Renitenz und Revierpflege

941. Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden

Kommissarin Brandt lässt sich berauschen. (Bild: Christine Schroeder/NDR)

Kommissarin Brandt lässt sich berauschen. (Bild: Christine Schroeder/NDR)

Borowski ist kein Philanthrop, also versucht er erst gar nicht, sich den renitenten Jugendlichen, die im Verdacht stehen, den wegen Pädophilie eingesessenen Onno erschlagen zu haben, im Kieler Glasscherbenviertel Gaarden anzubiedern. Insofern hebt sich diese x-te Milieustudie über vernachlässigte Jugendliche ein wenig von den anderen ab. Für Abwechslung sorgt der Stadtteilsheriff Rauschi, der sich durch seine Hood schläft („Revierpflege“) und seine einstige Schulfreundin Brandt herausfordert.
In der ersten Hälfte erinnert der Plot fatal an sozialpädagogische Kölner und Ludwigshafener Folgen, steigert sich aber, um am Ende richtig Dynamik zu bekommen. Aber Kiel kann mehr. (6,5/10)

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Kopflos

933. Tatort: Borowski und der Himmel über Kiel (Borowski & Brandt/NDR)

Borowski versucht sich Rita und ihrem Umfeld anzunähern. (Bild: NDR/Christine Schröder)

Borowski versucht sich Rita und ihrem Umfeld anzunähern. (Bild: NDR/Christine Schröder)

Der Versuchung, einen langen Text zu schreiben, ist groß. Da ich kein professioneller Filmkritiker und Feuilletonist bin, fasse ich mich kurz.

„Borowski und der Himmel über Kiel“ ist ein hervorragender Film!
Christian Schwochow, der zum ersten Mal einen Tatort drehen durfte, lässt mit Kameramann Frank Lamm Bilder sprechen. Eindrucksvolle Bilder, die deutlich machen, was Drogen mit Menschen anrichten können. Ästhetisch wie beklemmend wird gezeigt, wie die junge Rita, deren Freund getötet und enthauptet wurde, wegen des Konsums von Crystal Meth außer Rand und Band gerät und vollkommen kopflos wird. Die toll aufspielende Elisa Schott saugt die ihr geschaffene Atmosphäre auf wie einen Schwamm und verleiht ihrer Rita damit die notwendige die Glaubwürdigkeit und Tiefe. Das Stilmittel Rückblende – häufig die Bankrotterklärung eines dünnen Drehbuchs – wird zur anschaulichen Kunstform erhoben, was aus diesem Tatort keinen klassischen Kriminalfall, sondern eine bedrückende Studie macht.
Rolf Basedow verzichtet darauf, den Figuren moralinsaure und betroffene Dialoge in den Mund zu legen. Die Sorge des Vaters Borowski, dessen Tochter Carla in Ritas Alter ist, wird durch einen Anruf bei ihr thematisiert. Mehr muss man nicht zeigen!
Die Ermittlungsarbeit gerät durch die ausführliche Darstellung der Trips ein wenig in den Hintergrund. Das stört nicht, weil Geschichte und Bilder schlüssig sind.

Nach „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gibt es wieder einen Spielfilm über Drogenabhängigkeit und ihre Folgen, den man Jugendlichen guten Gewissens zeigen kann. Und sollte. (9/10)

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