Unauffällig vollendet

Mit Philipp Lahm tritt heute ein Spieler ab, der bei vielen – einschließlich mir – lange unter dem Radar lief. Erst in den letzten Monaten fand er die Wertschätzung, die ihm, der 22 Jahre im Verein war, gebührt. Dieser Text ist nicht möglich, ohne seinen langjährigen Begleiter Bastian Schweinsteiger, mit dem er 2002 A-Jugendmeister wurde, das eine oder andere Mal zu erwähnen.
Eine kleine Würdigung zum Abschied.

1. Einsatz im Olympiastadion, 1. Begegnung mit Felix Magath & 1. Turnier

An Philipp Lahms erstes Spiel bei den Profis kann ich mich nicht erinnern.
Es war die Saison, die international einen Tiefpunkt darstellte, weil bereits vor dem abschließenden Spiel feststand, dass der FC Bayern nicht einmal mehr im UEFA-Cup überwintern durfte. Vor solchen Spielen bediente sich selbst Ottmar Hitzfeld bei den Amateuren. So kam auch Philipp Lahm in der Nachspielzeit zu seinem Debüt bei den Profis gegen RC Lens vor 22000 Zuschauern. Heute ist das Spiel nur noch von Bedeutung, weil Lahm der Letzte in der aktuellen Mannschaft ist, der noch im Olympiastadion gespielt hat. Danach, als die Mannschaft wütend war und mit deutlichem Vorsprung Meister wurde, wurde er nicht mehr eingesetzt.
Dass er 2003 für zwei Jahre an den VfB Stuttgart ausgeliehen wurde, ging an mir vorbei. Hermann Gerland hatte ihn mehreren Trainern angeboten, als hätte er eine Kiste Löwenbrau im Gepäck. Das Grätschen hatte er ihm vorher noch beigebracht. Felix Magath griff schließlich zu und machte ihn sehr schnell zum Stammspieler.

Bastian Schweinsteiger stellte uns zwischenzeitlich seine Cousine vor.

Aufmerksam wurde ich erstmals, als Rudi Völler ihn in die Nationalmannschaft berief. Bei einer grottenschlechten EM spielte er – im Gegensatz zu den damals Poldi und Schweini genannten Jungspunden – durch, was seiner Reputation nicht schadete.

Durchbruch beim FC Bayern

Zum FC Bayern kehrte er 2005 mit einem Kreuzbandriss zurück. Den Platzhalter gab derweil der bereits ein halbes Jahr zuvor zurückgekehrte Bixente Lizarazu, der wiederum Hasan Salihamidžić, der auf der linken Außenbahn eingesetzt wurde, nach dessen Kreuzbandriss ersetzte. Das erste Spiel nach seiner Rekonvaleszenz bestritt er – bei den Amateuren.

Bastian Schweinsteiger musste auf Geheiß Magaths öfter bei den Amateuren spielen.

Die Jahre vergingen. Sie wurden nur dadurch unterbrochen, dass Philipp Lahm im Eröffnungsspiel des erkauften Sommermärchens mit Manschette das erste Tor des Turniers und zwei Jahre später das erlösende 3:2 gegen die Türkei erzielte. Angesichts seiner Torstatistik – im Europapokal schoss er genauso viele Tore wie Sepp Maier, Oliver Kahn und Manuel Neuer zusammen – zwei Momente für die Ewigkeit. Die 0:4-Schmach von Barcelona 2009 blieb ihm erspart. Ihn vertrat Christian Lell.

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Kleine ganz groß, 2009. (Bild: @SammyKuffour

Ein Wechsel und ein teures Interview

Dennoch sollte 2009 ein Einschnitt in seiner Karriere werden.
Nach dem misslungenen Experiment mit dem schwäbisch-kalifornischen Projektmanager betrat Louis van Gaal die ihm zu kleine Bühne. Er ordnete an, dass Philipp Lahm auf der rechte Seite zu spielen habe, weil er ein Rechtsfuß ist. Dabei wurde etwas gewahr, worüber man sich vorher nie Gedanken gemacht hatte:
Philipp Lahm kann man nicht klonen!
Denn die Alternativen auf Links reichten ihm nicht das Wasser. Holger Badstuber war zwar Linksfuß, aber als Innenverteidiger und Spieleröffner weitaus geeigneter (und wurde nicht umsonst von Hermann Gerland im Rahmen seiner Hochbegabtenförderung bei den Amateuren wie der hier Gewürdigte und Mats Hummels auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt). Er wechselte sich ab mit Danijel Pranjić, Edson Braafheid (die zwei größten Fehler van Gaals), Diego Contento, David Alaba (der damals einfach noch zu grün war) und später Luiz Gustravo. Rechts spielte nur Philipp Lahm.

