Neunnachneun extra: Der FC Bayern München in Katar und Saudi-Arabien

Ich verliere allmählich den Überblick über die sich erfreulicherweise anhäufenden kritischen Kommentare zu den Engagements des FC Bayern München in Katar und Saudi-Arabien. Ich möchte sie hier sammeln, auch unter dem Aspekt der Ende des Jahres stattfindenden Jahreshauptversammlung.
Sollte ich einen Kommentar übersehen haben, was ich hoffe, scheuen Sie sich bitte nicht, in den Kommentaren einen Link zu ihm zu hinterlassen!
An dieser Stelle möchte ich mich bei @cordhos bedanken, der mich fleißig mit Links versorgt(e).

Stellungnahmen des FC Bayern München

Karl-Heinz Rummenigge. Interview im Aktuellen Sportsudio (20.12. 2014, ab Min 6:37)

Presseerklärung von Karl-Heinz Rummenigge: Stellungnahme des FC Bayern München (21.01.2015)

Kolumne „Rot und Spiele“ von „Säbener Sigi“: Sorgen um Dr. Theo Zwanziger (23.01.2015)

Stellungnahmen von FCB-Fans/-Mitgliedern

@agitpopblog (DIE ZEIT): FC Bayern in Katar: Wie kann ein Verein das ignorieren? (offener Brief an den Vorstand des FC Bayern München e.V.)

Bayerncentral: Football training camps, human rights and moral obligations

Breitnigge: Fußball ist unpolitisch oder Ein Leben in der Blase

Ein Schuss. Ein Tor. Der Blog: Der FC Bayern und die Suche nach den ‚optimalen Trainingsbedingungen‘

Fehlpass: Queer in Riad (Podcast; Minuten werden nach dem Anhören nachgereicht.)

Alex Feuerherdt (Fisch+Fleisch): Mia san Charlie – solange es nichts kostet…

Alex Feuerherdt (Fisch+Fleisch): Der FC Bayern unter (politischem) Druck

Kopfkompost: Sport und Politik: Besuche des FC Bayern in Katar und Saudi-Arabien

Miasanrot: Reisemisere und Rückrundenstart (Podcast; Min. 40:12 bis 1:18:57)

Stadtneurotiker: Das Trainingslager des FC Bayern München in Katar: Es ist Politik!

Stadtneurotiker: Die Tür nach Katar bleibt offen

@texterstexte: Sehr geehrter Herr Dreesen (offener Brief)

Diskussion im Forum Bayernkurve

Presse/Blogs national

Michael Ashelm und Michael Horeni (FAZ): Spiel ohne Frauen in Riad: „Bei den Bayern schlägt Kommerz die Ethik“

Johannes Aumüller und Benedikt Warmbrunn (Süddeutsche Zeitung): FC-Bayern-Reise nach Saudi-Arabien: „Es liegt keine Ehre darin“

Agenturmeldung (Frankfurter Rundschau): Kritik an Bayern München

Dreckige Wahrheit: FC Bayern: Siege ohne Ehre

Detlef Esslinger (Süddeutsche Zeitung): Affären um Katar: Wie der FC Bayern das Fifa-System stützt

Oliver Fritsch (DIE ZEIT): Menschenrechte in Katar: „Pep Guardiolas ethisches Versagen wiegt schwer“

Stefan Herrmans (Der Tagesspiegel): Die Crux mit der Moral

Martin Hoffmann (sport1.de): Debatte um die Trainingslager der Bundesliga: Eine Frage der Haltung

René Hofmann (Süddeutsche Zeitung): Falsches Spiel in Riad

René Hofmann (Süddeutsche Zeitung): Sport und Moral: Geschäfte machen mit der Illusion

Michael Horeni (FAZ): Das Frauen-Feindschaftsspiel des FC Bayern

Michael Horeni (FAZ): Ignoranter Fußball: Nichts gelernt

Alina Leimbach (taz): Testspiel in Saudi-Arabien: Kritik an Volkswagen und FC Bayern

Sara Peschke (DER SPIEGEL): Bayern-Trainingslager in Katar: Luxus schlägt Skrupel

trabajador (Spox/mySpox-Community): Wen schicken wir noch in die Wüste? Und die Moral von der Geschicht…

Claus Vetter (Der Tagesspiegel): FC Bayern München in Saudi-Arabien: Die Moral bleibt daheim?

Volk ohne Raumdeckung: Markenpflege im Land der 1000 Peitschenhiebe

Benedikt Warmbrunn: FC-Bayern-Reise nach Saudi-Arabien: Vom eigenen Ideal weggerückt

Presse/Blogs international

Fritz Neumann (Der Standard/A): Servus in Katar, Servus in Saudi-Arabien

Agenturmeldung (DH.be/B): Le Bayern Munich critiqué pour son stage en Arabie Saoudite

N.N. (Tageswoche/CH): Die beschämende Riad-Nummer des FC Bayern

Agenturmeldung (L’Équipe/F): Le stage du Bayern Munich en Arabie Saoudite très critiqué

Agenturmeldung (The Guardian/GB): Bayern Munich accused of turning blind eye to human rights in Saudi Arabia

Agenturmeldung (Reuters/GB): Bayern Munich under fire over Saudi Arabia trip

Stephan Uersfeld (ESPN/USA): http://www.espnfc.com/bayern-munich/story/2256081/bayern-munich-under-scrutiny-for-saudi-arabia-visit

Reiter weiter!

München 2014

Als ich beschloss, endlich einen Münchner Jahresrückblick zu schreiben, fiel mir erschreckend wenig ein, weshalb ich das Internet fragte:

Der Input beschränkte sich auf zwei Antworten, was, wie ich glaube, nicht nur am weihnachtlichen Völlegefühl lag. Nach einigem Überlegen fand ich doch etwas. Nichts Besonderes – München halt.

Die größte Veränderung ist, daß Christian Ude nicht mehr Oberbürgermeister ist, weil er sich nicht mehr zur Wahl stellen durfte. Davon bemerkt man relativ wenig, sieht man davon ab, dass er und seine Frau Edith von Welser-Ude seit seiner Abdankung noch mehr Bilder von griechischen Katzen ins Internet stellen. Denn sein Nachfolger Dieter Reiter, der sich in der Stichwahl gegen den wieder Josef heißenden Schmid durchsetzte, fiel in den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit noch nicht auf. Vielleicht bekam er einfach nur viele E-Mails nicht, weil die Verwaltung mit LiMux nicht umgehen kann. Was für ein Glück, dass sich Microsoft 2016 in München niederlässt!
Der ehemalige Seppi wurde dafür Reiters Stellvertreter und sein Nachfolger als Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef! Die CSU darf also wieder mitregieren, während den Grünen nach 24 Jahren der Koalitionsstuhl vor die Tür gestellt wurde. GroKo im Millionendorfformat, weil im Nachmachen die Stadt schon immer gut war.

