(Un-)Fair

Es ist unfair, dass ich vor 4 Jahren Deine Grenzen überschritten habe.
Aber ich fand keinen anderen Weg, Dich vor dem Äußersten zu bewahren.

Es ist unfair, dass Du danach den Kontakt abgebrochen hast.
Aber Du fandest keinen anderen Weg, mich von Dir fernzuhalten.

Es ist unfair, dass ich Dich an Weihnachten überfallen habe.
Aber ich fand keinen anderen Weg, als das Fest mit Dir zu feiern.

Es ist unfair, dass ich Dir Gschaftlhuberei vorgeworfen habe. Aber ich fand keinen anderen Weg, Dir mein Befremden über Deine Arbeit auszudrücken.

Es ist unfair, dass Du immer erst dann zu mir gefunden hast, wenn Dein Job Dich frustriert hat. Aber Du fandest keinen anderen Weg, weil es keinen kürzeren gab.

Es ist unfair, dass ich mich nicht gemeldet habe, als ich offline war und andere Probleme hatte. Aber ich fand keinen anderen Weg, obwohl es welche gab.

Es ist unfair, dass Du den Kontakt zu mir so abrupt abgebrochen hast. Aber Du musstest diesen Weg wohl gehen.

Es ist unfair, dass wir uns nicht unter normalen Umständen kennengelernt haben. Aber vielleicht gab es keinen anderen Weg.

Es ist unfair, dass ich nicht nur Erleichterung über Deine Rückkehr empfinde. Aber den Weg der Beschimpfung kann ich nicht mitgehen.

Es ist fair, dass man Wahlverwandtschaften aufkündigen kann. Wir finden keinen Weg mehr zueinander.

Es wäre fair, wenn Du zu Zufriedenheit fändest. Aber den Weg dorthin kennt anscheinend niemand.

Alles Gute!

Neujahrsnacht 2016

Unaufgeregt aufgeregt unaufgregt

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Dieser Jahreswechsel versprach, ähnlich langweilig unspektakulär zu verlaufen wie in den vergangenen Jahren zuvor. Daheim, in Ruhe und so.
Mit meinem temporären Mitbewohner verbrachte ich einen trotz der Sorge um seinen Vater, den Hein, einen entspannten Abend, der so weit führte, dass ich mich sogar endgültig mit Willy Astor versöhnte. Wie es dazu kam, ist eine Geschichte, die hier gerade nicht reinpasst; aber vielleicht merke ich sie mir und gebe sie ein andermal zum Besten.

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Ist man so ohne Internet (im #2tHaushalt gibt es so etwas nicht, und ich wollte am letzten Tag des Jahres zwei Texte veröffentlichen, bin aber an zwei scheinbaren Free W-LAN-Stellen gescheitert – Technologiestandort Deutschland!), ist meinereiner überrascht, wenn ein mehreckiges Laufband über den (immerhin schon) Flachbildschirm läuft, dass auf einen Terroralarm in der Stadt hinweist.

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Da das Unterhaltungsprogramm nicht abgebrochen wurde, und „nur“ der Haupt- und der Pasinger Bahnhof geräumt wurden, verhielten wir uns dem Programm angemessen und amüsierten uns prächtig. Die Aufzeichnung wurde zweimal unterbrochen, als ein junger Mann, der den Eindruck erweckte, den Nachtdienst auf dem Account @BR24 zu bestreiten, die undankbare Aufgabe hatte, zusätzlich noch eine „Rundschau“-Sonderausgabe zu moderieren, in der nicht mehr tun konnte, als die Meldung auf dem Laufband in mehr als 140 Zeichen darzustellen. Das ist kein Spott, denn er tat uns leid, weil er einen verdammten Job verrichten musste, warten musste, bis ein „Wichtiger“ ihn ablöste, und sein Name nicht angezeigt wurde.
Dazwischen gab Gerhard Polt bei Willy Astor einen Nazi-Opa.
Kurz danach traten Andreas Bachmann (im Studio), und Oliver Bendixen auf den Plan und erläuterten die diffuse Lage, bevor Joachim Herrmann herrlich derangiert und fast schon sympathisch seine Erkenntnisse darlegte.