Bastian Schweinsteiger reifte nach seinen Flegeljahren auf der Außenbahn in der Zentrale zum Elder Statesman.

Abseits des Platzes machte sich Lahm inzwischen auch bemerkbar. Er gab der Süddeutschen ein Interview, in dem er dem Verein fehlende Identität attestierte. Es sollte das teuerste Gespräch mit den Medien in der Geschichte des FC Bayern werden. Man munkelt, dass ihn das 50000 Euro gekostet hat. Eine Summe, die sehr gut investiert war, weil er damit Louis van Gaal sekundierte, der im Begriff war, die DNA der Mannschaft auf Jahre hin zu verändern. Sehr erfolgreich, wie wir heute wissen. Es zeigte auch, dass sein Wort im Verein inzwischen an Gewicht gewonnen hatte.
Nach einer sehr schwierigen Anfangsphase, die van Gaal fast den Job gekostet hätte, spielte sich die Mannschaft in einen Rausch, der in Meisterschaft, Pokal und einem verdient verlorenen Champions League-Finale endete. In dieser wegweisenden Saison 2009/10 fand Lahm seinen kongenialen Partner: Arjen Robben. Der seinerzeit als ein Panikeinkauf anmutende Links(!)füßler verstand nach einiger Zeit, was Philipp Lahm dachte und umgekehrt. Bis heute passen sie zusammen wie Schweinebraten und Knödel.

Kapitän

Als Mark van Bommel während der Winterpause 2010/11 den FC Bayern fluchtartig über die Alpen passierte, wurde Philipp Lahm Kapitän. Es war eine schwierige Zeit. Zwischen Mannschaft und Trainer knirschte es. In einem dünnem Kader gab es viele Verletzte, was dazu führte, dass Nicolas Jüllich als Alternative für Lahm auf der Bank saß. Der Wechsel im Tor von Hans-Jörg Butt zu Thomas Kraft war folgenreich. Kraft kassierte ein vermeidbares , spielentscheidendes Tor. Van Gaal wurde danach in einer denkwürdigen Pressekonferenz Hoeneß‘ entlassen. Unter dem beförderten Co-Trainer Andries Jonker taumelte sich die Mannschaft in die Champions League.
Es wurden auch Zweifel an Kapitän Lahm und dessen Stellvertreter Schweinsteiger laut. Zu leise, zu profillos seien diese Jungspunde. Ich teilte diese Zweifel. Während van Bommel nach schlechten Spielen (davon gab es seinerzeit viele) keine Hand vor den Mund nahm, kamen die Aussagen Lahms arg diplomatisch und nichtssagend daher. Aus den starken Aussagen im Interview wurden Belanglosigkeiten. Ich hielt Lahm nach Michael Ballacks Verletzung unmittelbar vor der WM 2010 auch für einen Interims-Kapitän. Aber wer blickt schon wirklich in Mannschaften und deren Hierarchien?

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Von fehlenden Leithammeln zur Vollendung

Jupp Heynckes übernahm die Mannschaft erneut und setzte Lahm zunächst links ein. Zum Glück wurde der nach seinem halbjährigen Engagement zurückgekehrte David Alaba immer stärker, so dass Lahm wieder auf die rechte Seite wechselte. Rafinha auf der Position überzeugte Heynckes nicht.
Das verhinderte jedoch nicht eine Saison, die Bayer Leverkusen zur Ehre gereichte. Vize-Meister, Vize-Pokalsieger und Vize-Pokalsieger. Neben einem dünnen Kader wurde wieder ein Führungsdefizit in der Mannschaft ausgemacht, das von einem abermaligen Halbfinal-Aus der Nationalmannschaft begleitet wurde.

Bastian Schweinsteiger – die tragische Figur des „Finale dahoam“ – wurde von einem sich als zu Höherem berufenen Autor der Sportbild zum „Chefchen“ degradiert.

Fehlende Führungsfiguren vom Schlage eines Effenberg wurden landauf, landab beklagt. Sowohl Lahm als auch sein Stellvertreter schwiegen dazu. Es war das Beste, denn am diagnostizierten Führungsdefizit der Beiden lag es nicht.

