Die kleinen Dinge: „Holger, hau ihn um!“

Es gibt wenig Argumente, sich an einem nasskalten Freitag Abend im November in die Hermann-Gerland-Kampfbahn zu begeben. Bei Spielen der Bayern Amateure vergisst man gerne mal, dass man in München ist. Die talentierten Spieler bieten häufig karge Hausmannskost, während auf der Gegengerade eine fast schon fremde Stadt besungen wird. Auf ihr findet jeder genügend Platz, und die Wohnungsnot rückt ob der Großzügigkeit des Raumes zum günstigen Preis für 90 Minuten plus Nachspielzeit inklusive Halbzeit in den Hintergrund. Passiert auf dem Spielfeld wenig, hat sogar der der für den C12-Liveticker Verantwortliche Zeit, sich mit seinen angenehmen Begleiterinnen und Begleitern zu unterhalten.

Und dann steht Holger Badstuber auf dem Platz. Der Hauch von Champions League vor 325 handverlesenen Gästen weht durch das luftige Areal. Die Nebelschwaden im Flutlicht vertreten die Hymne würdig. Nach sieben Jahren die Rückkehr in die Amateure-Mannschaft. Der hochbegabte Verteidiger, der vom Namensgeber der Kampfbahn auch im Mittelfeld eingesetzt wurde, bevor er von einem niederländischen Trainer, der der Vereinsführung schon länger unbekannt ist, in die Profimannschaft befördert wurde, kehrte zurück. Aus freien Stücken. Um in der Länderspielpause, die das Melatonin vieler Fußballfans ist, Spielpraxis zu sammeln. Gegen SV Seligenporten, das gefühlte FK Rostow der Regionalliga Bayern. Macht nicht jeder.

Holger Badstuber im Zweikampf (Bild: @SammyKuffour)

Holger Badstuber im Zweikampf (Bild: @SammyKuffour)

„Holger, hau ihn um!“ Ein paar Mal gerät er in Bedrängnis. Aber in der Szene, die wirklich wie ein Foul aussieht, trennt er seinen Gegenspieler nur vom Ball. Dazwischen dirigiert er und besetzt Räume. Manchmal gestikuliert er, um seine jungen Mitspieler für Spielsituationen zu sensibilisieren. Der Aufforderung aus der Kurve, sich doch auch mal nach vorne zu stellen – seine Mitspieler hatten schon das eine oder andere Mal den letzten Pass oder den Abschluss verpasst – kommt er nach. Ein Torschuss verfehlt das Ziel – nicht ganz knapp. Geschenkt. Und dann schnibbelt er einen wunderbaren Diagonalpass von links über das halbe Spielfeld nach rechts. Die Temperatur gerät in Vergessenheit.
Zwischendurch wird er von den Fans besungen. Überhaupt ist die Stimmung sehr gut. Nach der dritten Auswechslung ist klar, dass er bis zum Ende spielt. Wenn… – aber daran will niemand denken, und es passiert auch nicht.
Das Spiel endet 2:0. Es war gar nicht so schlecht, was nicht nur an Badstuber lag.

Nach dem Spiel wird er aufgefordert, sein Trikot herzugeben. Der Kult, da ist er ganz Allgäuer, ist ihm vor 325 wie vor 75000 Zuschauern fremd. Es landet in guten Händen. Vermutlich weiß er es. Wahrscheinlich – das war von oben nicht so genau zu erkennen – hat Holger Badstuber sogar gelächelt.
300 Zuschauerinnen und Zuschauer gehen glücklich nach Hause. Die anderen 25 zurück ins Kloster. Ein schöner Abend.

NSU-Crashkurs in 90 Minuten

Auch Deutsche unter den Opfern von Tuğsal Moğul im Theater Münster

Sich dem komplexen Thema NSU im Theater anzunähern, ohne ausschließlich dokumentarisch zu werden, ist wohl möglich, aber für ein Ensemble, das ein Stück darüber mit dem Autor entwickelt, etwas vergnüglicher, wenn es spielerische Elemente enthält. Das ließen alle Beteiligten im anschließenden Publikumsgespräch zumindest anklingen. Es ist aus meiner Zuschauerperspektive nachvollziehbar, weil das Material zu umfangreich ist und zu viele Personen und Institutionen involviert sind, um darob nicht wahnsinnig zu werden.Dass der Prozess vor dem Oberlandesgericht München 2017 ins fünfte Jahr geht, ist nur ein Beleg dafür.
Nicht umsonst wird Auch Deutsche unter den Opfern als Rechercheprojekt angekündigt.

