Renitenz und Revierpflege

941. Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden

Kommissarin Brandt lässt sich berauschen. (Bild: Christine Schroeder/NDR)

Kommissarin Brandt lässt sich berauschen. (Bild: Christine Schroeder/NDR)

Borowski ist kein Philanthrop, also versucht er erst gar nicht, sich den renitenten Jugendlichen, die im Verdacht stehen, den wegen Pädophilie eingesessenen Onno erschlagen zu haben, im Kieler Glasscherbenviertel Gaarden anzubiedern. Insofern hebt sich diese x-te Milieustudie über vernachlässigte Jugendliche ein wenig von den anderen ab. Für Abwechslung sorgt der Stadtteilsheriff Rauschi, der sich durch seine Hood schläft („Revierpflege“) und seine einstige Schulfreundin Brandt herausfordert.
In der ersten Hälfte erinnert der Plot fatal an sozialpädagogische Kölner und Ludwigshafener Folgen, steigert sich aber, um am Ende richtig Dynamik zu bekommen. Aber Kiel kann mehr. (6,5/10)

Meinungen: Les Flâneurs, Der Wahlberliner, Tatort-Fans, Tatort-Forum

Schwer

349. Polizeiruf 110: Sturm im Kopf (König & Bukow/NDR)

Leicht sieht anders aus (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Leicht sieht anders aus (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Leicht fällt im Rostocker Polizeiruf nichts. Jede Ermittlung ist Arbeit. Physisch, wenn Sascha Bukow seinen massiven Körper durch Stadt und Hafen wuchtet, psychisch, wenn seine Kollegin Katrin König an ihre Grenzen gerät, weil sie von ihrer unschönen Ermittlerinnenvergangenheit eingeholt wird.
Wie die Vergangenheit immer eine Rolle spielt, weil Redaktion und Autoren Wert auf serielles Erzählen legen. So erfährt man, wie die Liaison zwischen Bukows Frau und seinem Kollegen weitergeht. (Gar nicht, und der Kommissar darf auch nur noch die Betreuungszeiten der gemeinsamen Kinder verhandeln.)

Dass die Geschichte um den Mord in der Energiebranche arg verschachtelt ist, stört nicht weiter, weil die Figuren, die dort involviert sind, nicht nur skizziert werden. Sei es der hochtrabende Manager, der seine Präsentation auf der Firmentoilette vorbereitet, berechnende Sekretärin, die mit einem Ermittler ins Bett steigt, um ihn hinterher bei seiner Verdächtigung als unglaubwürdig darzustellen, oder die undurchsichtige Staatssekretärin, der der Wind um die Ermittlungen beim Windenergieanbieter nicht recht ist. So hat es das sich immer noch skeptisch begegnende Ermittlerpaar, das frei von moralischer Überlegenheit ist, schwer, sich in diesem Geflecht zurecht zu finden. König und Bukow wissen nur: Es ist der beschwerliche, nicht der offensichtliche Weg, der zur Lösung des Falls führt. Und die Stadt strahlt auch keine Leichtigkeit aus.

Es ist die schwere Kost, die man abends nicht essen soll, die aber so gut schmeckt und den Tag abrundet. (8,5/10)

Kopflos

933. Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel (Borowski & Brandt/NDR)

Borowski versucht sich Rita und ihrem Umfeld anzunähern. (Bild: NDR/Christine Schröder)

Borowski versucht sich Rita und ihrem Umfeld anzunähern. (Bild: NDR/Christine Schröder)

Der Versuchung, einen langen Text zu schreiben, ist groß. Da ich kein professioneller Filmkritiker und Feuilletonist bin, fasse ich mich kurz.

