Marode Hauptwerkstätte – oder: Der immer schlechter funktionierende ÖPNV und die Berichterstattung darüber

Heute wurde bekannt, dass der Münchner Verkehrsgesellschaft mal eben die Hauptwerkstätte abhanden kam. Eine im Zuge des auf dem Geländes geplanten zweiten Betriebshofs anberaumte Bauwerksprüfung Ende des vergangenen Jahres förderte zutage, dass das die 1918 gebauten (und erst seit 1928 von den Verkehrsbetrieben genutzten) Hallen so gravierende Schäden aufweisen, dass sie vorläufig geräumt und gesperrt werden mussten. Das gab die MVG in einer Pressemitteilung bekannt. Das hat zur Folge, dass zu wenig Fahrzeuge zur Verfügung stehen. Diese werden auf den Linien 15 und 22 eingespart.
So weit, so ärgerlich.

Allerdings fallen diese Linien nicht erst seit Anfang dieses Jahres nahezu komplett aus, sondern konsequent seit Mitte November, nach Beendigung der umfangreichen Baustellen im Trambahnnetz, während der viele Fahrzeuge eingespart werden konnten. Etwas, das man fast jeden Tag auf dem Twitter-Account der MVG nachverfolgen kann.
Das scheint an den Berichterstattenden von Abendzeitung, tz/Münchner Merkur und Süddeutsche Zeitung vorbeizugehen. Ansonsten würden sie nicht einfach nur die Pressemitteilung, garniert mit ein paar Zitaten des Pressesprechers, abschreiben. Denn, wie im Tramreport richtig geschrieben, herrscht nicht nur seit der spontanen Sperrung der Hauptwerkstätte Fahrzeugmangel, sondern es gibt auch seit geraumer Zeit zu wenig Personal für die Werkstätten. So ist damit zu rechnen, dass das Problem nicht nur bis mindestens Ende Februar fortbesteht, sondern sich auch noch verschärft. Die angeblich nur fünf, sechs Fahrzeuge, die ausfallen, sind inzwischen Standard. Die Linien 15 und 22 haben zusammen neun Kurse, in der Früh noch mehr. Wenn es keine räumlichen Kapazitäten gibt, und die Zahl der Schadwägen zunimmt, muss man befürchten, dass noch mehr Linien als die beiden genannten beeinträchtigt werden.

Das alles muss man nicht zwingend wissen, kann man aber erfahren, wenn man sich aus journalistischer Sicht ein wenig damit beschäftigt, indem man sich u.a. mit Beschäftigten oder mit Menschen, die sich damit intensiv beschäftigen, wie denen vom AAN oder Tramreport unterhält. Dazu muss man kein Freak wie ich sein!
Die Medien fragen nicht nach, ob man das Problem kurzfristig durch andere Maßnahmen kompensieren könne, indem man beispielsweise die eine oder andere Linie auf Bus umstellt. Die Linien 12 und 28 böten sich an. Warum die MVG zu wenig Personal für die Werkstätten (und für den Fahrdienst, übrigens) hat, wird nicht beleuchtet. (Tipp: Es könnte an der Bezahlung und dem Wohnungsmarkt liegen.) Dass der Fuhrpark der MVG seit über zehn Jahren auf Kante genäht ist, erfahren die geneigten LeserInnen auch nicht.
Sie werden von ihren Zeitungen lediglich mit einer abgeschriebenen und minimal ergänzten Pressemitteilung abgespeist. Stattdessen erfahren sie, dass eine gerade seit vier Wochen, davon zwei in den verkehrsarmen Weihnachtsferien, bestehende und mit einjähriger Verspätung eingeführte Busverbindung noch nicht so gut angenommen wird.

Dass der ÖPNV in München in den letzten Jahren so viel an Zuverlässigkeit und damit an Qualität verloren hat, liegt an den Versäumnissen in der Kommunalpolitik und Managementfehlern, aber auch an der Berichterstattung darüber.

In den nächsten Wochen werde ich auf den ÖPNV in München etwas ausführlicher eingehen; dazu muss ich jedoch weiter ausholen. Dieser Text ist nur ein aktueller Aufhänger, weil ich häufiger gefragt werde, warum die Zuverlässigkeit zu wünschen übrig lässt.

Amateurederby zwischen Event und Bürgerkrieg

Die gut beschirmte Choreographie  (Bild: Johanna Röhr)

Die gut beschirmte Choreographie (Bild: Johanna Röhr)

Beginnen wir mit dem Wesentlichen: DERBYSIEGER!