Die Antwort sollte ein Jahr später folgen.
Die Mannschaft spielte in der Bundesliga und im Pokal alles in Grund und Boden. Der spielerische Höhepunkt war ein 7:0 gegen den FC Barcelona im Champions League-Halbfinale. Nach dem Gewinn des wichtigsten Vereinspokals war Philipp Lahm endlich ein Vollendeter.

Dass er und Bastian Schweinsteiger gemeinsam den Pott in die Höhe reckten, war das schönste Bild einer einmaligen wie unvergesslichen Saison.

„Der intelligenteste Spieler“

Der mit großem Brimborium empfangene Pep Guardiola bezeichnete Lahm nach wenigen Trainingseinheiten als intelligentesten Spieler, mit dem er je zusammengearbeitet habe. Alsbald stellte sich heraus, dass seine Lobpreisungen mit Vorsicht zu genießen waren. Aber im Gegensatz zu den 1000 Dantes, die er gern in seiner Mannschaft gehabt hätte, war das wohl nicht gelogen. Er setzte Lahm, als mit Schweinsteiger, Martínez und Thiago viele zentrale Strategen ausfielen, auf der Sechs neben Xabi Alonso ein. Überhaupt setzte ihn der Trainer im Mittelfeld fast überall ein. Und man hatte nie den Eindruck, dass er eine Position nicht könne. Wäre es ihm gelungen, Lahm zu klonen, hätte er wohl eine Mannschaft mit Neuer im Tor, neun Lahms und Thiago irgendwo in der Zentrale aufgestellt.

Die Weltmeisterschaft war für ihn ein schwieriges Turnier. Anfangs auf der Sechs eingesetzt und von einer Verletzung gehandicapt, fand er nur schwer ins Turnier und stabilisierte sich erst, als er wieder als rechter Außenverteidiger eingesetzt wurde.
Danach trat er aus der Nationalmannschaft zurück und übergab die Kapitänsbinde an Bastian Schweinsteiger.

Und dann passierte es doch. Philipp Lahm verletzte sich im November 2014 schwerer (er brach sich das Sprunggelenk) und fiel einige Monate aus. Es geschah in einer Phase, als sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League die Weichen bereits gestellt waren.

Nach der Saison verließ Bastian Schweinsteiger den Verein.

In der letzten Rückrunde unter Guardiola schwang er sich nochmal zur Weltklasse auf. Und einigen dämmerte, dass Lahm nie die Wertschätzung erfahren hatte, die anderen zuteil wurde. Dass er sie auf seine alten Tage erfuhr, ist nicht nur der Sentimentalität, die einen häufig befällt, wenn man sich von jemandem verabschiedet, zurückzuführen, sondern auch Pep Gaurdiola, der sein Loblied auf ihn auch mit Inhalt füllte. Wer gesehen hat, wie angeregt sich die beiden nach dem letzten Spiel beim Pokalsieg in Berlin unterhielten, konnte spüren, dass sich zwei trafen, die sich sehr schätzten.

Abschied mit Misstönen

Als Philipp Lahm ein dreiviertel Jahr später ankündigte, seine Karriere ein Jahr vor Ablauf des Vertrags zu beenden, war man im Verein darüber überrascht und wohl auch verstimmt. Denn er setzte den Verein (bzw. die AG) auch darüber in Kenntnis, dass er nicht gedenke, unter dem Präsidenten Hoeneß das Sportchefchen zu geben. Dabei hatte Karl-Heinz Rummenigge wenige Minuten vor Hoeneß‘ Wiederwahl angekündigt, dass der neue Sportdirektor noch auf dem Platz stehe. Man kann nur mutmaßen, was sich in der Winterpause hinter den Kulissen abspielte.
Ganz so überraschend kam sein vorzeitiger Abgang jedoch nicht. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft wirkte wohlüberlegt. Wer sich seine Leistungen in Rückrunde anschaut, wird feststellen, dass jemand geht, der einsieht, dass ihm schwerer fällt, weiterhin auf högschdem Niveau zu spielen.

Tatsache ist, dass der FC Bayern immer noch ohne Sportdirektor dasteht, während sich Lahm heute von der großen Bühne und vom Verein (erst mal?) verabschieden wird.
Wahrscheinlich werden ihn die Sportjournalisten nach der Saison noch flugs zum Fußballer des Jahres wählen. Etwas, was sie jahrelang versäumt hatten. Er wird es mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen.
Womöglich wird er in Zukunft das Geschehen mit Worthülsen auf Twitter kommentieren und seinem Verein vor wichtigen Spielen mit einigen Hashtags die Daumen drücken. Auf das Angebot Ribérys, ihm Karten fürs Stadion zu besorgen, wird er vorerst nicht zurückkommen.

