Heilige Nacht im Heim

Der Text ist inzwischen sechs Jahre alt. Er entstand im Rahmen des von Isarstadt.de (es ist immer noch ein Jammer, daß es das Blog nicht mehr gibt) veranstalteten Blogwichtelns. Sebastian Dickhaut wurde das Vergnügen zuteil, von mir beschert zu werden.
Seit drei Jahren arbeite ich nicht mehr im Heim, denke jedoch speziell an die Weihnachtsdienste gerne zurück.

Der Dienst am Heiligen Abend gehört zu den den schönsten Arbeitstagen im ganzen Jahr. Für die Kolleginnen, die mit Familie reich gesegnet sind, ist der 24.12. allenfalls noch als Frühdienst attraktiv, können sie so eventuell dem heimischen Baumschmücken und aufgedrehter Brut entgehen.
Die am Heiligen Abend Unverpflichteten dürfen sich auf den Spätdienst stürzen, der eigentlich schon viel früher beginnt als an diesem Tag um 13 Uhr.

Dabei ist eines ganz wichtig: im Vorfeld sprechen wir uns mit der Nachbargruppe ab, wie denn das diesjährige Weihnachtsmenü auszusehen hat (und machen es dabei nicht besser als die Bewohner, die einen spätestens während des Frühstücks fragen, wann es und was es denn zum Mittagessen gebe). Besteht darin Einigkeit, klären wir, wer was zubereitet, und was dazu von wem eingekauft werden muss.
Das Einkaufen vor dem Spätdienst ist um einiges unangenehmer als der Dienst selber, muss man sich doch am Vormittag der bevorstehenden Heiligen Nacht ins Getümmel schmeißen. Die Kinder und Jugendlichen sollen schließlich Frisches und frisch Zubereitetes bekommen! Das Mittagessen fällt dementsprechend und entgegen der sonstigen Gepflogenheiten recht bescheiden aus.

Für dieses Jahr ist vorgesehen:
Spaghetti aglio e olio
Gans mit Blaukraut und Knödel
Mousse au chocolat oder Tiramisu (das müssen die Kolleginnen aus der Nachbargruppe noch unter sich klären)
Dieses Jahr dürfen wir auf keinen Fall eine anständige Geflügelschere vergessen; denn diese chirurgischen Noteingriffe mit minderwertiger Ware beeinträchtigen das Vergnügen ungemein.

Unmittelbar nach Dienstbeginn beginnen die emsigen Vorbereitungen für das Mahl. Im Gang der Nachbargruppe wird die Festtafel hergerichtet. Gegen 15 Uhr kommt die Vorgesetzte mit der Gratifikation für die Diensthabenden. Erst danach schicken wir den Zivildienstleistenden zum Sektholen an die benachbarte Tankstelle.
Einige Bewohner werden noch für den freiwilligen Besuch der Weihnachtsmesse in der Herz-Jesu-Kirche fein gemacht, während der Vogel es sich im Ofen kommod macht. Eigene Weltanschauungen stehen hinten an. Hoffnungslos überfüllt machen uns die Angestellten des Herrn und die Besucher Platz, so daß auch unsere Betreuten nicht nur Randfiguren des christlichen Krippenspiels sind.
Zurückgekehrt vom Kirchgang geht es mit der Vorspeise weiter. Danach sollte der auch die Gans für den Verzehr bereit sein.
Danach gibt es für die Betreuten endlich die heiß ersehnte Bescherung. Ich kenne die neuen Kolleginnen noch nicht gut. Vielleicht ist eine musikalisch Begabte dabei, die unseren falschen Gesang mit Gitarre ein wenig aufhübschen kann. Die Nachspeise bildet den letzten kulinarischen Höhepunkt, bevor die alljährlich für 21 Uhr erwartete Nachtwache auch heuer vollkommen unerwartet eine halbe Stunde früher kommt und statt einer kurzen wie fundierten Übergabe emsig in der Küche rumräumende Kolleginnen geboten bekommt.

Weihnachten im Heim – ich freue mich darauf!

Der General, Günther und ich

Erfunden wie erlebt. Oder so ähnlich. *

Gelesen von Heinrich Rudolf Bruns

Ich wälze mich im Bett. Es ist finster. Sehr finster.
Nur die schummrige Hofbeleuchtung bringt ein wenig Hell ins triste Dunkel.
Ich habe keine Uhr in meinem Zimmer, weil ich das Handy abends immer abgeben muss.
An Schlaf ist nicht zu denken, weil drei meiner Zimmernachbarn sich gerade den tropischen Regenwald vornehmen. So wie die seit Nächten sägen, bin ich nicht verwundert, daß er ernsthaft bedroht ist. Der vierte ist zuhause. Er hat Freigang für eine Nacht.
Ich quäle mich aus dem Bett, ziehe mir meinen Bademantel über. Zubinden kann ich ihn nicht, weil mir der Gürtel abends abgenommen wurde.
Ich schlurfe aus dem Zimmer und blicke auf die Uhr über dem Schwesternzimmer.