Es war kein sonderlich gutes Fußballspiel. Beide Mannschaften taten sich schwer, ins Spiel zu kommen. Letzte und vorletzte Pässe erreichten häufig keine Mitspieler, so dass wenig Chancen herausgespielt wurden oder dem Zufall entsprachen. Die Angst vor einer Niederlage im Derby vor großer Kulisse war den jungen Spielern anzumerken. Von der Ferne der Gegengerade zweifelhaft anmutende Entscheidungen des Bundesliga-erfahrenen Pullacher Schiedsrichters Günther Perl rundeten das Bild ab. Es deutete sich ein leistungsgerechtes 0:0 an, bis Lukas Görtler in der 75. Minute einem Zuspiel von Gerrit Wegkamp ein Traumtor, das ihn zum Helden erhob, gelang.
Die Junglöwen erholten sich davon nicht mehr und mussten die zweite Derby-Niederlage der Saison hinnehmen. Die Bayern Amateure verkürzten den Rückstand auf den Tabellenführer Würzburger Kickers auf acht Punkte.
Die Spieler des FC Bayern ließen sich anschließend lange von ihren Fans feiern; der Torschütze bewies ohne Mikrofon, dass er gut bei Stimme ist.
Einen ausführlichen Spielbericht gibt es bei Miasanrot.

Choreo von oben

Choreo von oben

Damit wäre zu dem Spiel eigentlich alles gesagt.
Es passierte in den letzten Tagen und Wochen jedoch zu viel, um die Nebengeräusche auszublenden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Polizei, Stadtrat und viele Medien sich redlich Mühe gaben, dem Spiel noch mehr Raum zu geben, als es das innerhalb der Fans beider Mannschaften ohnehin schon hat. Natürlich zieht das kleine Derby viele an, die sonst nicht auf die Idee kämen, sich ein Spiel der zweiten Mannschaften anzuschauen. (Ich bin auch viel zu selten in der Hermann-Gerland-Kampfbahn.) Die Profis trugen die letzte Stadtmeisterschaft 2008 im Viertelfinale des DFB-Pokals aus, und das alte Stadion tragen dazu bei. Und natürlich gib es immer ein paar Idioten, die meinen, sich auf Kosten anderer inszenieren zu müssen. So werde ich nie verstehen, was an Pyrotechnik, wenn sie zum Anpfiff gezündet und dann noch aufs Spielfeld geworfen wird, so toll sein sein soll. Ich gehe ins Stadion, um etwas vom Spiel zu sehen und meine Mannschaft verbal anzufeuern. Es wundert mich, wie es den Schwachmaten immer wieder gelingt, ins Stadion zu schmuggeln; weder Einlasskontrolleure noch 1200 Polizeibeamte konnten sie verhindern.
Das täuscht aber darüber hinweg, dass auch dieses Derby friedlich ablief. 12 vorübergehende Festnahmen (Pressemeldung/Twitter) sprechen für ein normales Derby.
B*LD und die Bayern2-Regionalzeit sahen in der Polizei sogar den „wahren Derbysieger“. Mit derartigen Schlagzeilen und Berichten wird ein Fußballspiel populistisch wie fahrlässig zum Bürgerkrieg hochstilisiert. Einzig Felix Müller vom Münchner Merkur vermochte es, mit angemessenen Worten die Verhältnisse gerade zu rücken.
Die großräumige Unterbrechung der Trambahn zwischen Ostfriedhof und Wettersteinplatz sowie der Buslinien 54 und 58 hätte man auch früher kommunizieren können als unmittelbar vor der Sperrung. Es kann mir niemand erzählen, dass das spontan beschlossen wurde. Das Verbieten einer Choreographie spricht auch nicht für einen souveränen und deeskalierenden Umgang mit Fans. Dass es dennoch eine – noch dazu sehr schöne, die von der Polizei auf Twitter veröffentlicht wurde – gab, ist den kreativen Köpfen des Club Nr. 12 zu verdanken.

Die Derbysieger

Die Derbysieger

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Stadtrat vor dem nächsten Derby verhält. Glaubt er dem Polizeibericht oder den reißerischen Berichten in den Zeitungen? Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge lädt nun zu einem Runden Tisch ein , an dem Vertreter der Stadt, Polizei und Vereine sitzen sollen. Es ist im Sinne eines Dialogs sehr sinnvoll, dazu auch Fanvertreter beider Vereine einzuladen.

Für mich bleibt nach dem Spiel, bei dem ich auf Hin- und Rückweg unmittelbaren Kontakt mit dem „Feind“ hatte, die Erkenntnis, dass ich das Kurvengefühl beim Auswärtsspiel der Amateure in Augsburg angenehmer fand. Das Spiel ging zwar verloren, war aber atmosphärischer, weil Gesang und Support kreativer waren. Den Spielen abseits des Derbys fehlt der Eventcharakter, den viele auch verbal durchzusetzen versuchen.

Vielen Dank an @Surfin_Bird, der mir sein Ticket überließ, und Johanna Röhrl, deren Bild von der Choreographie ich für diesen Text verwenden darf, und dem Club Nr. 12 für sein Engagement!