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Offene Zukunft (Bild & Titelbild: @santapauli1980)


Unauffällige Legende

Ein lässiger Münchner war Philipp Lahm nie und wird er nicht mehr. Diese Rolle beherrschte der gebürtige Oberaudorfer Bastian Schweinsteiger wesentlich besser. Obwohl er dem eigenen Nachwuchs entstammt, flogen ihm nie die Herzen zu wie Schweinsteiger, Müller oder dem nie erwachsen werdenden Ribéry. Nähe war seine Sache nicht. Wenn Schweinsteiger das Glockenbachviertel ist, ist Lahm Harlaching. Unauffällig und ein wenig bieder. Es wird ihm egal sein.
Aber Philipp Lahm tritt als Legende ab, der auf einer Stufe mit Maier, Beckenbauer und Müller steht, wie Guardiola nach dem Pokalsieg 2016 zurecht anmerkte. Es wird ein wenig dauern, bis die Lücke, die der Unauffällige hinterlässt, auf dem Platz geschlossen ist.

[Vielen Dank an @santapauli1980 und @SammyKuffour für die Bilder!]

Weitere Texte:
„Danke Philipp Lahm“ & „Der Durchbruch des Philipp Lahm“ auf Miasanrot

Zwischen Titeln und Spekulationen: Es wird hart!

Es ärgert mich bis heute, im Abgang meiner zahlreichen Kneipenaufenthalte in jungen Jahren bei den annähernd zahlreichen Besuchen der Keramikabteilungen einmal zu wenig in den Kasten, in denen Postkarten aus der ehrfürchtig klingenden Produktion „Edgar“ auf aufgeschlossene Notdürftige warteten, einmal zu wenig zugegriffen zu haben. Ein Motiv zeigte auf einem Schwarz-Weiß-Bild einen jungen Mann, der damals in meinem Alter gewesen sein dürfte, auf einer Toilette. Er hielt die für so eine Lokalität typische Rolle in der Hand und wirkte ansonsten auch nicht glücklich. Auf der Karte stand: „Es wird hart.“
Dieses Gefühl habe ich beim Blick auf die Saison auch. Es drückt mich seit Tagen etwas, das jetzt raus muss.

Vielleicht war die Sommerpause zu lang, und wirklich viel passiert ist nicht. Schalke 04 hat Entscheidungen getroffen, die selbst im kritischen Umfeld überwiegend positiv aufgenommen wurden – die medizinischen Untersuchungen fanden bei anderen Vereinen satt. Der SC Freiburg hat als Absteiger rund 25 Millionen Euro eingenommen, ohne auch nur einen Spieler überteuert nach England abgegeben zu haben (etwas, das mir zu wenig Würdigung erfährt). Sogar der HSV verhielt sich nach seinem Klassenerhalt in letzter Sekunde bis vor dem Pokalspiel unauffällig!
Es drängte sich in den letzten Wochen der Verdacht auf, dass scheinbare Baustellen und somit Themen gefunden werden mussten, um irgendwie im Geschäft zu bleiben. Dass sich der FC Bayern dafür anbietet, ist so nachvollziehbar wie ermüdend.
Bis auf die unsägliche Chinareise, auf der Mannschaft und Begleiter alles außer Unterdrückten zu sehen bekamen, gab der Verein ein positives Bild ab. Das mag daran liegen, dass Karl-Heinz Rummenigge zu wenigen Dingen Stellung bezogen hat. Selbst der Abschied Bastian Schweinsteigers ging relativ geräuschlos über die Bühne. Die Transfers wurden im Hintergrund so gut vorbereitet, dass sie erst öffentlich wurden, als sie quasi schon in trockenen Tüchern waren. Besoffen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Geiselgasteigstraße fuhr auch niemand.
Eigentlich eine ruhige Sommerpause!