„Borowski und der Himmel über Kiel“ ist ein hervorragender Film!
Christian Schwochow, der zum ersten Mal einen Tatort drehen durfte, lässt mit Kameramann Frank Lamm Bilder sprechen. Eindrucksvolle Bilder, die deutlich machen, was Drogen mit Menschen anrichten können. Ästhetisch wie beklemmend wird gezeigt, wie die junge Rita, deren Freund getötet und enthauptet wurde, wegen des Konsums von Crystal Meth außer Rand und Band gerät und vollkommen kopflos wird. Die toll aufspielende Elisa Schott saugt die ihr geschaffene Atmosphäre auf wie einen Schwamm und verleiht ihrer Rita damit die notwendige die Glaubwürdigkeit und Tiefe. Das Stilmittel Rückblende – häufig die Bankrotterklärung eines dünnen Drehbuchs – wird zur anschaulichen Kunstform erhoben, was aus diesem Tatort keinen klassischen Kriminalfall, sondern eine bedrückende Studie macht.
Rolf Basedow verzichtet darauf, den Figuren moralinsaure und betroffene Dialoge in den Mund zu legen. Die Sorge des Vaters Borowski, dessen Tochter Carla in Ritas Alter ist, wird durch einen Anruf bei ihr thematisiert. Mehr muss man nicht zeigen!
Die Ermittlungsarbeit gerät durch die ausführliche Darstellung der Trips ein wenig in den Hintergrund. Das stört nicht, weil Geschichte und Bilder schlüssig sind.

Nach „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gibt es wieder einen Spielfilm über Drogenabhängigkeit und ihre Folgen, den man Jugendlichen guten Gewissens zeigen kann. Und sollte. (9/10)

Hintergrund & Meinungen: Pressemappe; Les Flâneurs, Der Wahlberliner, Wie war der Tatort?, Tatort-Forum

Tatort-Polizeiruf-Schnelldurchlauf November 2014

Es fällt mir schon länger schwer, jeder Folge einzeln die Aufmerksamkeit zu schenken, daß es für eine wöchentliche Besprechung reicht. Viele Filme haben die Aufmerksamkeit nicht mehr verdient haben. Manchmal weiß ich schon am nächsten Tag nicht mehr, worum es ging, oder ich laufe Gefahr, mich ständig zu wiederholen.
Deshalb wird es in Zukunft nur noch vereinzelte Besprechungen geben. In der Regel dann, wenn sie wirklich sehenswert ist. Also eher selten.

346. Polzeiruf 110: Familiensache (NDR/König & Bukow)
Grandiose Folge, die einen eigenen Beitrag bekam.

347. Polizeiruf 110: Eine mörderische Idee (MDR/Brasch & Drexler)
Irgendeine Supermarkterpresung, ein am Hafen ermordeter Wachmann und ein koreanischer Computerexperte bildeten das Gerüst eines seltsamen Gemischs aus Magdeburg. Claudia Michelsen und Sylvester Groth sind passable Schauspieler, aber das Fertige, das den Figuren Brasch und Drexler anhaftet, hat so gar nichts Authentisches. Einzig Groths „Machdeburch“ wirkt überzeugend, wobei ich mit dem dort gesprochenen Dialekt nicht vertraut bin. Schlecht abgehangene Stangenware.
Ich glaube, der MDR kann wirklich nur Helene Fischer. (2,5/10)

922. Tatort: Vielleicht (RBB/Stark)
Der Abschied von Stark (Boris Aljinovic) hätte ein richtiger Kracher werden können. Die seherischen Fähigkeiten der norwegischen Psychologiestudentin Trude Bruun Thorvaldsen (Olsen Lise Risom) passten sehr gut zum ruhigen, mit verständnisvollen Timbre sprechenden Kommissar, der ihre Ängste ernst nahm. Es fehlte aber der bärbeißige Großstadt-Cowboy Ritter (Dominic Raake hatte keine Lust auf einen letzten Fall), der gegen den Esoterikkram rumstänkert. So zerfloss der an sich gute Plot in ständigem Konsens des Teams um den kleinen Cop. Dialoge aus der Hölle entwerteten den Film, der von Klaus Krämer geschrieben und umgesetzt wurde, über Gebühr. Der Zuschauer wurde ständig mit ausgesprochenem „Vielleicht“ darauf hingewiesen, daß das der letzte Fall ist. Konsequent war der Schluss, der offen hält, ob Stark den vorhergesagten Mordanschlag überlebt.
Die Besetzung des neuen Teams mit Meret Becker und Mark Waschke klingt hoffnungsvoll. (6/10)