Damit wäre die Kommunalpolitik für dieses Jahr erschöpfend behandelt, weil sonst – wie in den Jahren zuvor – nichts passierte.
Es wurde keine U-Bahnstrecke wegen großstädtischer Verzögerung und Verteuerung wie in Berlin oder Hamburg nicht eröffnet, weil keine im Bau ist. Nicht mal einen öffentlichkeitswirksamen Spatenstich gab es. Dafür plant man fleißig, während die Stadt im Verkehr und Feinstaub erstickt. In der bis 2020 andauernden Legislaturperiode wird man keinen Meter U-Bahn eröffnen.
Genauso still ist es um die 2. Stammstrecke, bei der Verkehrsminister Joachim Herrmann immer noch darauf hofft, dass Geld vom Himmel fällt. Aber sie kommt, ganz bestimmt!

Für ein wenig Unruhe sorgte die Vergabe des Hippodrom-Nachfolgezelts auf der Wiesn. Beim Zuschlag für das Wirtepaar Able soll es nicht ganz mit sauberen Dingen zugegangen sein, beschwerten sich Mitbewerber. Die Neuen wurden auch erst einmal nicht in die Wiesnwirtefamilie aufgenommen, obwohl sich das Marstall nur namentlich und farblich von seinem Vorgänger unterscheidet.
Der stadtplanerische Fehlgriff Schrannenhalle bekommt unterdessen wieder einen neuen Betreiber. Edeka darf dort seine Lebensmittel zur Freude der benachbarten Standlbetreiber am Viktualienmarkt nicht lieben, dafür wird mit Eataly nach dem nächsten Umbau alles gut. Wieder mal. Richtig rentabel dürfte in der sündteuren Resterampe nur eine einmal wöchentlich von FC Bayern-Stars in Tracht bespielte Show-Trainingshalle mit angeschlossenem Fanshop, Audi-Showroom und einer Dauerausstellung mit Karl-Heinz Rummenigges schönsten Rolex-Uhren sein.

Aus den Tiefen der vor sich hin schlummernden 2. Stammstrecke wurde zwischenzeitlich der Konzertsaal gehoben. Allerdings nicht von den Kommunal- oder Landespolitikern, sondern von den Freunden des Konzertsaals, die ihre Pläne für das „Neue Odeon“ im Finanzgarten vorstellten. Horst Seehofer gab sich darauf hin reserviert, und die Stadt kann sich erneut zu keiner eindeutigen Haltung durchringen. Es spricht einiges dafür, daß der Konzertsaal ein Luftschloss bleibt. Derweil fluchen Orchester und Besucher weiterhin über die Akustik im renovierungsbedürftigen Gasteig.

Die wenigen Impulse, um die Stadt von ihrer Mischung aus Selbstverliebtheit und Lethargie abzulenken, kamen aus anderen Ecken als dem Rathaus.
Der Versuch, mit der „Lackiererei“ in der Kirchenstraße Kultur abseits des Mainstreams einen Raum zu geben, wurde jedoch schnell abgebügelt. Beschwerden von Anwohnern und angeblich falsche Unterlagen machten dem Haidhauser Hinterhofareal den Garaus, bevor es richtig losging. Hoffentlich ist Zehra Spindler mit „BieBie“ auf dem Druckereigelände in Freimann erfolgreicher. Professioneller allemal.
Schwung in das leidige Thema Wohnraum kam durch Goldgrund, das Kreativität mit Prominenz vereint.
Dass Flüchtlinge nicht nur, wenn überhaupt, schimmlige Räume zur Begrüßung vorfanden, sondern auch so etwas wie Gastfreundschaft erleben durften, ist vielen privaten Initiativen zu verdanken. Das tröstet über drei rechte Stadträte hinweg, und Dieter Reiter schämte sich wenigstens für die Rattenlöcher. Das projektierte „Bellevue di Monaco“ in der Müllerstraße ist der richtige Anfang, sofern die Stadt nicht noch kalte Füße bekommt.

Überregional Schlagzeilen machte die Stadt eigentlich nur mit dem FC Bayern und dem Prozess gegen seinen ehemaligen Präsidenten Uli Hoeneß, der bis Anfang kommenden Jahres in der Feste Landsberg einsitzt. Für den Klatsch gaben die Verhandlungstage wenig her; das klappte früher besser. Was waren das noch für Zeiten, als Bayern-Präsidenten noch Spitznamen wie „Champagner-Willi“ trugen (und auch so aussahen), die Morde an schillernden Persönlichkeiten, K.O.-Tropfen in Traditionsgaststätten und renitente Wiesnwirte Journalisten beschäftigten und Seiten füllten!
Daran knüpft nur noch 1860 München an, der sich abermals redlich bemüht, sportliche Schlagzeilen zu vermeiden. Puffbesuche, wiederholte Präsidentenwahl, prozessmassige Betrugsvorwürfe, Bierverbot für Trainingskiebitze, TrainerRauswürfe – jeder Drehbuchautor würde mit so einem Manuskript mit dem Verweis „Zu unrealistisch!“ vom zuständigen Fernsehredakteur heim geschickt werden.

Wo ich beim Klatsch bin: die Abendzeitung kommt seit dem 1. Juli aus Straubing„auferstanden aus Ruinen“! Und ohne eigene Sportredaktion.
Besser kann man die Langeweile der Stadt nicht charakterisieren. Gut, dass der Sommer Sigi das nicht mehr erleben muss.

Scheiß drauf – wir machen Reiter weiter!
Vielleicht passiert nächstes Jahr etwas.

Verwöhnvorrunde und absurder Aberglaube

Wer den letzten der nun folgenden acht Absätze auslässt, darf sich auf eine freudentrunkene Zusammenfassung der Vorrunde freuen. Der letzte Absatz ist die störende Darbietung in Form der Blockflöte, ohne die es kein Weihnachtsfest gibt.

Nach dieser Vorrunde habe ich als ahnungsloser Fan keinen Anlass zu meckern. Elf Punkte Vorsprung auf den Zweiten, nur eine Niederlage (im bedeutungslosen Spiel bei Manchester City) habe ich nicht erwartet.
Eine sehr zähe Vorrunde erwartete ich, weil die Statistik nach erfolgreichen Turnieren gegen virtuoses und effektives Passspiel sprach. Folglich stellte ich mich auf uninspiriertes und unproduktives Ballgeschiebe ein. Die Liste der Verletzten, die ich ohne Recherche nicht vollständig aufführen kann (Fragt den Doc!), ließ meine Skepsis wachsen. Die Liste der Verletzten, die ich ohne Recherche nicht vollständig aufführen kann (Fragt den Doc!), ließ meine Skepsis wachsen.