Irgendwann fiel Einigen ein, dass der Trainer nur noch ein Jahr Vertrag hat. EIN JAHR! Und gewonnen hat der vor zwei Jahren wie ein Messias gefeierte Katalane in den vergangenen zwei Jahren eigentlich auch nix. Zwei nationale Titel im ersten Jahr, nur noch einen im zweiten Jahr. Es ist also abzusehen, was im dritten Jahr unter der Lame Duck gewonnen wird: Nix!
„Pep unter Druck“ schlagzeilte also ein Blatt vor dem Supercup. Das ist einer der drei vom deutschen Fußball ausgelobten Titel, dessen Bedeutung sich knapp über der des Paulanercups bewegt.
Okay, das Spiel ging verloren. Und jetzt haben wir eine Krise? Nach einem Spiel, in dem LarsNicklas Bendtner, ich wiederhole, LarsNicklas Bendtner den letzten Elfer schießen durfte? Really? (Okay, Elfer sollte die Mannschaft mal üben. Auf welchem Rasen auch immer. Rutschig kann es überall sein.) Die Pressekonferenz ein paar Tage später war recht ungemütlich und Guardiola erstmals sichtlich genervt. Die Personalie Götze, befeuert durch ein seltsam anmutendes Management, garniert mit fragwürdigen oder aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten – so genau lässt sich das nicht nachvollziehen – trug auch nicht zu besserer Laune bei.

Bei dem Aufwärmprogramm namens Audicup wurde im übertragenden Fernsehen eine Stimmung verbreitet, als stünde der FC Bayern vor dem Abstieg. Als die Mannschaft einen ziemlich derangierten AC Mailand mit 3:0 besiegte, war man andernorts schon wieder in Höchststimmung und schwadronierte von „totaler Dominanz“. Im Fernsehen war man tags drauf zum Finale immer noch in Trauerstimmung. Klar, die Zweitverwertungsrechte für die 2. Liga am Freitag und Sonntag hat Sport1. Die Mannschaft gewann dann doch irgendwie (kurz vor dem Elfmeterschießen!) 1:0 gegen Real Madrid. Und Mario Götze spielte recht gut.

In der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel hatte dann Matthias Sammer einen recht guten Auftritt. Bei ihm weiß man ja nie, ob er weiß, was er am Satzende sagen wird. Diesmal wusste er es offenbar und heizte den Fragenden ordentlich ein.
Das Pokalspiel selbst? Ein 3:1 bei einem Fünftligisten. Das ist nicht berauschend, aber es reicht. Für die SZ war das Spiel eine „Enttäuschung“. Weil die badischen Bauernfünferl nicht bei 45 Grad zweistellig aus dem Stadion geschossen wurden? Das ist lächerlich.
Dazu kommt, dass die Mannschaft immer noch nicht komplett ist. Arjen Robben wurde zwischenzeitlich für eine Woche aus dem Mannschaftstraining genommen, bei Franck Ribéry, Javier Martínez und Holger Badstuber ist noch nicht absehbar, wie lange sie noch ausfallen werden. Die neuen Douglas Costa und Arturo Vidal kamen erst im Laufe der Vorbereitung.

Es wurde sehr viel Unruhe verbreitet, und es ist nicht absehbar, dass sich das legen wird. Man muss befürchten, dass fröhlich weiter gebohrt wird, wenn die Mannschaft nach fünf Spieltagen nicht mindestens zehn Punkte Vorsprung auf den Zweiten hat.
Sollte dies wider Erwarten doch der Fall sein, wird man über unzufriedene Spieler berichten, weil der Trainer diesen zu großen Kader „schlecht moderiert“.

Dabei bin ich recht optimistisch gestimmt und freue mich auf die neue Saison.
Ich den Eindruck habe, dass die Verantwortlichen die richtigen Personalentscheidungen getroffen haben. Douglas Costa – dass in München ein Costa spielt, der kein Grieche ist, ist für mich noch gewöhnungsbedürftig – macht nach den ersten Spielen den Eindruck, der Mannschaft offensiv neue Impulse geben zu können. Da nicht absehbar ist, wie lange Ribéry noch ausfallen wird, scheint das Geld in ihn sehr gut investiert zu sein. Arturo Vidal kann wie vor drei Jahren Martínez so etwas wie der Königstransfer für den ganz großen Wurf sein.
Der Mannschaft dürfte das Gerede um den Trainer relativ egal sein. Mit Lahm, Robben und Ribéry gibt es Spieler, für die es womöglich die letzte Gelegenheit ist, den Europapokal noch einmal zu gewinnen. Flankiert werden sie von neuen und jüngeren Spielern, die die Krönung noch nicht erlebt haben. Und Thomas Müller will eh immer spielen und gewinnen. Die Mischung macht einen stimmigen Eindruck. Ob es reicht, ist nicht zu prognostizieren. Die letzte Saison hat gezeigt, wie unmöglich es ist, Titel in Pokalwettbewerben zu planen.
Daher wünsche ich mir vor allem möglichst wenig Verletzte. Wenn es Pep Guardiola gelingt, junge Spieler wie Joshua Kimmich und Pierre-Emile Højbjerg einzubauen und den sich spätestens mit Schweinsteigers Wechsel begonnen Umbruch einzuleiten, wäre ich auch sehr glücklich.