923. Tatort: Eine Frage des Gewissens (SWR/Lannert & Bootz)
Je mehr Folgen mit Richy Müller und Felix Klare ich sehe, desto weniger kann ich die beiden auseinander halten. Dabei sehen sie sich gar nicht ähnlich. Aber sie plätschern so dahin. Der Beginn mit dem von Bootz erschossenen Räuber im Supermarkt war nicht schlecht. Vom Anwalt des Toten ordentlich in die Ecke gedrängt, wurde der Finale Rettungsschuss schön hinterfragt. Nach dem Mord an der einzigen Zeugin wurd’s arg behäbig und endete in der Kehrwoche. (4/10)

924. Tatort: Die Feigheit des Löwen (NDR/Falke & Lorenz)
Ein Giftmord mit der von Falke (Wotan Wilke Möhring) so geliebten Billsttedter Milch (mit Korn) etwas schmissiger gewesen als die Schleusergeschichte von Friedrich Ani. Das Versteckspiel um traumatisierte syrische Flüchtlinge und arrivierte Deutsch-Syrer kam leider nur schleppend in Gang. Action gab es nur, als der Milchtrinker und seine Kollegin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in der Kiste landeten und die Wiener (!) Gerichtsmedizinerin den Mord nachspielte. Da ist Ani, der gerne schräge Figuren einbaut, der Fiakergaul durchgegangen. (5/10)

Bonustracks
Der SWR wiederholte in den letzten Wochen zwei alte Tatort-Folgen aus den 70er Jahren.

17. Tatort: Kennwort Fähre (SDR/Lutz)
Die Gattin des Bootbauers Reiser ist auf dem Bodensee für immer von Bord gegangen. Kommissar Eugen Lutz (Werner Schumacher) glaubte an Mord und stieg dem verdächtigten Witwer ziemlich nach und verfolgte in durch den halben Südwesten bis nach Zürich. Neben der Wendung am Schluss beeindruckten die Außendrehs, die von Frankfurt über Stuttgart, verschiedenen Orten am Bodensee bis nach Zürich reichten. (8/10)

28. Tatort: Stuttgarter Blüten (SDR/Lutz)
Lutz bekam es in seinem ersten Fall in Stuttgart mit einem Mord im Falschgeldmilieu zu tun. Wolfgang Menge spann ein feines Netz mit vielen Fallstricken für Zuschauer und Ermittler, das Theo Mezger behutsam inszenierte. Höhepunkt war Volksschauspieler Willy Reichert in seiner letzten Rolle als listiger Rentner Eckstein, der den Kommissar nicht nur einmal an dr Nase herumführt.
Es gibt Lokalkolorit satt mit vielen heute alten Ansichten Stuttgarts. (7/10)

Laut!

346. Polizeiruf 110: Familiensache (NDR/König & Bukow)

Wird im deutschen Fernsehkrimi ein Familiendrama aufgeklärt, ist Vorsicht geboten. Die Gefahr, alle Protagonisten in Tränen und Phrasen versinken zu lassen, ist sehr groß.
Eoin Moore, so etwas wie der Hauptautor und -regisseur des NDR-Polizeirufs, vermied das erfolgreich. Der neueste Fall der Rostocker Ermittler um Katrin König und Sascha Bukow wurde jedoch nicht weniger beklemmend, ja sogar beängstigend als viele andere Rührstücke. So war es ein gelungener Kniff, Betroffenen und Ermittlern gar nicht erst viel Zeit zum Nachdenken zu geben. Es musste schnell gehandelt und verfolgt werden, um einen Wahnsinnigen zu fassen.