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Danach wagten wir uns raus. Dabei entstanden diese Bilder.

Spätestens an dieser Stelle gebührt ein Dank an die Damen und Herren, die den Twitteraccount @PolizeiMuenchen betreuen und pflegen. Sie versuchen den Ernst der Lage zu vermitteln, ohne Panik zu verbreiten, und verbreiten ihre Informationen noch mehrsprachig.
Für mich ist die Polizei Feindbild, und ich bin es für sie.

Jahresrückblicksfragebogen 2015

Dieses Jahr ist vor lauter Agonie und Lethargie so an mir vorbeigeplätschert, dass ich mich heuer auf ein paar wenige Fragen beschränke.

Zugenommen oder abgenommen?
Gefühlt abgenommen.

Haare länger oder kürzer?
Länger.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Gleitsichtgläser konnte ich ein weiteres Jahr aufschieben.

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Folglich auch weniger.

Mehr bewegt oder weniger?
Weniger.

Die gefährlichste Unternehmung?
Laut der Münchner Polizei und des Stadtrats der Besuch zweier Amateurederbys.

Der beste Sex?
Was?

Die teuerste Anschaffung?
Es bewegte sich alles im maximal zweistelligen Bereich.

Das leckerste Essen?
Das Gulasch, das ich im Herbst zubereitet habe, hat mich ziemlich begeistert.

Dein berührendste Film?
Ich bekam eine Kinoeinladung, die ich wegen anderer Verpflichtungen ausschlagen musste.

Das beste Lied?
Ich habe noch nicht mal „Hello“ von Adele gehört. Wie soll ich das also beantworten können? Im Ohr habe ich nur „Mia san ned nur mia“ von Dreiviertelblut. Es gibt Schlimmeres.

Das schönste Konzert?
Nicht sehr musikalisch, aber sehr eindrucksvoll: die „Badstuber“-Anfeuerungsrufe unmittelbar vor seiner Einwechslung nach langer Verletzung gegen den VfB Stuttgart.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Mir.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Scheiße.

2015 zum ersten Mal getan?
Zwei Menschen miteinander verkuppelt.

2015 nach langer Zeit wieder getan?
Einen anderen Menschen geduscht und andere Pflegetätigkeiten.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
In erster Linie auf mich und meine Unzulänglichkeiten.

2015 war mit einem Wort …?
Scheiße

2016 wird …?
Muss!

[2013, 2014]

Hessiche Befindlichkeiten

968. Tatort: Wer bin ich? (HR/Murot & Wächter)

[Der folgende Text entstand auf den ausdrücklichen Wunsch eines Lesers.]

Die Idee, den Darsteller Tukur des Tatort-Kommissars Murot während der Dreharbeiten in einen scheinbaren Mordfall zu verwickeln, ist originell wie hochtrabend. Der Grat, auf dem sich der Film im Film bewegt, ist indes sehr schmal. Es wir schnell abstrus, wenn der selbstironische Blick auf das Innenleben einer Fernsehspielredaktion mit den Befindlichkeiten kapriziöser Schauspieler in den Vordergrund rückt. Dass der Plot nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt, ist vor allem den hervorragenden Schauspielern zu verdanken, die sich mit einem Augenzwinkern gekonnt auf die Schippe nehmen. Besonders Martin Wuttke, der in diesem Film sein Können zeigt, das man in allen Leipziger Tatorten vermisste, und Michael Rotschopf als Redakteur Hochstätt brillieren. Die Darstellung der „richtigen“ Ermittler ist schon fast gemein. So schlecht angezogene Männer gibt es ansonsten nur in der Lindenstraße zu sehen.

