Sachbeschädigung mit Rumfummeln

In einem Anfall von guter Laune habe ich vorgestern bei meinem Spaziergang seit dem Saharastaub vor acht Tagen nicht bewegte Autos mit ÖPNV-Botschaften auf der Front- bzw. Heckscheibe versehen. Natürlich nur mit der Fingerkuppe, die Nägel waren entsprechend kurz, so dass eigentlich nichts passieren konnte. Ich war auch darauf bedacht, positive und keine aggressiven Botschaften zu hinterlassen. Selbstverständlich achtete ich auch darauf, die Autos nicht zu beschädigen. Die Fingernägel waren gekürzt, so dass ich nur mit der rechten Zeigefingerkuppe die Autos berührte.
Ich dachte mir nichts Böses dabei, weil im Stadtgebiet viele derart verzierte Autos herumstehen.

Abends wurde ich eines Schlechteren gelehrt.
Auf dem Zebrastreifen parkte ein BMW neuerer Bauart. Ich dachte mir, dass das nicht die feine Art sei. Die Dame und der Herr sprachen mich an: „Guten Abend, Personenkontrolle!“ Zivilpolizist*innen. Neben den üblichen Formalitäten – Leibesvisitation (auch unter den Rock: „Unterm Sack habe nichts.“) und Tascheninhalt – kamen sie gleich zur Sache. Ob ich das auf die Frontscheibe geschrieben habe. Ja, natürlich. Erstens haben sie es gesehen und eine Straftat erkannte ich darin auch nicht.
Ich habe nicht an fremden Autos herumzufummeln, das sei Sachbeschädigung! Man reiße schließlich auch keine Außenspiegel von Autos herunter. Dass ich zwischen diesen beiden Tatbeständen einen gewaltigen Unterschied sehe, interessierte ihn nicht. Sachbeschädigung! Und der Saharastaub sei doch für die Autos so gefährlich! Außerdem sei das Auto doch ordnungsgemäß geparkt. Dem widersprach ich nicht und versuchte ihm meine Intention – 30 Euro im Jahr für einen Parkplatz finde ich im Vergleich zu 52,90 Euro für eine Monatskarte einfach viel zu wenig – zu erklären. Die interessierte ihn auch nicht, und die KFZ-Steuer sei auch verdammt hoch.
Der Dialog setzte sich so unfreundlich fort, wie er begonnen hatte. Seine Kollegin hatte nicht viel zu melden, was nicht an mir lag, sondern an ihm. Ob „Pussy“ auf dem Auto auch von mir sei. Nein. (Als ob ich misogynes Zeug auf Autos schmieren würde!)

Nach etwa 15 Minuten sehr unerfreulichen Minute gab er mir zu verstehen, mich im Wiederholungsfall für eine Nacht in Gewahrsam nehmen zu lassen. Wow! Das Polizeiaufgabengesetz gibt das tatsächlich her.

Zum Schluss wollte er noch wissen, ob die am Abfalleimer abgestellten Papiertüten mit reichlich Pfandflaschen von mir seien. Keine Ahnung, welche Relevanz das für ihn hatte, aber: nein.

An diesem Abend habe ich wieder einmal gelernt, welch schützenswertes Gut das Auto in der Gesellschaft und auch bei der Polizei ist. Das sehen Journalisten bei der Süddeutschen Zeitung übrigens auch so. Diese Begegnung mag speziell und von anekdotischer Evidenz sein, aber es gibt zu viele Erlebnisse Anderer, die dasselbe Bild zeichnen. Die Gefahr, wegen Verletzung der Datenschutzgrundverordnung angeklagt zu werden, weil man Photos von falsch parkenden Autos mit sichtbaren KFZ-Kennzeichen an die Polizei schickt, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sogar das Leben schwächerer Verkehrsteilnehmer*innen gefährdende Falschparken konsequent geahndet wird. Es ist auch bei der Polizei ein strukturelles Problem.
Dass ich zehn Tage zuvor beim Aussteigen aus der Trambahn an der Haltestelle Kammerspiele in der Maximilianstraße von einem verbotswidrig durchrauschenden Auto fast überfahren worden wäre, passt dazu.

Amateurederby zwischen Event und Bürgerkrieg

Die gut beschirmte Choreographie  (Bild: Johanna Röhr)

Die gut beschirmte Choreographie (Bild: Johanna Röhr)

Beginnen wir mit dem Wesentlichen: DERBYSIEGER!