Der Beginn (siehe Video) ist anstrengend wie wohltuend, weil Lilly Gropper, Dennis Laubenthal und Christoph Rinke den Opfern den Platz geben, der ihnen in der breiten Berichterstattung zu wenig eingeräumt wird, weil sie sich meistens auf Beate Zschäpe konzentriert, was nur bedingt nachvollziehbar ist. Sie bekommt natürlich auch ihre Auftritte – so findet unter anderem ihr gestern unterbrochenes Schweigen Eingang.
Mit Bravour gelingt es den DarstellerInnen, in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen. Ihre große Stärke ist es, so gut wie alle Perspektiven – Opfer, Täter, Zeugen und Ermittler – zu beleuchten. Die Darstellung, wie Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme, der in der Berichterstattung nur noch als Andreas T. firmiert, den Mord an Halit Yozgat in Kassel nicht gesehen haben will, ist grotesk. Sie lassen einen ignoranten Temme mehrmals über den Erschossenen steigen wie jemanden, der einen Haufen Dreck nicht wahrnehmen will. Hier spielen sie den Irrsinn weg, weil er anders nicht zu ertragen ist. Fiktive Elemente wie der Zschäpe beaufsichtigende Justizbeamte mit ausländischen Wurzeln (Anleihe bei Tania Kambouri) werden eingebaut, ohne dass sie wie Fremdkörper wirken.
Nebenbei verändern sie mit einem einfachen Mittel wie Kreidezeichnungen das Bühnenbild. Sitzt das Publikum am Anfang an den Tatorten, in der Mitte am Esstisch der nationalsozialistischen WG, befindet es sich am Schluss im Zuschauerraum des OLG München.
Die Vorstellung, dass sieben Sonderkommissionen nebeneinander ermittelten und diese die Täter nahezu ausschließlich unter Türken vermuteten, während Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unbehelligt auf kindliche Weise das Dritte Reich („Pogromly“ als Monopoly) nachspielten, erscheint mit dem heutigen Wissen absurd. Den Gedanken, dass viele ermittelnde Behörden auf dem rechten Auge blind sind, als reine Verschwörungstheorie abzutun, fällt schwer. Man geht inzwischen von 270 rechtsradikal motivierten Morden seit 1990 aus. Die Dunkelziffer dürfte, wie so häufig, weitaus höher sein. Wie Christoph Rinke verzweifelt aus einem Aktenordner die Namen der Getöteten verliest, ist beeindruckend.
Den Pink Panther kann man sich auch nicht mehr anschauen, ohne ihn mit dem NSU in Verbindung zu bringen. Das hinderte die deutschen Paarläufer bei den Olympischen Spielen 2014 nicht daran, eben dieses Motiv zu verwenden. Das wird zu Beginn und am Ende in einer Videoinstallation aufgegriffen.
All das verarbeiten Gropper, Laubenthal, Rinke und Moğul in diesem Parforceritt durch inzwischen 15 Jahre aktueller Zeitgeschichte. Alles lässt sich nicht unterbringen, was in anderthalb Stunden gar nicht möglich ist; die Aspekte, denen sie sich widmen, genügen jedoch.