Brillant: Andreas Schmidt als wahnsinniger Arn e Kreuz (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Brillant: Andreas Schmidt als wahnsinniger Arne Kreuz (Bild: NDR/Christine Schroeder)

Verlassen von Frau und Kindern musste Arne Kreuz einsehen, daß seine Rettungsversuche – ihr Traumhaus! – zu spät kamen, um wieder ein harmonisches Familienleben zu führen. Andreas Schmidt spielte den Getriebenen, der nun seine ganze Framilie auslöschen wollte, brillant. Gerne für Loser gebucht, gab er dem gescheiterten Ehemann und Vater ein psychopathisches und beängstigendes Gesicht, das erschreckend realistisch wirkte. Hingebung (beim Schmücken der von ihm erwürgten Frau und Tochter) und brachiale Gewalt (beim Besuch bei seinen Schwiegereltern) wechselten sich ab. Dazwischen der abwesende Blick eines Menschen, der nicht Herr seiner Sinne ist und seine noch lebenden Kinder um sich scharen will. Ein Psychogramm allererster Güte!
Fein eingeknüpft war die Familienangelegenheit Bukows, der mitten bei einer Tatortbesichtigung erfuhr, daß seine Frau mit seinem Kollegen Thiesler fremdgeht. Viel Gelegenheit, sich damit zu beschäftigen, blieb dem knorrigen Bullen, der von Diplomatie so weit entfernt ist wie Rostock von den Alpen, nicht. Zwischen zwei Verolgungsjagden machte er Kollegen und Frau klar, wie er dazu stehe („Jeder parkt mal in ner falschen Garage.“), und daß er diesen Zustand nicht dulde.
Der Wettlauf mit der Zeit mündete in ein angemessenes Finale, daß der fremdgehende Kollege nicht schadlos überstand.

Authentische Charaktere, ein knackige Geschichte und passende Dialoge bescherten einen hervorragenden Kriminalfilm, in dem viel gebrüllt wurde, der nichts beschönigte und von bestechender Klarheit war. (9/10)

Mit List, Slapstick und Tasche

892. Tatort: Borowski und der Engel (Borowski & Brandt/NDR)

Borowski und die exaltierte Altenpflegerin (Bild: NDR/Christine Schröder)

Borowski und die exaltierte Altenpflegerin (Bild: NDR/Christine Schröder)

Mit dem Darstellen exaltierter Persönlichkeiten, die sich am Rande einer psychopathologischen Diagnose bewegen, ist es immer so eine Sache. Das Spiel muss nuanciert sein, damit die gezeigte Figur nicht ins Klischee oder gar Lächerliche abgleitet. Ihr Handeln sollte in einen schlüssigen Kontext eingebaut sein, damit man es vor dem Bildschirm nachvollziehen kann, wenn die Biographie wenig Aufschluss gibt.
Sascha Arango gelang das mit der Skizzierung der nach Höherem strebenden Altenpflegerin Sabrina Dobisch hervorragend. Erfreulicherweise scheute er sich nicht, seinen Borowski ins Leere laufen zu lassen, bevor er ihn mit einem Taschenspielertrick auf die richtige Fährte lockte. Der Kommissar wusste nach dem vermeintlichen Unfalltod des aus vermögendem Haus stammenden Pianisten nicht so recht, wonach er suchen sollte. Zu glaubhaft waren die Ausführungen der sich als Retterin aufspielenden Dobisch. Seine Kollegin Brandt, die in manchen Folgen überflüssig wirkt, durfte die Advocata diaboli spielen, woraufhin sich ein schönes Zusammenspiel zwischen ihm, ihr und der von Lavinia Wilson virtuos verkörperten Sabrina Dobisch ergab. Sie durfte zwischen fürsorglicher Altenpflegerin, eiskalten Killerin und liebreizender Möchtegernhinterbliebenen alle Register ziehen. Ihr Minenspiel veränderte sich mit einem Augenschlag, daß es eine Freude war. Da störte nicht, daß es an manchen Stellen absurd wurde. Die Slapstickeinlage des Kriminalrats Schladitz, der sich versehentlich ins Bein schoss, fügte sich nahtlos in das von Arango arrangierte Szenario, das Andreas Kleinert sehr schön umsetzte.
Der Schluss, eigentlich eine Unverschämtheit, war die logische Konsequenz eines unlogischen aber herrlichen Kriminalfalls. (9/10)

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Weitere Meinungen: Wie war der Tatort

Tatortschnelldurchlauf

Ich habe das Besprechen von Tatorten in den letzten Monaten arg schleifen lassen. Es haben sich viele Folgen angetürmt, von denen ich einige nicht mal gesehen habe. Die letzten Sechs gibt’s nun im Schnelldurchlauf, beginnend mit dem zuletzt gezeigten.