Nach dem schwer zu überbietendem Meisterwerk „Im Schmerz geboren“ war die Fallhöhe groß. Dass sich die Beteiligten – Redaktion, Autor/Regisseur und Darsteller – für etwas vollkommen anderes entschieden, war nicht verkehrt. Es ist der Experimentierfreude der Fernsehspielredaktion des HR um Liane Jessen und Jörg Himstedt zu verdanken, dass sowohl aus Wiesbaden als auch aus Frankfurt keine Stangenware zu sehen ist. So schaue ich gelassener über eine schwächer Folge hinweg als über die x-te fad gewürzte Hausmannskost aus Ludwigshafen oder Leipzig, die für B*ld-RedakteurInnen und LeserInnen wenigstens keiner Erklärungen bedarf.

(7,5/10)

Mehr:Tatort-Fundus; Les Flâneurs; Keyflake: „Tatort – Zwischen Qualität und Quote

Es gibt keinen günstigen Zeitpunkt

Meine Befürchtung war, dass Hein in Bälde stürzt und sich etwas bricht. Sein Gehen hat sich in den letzten Wochen verschlechtert. Ob es an der Wahrnehmung liegt oder an schwindenden Kräften, weiß ich nicht. Aber seine Stolperer im Treppenhaus bereiteten uns ein wenig Sorge. Sein Tempo verlangsamte sich.

Doch es kam anders.
Am vergangenen Sonntag brach Hein nach einem Spaziergang in der Trambahn zusammen. Die Rettungsdienste, Notarzt und Feuerwehr, waren sehr schnell vor Ort; es gelang ihnen, ihn zu reanimieren.
Seit dem liegt er auf der Intensivstation und ist noch nicht aufgewacht. Was zum Zusammenbruch führte, ist immer noch unklar, was natürlich die Therapie erschwert.
Hein ist in guten Händen, auch wenn Weihnachten Zuhause wesentlich schöner gewesen wäre.

Es gibt keinen günstigen Zeitpunkt, aber am 4. Advent kurz vor Weihnachten im Krankenhaus zu landen, schmeckt sehr bitter.

Isstzustand

Essen ist ist selbstredend im Zweithaushalt ein wichtiges Thema. Warum sollte es hier anders als im Büro, auf dem Elternabend oder in der natürlich rein feuilletonistisch zu verstehenden Restaurantkritik sein? Dank der Fähigkeiten der Köche steht wenigstens die Qualität des täglich Zubereiteten außer Frage. „Sehr fein“, „Hervorragend“ „Klasse“ – alte Menschen sind bekanntlich nicht so leicht zu begeistern; umso mehr sind wir erfreut, vor dem Kochen nicht allzu viele Überlegungen anstellen zu müssen, um Hein zufrieden zu stellen.
Es sind andere Dinge, die dem Essen ein Gewicht geben, das weder auf der Waage noch der Zunge standhalten muss.

Es beginnt bei der Zusammenstellung des Menüs. Die Auswahl soll überschaubar sein.
Neulich gab es Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln und Rosenkohl. Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen schichtete ich die Bratkartoffeln und den Rosenkohl nebeneinander auf einem großen Porzellanteller (praktischerweise habe ich den Rosenkohl in der Bratkartoffelpfanne noch ein wenig ausgeschwenkt), weil ein drittes Geschirr und ein drittes Besteck zur vollkommenen Überforderung Heins geführt hätten. Ein paar Tage später führte die Kartoffelsuppe mit Croutons schon zu Irritationen, weil Teile der Suppe in der Croutonschüssel und nicht auf seinem Teller landeten. Das samstägliche Weißwurstfrühstück nimmt er in der Regel als Trennkost ein – erst die Weißwürst, dann die Brezen. Den Senf teilt er nach Gusto auf.
Am einfachsten wäre der gestrige Eintopf wie die Linsen mit Merges, weil man nur einmal schöpfen muss.