Sollte die Mannschaft schwer in die Gänge kommen, wird es hart. Aber mit dem HSV stellt sich am 1. Spieltag ein Gegner mit einer tatsächlich unruhigeren Woche als der FCB vor, der der Mannschaft liegt. Dann kann es flutschen wie vor drei Jahren, als Mario Mandžukić wie ein chemischer Rohreiniger auf europäischen Spielfeldern aufräumte.

Ich habe keine Ahnung, wie diese Saison ausgehen wird. Zwischen Nix (also Platz 3 auf den letzten Drücker), Etablierung junger Hasen wie Kimmich, einem Titel, der Torjägerkrone für Lewandowski, drei Titeln und der geordneten Übergabe einer intakten Mannschaft für Jürgen Klopp, Lucien Favre oder Markus Weinzierl ist alles drin.
Wird es ganz schlimm verstecke ich mich wie der junge Mann auf dem Klo und halte die Rolle ganz fest.

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Bei Breitnigge und Miasanrot wird auch nach vorne geschaut.

Die Tür nach Katar bleibt offen

Der FC Bayern hat heute eine Stellungnahme zur Kritik der letzten Tage abgegeben. Die Berichte und Kommentare konzentrierten sich, auch im internationalen Presseecho, vor allem auf das Engagement in Saudi-Arabien.
Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge räumte in Bezug auf die mit der Peitsche malträtierten Menschenrechte ein, „dass es besser gewesen wäre, das im Rahmen unseres Spieles in Saudi-Arabien deutlich anzusprechen“.

Das ist für FCB-Verhältnisse schon verdammt viel. Fühlte sich der Verein absolut sicher, hätte die „Abteilung Attacke“ diese Pressemitteilung mit knackigen Vorwürfen an die Kritiker garniert formuliert. Doch damit hielt sich Rummenigge zurück. Daraus kann man ableiten, dass der FC Bayern in nächster Zeit nicht mehr in Saudi-Arabien spielen wird. Und man verschafft sich vor der am Montag beginnenden Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden – Juden im deutschen Fußball und beim FC Bayern“ in der Erlebniswelt ein wenig Luft.

Aber es ist immer noch zu wenig. Rummenigges Reaktion beschränkt sich auf das, wie man annehmen kann, lukrative Freundschaftsspiel in Riad. Auf die von einigen Fans, Mitgliedern und einigen Zeitung geäußerte Kritik am Trainingslager in Katar wird mit keinem Wort eingegangen. Die vor Weihnachten vom Vorstandsvorsitzenden geäußerten Sätze, die „ideale Bedingungen“, „Aberglaube“ und Distanz von Politik beinhalten, bleiben also stehen.

Zu kritisieren sind jedoch auch Statements von „Spitzenpolitikern“ wie Dagmar Freitag, Sportausschussvorsitzende im Bundestag, deren Kritik angesichts von exzellenten Geschäftsbeziehungen mit Regimes wie in Saudi Arabien wenig überzeugend klingen.
Der Verweis auf die anstehende Reise hochrangiger Politiker dorthin klingt in der Pressemitteilung des Vereins ein wenig nach Rechtfertigung und hilflos, ist aber nicht vollkommen verkehrt.

Dennoch hält sich der FC Bayern mit seinem Statement die Türen nach Katar während der nächsten Winterpause 2016 und Guangzhou in China im kommenden Sommer offen. Die vom Verein gerne gepriesene Weltoffenheit steht weiterhin auf tönernen Füßen.

Nachtrag, 23.01.2015
Kann man bei der Presseerklärung noch so etwas wie Einsicht herauslesen, zumindest was den Auftritt in Saudi-Arabien betrifft, hat der FC Bayern sie heute mit seiner regelmäßigen Kolumne „Rot und Spiele“ ad absurdum geführt.
Man kann das scheinheilige Gebaren des FIFA-Exekutivkomiteemitglieds Dr. Theo Zwanziger kritisieren. Mit einer derart beleidigten und stilistisch grauenhaften Glosse auf die Einlassungen eines Ungeliebten zu antworten, ist nicht nur zeitlich unpassend, sondern vermittelt auch den Eindruck, die nicht nur von Zwanziger geäußerte Kritik nicht verstanden zu haben. Wer auch immer sich hinter „Säbener Sigi“ verbergen mag, sollte Professionalität über Befindlichkeiten stellen und „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ nicht als Leitsatz, der ausschließlich für Andere gilt, betrachten!

