Schulweg: Plädoyer für den Scheiß

Manche Dinge glaubt man erst, wenn man sie mit eigenen Augen sieht.
Als ich zuletzt in einem Hort arbeitete, war es üblich, in der Anfangszeit die ErstklässlerInnen von der Schule abzuholen. Dabei beobachtete ich, wie eine Mutter ihre Tochter und eine Freundin abholte. Sie parkte – Obacht: Klischee! – den SUV schnittig im Halteverbot vor dem Haupteingang der Schule. Das Ungetüm ragte mit seinem breiten Heck rund einen halben Meter in die kleine Einbahnstraße. Hurtig lud sie die beiden Mädchen ein und fuhr rückwärts gegen die vorgegebene Fahrtrichtung in die Balanstraße, um von dort vermutlich zur Wiesn zu gelangen. Zumindest deutete ihre Bekleidung darauf hin. (Warum man angeblich mit dem Auto von Haidhausen zum Oktoberfest fahren muss, ist ein anderes Thema.)
Wahrscheinlich können viele kopfschüttelnd solche Beispiele aufzählen. Dieses Verhalten fand ich besonders dreist und ist Ausdruck eines Problems, das immer mehr Menschen, vor allem LehrerInnen, beschäftigt sowie Seiten im Internet und Zeitungen füllt. Einerseits fordern Eltern Sicherheit für ihre Kinder ein, andererseits gefährden sie mit ihrem Verhalten die Sicherheit vieler anderer Kinder und nehmen ihren wichtige Erfahrungen.

Es gibt in der Stadt kaum schlüssige Argumente, die eigene Brut mit dem Auto ins Klassenzimmer zu fahren. Schlechtes Wetter, Obdachlose auf der Bank, die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, die große Kreuzung, große Entfernung (deshalb bin ich ein Freund davon, Kinder im Sprengel einzuschulen), etc. sind keine Gründe, Kindern die wichtige Sozialisation Schulweg zu ersparen. Selbst Verschlafen gehört nicht dazu, weil es menschlich ist.

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Für Kinder ist es wichtig, nicht den ganzen Tag durchgeplant und beobachtet zu werden. Sie müssen alleine oder in der Gruppe Erfahrungen machen, die Erwachsene, (Eltern und ErzieherInnen) ihnen nicht bieten können: Stichwort „Peer Group“.
Kurz: sie müssen auch mal einen Scheiß machen dürfen, ohne dass im Hintergrund der erwachsene Zeigefinger lauert. Dazu gehören Klingelstreiche (und gegebenenfalls der undiplomatische Anschiss von einem Betroffenen), das Pausenbrot weg zu werfen, sich über Andere lustig zu machen, Trödeln, Streiten, Süßigkeiten zu kaufen und das Verschlingen vor dem Mittagessen, ja, sogar mal bei Rot über die Ampel zu gehen, weil das verboten und gefährlich ist. Sie müssen Umwege machen dürfen. Dabei lernen sie ihre Umgebung besser kennen. Kinder, denen man vertraut, entwickeln sehr schnell ein Gespür dafür, was ihnen gut tut und ihnen eher schadet. Und sie lernen, dass selbst in einem Viertel wie Haidhausen nicht alles Friede, Freude, Gentrifizierung ist.
Natürlich dauert der Weg länger, wenn sie ihn in unter Aufsicht gehen! Benötigt man als Erwachsener zu Fuß rund 10 Minuten für den Weg, benötigen Kinder mindestens 10 Minuten länger. Mit Umwegen und anderen wichtigen Erledigungen, die uns nichts angehen, kann er locker eine halbe Stunde dauern. Selbst bei starkem Regen werden die Kinder wahrscheinlich nicht früher ankommen, weil noch ein Regenwurm oder eine Schnecke gerettet werden muss. (Nur fünf Minuten Schulweg können da sehr undankbar sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.)
Wichtig ist nur, dass die Kinder in den ersten Wochen begleitet werden, sie auf Gefahrenherde, die zumeist durch den Autoverkehr verursacht werden, hingewiesen und ein verbindlicher spätester Zeitpunkt für das Ankommen Zuhause bzw. im Hort ausgemacht werden. Dementsprechend früh geht das Kind folglich aus dem Haus, u pünktlich in der Schule zu sein. (Der Weg zur Schule wird in der Regel schneller zurückgelegt als der nach Hause; auch Kinder schätzen irgendwann die Minuten, die sie länger schlafen können.)