1. Spieltag, Notelff!!!einself Okay, die einzige, nennenswerte Notlösung gegen Wolfsburg war Gianluca Gaudino, der mit David Alaba die Doppelsechs bildete. Danach wurde Xabi Alonso verpflichtet, der fortan mit 10.000 Ballkontakten Bundesliga und Medien aufmischte. Nach dem spielerisch holprigen Auftakt steigerten sich die Weltmeister und die verhinderten Weltmeister von Spiel zu Spiel und sorgten lediglich nach dem 0:0 in Hamburg für Stirnrunzeln. Da spielte allerdings Arjen Robben nicht mit, worüber man am vergangenen Freitag in Mainz ebenfalls nicht unglücklich gewesen wäre. Dort schloss sich ein Kreis, spielte man zum Jahresabschluss auch mit einer Notelf. Aber eben mit Robben.

À propos Arjen Robben. Galt er vor zweieinhalb Jahren für viele als das Sinnbild für Erfolglosigkeit, für das er sich wenige Tage später während eines Freundschaftsspiels auspfeifen lassen musste, ist er spätestens nach seinem entscheidenen Tor im Champions League-Finale von London 2013 nicht wiederzuerkennen. Gelassenheit, Entschlossenheit und Spielwitz (und der ewig junge Trick) zeichnen ihn seit dem aus. Vielleicht ist er der Einzige, der momentan nicht zu ersetzen ist.
Für mich ist Arjen Robben der Spieler des Jahres (Lamento über Ballon d’Or bitte hier einfügen!) – vor Jérôme Boateng und David Alaba.
Boateng hat sich zu einem der weltbesten Innenverteidiger entwickelt, der wie kein anderer Humorlosigkeit mit Schnelligkeit und Präzision kombiniert. Diese Pässe! Alaba wird immer erwachsener, was man nicht nur daran erkennt, daß ihm Franck Ribéry auf dem Platz keine Anweisungen mehr gibt. Inzwischen tummelt er sich überall rum und entwickelt sich zur Inkarnation des Mittelfeldspielers, von der sein Trainer träumt.
Meinem Spiel der Vorrunde, der einzigen Niederlage, widmete ich schon einen ausführlichen Text.

Die Transfers, einen nannte ich schon, waren sehr gut. Sechs Einkäufe, davon mit Medhi Benatia und dem erwähnten Spanier zwei nachträgliche, von denen nicht einer enttäuschte. Die größte Überraschung ist Juan Bernat, den außer Guardiola und der neue Chef-Einkäufer Michael Reschke nur europäische Allesgucker kannten. Er gewöhnte sich sehr schnell an Mannschaft, Spiel und Niveau, so daß sich David Alaba auch verletzen konnte, ohne daß dies großartig auffiel. Medhi Benatia ist ein rustikaler Innenverteidiger, der noch an seinem Temperament arbeiten muss. Boateng kann ihn da sicher beraten. Sebastian Rode, den ich bei Bekanntgabe seiner Verpflichtung arg belächelte, lehrte mich eines Besseren. Giftig und engagiert spielte er sich in die Stammachtzehn. Darüber darf sich nicht nur Matthias Sammer freuen. Robert Lewandowsi deutete nicht nur an, was er kann, sofern er nicht als Linksaußen eingesetzt wird.

Wenn es einen Verlierer gab, dann wohl Xherdan Shaqiri. Die Eindrücke der guten WM konnte er nicht bestätigen. Chancen bekam genügend, vor allem als Ribéry nach seiner Verletzung Form und Leichtigkeit suchte. Zu eigensinnig und defensiv ignorant zeigte er sich und musste am Ende der Vorrunde damit leben, daß ihm der A-Jugendliche Gaudino vorgezogen wurde. Beim letzten Spiel war er verletzt. Öffentliches Lamentieren über seine Rolle trug wenig zum Verständnis bei. Ihn zu verkaufen, erscheint als beste Lösung. Schade, denn er ist ein Spielertyp, den ich gerne sehe.
Für Pierre-Emile Højbjerg führt der dauerhafte Weg unter die ersten 18 nur über regelmäßige Spielpraxis, die ihm Pep Gaurdiola noch nicht garantieren kann. Ein anderthalbjähriges Intermezzo bei einer Bundesligamannschaft, die Fußball nicht nur als Vermeiden von Niederlagen (Mainz? Hoffenheim?) begreift, ist sinnvoll für ihn.

Die Skepsis wich schnell der Freude über eine Verwöhnvorrunde, die alles andere als langweilig war. Alleine das Aufstellungsraten vor jedem Spiel versprach schon Spannung. Spieltag für Spieltag dabei zuzusehen, wie sich die meisten Spieler unter Guardiola weiterentwickeln, ist faszinierend. Ein Rädchen greift ins andere und nichts schaut nach Zufall aus. Kleine Irrtümer werden noch vor der Halbzeit korrigiert. Für die Bundesliga ist das ärgerlich, für den Fan ein Quell spieltäglicher Freude.
Und Statistik ist relativ.

Nach der wohlverdienten Pause bereitet sich die Mannschaft auf die Rückrunde vor, die etwas mehr Aufschlüsse über die tatsächliche Stärke geben wird.
Wie stabil und flexibel die Mannschaft wirklich ist, werden wir voraussichtlich erst im Viertelfinale der Champions League erfahren, so der FC Bayern sich im Achtelfinale gegen die durch die Unruhen in der Ost-Ukraine gebeutelte Mannschaft von Schachtar Donezk durchsetzt, wovon ich ausgehe.
FC Chelsea, Real Madrid und das wieder unter dem Radar laufende Atlético Madrid sind neben dem FC Bayern die Favoriten auf den europäischen Titel. Der FC Barcelona scheint noch nicht zur Stärke vergangener Jahre zurückgefunden haben, aber im Falle eines Aufeinandertreffens möchte ich die Faktoren Wut und Rache nicht unterschätzen. Das 0:7 dürften die Katalanen noch nicht vergessen haben.
Womöglich durch diese Vorrunde volltrunken bin ich jedoch optimistisch, daß der FC Bayern mindestens eine der genannten Mannschaft besiegt. In zwei oder nur in einem Spiel.

Der einzige dicke Wermutstropfen der Vorrunde ist der Ort des Trainingslagers: Katar. Ich kritisierte die erneute Wahl bereits mit deutlichen Worten. Denen wäre nichts hinzuzufügen, hätte Karl-Heinz Rummenigge am vergangenen Samstag im Aktuellen Sportstudio (Mediathek, ab Minute 6:37) sich nicht entblödet, der ignoranten Argumentation noch eins draufzusetzen:

Wir sind ein bißchen auch abergläubisch. Wir haben nach diesen ganzen Trainingslagern jeweils große, wichtige Titel gewonnen, insgesamt in den letzten zwei Jahren nämlich acht. Und das ist für uns auch ein wichtiger Faktor.