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie ein sportlich und wirtschaftlich so erfolgreicher Verein in der Öffentlichkeitsarbeit derart dilettantisch agieren kann wie der FC Bayern in diesen Tagen.

Verwöhnvorrunde und absurder Aberglaube

Wer den letzten der nun folgenden acht Absätze auslässt, darf sich auf eine freudentrunkene Zusammenfassung der Vorrunde freuen. Der letzte Absatz ist die störende Darbietung in Form der Blockflöte, ohne die es kein Weihnachtsfest gibt.

Nach dieser Vorrunde habe ich als ahnungsloser Fan keinen Anlass zu meckern. Elf Punkte Vorsprung auf den Zweiten, nur eine Niederlage (im bedeutungslosen Spiel bei Manchester City) habe ich nicht erwartet.
Eine sehr zähe Vorrunde erwartete ich, weil die Statistik nach erfolgreichen Turnieren gegen virtuoses und effektives Passspiel sprach. Folglich stellte ich mich auf uninspiriertes und unproduktives Ballgeschiebe ein. Die Liste der Verletzten, die ich ohne Recherche nicht vollständig aufführen kann (Fragt den Doc!), ließ meine Skepsis wachsen. Die Liste der Verletzten, die ich ohne Recherche nicht vollständig aufführen kann (Fragt den Doc!), ließ meine Skepsis wachsen.

1. Spieltag, Notelff!!!einself Okay, die einzige, nennenswerte Notlösung gegen Wolfsburg war Gianluca Gaudino, der mit David Alaba die Doppelsechs bildete. Danach wurde Xabi Alonso verpflichtet, der fortan mit 10.000 Ballkontakten Bundesliga und Medien aufmischte. Nach dem spielerisch holprigen Auftakt steigerten sich die Weltmeister und die verhinderten Weltmeister von Spiel zu Spiel und sorgten lediglich nach dem 0:0 in Hamburg für Stirnrunzeln. Da spielte allerdings Arjen Robben nicht mit, worüber man am vergangenen Freitag in Mainz ebenfalls nicht unglücklich gewesen wäre. Dort schloss sich ein Kreis, spielte man zum Jahresabschluss auch mit einer Notelf. Aber eben mit Robben.

À propos Arjen Robben. Galt er vor zweieinhalb Jahren für viele als das Sinnbild für Erfolglosigkeit, für das er sich wenige Tage später während eines Freundschaftsspiels auspfeifen lassen musste, ist er spätestens nach seinem entscheidenen Tor im Champions League-Finale von London 2013 nicht wiederzuerkennen. Gelassenheit, Entschlossenheit und Spielwitz (und der ewig junge Trick) zeichnen ihn seit dem aus. Vielleicht ist er der Einzige, der momentan nicht zu ersetzen ist.
Für mich ist Arjen Robben der Spieler des Jahres (Lamento über Ballon d’Or bitte hier einfügen!) – vor Jérôme Boateng und David Alaba.
Boateng hat sich zu einem der weltbesten Innenverteidiger entwickelt, der wie kein anderer Humorlosigkeit mit Schnelligkeit und Präzision kombiniert. Diese Pässe! Alaba wird immer erwachsener, was man nicht nur daran erkennt, daß ihm Franck Ribéry auf dem Platz keine Anweisungen mehr gibt. Inzwischen tummelt er sich überall rum und entwickelt sich zur Inkarnation des Mittelfeldspielers, von der sein Trainer träumt.
Meinem Spiel der Vorrunde, der einzigen Niederlage, widmete ich schon einen ausführlichen Text.

Die Transfers, einen nannte ich schon, waren sehr gut. Sechs Einkäufe, davon mit Medhi Benatia und dem erwähnten Spanier zwei nachträgliche, von denen nicht einer enttäuschte. Die größte Überraschung ist Juan Bernat, den außer Guardiola und der neue Chef-Einkäufer Michael Reschke nur europäische Allesgucker kannten. Er gewöhnte sich sehr schnell an Mannschaft, Spiel und Niveau, so daß sich David Alaba auch verletzen konnte, ohne daß dies großartig auffiel. Medhi Benatia ist ein rustikaler Innenverteidiger, der noch an seinem Temperament arbeiten muss. Boateng kann ihn da sicher beraten. Sebastian Rode, den ich bei Bekanntgabe seiner Verpflichtung arg belächelte, lehrte mich eines Besseren. Giftig und engagiert spielte er sich in die Stammachtzehn. Darüber darf sich nicht nur Matthias Sammer freuen. Robert Lewandowsi deutete nicht nur an, was er kann, sofern er nicht als Linksaußen eingesetzt wird.