Zwanzig vor Drei. Erst.

Noch fünf Stunden bis zum Frühstück.
Scheiße!
Im Sommer waren die Nächte kürzer.
Da konnte ich zwar auch nicht schlafen, aber es wurde erst gegen 22 Uhr dunkel, und gegen 5 Uhr wieder hell.

Im Raucherkammerl sitzt Günther. Günther sitzt eigentlich die ganze Nacht in dem verqualmten Kabuff. Glaube ich zumindest. Wenn mich die Bettflucht plagt, treffe ich ihn immer dort an. Wenn sie ihn nicht gerade wieder isoliert haben.
Er sagt nicht viel. Auch tagsüber nicht.
Während ich eine Selbstgedrehte rauche, raucht er drei Camel ohne Filter.
„Die ham ja hier alle keine Ahnung hier.“
„Mh.“ Aufnahmefähig bin ich nicht.
„Die ham ja hier alle keine Ahnung hier.“ Günther will anscheinend reden.
„Wie meinst Du das?“
„Ja, schau doch mal hin!“ Es liegt etwas Energisches in ihm, das ich von ihm nicht kenne.
„Wohin?“
„In den Aufenthaltsraum! Oder bist Du blind?“
Blind bin ich nicht, aber kurzsichtig. „Ich weiß nicht, was Du meinst.“
„Ja, diese Scheiß Weihnachtsdeko!“ Günther hat sich die nächste Camel angezündet. Er gestikuliert mit seinen Händen. Seine Füße wippen mehr als sonst. Er fährt sich immer wieder durch das fettige Haar, das ihm ihm häufig in die Stirn fällt. Nein, es fällt nicht. Es klatscht. Ungewaschenes Haar klatscht in nicht definierbarer Menge ins Gesicht. Aber nicht nur um diese Uhrzeit ist die Station ein Friedhof des optischen Egos.

Er hatte recht.
Mir war sie nicht aufgefallen, weil es für mich normal ist, daß weihnachtlich dekoriert wird. Damit wird man spätestens groß, wenn man tagtäglich beruflich mit Kindern zu tun hat. Ich habe mich nur gewundert, warum der silberne Pott mit dem Kaffeesurrogat seit einer Woche woanders steht.
„Weißt Du“ – er wird auf einmal sehr laut – „wie viele hier sind, weil sie im November, spätestens im Dezember, vollkommen austicken?“ Er ist sehr aufgeregt und ascht auf den Boden. „Kaum jemand hier packt dieses Scheiß Weihnachten! Und was machen diese unfähigen Pfleger? Sie hängen Lichterketten auf, die man nicht runterbringt, und stellen so eine beknackte Krippe mit Plastikfiguren auf.“

Ich bin hier Greenhorn. Es ist mein erster Psychiatrieaufenthalt. Ich habe gerade fünf Nächte hinter mir. Günther zündete sich die nächste Zigarette an, um weiter auszuholen.
„Und Du glaubst ja auch auch noch an den Nikolaus!“
„Hä?“
„Ja, Du hast doch geglaubt auch, daß Du hier nach einem Wochenende oder einer Woche rauskommst!“
„Stimmt.“

Er griff, ohne daß ich mich dagegen wehren konnte, in sein reichhaltiges Nähkästchen.

„Ich bin schon das sechste Mal hier. Irgendwann müssen sie kapieren, daß ich keinen Bock mehr habe zu leben!“ Er erzählt mir von seinem Promotionsthema. Von seinen Versuchen, als Jurist Fuß zu fassen. Daß er aber das Unrecht als Familienanwalt, daß er auch noch verteidigen sollte, nicht mehr fassen konnte.
Ich drehe mir noch eine Zigarette, um Betroffenheit und Hilflosigkeit zu überspielen. Mit meiner Depression fühle ich mich in dem Moment einfach nur zweitklassig.
Ich blicke aus dem Nebel des Raucherkammerls nach draußen. Ich sehe und erkenne nichts. Das soll wohl so sein.
Ich blicke in den Gruppenraum. Ich sehe die Krippe nur von hinten. Die Lichterketten sind ausgeschaltet. Es wirkt grau. Trist. Ja, deplatziert.

„Vor sieben Jahren stand hier noch ein Weihnachtsbaum.“
Günther packt Anekdoten aus.
„Aber den hat der General umgeschmissen, als ihm ein Pfleger gesagt hat, daß er im Gruppenraum nicht rauchen darf. Drei Tage haben sie ihn fixiert und dermaßen mit Haldol abgefüllt, daß alles zu spät war.“
Der General, das habe ich während meines noch kurzen Aufenthalts schon gelernt, gilt als Autorität auf der Station. In unregelmäßigen Abständen macht er sein Aufwartung in einem der wenigen Einzelzimmer. Wie es sich eben für einen General gebührt.
„Seit dem gibt’s nur noch die lächerliche Plastikkrippe“, führt Günther fort. „Aber daß hier niemand was mit Weihnachten am Hut hat, interessiert keine Sau. Die unfähigen Pfleger sollen ja etwas davon haben. Bloß, weil die an Weihnachten arbeiten müssen! Das Stationszimmer ist dann geschlossen, und sie pfeifen sich Lebkuchen und Punsch rein. Alkohol im Dienst ist ja inzwischen verboten. Aber sie feiern ihr Weihnachten! Und der Nachtdienst nimmt uns trotzdem um Neun alles ab. Okay, am Heiligen Abend später, weil es eben Weihnachten ist!.“
Günther schwitzt inzwischen. Er regt sich rechtschaffen auf. Die dicken Schweißperlen auf seiner Stirn klatschen auf den Boden. Er raucht immer hektischer.