Aberglaube schlägt Menschenrechte – absurd! Die Aussage ist schlimmer als das unverzollte Einführen von Uhren. Letzteres wird bestraft…
Vielleicht bin ich einfach zu sehr nur Gutmensch und Fan, um das wirklich zu kapieren.

Eine Niederlage zum Genießen

Es war mir klar, daß ich erst wieder über ein Spiel schreibe, wenn es verloren gegangen ist. Ranten und Jammern auf hohem Niveau. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Weit gefehlt!

Ich gehe nicht so weit zu behaupten, am Dienstag die schönste Niederlage meines Lebens gesehen zu haben. Dafür war das entscheidende Gegentor kurz vor Schluss zu ärgerlich. Was ich jedoch zwischen der 20. und 85. Minute sah, hatte so gar nichts mit Niederlage zu tun.
Medhi Benatia brachte als letzter Mann Sergio Agüero im Strafraum zu Fall, sah zurecht Rot, und der Gefoulte brachte die Citizens in Führung. Erinnerungen an den vor zwei Jahren gegen BATE Baryssau ähnlich ungeschickt agierenden Jérôme Boateng wurden wach. Heute ist er cooler als Ernst Eiswürfel. Richtig uncool fand es wohl Sebastian Rode, der unmittelbar danach für Dante Platz machen musste, obwohl er vielversprechend auftrat.

Daß aus dem unbedeutenden Kick am vorletzten Spieltag der Champions League-Vorrunde recht unerwartet ein Planspiel wurde, sah der Kneipenbesuch nicht vor. Im Rahmen unserer Möglichkeiten – wir Drei sahen uns länger nicht – beschränkten wir unsere Gespräche auf das Nötigste und konzentrierten uns fortan auf das Spiel.
Nach einiger Zeit frisch sortiert erzwang sich der FCB Standards (zum Glück keine Ecken), und Xabi Alonso erwies sich abermals Meister des unter der Mauer hindurch geschossenen Freistoßtores. Undankbar für den Gegner im Allgemeinen und Joe Hart im Speziellen, der aussah wie ein englischer Torwar nach gängigem Klischee aussieht, obwohl es wenig zu halten gab. Aber Mauerstellen und so. Vor der Pause köpfte Robert Lewandowski die Führung, und ich war beeindruckt. Vielleicht waren das die besten 25 Minuten, die die Spieler in dieser Saison boten. Man spricht gerne davon, daß eine Mannschaft eine Reaktion zeigen müsse. Es gelang ihr eindrucksvoll.
Euphorie brach in der Kneipe nicht aus, aber die Halbzeitzigaretten vor der Tür waren mehr Genuss als Stress. Irgendwas zwischen „Geht ja um nix“ und „Super gemacht“ war der Tenor.

In der 2. Halbzeit hielten sich die Citizens zwar vornehmlich in der gegnerischen Hälfte auf, doch Raum und Zeit schienen ihnen abzugehen. Daß der FCB Rückstand und Platzverweis kompensieren kann, war Konsens. Die Gespräche abseits des Bildschirms nahmen zu und wurden nur von der Auswechslung Lewandowskis für Xherdhan Shaqiri unterbrochen, die wohl so nicht geplant war. Aber auch Pep kann sich mal vertun, wenn man dem 4. Offiziellen die falsche Rückennummer übermittelt. (Hat eigentlich niemand den Trainer gefragt, wer statt seiner raus sollte?)
Bei der Einwechslung Schweinsteigers kurz davor büllte ich „BASTIAN SCHWEINSTEIGER FUSSBALLGOTT!“ und stiftete kurzzeitig Verwirrung in der Kneipe. Ich hatte zwar war keine fechten Augen wie Anfang des Jahres beim Pokalsieg in Hamburg, als er erstmals nach langer Verletzung eingewechselt wurde, werde jedoch mit den Fans nicht mehr warm, die so etwas einfach nur zur Kenntnis nehmen.
Plötzlich ging es sehr schnell, und es stand auf 3:2. Individuelle Fehler. Fehlende Konzentration. Passiert. Schnelles Zahlen. Die Kneipe leerte sich im Minutentakt. Einige waren sicher sauer. Zehn Euro Mindestumsatz, und dann verlieren die Bayern!
Zurück blieben Drei, die begeistert waren.

Vielleicht war es nicht die schönste, aber es war eine Niederlage zum Genießen.

Das Trainingslager des FC Bayern München in Katar: Es ist Politik!

Lieber FC Bayern München!

Ich habe vollkommenes Verständnis dafür, daß die Verantwortlichen der Mannschaft und den Trainern ideale Bedingungen für die Vorbereitung auf die Rückrunde, in der schwere Aufgaben anstehen, ermöglichen. Dazu gehört auch ein Trainingslager, daß frei von der hierzulande zu erwartenden Witterung ist.

Ich habe jedoch kein Verständnis dafür, daß das Trainingslager abermals in Katar aufgeschlagen wird – mögen die klimatischen Rahmenbedingungen noch so ideal sein.
Es dürfte dem Verein nicht entgangen sein, daß die dort suggerierte Weltoffenheit nur vorgetäuscht ist. So weist das Auswärtige Amt darauf hin, daß Homosexualität mit bis zu 15 Jahren Gefängnisstrafe geahndet wird. Über die für Arbeitnehmer unwürdigen Zustände rund um die Bauarbeiten für die WM 2022 wird in schöner Regelmäßigkeit berichtet, auch wenn Ehrenpräsident Franz Beckenbauer bei seiner Stippvisite keine Sklaven gesehen haben will. Katar ist auch offen antisemitisch. So verweigerte man dem israelischen Spieler Dan Mori von Vitesse Arnheim im Rahmen dessen Trainingslagers Anfang diesen Jahres die Einreise. Beim Schwimmweltcup im September 2013 wurden die Flaggen aller teilnehmenden Länder gehisst – nur nicht die Israels!
Die der Süddeutschen Zeitung gegebene Aussage, man sei dort, „um Fußball spielen, nicht um Politik zu machen“, ist falsch. Es gibt andere, tatsächlich weltoffene Länder, die sich freuen würden, Mannschaft, Trainer und Funktionäre einzuladen, und im Januar saftgrüne Wiesen bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen ideale Bedingungen bieten.

