Tatort-Polizeiruf-Schnelldurchlauf Oktober 2014

Ein Knaller und viel Stangenware charakterisierten die Sonntag Abende im Ersten. Dazu gesellt sich ein Film, der kein Meisterwerk, aber sehr wichtig ist.

Ulrich Matthes und Ulrich Tukur im vielleicht besten Tatort aller Zeiten. (Bild: (HR/Philip Sichler)

Ulrich Matthes und Ulrich Tukur im vielleicht besten Tatort aller Zeiten. (Bild: (HR/Philip Sichler)

919. Tatort: Winternebel (SWR/Blum, Perlmann & Lüthi)
Jochen Greve (Buch) und Patrick Winczewski (Regie) stocherten arg im Trüben. Ja, der Nebel am Bodnsee kann sehr zäh sein, selbst die aus Grünwald dorthin versetzte Oberschicht kann nicht mal so eben die Sonne anknipsen. Die grenzübergreifenden Ermittlungen waren so langatmig wie künstlich erzwungen. Da eine Leiche, dort eine Leiche – schon hat man einen Fall. Scheinbare Brisanz bekommt es, wenn einer der Ermittler persönlich betroffen ist. Es fehlten Spannung und Esprit; eine Reportage über die schönsten Stellen am Bodensee im Herbst wäre interessanter gewesen. (2/10)

920. Tatort: Im Schmerz geboren (HR/Murot & Wächter)
Nein, ich bin nicht film- und litateraturfest, so daß die meisten Zitate an mir ohne Aha-Erlebnis vorübergingen. Ich war nicht mal in der Lage, die Leichen zu zählen (die Angaben schwanken zwischen 47 und 54). Letztlich ist es egal.
Denn was Michael Proehl (Buch) und Florian Schwarz (Regie), die schon „Weil sie böse sind“, ebenfalls für den HR, komponierten, zusammenspannen, war vorher noch nicht im Tatort zu sehen. Der Rachefeldzug von Murots altem Freund Harloff aus Polizeischultagen im heißen wie rustikalen Wiesbaden geriet zu einem Duell, das alle Register der Filmkunst zog. Ulrich Tukur und Ulrich Matthes agierten auf Augenhöhe, die Nebendarsteller waren ebenfalls hochkarätig.
Selten genug: das Finale war furios! Die vom Sinfonieorchester Hessischen Rundfunks eingespielte Musik rundete den vielleicht besten Tatort aller Zeiten ab. Es fällt mir sehr schwer, dieses Meisterwerk mit angemessenen Worten zu würdigen. (10/10)

345. Polizeiruf 110: Smoke on the Water (BR/von Meuffels)
Dieser Film ist die vielleicht größte Enttäuschung des Jahres innerhalb der sonntäglichen Krimireihen. Die für Qualität bekannten Günther Schütter und Dominik Graf schufen ein aufgeblasenes Werk um politische Machenschaften rund um eine ermordete Journalsitin, die mehr wusste, als sie durfte. Die gewohnt eindrucksvollen Bilder und Szenenwechsel hielten mit der Geschichte keineswegs stand. Man könnte meinen, das Nuscheln wäre Absicht gewesen, um den dünnen Inhalt schlecht zu verstehen. Das Finale geriet zur Materialschlacht von Masken- und Kostümbildern. Einziger Lichtblick war Judith Böhle als Freundin der ermordeten Journalistin.
Die hinterher geäußerte Kritik ob der gewaltverherrlichenden Szenen teile ich nicht. Bei einem Krimi erwarte ich keine Welt, wie sie mir gefällt, und Kinder haben bei dem sonntäglichen Ritual vor dem Fernseher nichts zu suchen. Viel Rauch um nichts. (3,5/10)

921. Tatort: Blackout (SWR/ Odenthal, Kopper & Stern)
Darf man Lena Odenthal jetzt „Die Alte“ nennen? Seit 25 Jahren ermittelt sie inzwischen am Tatort; ein Ende scheint nicht abzusehen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn Redaktion und Autoren den Mut hätten, dieser Kommissarin mehr zuzutrauen. Gelungen ist die Darstellung ihrer Krise. Eine Frau um die 50 laviert sich mehr schlecht als recht durch einen Fall, weil ihr die Kraft fehlt. Die angedeutete Depression als Ergebnis, im Leben etwas falsch gemacht oder versäumt zu haben, stellte Ulrike Folkerts nachvollziehbar dar. Der Plot hielt dem jedoch nicht stand. Ein mit K.O.-Tropfen um die Ecke gebrachter Mann, junge Frauen, die damit gefügig gemacht wurden und eine eifersüchtige Ehefrau bildeten den Rahmen einer ermüdenden Geschichte.
Die neue Assistentin Stern (Lisa Bitter) nervte noch ziemlich; es ist der Figur – sie trug Tablet und Knarre in der Handtasche – zu wünschen, daß sie zukünftig weniger schablonenhaft charakterisiert wird. Eine verkopfte Fallanalytikerin kann dem Trott zwischen Odenthal und ihrem Mitbewohner Kopper ein wenig Schwung verliehen.
Ulrike Folkerts bringt das Dilemma der Figur Lena Odenthal in einem Interview mit dem Tatort-Fundus auf den Punkt: „Was ich mir wünsche für die Figur, dass man sie weiterentwickelt, weil das ist zu Ende erzählt – das Zusammen wohnen von Kopper und Lena… die Katze….“ Als Zuschauer kann man hoffen, daß sich der SWR, der seit einigen Jahren zumeist durchwachsene Tatorte zeigt, wieder mehr traut. Ansonsten versinken nicht nur die Ludwigshafener Folgen dauerhaft im Krimi-Einheitsbrei. (3,5/10)