888. Tatort: „Happy Birthday, Sarah!“ (Lannert & Bootz/SWR)
Das hätte ein solider Tatort werden können. Der Plot um einen ermordeten Sozialarbeiter in einem sozialen Brennpunkt war schlüssig und nicht so ambitioniert verschwurbelt, wie er einem gerne mal am Sonntag Abend serviert wird. Auch die Hauptfigur Sarah (gespielt von Ruby O. Fee) wirkte glaubwürdig.
Aber in welcher Welt leben Redakteure, wenn sie den Film, der eine 13-Jährige in den Mittelpunkt stellt, mit Rolling Stones, The Prodigy, Creedence Cleerwater Revival und Aerosmith untermalen? Leider waren auch die Dialoge wieder fern jeglicher authentischen Jugendsprache, was das Vergnügen minimierte. Das anstrengende Privatleben des Kommissars Bootz darf in der nächsten Folge gerne reduziert und weniger klischeehaft (bei Papa dürfen die Wände bemalt werden) dargestellt werden. (4,5/10)

887. Tatort: „Mord auf Langeoog“ (Falke & Lorenz/NDR)
Den Milchtrinker Falke in seinem zweiten Fall auf die Insel zu schicken, war keine so gute Idee. Der Charakter hätte noch den einen Mord in vertrauter Umgebung gebraucht, um konturenreicher zu sein. Auch keine gute Idee war es, Nina Kunzendorf wieder als Ermittlerin einzusetzen. Trotz Brille und hervorragendem Schauspiel sind die Erinnerungen an Conny Mey noch zu frisch. Und die Geschichte zog sich arg. Das war zu viel Ebbe.
So blieben nur sehr schöne Bilder einer schönen Insel und ein herrlich zurückhaltend aufspielender Sebastian Schipper übrig. (4,5/10)

886. Tatort: „Eine andere Welt“ (Faber & Böhnisch/WDR)
Diesmal war es ein Waschbecken auf dem Präsidiumsabort, das der am Rande des Wahnsinns agierende Faber zertrümmerte. Seine Kollegin Böhnisch wäre ihm auch fast zum Opfer gefallen, als die Grenzen zwischen Nachstellen des Mords und Streit arg verwischten. Das war großes Fernsehen von Jörg Hartmann und Anna Schudt! Die Nachwuchsermittler Dalay und Kossik nervten weniger als in den ersten beiden Folgen und hatten sogar komische Momente.
Trotz der umfangreichen Vergangenheit des Kommissars wurde die Geschichte um eine junge Frau, die zwischen Plattenbau und High Society lebte und diesem Widerspruch zum Opfer fiel, schön und ausführlich dargestellt. Dazu gab es knackige Dialoge. Einzig die hektische Kamera, die inzwischen Standard geworden scheint, störte ein wenig. (8/10)

885. Tatort: „Kalter Engel“ (Funck, Schaffert & Grewel/MDR)
Wenn die Öffentlich-Rechtlichen Jugend versprechen, ist Vorsicht geboten. Wenn der MDR, dem wir unvergessene Fernsehabende mit Helene Fischer und Achim Menzel verdanken, ein junges Team ermitteln lässt, ist Gefahr im Verzug. Fahren Redakteure und Autoren eigentlich nie Bus oder Bahn, daß sie nicht mitbekommen, wie junge Menschen wirklich sprechen?
Am meisten entsetzt mich immer noch, daß dieser Schund – irgendwas mit Drogen – von Thomas Bohn, dem wir u.a. die brillante Folge Tod aus dem All verdanken, geschrieben und inszeniert wird. Zu allem Überfluss wird Alina Levshin auch noch als altkluge Praktikantin zwischen halbstarken Kommissaren vergeudet.
Ich fürchte den Tag, an dem der von ARD und ZDF geplante Jugendkanal auf Sendung geht. Dann lieber Til Schweiger oder Alarm für Cobra 11. (1/10)