Pascal schlappt in die Residenz der einsamen Raucher.
„Hast Du ’ne Zigarette für mich?“
Günther ist von dieser Störung nicht überrascht. Denn Pascal kommt regelmäßig ins Kabuff, weil er zwar viel raucht, aber keine Zigarette bis zur Hälfte.
„Da, sind eh nur noch zwei drin. Rauch’s zusammen. Aber rauch sie auch!“
Günther steht auf.
„Ich geh jetzt zum schönen Rudi und hole mir noch ein Seroquel. Vielleicht hilft’s für eine Stunde.“
Günther erhebt sich. Er schmeißt die Tür zum Raucherkammerl so laut zu, wie es es eben geht, und begibt sich mit schwerem Schritt zum Schwesternzimmer. Er hinterlässt eine große Schweißlache. Lüften kann man nicht. Der Krippe wirft er einen bösen Blick hinterher.

„Hat Dich auch der Geheimdienst hierher gebracht“, fragt mich Pascal.
Ich zögere. Ich war wohl nicht schnell genug.
„Alles voller Polizei hier. Der CIA ist auch hier. Diese Krippe ist total verwanzt.“
Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
„Aber Du bist ein Guter. Das sehe ich. Wie heißt Du?“
„Ben.“
Er murmelt in sich gekehrt etwas in seinen rot-blonden Bart, das ich nicht verstehe. Er erhebt seinen Kopf und führt weiter aus.
„Jesus wäre total unbekannt, wenn die Geheimdienste nicht Bescheid gewusst hätten. Die Heiligen Drei Könige waren auch nur Spitzel.“
Ich versuche, die Gedanken einzuordnen. Mein nicht vorhandener Glaube hilft mir auch nicht weiter.
Wir rauchen gemeinsam.
Schweigend.

Der schöne Rudi, einer der beiden Nachtdienste betritt die vernebelte Halle. Er zündet sich eine Marlboro an. Er stellt sich in das Eck, das möglichst weit von uns entfernt ist. Distanz ist wichtig. Auch nach 3 Uhr.
Schweigen.
„Jetzt gehen’S aber wieder ins Bett, gell?“

Ich drücke meine Zigarette, die nicht mal zur Hälfte geraucht ist, aus.
Im Nachtdienst gibt es keine Vorweihnachtszeit.
Tagsüber dürfen dann die Schwesternschülerinnen mit uns Abfent spielen.
So für die Atmosphäre und so.

Ich verlasse das Kammerl. Ich blicke auf die Uhr über dem Stationszimmer.
Zwanzig nach Drei. Nur noch vier Stunden bis zum Frühstück.
Auf meinem Weg ins Zimmer bleibe ich vor der Krippe stehen.
Sie ist nicht schön. Sie ist nicht mehr als ein Dreieuroneunundneunzig-Bethlehemset.
Sie vermittelt keine Atmosphäre. Aber sie reicht aus, um als Kampfansage empfunden zu werden.

Der Regenwald ist zwischenzeitlich um viele Bäume ärmer geworden, wie ich den Schnarchern in meinem Zimmer entnehme.
Ein Tannenbaum ist nicht dabei.
Ich ziehe den Bademantel aus.
Ich lege mich ins Bett.
Ich traue mich nicht, das Licht über meinem Bett anzumachen.
Ich traue mich nicht mal, den Schokonikolaus, der mir mitgebracht wurde, zu schlachten. Das Rascheln könnte meine Zimmergenossen wecken.
Ich fühle mich schlecht.
Ich fühle mich schwach.

Ich wälze mich im Bett. Es ist finster. Sehr finster.
Nur die schummrige Hofbeleuchtung bringt ein wenig Hell ins triste Dunkel.

„Guten Morgen! Bitte aufstehen!“
Ich habe keine Uhr in meinem Zimmer, weil ich das Handy abends immer abgeben muss.
Es muss sieben Uhr sein.
Scheiße!
Jetzt muss ich aufstehen?
Dunkel ist es immer noch.

Und Abfent.

[* Die Geschichte veröffentlichte ich erstmals vor drei Jahren auf meinem verblichenen Blog. Sie beruht auf Erlebnisssen in der Geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, die sich so aber nicht zutrugen.

Meinem Briederchen Heinrich möchte ich mich an dieser Stelle für das Einlesen bedanken.]