot für Trainingskiebitze, TrainerRauswürfe – jeder Drehbuchautor würde mit so einem Manuskript mit dem Verweis „Zu unrealistisch!“ vom zuständigen Fernsehredakteur heim geschickt werden.

Wo ich beim Klatsch bin: die Abendzeitung kommt seit dem 1. Juli aus Straubing„auferstanden aus Ruinen“! Und ohne eigene Sportredaktion.
Besser kann man die Langeweile der Stadt nicht charakterisieren. Gut, dass der Sommer Sigi das nicht mehr erleben muss.

Scheiß drauf – wir machen Reiter weiter!
Vielleicht passiert nächstes Jahr etwas.