884. Tatort: „Aus der Tiefe der Zeit“ (Batic & Leitmayr/BR)
Dominik Grafs neuester Film glänzte mit gewohnter Dichte, griff Münchner Themen (Gentrifizierung!) auf und zeigte die Stadt, wie Stadt heute viel zuwenig gezeigt wird in der inzwischen unübersichtlich gewordenen Anzahl an Ermittlerteams und ihren Orten.
Dennoch überdrehte der Meister des Polizeifilms. Es mag in einem Zirkus verrückter zugehen als anderswo, aber das Drumherum mit Korruption in der Verwaltung strengte mehr an, als daß es wirklich begeistern konnte. Dem hervorragenden Ensemble (u.a. Erni Mangold und Meret Becker) gelang es jedoch, ihre Figuren nicht zu lächerlichen Marionetten verkommen zu lassen. Batic und Leitmayr zeigten, daß sie keinen nervenden Kurzzeitassistenten brauchen, weil sie sich selber noch etwas zu erzählen hatten und ermitteln mussten.
Für einen Graf war es dennoch zu wenig, für einen gerade noch guten Tatort reichte es allemal. (7/10)

883. Tatort: „Die chinesische Prinzessin“ (Thiel & Boerne/WDR)
Prof. Boerne geriet wieder mal in Kalamitäten, weil er wohl der letzte war, der die erstochene Prinzessin, Künstlerin und Dissidentin Sogma nach ihrer Vernissage lebend sah. Thiel musste ihn aus dem Sumpf, in dem natürlich auch um Politik und Verschwörung badeten, ziehen.
Boerne war’s natürlich nicht, und die diplomatischen Beziehungen wurden nur kurzzeitig beeinträchtigt. Das Zwerchfell wurde wenig beansprucht. (4,5/10)

Rock ’n Roll in Rostock

337. Polizeiruf 110: Zwischen den Welten (König & Bukow/NDR)

Vielleicht lag es an der Hitze, daß der Mord an einer verheirateten Jurastudentin nicht recht überzeugte. Für den NDR-Polizeiruf üblich, wurde zwar an Moral und Pathos („Euer Chef hat sich ’ne Leiche angelacht!“) gespart, was Geschichten, in denen käufliche Liebe zum Thema gemacht wird, sehr guttut. Dennoch blieben die Darsteller, vor allem Alice Dwyer als befreundete Kommilitonin, ein wenig blass. Motive gab es einige, wurden aber nicht recht ausgearbeitet. Der Plot war am stärksten, wenn die verstummte Tochter der Toten ratlos und ängstlich in die Kamera blickte. Die Überführung des Täters geriet so fast zur Nebensache.

Vor dem Karaoke müssen sich die Kommissare Mut antrinken (Bild: filmpool)

Vor dem Karaoke müssen sich die Kommissare Mut antrinken (Bild: filmpool)

Doch wen stört das, wenn das derzeit schärfste Ermittlerpaar des Sonntagabendkrimis auf Verbrecherjagd geht?

Als in der ersten Szene Charly Hübner als Sascha Bukow uneitel seine Plauze vor der Linse präsentierte, konnte der Film nur gut werden. Mehr Plädoyer für den selbstverständlichen mit Übergewicht geht nicht! Die Ausstattung bewies auch bei seiner Partnerin Anneke Kim Sarnau als Katrin König wieder ein gutes Gespür für die Garderobe. Die Röcke sind etwas zu kurz und die Oberteile jenseits des guten Geschmacks – aber hey, das ist Rostock! Das Klima ist rauh, selbst wenn die Sonne im Sommer runterbrennt. Da klebt das Haar schnell, die Kleidung sitzt schlecht, und es riecht nach Schweiß. Und niemand außer den beiden Cops darf in einer schmierigen Bar derangiert „Come as You Are“ auf der Karaokebühne zum Besten geben!
Die stimmigen Schlussbilder wecken die Vorfreude auf noch nicht erzählte Geschichten und neue Seiten des ungleichen Paares.

Das ist Rock ’n Roll im Hochglanzfernsehen! (7/10)