Wenn es einen Verlierer gab, dann wohl Xherdan Shaqiri. Die Eindrücke der guten WM konnte er nicht bestätigen. Chancen bekam genügend, vor allem als Ribéry nach seiner Verletzung Form und Leichtigkeit suchte. Zu eigensinnig und defensiv ignorant zeigte er sich und musste am Ende der Vorrunde damit leben, daß ihm der A-Jugendliche Gaudino vorgezogen wurde. Beim letzten Spiel war er verletzt. Öffentliches Lamentieren über seine Rolle trug wenig zum Verständnis bei. Ihn zu verkaufen, erscheint als beste Lösung. Schade, denn er ist ein Spielertyp, den ich gerne sehe.
Für Pierre-Emile Højbjerg führt der dauerhafte Weg unter die ersten 18 nur über regelmäßige Spielpraxis, die ihm Pep Gaurdiola noch nicht garantieren kann. Ein anderthalbjähriges Intermezzo bei einer Bundesligamannschaft, die Fußball nicht nur als Vermeiden von Niederlagen (Mainz? Hoffenheim?) begreift, ist sinnvoll für ihn.

Die Skepsis wich schnell der Freude über eine Verwöhnvorrunde, die alles andere als langweilig war. Alleine das Aufstellungsraten vor jedem Spiel versprach schon Spannung. Spieltag für Spieltag dabei zuzusehen, wie sich die meisten Spieler unter Guardiola weiterentwickeln, ist faszinierend. Ein Rädchen greift ins andere und nichts schaut nach Zufall aus. Kleine Irrtümer werden noch vor der Halbzeit korrigiert. Für die Bundesliga ist das ärgerlich, für den Fan ein Quell spieltäglicher Freude.
Und Statistik ist relativ.

Nach der wohlverdienten Pause bereitet sich die Mannschaft auf die Rückrunde vor, die etwas mehr Aufschlüsse über die tatsächliche Stärke geben wird.
Wie stabil und flexibel die Mannschaft wirklich ist, werden wir voraussichtlich erst im Viertelfinale der Champions League erfahren, so der FC Bayern sich im Achtelfinale gegen die durch die Unruhen in der Ost-Ukraine gebeutelte Mannschaft von Schachtar Donezk durchsetzt, wovon ich ausgehe.
FC Chelsea, Real Madrid und das wieder unter dem Radar laufende Atlético Madrid sind neben dem FC Bayern die Favoriten auf den europäischen Titel. Der FC Barcelona scheint noch nicht zur Stärke vergangener Jahre zurückgefunden haben, aber im Falle eines Aufeinandertreffens möchte ich die Faktoren Wut und Rache nicht unterschätzen. Das 0:7 dürften die Katalanen noch nicht vergessen haben.
Womöglich durch diese Vorrunde volltrunken bin ich jedoch optimistisch, daß der FC Bayern mindestens eine der genannten Mannschaft besiegt. In zwei oder nur in einem Spiel.

Der einzige dicke Wermutstropfen der Vorrunde ist der Ort des Trainingslagers: Katar. Ich kritisierte die erneute Wahl bereits mit deutlichen Worten. Denen wäre nichts hinzuzufügen, hätte Karl-Heinz Rummenigge am vergangenen Samstag im Aktuellen Sportstudio (Mediathek, ab Minute 6:37) sich nicht entblödet, der ignoranten Argumentation noch eins draufzusetzen:

Wir sind ein bißchen auch abergläubisch. Wir haben nach diesen ganzen Trainingslagern jeweils große, wichtige Titel gewonnen, insgesamt in den letzten zwei Jahren nämlich acht. Und das ist für uns auch ein wichtiger Faktor.

Aberglaube schlägt Menschenrechte – absurd! Die Aussage ist schlimmer als das unverzollte Einführen von Uhren. Letzteres wird bestraft…
Vielleicht bin ich einfach zu sehr nur Gutmensch und Fan, um das wirklich zu kapieren.