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kinder dabei in Situationen geraten, die ihnen unangenehm sind, im Extremfall sogar gefährlich sind. Jedoch müssen sie lernen, alleine Strategien im Umgang damit zu entwickeln. Sie durch Fahrdienste davor zu bewahren, beruhigt gewiss das Sicherheitsempfinden, fördert aber nicht die Selbstständigkeit. Für den Extremfall müssen die Kinder gelernt haben, wo und wie sie sich Hilfe holen können. Etwas, das man im Vorfeld Zuhause und in der Schule/im Hort bespricht und im Fall der Fälle hinterher gemeinsam reflektiert.

Um die Konsequenzen zu verdeutlichen, berichtet Wunsch vom Beispiel einer Hamburger Schule, die den Kindern Hitzefrei geben wollte. Die Umsetzung sei daran gescheitert, dass zu viele Schüler noch nie allein nach Hause gegangen seien und den Weg einfach nicht gekannt hätten. (Quelle)

Wenn das eintritt, hat nicht die Schule versagt, sondern ist es die Schuld der Eltern, die ihren Kindern nichts zutrauen und wesentliche Dinge des Alltags nicht beigebracht haben.

Lassen Sie ihre Kinder laufen; sie werden es Ihnen mit Selbständigkeit und Vertrauen zurückzahlen! Und die Schulen haben Wichtigeres (Bildung!) zu tun, als Elterntaxis vom Gelände fern zu halten.

Netzgebilde

Die wöchentliche Umschau zu Erziehung und Bildung

Es sammelt sich einiges an Texten rund um Erziehung und Bildung an, die ich auf Twitter, Facebook und woanders finde. Es wird Zeit, sie ein wenig zu bündeln und in einer eigenen Rubrik mit eigenen Worten angereichert zu verlinken. Nachdem ich mich in meinen Beruf neu verliebt habe, lese ich auch wieder mehr dazu. Das möchte ich an dieser Stelle teilen.
Es geht hier um Kindergarten und Schule, Erzieher*innen und Lehrer*innen, Eltern und Verwandte – also alle, die mit Kindern regelmäßig zu tun haben.
Für die Rubrik einen Namen zu finden, fiel mir schwer. Auf Twitter sammelte ich Vorschläge. Gewonnen hat „Netzgebilde“ von @heinzkamke knapp vor „Bildungslücke“ von @SammyKuffour. Weitere Vorschläge waren u.a. noch „Nachsitzen“ (war mir zu pädagogisch…), „Netzschau BiEr“ und „Richtig groß werden“. Ich bedanke mich bei allen, die sich daran beteiligten!
Vielleicht finde oder schieße ich noch das passende Symbolbild für die neue Rubrik.

Und jetzt geht’s los…

Man glaubt es kaum: jede*r fünfte*r Schüler*in kann nicht richtig mit dem Computer umgehen. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts! Das zeigt eine Studie der International Computer and Information Literacy Study (pdf-Datei). Als Uraschen werden u.a. Bildungshintergrund und – natürlich – die Ausstattung in den Schulen genannt.
Wir haben auch noch so einen uralten Laptop mit Windows 98 (oder ist es schon XP? in unserer Einrichtung rumstehen…

Immer wieder wird die vermeintliche Benachteiligung von Jungen im Unterricht thematisiert. Mädchen können angeblich besser stillsitzen. Ich glaube, das Problem liegt woanders. Immer noch zu häufig werden Mädchen und Jungen durch Kleidung und Erziehung zu sehr in ihr Geschlecht und die damit verbundenen Erwartungen gepresst. Auf zu wenig Bewegung während der Unterrichtszeit geht Susanne Schädlich auch nicht ein.