Der FC Bayern macht seiner Entscheidung, sich erneut in Katar auf die Rückrunde vorzubereiten, Politik! Eine falsche Politik. Anstatt anderen Vereinen als Vorbild zu dienen und öffentlichkeitswirksam auf die Missstände hinweisend nachträglich auf die Einladung zu verzichten, lässt sich der Verein für eine Scheindemokratie instrumentalisieren. Das zeugt nicht von der Weltoffenheit, wie sie Ehrenpräsident Kurt Landauer vorlebte. Die Initiativen der Fangruppen, die sich erfolgreich und mit Auszeichnung im Stadion gegen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus einsetzen, werden dadurch topediert.

Der FC Bayern begeht keinen Fehler, wenn er von der Zusage für das Trainingslager in Katar zurücktritt. Noch ist es dafür nicht zu spät.

Viele Grüße von einem langjährigen Fan.

Nachtrag, 09.01.15
Der FC Bayern ließ sich von seiner Entscheidung nicht abbringen und flog heute mit seiner 1. Mannschaft nach Katar.
Leider wirkt auch das gestern auf Twitter veröffentlichte Bedauern der Opfer vom Pariser Attentat vorgestern nur aufgesetzt. Wer sich von einem Land, das den Terror der Hamas unterstützt, aushalten lässt, ist nicht Charlie, höchstens scheinheilig.

Torsten Wieland hat am 06.01., als der FC Schalke 04, das gleiche Ziel aufsuchte, diesen Text auf seinem Königsblog veröffentlicht. Ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal für die freundliche Übernahme!
Die Vereine mögen verschieden sein, die Schweinereien nicht.

Tatort-Polizeiruf-Schnelldurchlauf Oktober 2014

Ein Knaller und viel Stangenware charakterisierten die Sonntag Abende im Ersten. Dazu gesellt sich ein Film, der kein Meisterwerk, aber sehr wichtig ist.

Ulrich Matthes und Ulrich Tukur im vielleicht besten Tatort aller Zeiten. (Bild: (HR/Philip Sichler)

Ulrich Matthes und Ulrich Tukur im vielleicht besten Tatort aller Zeiten. (Bild: (HR/Philip Sichler)

919. Tatort: Winternebel (SWR/Blum, Perlmann & Lüthi)
Jochen Greve (Buch) und Patrick Winczewski (Regie) stocherten arg im Trüben. Ja, der Nebel am Bodnsee kann sehr zäh sein, selbst die aus Grünwald dorthin versetzte Oberschicht kann nicht mal so eben die Sonne anknipsen. Die grenzübergreifenden Ermittlungen waren so langatmig wie künstlich erzwungen. Da eine Leiche, dort eine Leiche – schon hat man einen Fall. Scheinbare Brisanz bekommt es, wenn einer der Ermittler persönlich betroffen ist. Es fehlten Spannung und Esprit; eine Reportage über die schönsten Stellen am Bodensee im Herbst wäre interessanter gewesen. (2/10)

920. Tatort: Im Schmerz geboren (HR/Murot & Wächter)
Nein, ich bin nicht film- und litateraturfest, so daß die meisten Zitate an mir ohne Aha-Erlebnis vorübergingen. Ich war nicht mal in der Lage, die Leichen zu zählen (die Angaben schwanken zwischen 47 und 54). Letztlich ist es egal.
Denn was Michael Proehl (Buch) und Florian Schwarz (Regie), die schon „Weil sie böse sind“, ebenfalls für den HR, komponierten, zusammenspannen, war vorher noch nicht im Tatort zu sehen. Der Rachefeldzug von Murots altem Freund Harloff aus Polizeischultagen im heißen wie rustikalen Wiesbaden geriet zu einem Duell, das alle Register der Filmkunst zog. Ulrich Tukur und Ulrich Matthes agierten auf Augenhöhe, die Nebendarsteller waren ebenfalls hochkarätig.
Selten genug: das Finale war furios! Die vom Sinfonieorchester Hessischen Rundfunks eingespielte Musik rundete den vielleicht besten Tatort aller Zeiten ab. Es fällt mir sehr schwer, dieses Meisterwerk mit angemessenen Worten zu würdigen. (10/10)

345. Polizeiruf 110: Smoke on the Water (BR/von Meuffels)
Dieser Film ist die vielleicht größte Enttäuschung des Jahres innerhalb der sonntäglichen Krimireihen. Die für Qualität bekannten Günther Schütter und Dominik Graf schufen ein aufgeblasenes Werk um politische Machenschaften rund um eine ermordete Journalsitin, die mehr wusste, als sie durfte. Die gewohnt eindrucksvollen Bilder und Szenenwechsel hielten mit der Geschichte keineswegs stand. Man könnte meinen, das Nuscheln wäre Absicht gewesen, um den dünnen Inhalt schlecht zu verstehen. Das Finale geriet zur Materialschlacht von Masken- und Kostümbildern. Einziger Lichtblick war Judith Böhle als Freundin der ermordeten Journalistin.
Die hinterher geäußerte Kritik ob der gewaltverherrlichenden Szenen teile ich nicht. Bei einem Krimi erwarte ich keine Welt, wie sie mir gefällt, und Kinder haben bei dem sonntäglichen Ritual vor dem Fernseher nichts zu suchen. Viel Rauch um nichts. (3,5/10)

921. Tatort: Blackout (SWR/ Odenthal, Kopper & Stern)
Darf man Lena Odenthal jetzt „Die Alte“ nennen? Seit 25 Jahren ermittelt sie inzwischen am Tatort; ein Ende scheint nicht abzusehen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn Redaktion und Autoren den Mut hätten, dieser Kommissarin mehr zuzutrauen. Gelungen ist die Darstellung ihrer Krise. Eine Frau um die 50 laviert sich mehr schlecht als recht durch einen Fall, weil ihr die Kraft fehlt. Die angedeutete Depression als Ergebnis, im Leben etwas falsch gemacht oder versäumt zu haben, stellte Ulrike Folkerts nachvollziehbar dar. Der Plot hielt dem jedoch nicht stand. Ein mit K.O.-Tropfen um die Ecke gebrachter Mann, junge Frauen, die damit gefügig gemacht wurden und eine eifersüchtige Ehefrau bildeten den Rahmen einer ermüdenden Geschichte.
Die neue Assistentin Stern (Lisa Bitter) nervte noch ziemlich; es ist der Figur – sie trug Tablet und Knarre in der Handtasche – zu wünschen, daß sie zukünftig weniger schablonenhaft charakterisiert wird. Eine verkopfte Fallanalytikerin kann dem Trott zwischen Odenthal und ihrem Mitbewohner Kopper ein wenig Schwung verliehen.
Ulrike Folkerts bringt das Dilemma der Figur Lena Odenthal in einem Interview mit dem Tatort-Fundus auf den Punkt: „Was ich mir wünsche für die Figur, dass man sie weiterentwickelt, weil das ist zu Ende erzählt – das Zusammen wohnen von Kopper und Lena… die Katze….“ Als Zuschauer kann man hoffen, daß sich der SWR, der seit einigen Jahren zumeist durchwachsene Tatorte zeigt, wieder mehr traut. Ansonsten versinken nicht nur die Ludwigshafener Folgen dauerhaft im Krimi-Einheitsbrei. (3,5/10)