Bonus: Landauer – Der Präsident
Ohne die Ultrà-Gruppierung „Schickeria“ wüssten wohl die meisten Personen (Funktionäre und Fans) rund um den FC Bayern München nicht, wer Kurt Landauer ist. In seiner Amtszeit von 1919 bis 1933 stellte er den Verein international auf, wofür er sehr viel Kritik im auf den Amateurstatus pochenden DFB erntete. Sein Engagement gipfelte in der ersten deutschen Meisterschaft 1932. Sein Werk wurde von den Nationalsozialisten jäh unterbrochen, die den jüdischen Kaufmann aus dem Amt jagten.
Der von Hans Steinbichler nach dem Buch von Dirk Kämper opulent inszenierte Film konzentriert sich auf die Zeit zwischen 1947, als Landauer aus dem Schweizer Exil zurückkehrend auf dem Weg nach New York nur Zwischenstation in München machen wollte, und 1951. Der Verein lag wie die Stadt in Schutt und Asche, und er fühlte sich verantwortlich, seinen FC Bayern wieder aufzubauen. Josef Bierbichler zeichnet einen kantigen und durchsetzungsfreudigen Landauer, der den Verein wieder zum Leben erweckt. Der Film hält sich nicht genau an die Geschichte, was zu vernachlässigen ist, weil die Figur und ihr Wirken im Vordergrund stehen. Wahrscheinlich wäre der Film allerdings ohne Bierbichler nur schwer erträglich, denn an einigen Stellen wird durch bedeutungsschwangere Musikuntermalung sehr dick aufgetragen.
In Zeiten immer offener ausgelebten Antisemitismus und Rassismus setzt der Film jedoch ein wichtiges Zeichen zur richtigen Zeit und kann auch als Hommage an auf Antirassimus setzende Fanarbeit angesehen werden. Der FC Bayern hat die Zeichen spät erkannt und Kurt Landauer 2013 in einer von Uli Hoeneß‘ Tränen geprägten Jahreshauptversammlung posthum zum Ehrenpräsidenten ernannt. (7/10)
[Der Film ist noch bis 15.01.2015 in ARD-Mediathek abgelegt.]

Vorschau November:
Vorfreude: Der neue Polizeiruf mit den Rostocker Rock’n’Rollern König und Bukow.
Neu für mich: das Magdeburger Polizeirufteam, das bereits seinen dritten Fall löst.
Zum letzten Mal: Der letzte Tatort mit Boris Aljinovic als Felix Stark; Dominic Raacke quittierte schon eine Folge zuvor den Dienst.

Tatortschnelldurchlauf

Ich habe das Besprechen von Tatorten in den letzten Monaten arg schleifen lassen. Es haben sich viele Folgen angetürmt, von denen ich einige nicht mal gesehen habe. Die letzten Sechs gibt’s nun im Schnelldurchlauf, beginnend mit dem zuletzt gezeigten.

888. Tatort: „Happy Birthday, Sarah!“ (Lannert & Bootz/SWR)
Das hätte ein solider Tatort werden können. Der Plot um einen ermordeten Sozialarbeiter in einem sozialen Brennpunkt war schlüssig und nicht so ambitioniert verschwurbelt, wie er einem gerne mal am Sonntag Abend serviert wird. Auch die Hauptfigur Sarah (gespielt von Ruby O. Fee) wirkte glaubwürdig.
Aber in welcher Welt leben Redakteure, wenn sie den Film, der eine 13-Jährige in den Mittelpunkt stellt, mit Rolling Stones, The Prodigy, Creedence Cleerwater Revival und Aerosmith untermalen? Leider waren auch die Dialoge wieder fern jeglicher authentischen Jugendsprache, was das Vergnügen minimierte. Das anstrengende Privatleben des Kommissars Bootz darf in der nächsten Folge gerne reduziert und weniger klischeehaft (bei Papa dürfen die Wände bemalt werden) dargestellt werden. (4,5/10)