Dazu müsste man aber die Schule wieder reformieren. Das macht man in Bayern sehr gerne. Kultusminister Ludwig Spaenle steht kurz vor der Niederkunft eines neuen Kinds für das Gymnasium, das bereits viele Namen trägt: Mittelstufe Plus, Flexibilisierungsjahhr oder kurz Murks. Vor anderthalb Jahren waren die parteinahen Verbände in freudiger Erwartng, heute dreht es manchem Funktionär den Magen um. Heute wollen sie wohl nicht mehr hören, was sie vor anderthalb Jahren Landtagskorrespondent Heinrich Rudolf Bruns ins Mikrofon gesagt haben.

Eine „Herausforderung“ fand ich bei Buddenbohms. Sieben 12-Jährige gingen drei Wochen ohne Erwachsene auf Reisen. Ich traue Kindern sehr viel zu, aber bei diesem Text wurde es mir ein wenig mulmig.

Es ist ein schmaler Grat ,auf dem man sich bewegt, wenn man viel mit Kindern zu tun hat, sei es privat als Eltern oder beruflich als Erzieher*in. Kinder hören doch mehr zu, als man gerne glauben möchte. Und sie erzählen es weiter, was sehr unangenehm sein kann, wie Das Nuf berichtet.

Das Freispiel ist gerne Gegenstand intensiver Diskussionen. Die Bedeutung wird gerne geringgeschätzt, weil Kinder beim Spielen angeblich zu wenig lernen. Eine neue Studie aus der Schweiz sieht dies anders. Das Kind-initiierte Spiel fördere viele Fähigkeiten bis hin zur Motorik. Gleichzeitig wird kritisiert, daß die Kinder auch außerhalb der institutionellen Betreuung zu sehr mit gelenkten Angeboten, die Selbständigkeit verhindern, bedacht werden.
Wer Kinder über einen längeren Zeitraum beim Spielen beobachtet, wird feststellen, was dort alles passiert. Und es ist anstrengend (für die Kinder).

Über das Phänomen bin ich noch nicht gestolpert. Eine voll verschleierte Mutter will ihr Kind abholen. Ich weiß nach zwei Diskussionen immer noch nicht, wie ich mich verhalten würde, stünde ich vor der Situation. Als neuer Mitarbeiter einer Einrichtung oder bei den Eingewöhnungstagen eines neuen Kinds möchte ich mich nicht auf Vertrauen und Gefühl verlassen. In Essen schlug das hohe Wellen, die sich zum Glück für alle Beteiligten glätteten.

Über die schlechte Bezahlung und miesen Arbeitsbedingungen von Erzieher*innen wird viel geschrieben. Es gibt kaum ein Blatt, daß das nicht aufgreift. Jetzt haben sich Hamburger Erzieher*innen in einem offenen Brief an Bürgermeister Olaf Scholz gewandt. Drei von ihnen trauen sich mit Klarnamen an die Öffentlichkeit und berichten von ihrem Berufsalltag in einer Kinderkrippe.
Á propos Bezahlung: Die Gewerkschaften ver.di und GEW wollen die Entegltgruppen für den Sozial- und Erziehungsdienst neu verhandeln und kündigen den bestehen Vertrag zum 31. Dezember. Die GEW hat eine übersichtliche Seite dazu ins Netz gestellt.

EU-weit suchen Kommunen ausgebildete pädagogische Erzieher*innen. Griechenland, Rumänien, Spanien – hauptsächlich Länder mit hoher Arbeitslosenrate und sehr gut ausgebildeten Fachkräften. Stuttgart begibt sich jetzt nach Neapel.

Ich halte vom Beruf der Tagesmutter/des Tagesvaters recht wenig. Das hat nichts mit vermeintlicher Konkurrenz für uns Erzieher*innen zu tun, sondern mit der Ausbildung. 160 Stunden für einen Crashkurs in Pädagogik sind zu wenig, um als qualifizierte Fachkraft durchzugehen. Dennoch decken Tagesltern einen großen Teil der außerfamiliären Betreuung ab. Das ZDF traf sich mit zwei Tagesvätern.

Frische Brise, die bei „Was machen die da?“ ausführlich vorgestellt wurde, gibt Tipps zu Kinderspielzeug.