Bonus: Landauer – Der Präsident
Ohne die Ultrà-Gruppierung „Schickeria“ wüssten wohl die meisten Personen (Funktionäre und Fans) rund um den FC Bayern München nicht, wer Kurt Landauer ist. In seiner Amtszeit von 1919 bis 1933 stellte er den Verein international auf, wofür er sehr viel Kritik im auf den Amateurstatus pochenden DFB erntete. Sein Engagement gipfelte in der ersten deutschen Meisterschaft 1932. Sein Werk wurde von den Nationalsozialisten jäh unterbrochen, die den jüdischen Kaufmann aus dem Amt jagten.
Der von Hans Steinbichler nach dem Buch von Dirk Kämper opulent inszenierte Film konzentriert sich auf die Zeit zwischen 1947, als Landauer aus dem Schweizer Exil zurückkehrend auf dem Weg nach New York nur Zwischenstation in München machen wollte, und 1951. Der Verein lag wie die Stadt in Schutt und Asche, und er fühlte sich verantwortlich, seinen FC Bayern wieder aufzubauen. Josef Bierbichler zeichnet einen kantigen und durchsetzungsfreudigen Landauer, der den Verein wieder zum Leben erweckt. Der Film hält sich nicht genau an die Geschichte, was zu vernachlässigen ist, weil die Figur und ihr Wirken im Vordergrund stehen. Wahrscheinlich wäre der Film allerdings ohne Bierbichler nur schwer erträglich, denn an einigen Stellen wird durch bedeutungsschwangere Musikuntermalung sehr dick aufgetragen.
In Zeiten immer offener ausgelebten Antisemitismus und Rassismus setzt der Film jedoch ein wichtiges Zeichen zur richtigen Zeit und kann auch als Hommage an auf Antirassimus setzende Fanarbeit angesehen werden. Der FC Bayern hat die Zeichen spät erkannt und Kurt Landauer 2013 in einer von Uli Hoeneß‘ Tränen geprägten Jahreshauptversammlung posthum zum Ehrenpräsidenten ernannt. (7/10)
[Der Film ist noch bis 15.01.2015 in ARD-Mediathek abgelegt.]

Vorschau November:
Vorfreude: Der neue Polizeiruf mit den Rostocker Rock’n’Rollern König und Bukow.
Neu für mich: das Magdeburger Polizeirufteam, das bereits seinen dritten Fall löst.
Zum letzten Mal: Der letzte Tatort mit Boris Aljinovic als Felix Stark; Dominic Raacke quittierte schon eine Folge zuvor den Dienst.

Altersteilzeit

Freuen Sie sich auch schon darauf, wenn Sie an Ihrem Arbeitsabend etwas kürzer treten dürfen?
Zugegeben: Die Frage ist wohl etwas unverschämt, wenn wir bedenken, daß wir mindestens bis 67, vielleicht sogar bis 70, arbeiten müssen und sämtliche Versorgungsmodelle danach, sagen wir mal, offen sind.

Dabei könnte es so schön sein. Wir haben lange und mit Freude gearbeitet, ins System eingezahlt und erfreuen unsere Vorgesetzten und Kolleginnen in den letzten zwei, drei Jahren mit unserer Anwesenheit. Wir betreuen kleine Projekte, die scheinbar unwichtig sind, erzählen Witze, die die Jüngeren nicht erzählen dürfen, weil sie dafür keine Zeit haben, entkalken regelmäßig die Kaffeemaschine, mit der sich eh niemand auskennt, haben vielleicht ein Kind auf dem Schoß, weil die Kindertagesstätte geschlossen hat, und bespaßen es.
Kurz: Wir lassen unser Arbeitsleben langsam ausklingen, fallen nicht wie Heinrich Lohse plötzlich und unerwartet unserer Familie auf die Nerven und tragen so zu einem guten Betriebsklima bei.

Daran muss ich denken, wenn Claudio Pizarro bei einer deutlichen Führung am Spielfeldrand steht und seine Einwechslung erwartet.
Er lächelt. Nein, er grinst. Nein, er freut sich wie ein kleines Kind. Er steckt sich sein inzwischen ein wenig über dem Bauchansatz spannende Trikot noch einmal in die Hose und hüpft so lange, bis er endlich rein darf. In diesen 15, 20 Minuten gibt er sein Bestes. Er läuft, er rochiert und wartet auf die Gelegenheit, die seinem Ruf als Torjäger und Schlitzohr gerecht werden. Dabei hat er sein spitzbübisches Grinsen im Gesicht. Nach dem Abpfiff besitzt er noch so viel Energie, um den Arbeitstag in entspannter Atmosphäre ausklingen zu lassen.

Ich konnte Claudio Pizarros Verpflichtung vor der letzten Saison nichts abgewinnen. Wenn er nicht spielt, stiftet er Unruhe, war mein Gedanke. Oder er sorgt für Schlagzeilen, die man nicht im Sportteil findet.
Nichts davon trat ein. Erwartungsgemäß spielt er nicht so regelmäßig wie andere. Aber das scheint ihn nicht zu stören. Die Aussicht, jeden Tag mit hervorragenden Fußballern trainieren zu dürfen, erscheint ihn zu erfreuen wie die berechtigte Hoffnung auf Titel am Abend des beruflichen Wirkens. Ich könnte jetzt noch von täglicher, sehr gut honorierter Bewegung an der frischen Luft schreiben, aber das führte wohl zu weit.

Dennoch scheint mir Altersteilzeit als letzte Arbeitsform eine schöne Übergangszeit bis zum vollkommenen Rückzug ins Privatleben zu sein.

„Mia san mia“ im Kokon Erlebniswelt

Eine indirekte Replik auf Breitnigges Text „Von Wagenburgen, Medien, Tränen, dem Mob. Und Uli.“

Der nicht nur von mir geschätzte heinzkamke erwartete beim Text „Der entlarvende Kater einer selbstbesoffenen Allianz“ eine Reaktion auf die Causa Hoeneß und die vergangene Jahreshauptversammlung des FC Bayern München.
Zugegeben, die Überschrift hätte auch dazu gepasst.
Aber kommen wir zum Eigentlichen.

