„Mia san mia“ im Kokon Erlebniswelt

Eine indirekte Replik auf Breitnigges Text „Von Wagenburgen, Medien, Tränen, dem Mob. Und Uli.“

Der nicht nur von mir geschätzte heinzkamke erwartete beim Text „Der entlarvende Kater einer selbstbesoffenen Allianz“ eine Reaktion auf die Causa Hoeneß und die vergangene Jahreshauptversammlung des FC Bayern München.
Zugegeben, die Überschrift hätte auch dazu gepasst.
Aber kommen wir zum Eigentlichen.

Was am 20. April (gewissen Daten merkt man sich als geschichtsinteressierter Mensch eben) öffentlich wurde, bewahrheitete sich vor rund sieben Monate später: Uli Hoeneß muss sich vor Gericht für den Vorwurf der Steuerhinterziehung verantworten.
Seine Selbstanzeige war also nicht ganz so selbstlos, wie sie der nun Angeklagte wahrgenommen haben will.

In diesem Zeitraum wurde nicht nur eine Chance vertan, die eine oder andere Brücke zu bauen.
Uli Hoeneß, der Aufsichtsrat und der Vorstand (mit dem frisch vorbestraften Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge als Vorsitzendem) der AG sowie das Präsidium des Vereins ließen die Sache gemäß dem selbst kreierten Motto „Mia san mia“ laufen und schufen ein Kokon Erlebniswelt, das von Außenstehenden mit Fassungslosigkeit und Hohn kommentiert wird, und darin zu einer kruden Mischung aus „Euer Hass ist unser Stolz“ und Nibelungentreue wird.

Die beste Gelegenheit, intern wie extern ein Zeichen zu setzen, wäre der 3. Juni gewesen.
An diesem Montag, zwei Tage nach dem historischen Gewinn des Triple, dem Abschluss der erfolgreichsten Saison aller Zeiten, hätte Uli Hoeneß vor die Kameras treten können, um zumindest zwei Dinge zu verkünden:
Er lässt sein Aufsichtsratsmandat so lange ruhen, bis die Vorwürfe geklärt und der (damals womögliche) Prozess abgeschlossen sind.
Er lässt sein Präsidentenamt so lange ruhen, bis die Vorwürfe geklärt und der (damals womögliche) Prozess abgeschlossen sind.
Konsequent wären jedoch Rücktritte vom Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden, bis sich ein (würdiger!) Nachfolger im Aufsichtsrat gefunden hätte, und vom Amt des Präsidenten zur Jahreshauptversammlung. Hoeneß wäre im Zenit seines Schaffens abgetreten und von vielen Seiten für sein Wirken und den Zeitpunkt des Abtritts gewürdigt worden. Steueraffäre hin oder her.
Die Jahreshauptversammlung wäre wohl ähnlich verlaufen wie die am Mittwoch, aber die Standing Ovations und „Uli, Uli!“-Rufe würden im Abgang nicht so bitter schmecken wie diese abgeschmackte, vom Vorstandsvorsitzenden eingeleitete Inszenierung.

Diese Chance wurde jedoch vertan, wie auch die, nach dem Bekanntwerden der Prozesszulassung ähnliche Schlüsse zu ziehen.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie der FC Bayern, der für seine abgelaufene Saison hierzulande nicht unbedingt Liebe, aber sehr viel Anerkennung bekommen hat, so reagieren kann.
Es liegt einerseits an fehlenden Alternativen zu Uli Hoeneß.
Neben seinem perspektivischen Denken fehlt dem Verein auch eine Figur, die menschlich in seine Fußstapfen treten kann. Gefallene Helden wie Gerd Müller oder Jürgen Wegmann aus der Gosse geholt und andere Ehemalige in den Verein angebunden zu haben, ist ihm höher anzurechnen, als den Verein nur „sehr gut aufgestellt“ zu haben, wie man das heute eben so nennt.
Einer Aufgabe, der er übrigens auch als Ehrenpräsident, zu dem man ihn nach Aufgabe seiner Ämter hätte ernennen können (und müssen!), nachgehen könnte. Nur die wenigsten Protagonisten im Verein könnten sich seinem Ansinnen entziehen.
Andererseits fehlen Hoeneß wohl auch freundschaftliche Kritiker (oder kritische Freunde). Aber er ist nicht der Erste, der offenbar nur von einem internen Zirkel, der nicht in der Lage ist, über den mitunter schmutzigen Tellerrand zu blicken, beraten wird. In der Politik gibt es genügend prominente Beispiele unsanft Gefallener. Helmut Kohl, Heide Simonis, Edmund Stoiber – nicht nur sie wurden unsanft durch aus ihren Ämtern gejagt. Aber ein Fußballverein ist keine Partei. Das ist eigentlich auch wieder beruhigend.

Herausgekommen ist eine Jahreshauptversammlung, die beschämend ist.
Sie wurde genutzt, um einen Präsidenten reinzuwaschen, der eben keine moralische Instanz ist, wie es seine öffentlichen Äußerungen bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe suggerierten. Im Gegenteil: sie wurde zu einer Veranstaltung, die für viele Anlass bot, hinterher zu betonen, wie sehr die „Familie FC Bayern München in schweren Zeiten“ zusammenhalte. Nach der erfolgreichsten Saison der langen Geschichte des Vereins und einem verheißungsvollen Auftakt mit dem derzeit begehrtesten Trainer weltweit, wohlgemerkt.
Die posthume Ernennung Kurt Landauers zum Ehrenpräsidenten 75 Jahre nach der Reichspogromnacht ist in dem rührseligen wie populistischen rot-weißen Tränenmeer vollkommen untergegangen.
Übrig bleibt eine Inszenierung, die den faden Beigeschmack der Demagogie hat.
Die Inszenierung eines Vereins, der sich nicht scheut, Mitglieder, die öffentlich zugängliche Toiletten mit Aufklebern versehen, deren Aussage man diskutieren kann, durch den Ehrenrat auszuschließen. Strafrechtlich ebenso relevant wie Steuerhinterziehung.
Aber der Verein macht sich innerhalb seines Mikrokosmos‘ wie außerhalb unglaubwürdig.

Das hat Uli Hoeneß nicht verdient.
Uli Hoeneß hat einen fairen Prozess mit einem angemessenen Urteil verdient. „Was Uli Hoeneß braucht, sind Siege“, sagen Spieler, die darauf angesprochen werden. Es ist ebenso nicht fair, Angestellte, mögen sie noch so hochbezahlt sein, zu öffentlichen Äußerungen in der Angelegenheit zu „bitten“. Hoeneß hat auch eine faire Auseinandersetzung über seine Nachfolge(r) verdient.

Dazu müssen er und der Verein aber bereit sein.
Das erkenne ich derzeit nicht.