Es war kein sonderlich gutes Fußballspiel. Beide Mannschaften taten sich schwer, ins Spiel zu kommen. Letzte und vorletzte Pässe erreichten häufig keine Mitspieler, so dass wenig Chancen herausgespielt wurden oder dem Zufall entsprachen. Die Angst vor einer Niederlage im Derby vor großer Kulisse war den jungen Spielern anzumerken. Von der Ferne der Gegengerade zweifelhaft anmutende Entscheidungen des Bundesliga-erfahrenen Pullacher Schiedsrichters Günther Perl rundeten das Bild ab. Es deutete sich ein leistungsgerechtes 0:0 an, bis Lukas Görtler in der 75. Minute einem Zuspiel von Gerrit Wegkamp ein Traumtor, das ihn zum Helden erhob, gelang.
Die Junglöwen erholten sich davon nicht mehr und mussten die zweite Derby-Niederlage der Saison hinnehmen. Die Bayern Amateure verkürzten den Rückstand auf den Tabellenführer Würzburger Kickers auf acht Punkte.
Die Spieler des FC Bayern ließen sich anschließend lange von ihren Fans feiern; der Torschütze bewies ohne Mikrofon, dass er gut bei Stimme ist.
Einen ausführlichen Spielbericht gibt es bei Miasanrot.

Choreo von oben

Choreo von oben

Damit wäre zu dem Spiel eigentlich alles gesagt.
Es passierte in den letzten Tagen und Wochen jedoch zu viel, um die Nebengeräusche auszublenden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Polizei, Stadtrat und viele Medien sich redlich Mühe gaben, dem Spiel noch mehr Raum zu geben, als es das innerhalb der Fans beider Mannschaften ohnehin schon hat. Natürlich zieht das kleine Derby viele an, die sonst nicht auf die Idee kämen, sich ein Spiel der zweiten Mannschaften anzuschauen. (Ich bin auch viel zu selten in der Hermann-Gerland-Kampfbahn.) Die Profis trugen die letzte Stadtmeisterschaft 2008 im Viertelfinale des DFB-Pokals aus, und das alte Stadion tragen dazu bei. Und natürlich gib es immer ein paar Idioten, die meinen, sich auf Kosten anderer inszenieren zu müssen. So werde ich nie verstehen, was an Pyrotechnik, wenn sie zum Anpfiff gezündet und dann noch aufs Spielfeld geworfen wird, so toll sein sein soll. Ich gehe ins Stadion, um etwas vom Spiel zu sehen und meine Mannschaft verbal anzufeuern. Es wundert mich, wie es den Schwachmaten immer wieder gelingt, ins Stadion zu schmuggeln; weder Einlasskontrolleure noch 1200 Polizeibeamte konnten sie verhindern.
Das täuscht aber darüber hinweg, dass auch dieses Derby friedlich ablief. 12 vorübergehende Festnahmen (Pressemeldung/Twitter) sprechen für ein normales Derby.
B*LD und die Bayern2-Regionalzeit sahen in der Polizei sogar den „wahren Derbysieger“. Mit derartigen Schlagzeilen und Berichten wird ein Fußballspiel populistisch wie fahrlässig zum Bürgerkrieg hochstilisiert. Einzig Felix Müller vom Münchner Merkur vermochte es, mit angemessenen Worten die Verhältnisse gerade zu rücken.
Die großräumige Unterbrechung der Trambahn zwischen Ostfriedhof und Wettersteinplatz sowie der Buslinien 54 und 58 hätte man auch früher kommunizieren können als unmittelbar vor der Sperrung. Es kann mir niemand erzählen, dass das spontan beschlossen wurde. Das Verbieten einer Choreographie spricht auch nicht für einen souveränen und deeskalierenden Umgang mit Fans. Dass es dennoch eine – noch dazu sehr schöne, die von der Polizei auf Twitter veröffentlicht wurde – gab, ist den kreativen Köpfen des Club Nr. 12 zu verdanken.

Die Derbysieger

Die Derbysieger

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Stadtrat vor dem nächsten Derby verhält. Glaubt er dem Polizeibericht oder den reißerischen Berichten in den Zeitungen? Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge lädt nun zu einem Runden Tisch ein , an dem Vertreter der Stadt, Polizei und Vereine sitzen sollen. Es ist im Sinne eines Dialogs sehr sinnvoll, dazu auch Fanvertreter beider Vereine einzuladen.

Für mich bleibt nach dem Spiel, bei dem ich auf Hin- und Rückweg unmittelbaren Kontakt mit dem „Feind“ hatte, die Erkenntnis, dass ich das Kurvengefühl beim Auswärtsspiel der Amateure in Augsburg angenehmer fand. Das Spiel ging zwar verloren, war aber atmosphärischer, weil Gesang und Support kreativer waren. Den Spielen abseits des Derbys fehlt der Eventcharakter, den viele auch verbal durchzusetzen versuchen.

Vielen Dank an @Surfin_Bird, der mir sein Ticket überließ, und Johanna Röhrl, deren Bild von der Choreographie ich für diesen Text verwenden darf, und dem Club Nr. 12 für sein Engagement!