Was am 20. April (gewissen Daten merkt man sich als geschichtsinteressierter Mensch eben) öffentlich wurde, bewahrheitete sich vor rund sieben Monate später: Uli Hoeneß muss sich vor Gericht für den Vorwurf der Steuerhinterziehung verantworten.
Seine Selbstanzeige war also nicht ganz so selbstlos, wie sie der nun Angeklagte wahrgenommen haben will.

In diesem Zeitraum wurde nicht nur eine Chance vertan, die eine oder andere Brücke zu bauen.
Uli Hoeneß, der Aufsichtsrat und der Vorstand (mit dem frisch vorbestraften Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge als Vorsitzendem) der AG sowie das Präsidium des Vereins ließen die Sache gemäß dem selbst kreierten Motto „Mia san mia“ laufen und schufen ein Kokon Erlebniswelt, das von Außenstehenden mit Fassungslosigkeit und Hohn kommentiert wird, und darin zu einer kruden Mischung aus „Euer Hass ist unser Stolz“ und Nibelungentreue wird.

Die beste Gelegenheit, intern wie extern ein Zeichen zu setzen, wäre der 3. Juni gewesen.
An diesem Montag, zwei Tage nach dem historischen Gewinn des Triple, dem Abschluss der erfolgreichsten Saison aller Zeiten, hätte Uli Hoeneß vor die Kameras treten können, um zumindest zwei Dinge zu verkünden:
Er lässt sein Aufsichtsratsmandat so lange ruhen, bis die Vorwürfe geklärt und der (damals womögliche) Prozess abgeschlossen sind.
Er lässt sein Präsidentenamt so lange ruhen, bis die Vorwürfe geklärt und der (damals womögliche) Prozess abgeschlossen sind.
Konsequent wären jedoch Rücktritte vom Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden, bis sich ein (würdiger!) Nachfolger im Aufsichtsrat gefunden hätte, und vom Amt des Präsidenten zur Jahreshauptversammlung. Hoeneß wäre im Zenit seines Schaffens abgetreten und von vielen Seiten für sein Wirken und den Zeitpunkt des Abtritts gewürdigt worden. Steueraffäre hin oder her.
Die Jahreshauptversammlung wäre wohl ähnlich verlaufen wie die am Mittwoch, aber die Standing Ovations und „Uli, Uli!“-Rufe würden im Abgang nicht so bitter schmecken wie diese abgeschmackte, vom Vorstandsvorsitzenden eingeleitete Inszenierung.

Diese Chance wurde jedoch vertan, wie auch die, nach dem Bekanntwerden der Prozesszulassung ähnliche Schlüsse zu ziehen.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie der FC Bayern, der für seine abgelaufene Saison hierzulande nicht unbedingt Liebe, aber sehr viel Anerkennung bekommen hat, so reagieren kann.
Es liegt einerseits an fehlenden Alternativen zu Uli Hoeneß.
Neben seinem perspektivischen Denken fehlt dem Verein auch eine Figur, die menschlich in seine Fußstapfen treten kann. Gefallene Helden wie Gerd Müller oder Jürgen Wegmann aus der Gosse geholt und andere Ehemalige in den Verein angebunden zu haben, ist ihm höher anzurechnen, als den Verein nur „sehr gut aufgestellt“ zu haben, wie man das heute eben so nennt.
Einer Aufgabe, der er übrigens auch als Ehrenpräsident, zu dem man ihn nach Aufgabe seiner Ämter hätte ernennen können (und müssen!), nachgehen könnte. Nur die wenigsten Protagonisten im Verein könnten sich seinem Ansinnen entziehen.
Andererseits fehlen Hoeneß wohl auch freundschaftliche Kritiker (oder kritische Freunde). Aber er ist nicht der Erste, der offenbar nur von einem internen Zirkel, der nicht in der Lage ist, über den mitunter schmutzigen Tellerrand zu blicken, beraten wird. In der Politik gibt es genügend prominente Beispiele unsanft Gefallener. Helmut Kohl, Heide Simonis, Edmund Stoiber – nicht nur sie wurden unsanft durch aus ihren Ämtern gejagt. Aber ein Fußballverein ist keine Partei. Das ist eigentlich auch wieder beruhigend.

Herausgekommen ist eine Jahreshauptversammlung, die beschämend ist.
Sie wurde genutzt, um einen Präsidenten reinzuwaschen, der eben keine moralische Instanz ist, wie es seine öffentlichen Äußerungen bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe suggerierten. Im Gegenteil: sie wurde zu einer Veranstaltung, die für viele Anlass bot, hinterher zu betonen, wie sehr die „Familie FC Bayern München in schweren Zeiten“ zusammenhalte. Nach der erfolgreichsten Saison der langen Geschichte des Vereins und einem verheißungsvollen Auftakt mit dem derzeit begehrtesten Trainer weltweit, wohlgemerkt.
Die posthume Ernennung Kurt Landauers zum Ehrenpräsidenten 75 Jahre nach der Reichspogromnacht ist in dem rührseligen wie populistischen rot-weißen Tränenmeer vollkommen untergegangen.
Übrig bleibt eine Inszenierung, die den faden Beigeschmack der Demagogie hat.
Die Inszenierung eines Vereins, der sich nicht scheut, Mitglieder, die öffentlich zugängliche Toiletten mit Aufklebern versehen, deren Aussage man diskutieren kann, durch den Ehrenrat auszuschließen. Strafrechtlich ebenso relevant wie Steuerhinterziehung.
Aber der Verein macht sich innerhalb seines Mikrokosmos‘ wie außerhalb unglaubwürdig.

Das hat Uli Hoeneß nicht verdient.
Uli Hoeneß hat einen fairen Prozess mit einem angemessenen Urteil verdient. „Was Uli Hoeneß braucht, sind Siege“, sagen Spieler, die darauf angesprochen werden. Es ist ebenso nicht fair, Angestellte, mögen sie noch so hochbezahlt sein, zu öffentlichen Äußerungen in der Angelegenheit zu „bitten“. Hoeneß hat auch eine faire Auseinandersetzung über seine Nachfolge(r) verdient.

Dazu müssen er und der Verein aber bereit sein.
Das erkenne ich derzeit nicht.

Historische Fußballkunst auf der Höhe der Zeit

„Bei den Rothosen – Der Sportillustrator Sepp Mauder und sein FC Bayern“ in der Galerie Truk Tschechtarow

Fußball und Kunst sind für viele, die diesem Sport nichts abgewinnen können, ein Widerspruch. Wer gegen den Ball tritt, ist fern des Schöngeistigen. Daß das Spiel hohe Kunst sein kann – geschenkt. Fast unvorstellbar ist es für sie, daß es Persönlichkeiten gibt, die Fußball und Kunst in einer Person vereinen.