Aber da stellt sich schon das nächste Problem. Der Schöpfer im Topf kann noch so groß sein, die Portion auf seinem Teller kann locker mit Nouvelle Cuisine konkurrieren. Nicht, weil wir ihn auf Diät halten, sondern weil er sich trotz mehrmaliger Aufforderung nicht mehr aufschöpft.
Offenbar spielt Hein das Langzeitgedächtnis einen ganz üblen Streich und erinnert ihn an seine Kindheit. 1939 geboren – wir können uns nur grob ausmalen, was sich in den Familien und speziell in seiner seinerzeit abspielte. Entweder gab es nichts oder nur sehr wenig. Das, was es gab, musste sparsam verwendet werden, oder der Verzehr oblag dem Familienoberhaupt, das über die weitere Zuteilung bestimmte, wenn es satt war. Hein kann es uns nicht mehr erzählen. Wir können ihn nur auffordern, sich so viel zu nehmen, wie er denn wolle. „Es ist Sonntag, und der Krieg ist vorbei“, ist inzwischen ein geflügelter Satz, der allen auf die Nerven geht. Überhaupt hauen wir nicht nur beim Essen die Sprüche raus, mit denen uns unsere Eltern und Großeltern haben. Inwiefern sie ihn auf den Wecker gehen, deutet er nur ab und zu an.
Umgekehrt passiert es häufig, dass er gegen Ende des Abendessens ein Stück Käse auf seinen Teller legt. Dieses teilt er ein sehr großes und ein sehr kleines Stück, das kleine legt er zurück, um das große zu verzehren – ohne Brot. „Brauch ich nicht.“ Weist man ihn auf die in unseren Augen unverhältnismäßige Teilung hin, versteht er nicht, was wir meinen und reagiert äußerst unwirsch.

Aus den Erinnerungen an den Krieg und danach rührt wohl auch Heins Angewohnheit, hier und da eine Zwiebel oder eine Kartoffel zu verstecken. Im Wäschekorb, unter der Spüle, in der Hosentasche, in einem der zahlreichen Bücherregale zwischen Arno Schmidt und Leo Malet, bzw. Picasso und Le Corbusier, auf dem Nachttisch – es könnten wieder harte Zeiten anbrechen. Nicht, dass wir explizit danach suchten, aber irgendwo in der Wohnung finden wir immer wieder so ein Wurzelgemüse – im Vorbeigehen, beim Wäscheaufhängen, beim Zubettgehen.
Suchen kann man danach eh nicht, dafür sind die Wohnung zu groß, seine Verstecke zu vielfältig und wir nicht ständig fahndend. Wir haben weder Krieg noch patriarchalische Familienstrukturen erleben müssen. Doch wenn ich es mir recht überlege, suche ich seit Tagen nach einem Ei, einem rohen (sonst macht’s keinen Spaß!), von dem ich mir einbilde, es letztens im Kühlschrank gesehen zu haben…

Mit der Auswahl an Besteck verhält es sich ähnlich wie mit der nach den Töpfen und Schüsseln. Messer, Gabel und Löffel an seinem Teller befördern eine Auswahl, die Hein überfordert. An schlechten Tagen versucht er, die im Teller verbliebene Sauce mit dem Messer auszulöffeln. An guten Tagen macht er sich einfach und schlürft sie wie jeder Mensch, der seine Kindheit nicht vergessen hat, aus. Die Kuchengabel, die gerade noch im Gewürzgurkenglas steckte, benutzt er gerne, um sich die damit abgeschnittene Butter aufs Brot zu schmieren. Gefährlich wird es, wenn das offen auf der Küchenzeile stehende Quittenkompott mit dem langen Brotmesser gegessen wird. Diese Situation führte nur knapp nicht zu einem von beiden Seiten unbeabsichtigten, Schlagzeilen garantierenden Blutbad.

Schwer wiegt jedoch, dass Hein das Essen vergessen würde, würden wir es nicht zubereiten. Bedürfnisse wie Hunger und Durst äußert er nicht mehr. Regelrecht erleichtert wirkt er, wenn ich einfach nur einen Kaffee koche. Als Reaktion entkommt ihm schon mal ein „Na endlich“. Nicht sehr höflich, aber darauf kommt es nicht mehr an. Das ist auch ein Grund, warum die Obstkörbe gut gefüllt und sichtbar auf der Küchenzeile stehen. Regelmäßig greift er rein und sorgt so auch noch ein wenig für seinen Flüssigkeitshaushalt.

Im Prinzip müssen wir mit dem Isstzustand zufrieden sein. Schlechter wird er von alleine. Bald oder sehr bald.