887. Tatort: „Mord auf Langeoog“ (Falke & Lorenz/NDR)
Den Milchtrinker Falke in seinem zweiten Fall auf die Insel zu schicken, war keine so gute Idee. Der Charakter hätte noch den einen Mord in vertrauter Umgebung gebraucht, um konturenreicher zu sein. Auch keine gute Idee war es, Nina Kunzendorf wieder als Ermittlerin einzusetzen. Trotz Brille und hervorragendem Schauspiel sind die Erinnerungen an Conny Mey noch zu frisch. Und die Geschichte zog sich arg. Das war zu viel Ebbe.
So blieben nur sehr schöne Bilder einer schönen Insel und ein herrlich zurückhaltend aufspielender Sebastian Schipper übrig. (4,5/10)

886. Tatort: „Eine andere Welt“ (Faber & Böhnisch/WDR)
Diesmal war es ein Waschbecken auf dem Präsidiumsabort, das der am Rande des Wahnsinns agierende Faber zertrümmerte. Seine Kollegin Böhnisch wäre ihm auch fast zum Opfer gefallen, als die Grenzen zwischen Nachstellen des Mords und Streit arg verwischten. Das war großes Fernsehen von Jörg Hartmann und Anna Schudt! Die Nachwuchsermittler Dalay und Kossik nervten weniger als in den ersten beiden Folgen und hatten sogar komische Momente.
Trotz der umfangreichen Vergangenheit des Kommissars wurde die Geschichte um eine junge Frau, die zwischen Plattenbau und High Society lebte und diesem Widerspruch zum Opfer fiel, schön und ausführlich dargestellt. Dazu gab es knackige Dialoge. Einzig die hektische Kamera, die inzwischen Standard geworden scheint, störte ein wenig. (8/10)

885. Tatort: „Kalter Engel“ (Funck, Schaffert & Grewel/MDR)
Wenn die Öffentlich-Rechtlichen Jugend versprechen, ist Vorsicht geboten. Wenn der MDR, dem wir unvergessene Fernsehabende mit Helene Fischer und Achim Menzel verdanken, ein junges Team ermitteln lässt, ist Gefahr im Verzug. Fahren Redakteure und Autoren eigentlich nie Bus oder Bahn, daß sie nicht mitbekommen, wie junge Menschen wirklich sprechen?
Am meisten entsetzt mich immer noch, daß dieser Schund – irgendwas mit Drogen – von Thomas Bohn, dem wir u.a. die brillante Folge Tod aus dem All verdanken, geschrieben und inszeniert wird. Zu allem Überfluss wird Alina Levshin auch noch als altkluge Praktikantin zwischen halbstarken Kommissaren vergeudet.
Ich fürchte den Tag, an dem der von ARD und ZDF geplante Jugendkanal auf Sendung geht. Dann lieber Til Schweiger oder Alarm für Cobra 11. (1/10)

884. Tatort: „Aus der Tiefe der Zeit“ (Batic & Leitmayr/BR)
Dominik Grafs neuester Film glänzte mit gewohnter Dichte, griff Münchner Themen (Gentrifizierung!) auf und zeigte die Stadt, wie Stadt heute viel zuwenig gezeigt wird in der inzwischen unübersichtlich gewordenen Anzahl an Ermittlerteams und ihren Orten.
Dennoch überdrehte der Meister des Polizeifilms. Es mag in einem Zirkus verrückter zugehen als anderswo, aber das Drumherum mit Korruption in der Verwaltung strengte mehr an, als daß es wirklich begeistern konnte. Dem hervorragenden Ensemble (u.a. Erni Mangold und Meret Becker) gelang es jedoch, ihre Figuren nicht zu lächerlichen Marionetten verkommen zu lassen. Batic und Leitmayr zeigten, daß sie keinen nervenden Kurzzeitassistenten brauchen, weil sie sich selber noch etwas zu erzählen hatten und ermitteln mussten.
Für einen Graf war es dennoch zu wenig, für einen gerade noch guten Tatort reichte es allemal. (7/10)

883. Tatort: „Die chinesische Prinzessin“ (Thiel & Boerne/WDR)
Prof. Boerne geriet wieder mal in Kalamitäten, weil er wohl der letzte war, der die erstochene Prinzessin, Künstlerin und Dissidentin Sogma nach ihrer Vernissage lebend sah. Thiel musste ihn aus dem Sumpf, in dem natürlich auch um Politik und Verschwörung badeten, ziehen.
Boerne war’s natürlich nicht, und die diplomatischen Beziehungen wurden nur kurzzeitig beeinträchtigt. Das Zwerchfell wurde wenig beansprucht. (4,5/10)