Sepp Mauder: Die Rothosen (© Galerie Truk Tschechtarow/FC Bayern Erlebniswelt)

Sepp Mauder: Die Rothosen (© Galerie Truk Tschechtarow/FC Bayern Erlebniswelt)

Sepp Mauder war so eine. Er gehörte zu den ersten Fans des FC Bayern München, bei dem er als 19-jähriger 1903 nach einer Vorstellung beim damaligen Vorstand aufgenommen wurde. Er spielte fortan für die 2. Mannschaft, deren Kapitän er später wurde, und begleitete den Verein bis zu seinem Tod mit Pinsel und Strich.
Er dokumentierte die ersten Erfolge (Deutsche Meisterschaft 1932!) genauso wie den einzigen Abstieg 1955 und durfte in den letzten Jahren den Aufstieg der Rothosen erleben. Das erste Double um Kapitän Werner Olk mit den jungen Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Müller, etc. 1969 war der letzte Erfolg, den er erleben durfte, bevor er wenig später mit 85 Jahren verstarb. Das letzte Mauder-Original, das sich im Archiv des FCB befindet, ist eine Würdigung zum ersten Europokalgewinn 1967 und in der Ausstellung zu sehen.

Sepp Mauder: Platzsperre (© Galerie Truk Tschechtarow/FC Bayern Erlebniswelt)

Sepp Mauder: Platzsperre (1922) (© Galerie Truk Tschechtarow/FC Bayern Erlebniswelt)

Sepp Mauder zeichnete allerdings nicht für die Clubnachrichten bzw. Spieler und Funktionäre, sondern wurde auch bundesweit als erster namhafter Sportkarikaturist bekannt. Mit spitzer Feder kommentierte er die Ereignisse rund um das runde Leder in der Zeitschrift Fußball, die später mit dem kicker fusionierte. Betrachtet man diese Werke, fühlt man sich sofort in die Gegenwart versetzt. 1922 (!) verhängte Platzsperren nahm er ebenso aufs Korn wie den lange am Amateurismus festhaltenden DFB. Daß damals so etwas gedruckt wurde, kann man sich beim heute wie ein Hausorgan des DFB wirkenden kicker nicht vorstellen.
Einen Namen machte sich Sepp Mauder auch früh als Kinderbuchillustrator und Karikaturist von Satirezeitschriften.

Kurator Christian Ganzer und Andreas Wittner von der FC Bayern Erlebniswelt präsentieren Sepp Mauders „Rothosen“

Kurator Christian Ganzer und Andreas Wittner von der FC Bayern Erlebniswelt präsentieren Sepp Mauders „Rothosen“

Andreas Wittner von der FC Bayern Erlebniswelt ist es zu verdanken, daß Ausstellung des vielseitigen Künstlers zustande kam. Ihm war es wichtig, Sepp Mauders Werk in Schwabing, wo der FC Bayern München seine Wurzeln hat, zeigen. Auf einer Luftaufnahme aus den 20er Jahren ist zu sehen, wo der FC Bayern einst spielte und trainierte.
So gelingt der Ausstellung der Spagat zwischen Fußball, Kunst und Schwabing.

Also Fußball- und Kunstinteressierte: Geht’s hin und schaut’s Buidl!

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„Bei den Rothosen – Der Sportillustrator Sepp Mauder und sein FC Bayern“ in der Galerie Truk Tschechtarow; noch bis 15. September
Haimhauserstraße 16я, München-Schwabing
Öffnungszeiten: Mi – Fr: 17 -22 Uhr; Sa/So: 14 -19 Uhr

Der jährliche Fußballfragebogen

Dein Verein heißt:
FC Pep Triplegewinner Bayern München

Wie lautet das offizielle Saisonziel, sofern es bekannt ist?
Sammer sagt „Triple“, Rummenigge „Meisterschaft“, Hoeneß scheint derzeit anderweitig beschäftigt zu sein.

Wie lautet DEIN Saisonziel für deinen Verein?
Den neuerlichen Spaziergang, den viele sehen, kann ich nicht erkennen. Es wird einige Zeit brauchen, bis sich Trainer und Mannschaft so angenähert haben, daß sie wieder aus einem Guss spielen.
Für die Meisterschaft sollte es dennoch reichen, auch wenn der BVB heuer in Sichtweite darum mitspielen wird.

Welchen Spieler hätte deine Mannschaft in der Pause lieber nicht abgegeben?
Puh, die Nebengeräusche um Gómez‘ Wechsel fand ich nicht so angenehm. Aber es wäre für ihn wohl sehr schwer geworden, erneut einen Skeptiker von sich zu überzeugen.

Welchen Spieler hätte deine Mannschaft besser verkaufen sollen?
Emre Can wurde ja schon abgegeben, Luiz Gustavo ist auch auf dem Sprung.

Wen hätte deine Mannschaft diese Saison lieber NICHT gekauft?
Jan Kirchhoff ist für mich ein vollkommen unbeschriebenes Blatt.
Und Robert Lewandowski wird uns zum Glück noch ein Jahr vom Leibe gehalten.

Wer von den neuen Spielern wird deiner Mannschaft am besten helfen?
Der Pep wird sich bei der Verpflichtung von Thiago Alcantára schon etwas gedacht haben. So ein Spanier mit brasilianischen Wurzeln kann ja kein Haubentaucher sein!

Wie wirst du in dieser Saison deine Mannschaft unterstützen?
Trinkend, schreiend, Trikot tragend.

Wie findest du das neue Trikot Deiner Mannschaft?
Endlich wieder „rot-weiße Trikot“! Das neue Bundesligaleiberl ist wirklich ein Traum. Es ist das schönste seit vielen Jahren.
Das BLAUE CL-Trikot im C&A-Schlafanzugdesign dagegen ist ein Graus.

Welcher Stürmer wird die Torjägerkanone holen?
Thomas Müller!

Welcher Trainer wird als erstes gefeuert?
Bruno Labbadia. Oder Mirko Slomka. Oder sie tauschen einfach ihre Vereine.
Und Markus Babbel beerbt Thorsten Fink.

Welche Mannschaft wird das erste Tor der Saison schießen?
ich befürchte Borussia Mönchengladbach.

Welche Mannschaften SOLLTEN absteigen?
Heuer ist mir das tatsächlich egal.

Welche Mannschaft wird Meister?
Der FC Bayern.

Wenn du nicht im Stadion bist, wo wirst du die Spiele sehen?
In der Wirtschaft.

Wie sehr vermisst du die Bundesliga auf einer Skala von 1 bis 10 – wobei bei 1 so ziemlich keine Träne nach der Bundesliga verdrückt wird und 10 quasi bedeutet, dass du ernste Entzugserscheinungen hast?
Wenige Stunden vor dem Anpfiff steigt die Vorfreude doch allmählich an. Aber höher als 6 ist sie jetzt noch nicht.

[via Anke Gröner]