Wer über den NSU wenig weiß, bekommt in den 90 Minuten einen hervorragenden Abriss dessen, was von 2001 an über die Aufdeckung vor fünf Jahren bis heute passiert ist – und noch passieren könnte. Die Protagonisten wagen einen Ausblick ins Jahr 2021, der wenig optimistisch ist.
Wer sich viel angelesen und angesehen hat, wird sich nicht langweilen, sondern sich an kleinen Details „erfreuen“, die zeigen, wie genau recherchiert wurde. Sehr viel länger dürfte das Rechercheprojekt nicht dauern,. Das liegt einerseits an der Stoffdichte, andererseits auch am U2 des Theater Münster, das sehr schnell stickig wurde. Das wiederum war ausverkauft; es waren erfreulicherweise viele junge Leute im Publikum.
Das Stück ersetzt locker einige Geschichtsstunden und ist deshalb für Schulklassen ab der Mittelstufe besonders geeignet. Das Ensemble um Tuğsal Moğul hat noch Kapazitäten frei.

Boazn TV

Die neue Serie von Franz X. Bogner Moni‘s Grill

Jetzt ist es passiert. Franz X. Bogner, Schöpfer generationsübergreifend beliebter Serien wie Irgendwie und Sowieso, Zur Freiheit etc. hat mit seinem neuesten Werk Moni‘s Grill zum ersten Mal etwas richtig Schlechtes abgeliefert.

Einen Genremix aus Serie und Talkshow versprechen Bogner und Bayerischer Rundfunk. Ein Prominenter besucht seine gute Freundin Moni und unterhält sich mit ihr. Nun, die Gespräche mit der Moni sind belanglos. Von Hella von Sinnen erfahren wir, dass sie wieder Sex hat, Schorsch Hackl lässt uns wissen, dass sich ehrgeizige Sportler nicht mit zweiten Plätzen nicht zufrieden geben und die Gebrüder Wepper erzählen vom Krieg. Man kennt sich, man mag sich. Wie gut es sein kann, wenn Prominente sich mit Moderation zum Essen treffen, zeigt Sarah Kuttner in Kuttner plus Zwei.
Vielleicht hätte es wirklich gut werden können, wenn man nicht auf Nummer Sicher gegangen wäre. Die Auswahl der Prominenten Bogner soll das ARD-Publikum nicht verprellen.

Zu allem Überdruss verlässt sich Bogner auf MarionMonika Gruber und Christine Neubauer als Hauptdarstellerinnen. Deren schauspielerisches Talent ist überschaubar, was in München 7 nicht ins Gewicht fällt, hier jedoch fatal ist. Die Beiden spielen sich selbst, was viele Andere besser können. Einzig Sarah Camp als deren Mutter hebt sich ab. Bogners Stärke, Unbekannten (Ottfried Fischer, Julia Koschitz – um nur zwei zu nennen) liebevolle wie schrullige Rollen auf den Leib zu schreiben, fehlt vollkommen. Die Nebenfiguren, auch eine Gabe von ihm, sind blass und dienen lediglich als Füllmasse in einem dünnen Plot um Münchner Gastronomie. Die Idee, Frauen als unfähige Mütter, die sich von ihrer renitenten Brut auf der Nase herumtanzen lassen, zu zeigen, ist seit 20 Jahren Bestandteil vieler Familienserien und wird nicht origineller, wenn die Kinder Consuela und Hermes heißen.
Einzig der Marienplatz mit seinem Rathaus überzeugt.

Bei Moni‘s Grill schmeckt‘s wie in einer Wirtschaft, wo tief gefrorene Fleischpflanzerl aus dem Discounter in der Mikrowelle anbrennen und der Kartoffelsalat aus dem 5-Kilo-Eimer stammt. Statt visueller Wirtshauskultur ist diese Serie nur Boazn TV.

Neujahrsnacht 2016

Unaufgeregt aufgeregt unaufgregt

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Dieser Jahreswechsel versprach, ähnlich langweilig unspektakulär zu verlaufen wie in den vergangenen Jahren zuvor. Daheim, in Ruhe und so.
Mit meinem temporären Mitbewohner verbrachte ich einen trotz der Sorge um seinen Vater, den Hein, einen entspannten Abend, der so weit führte, dass ich mich sogar endgültig mit Willy Astor versöhnte. Wie es dazu kam, ist eine Geschichte, die hier gerade nicht reinpasst; aber vielleicht merke ich sie mir und gebe sie ein andermal zum Besten.

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Ist man so ohne Internet (im #2tHaushalt gibt es so etwas nicht, und ich wollte am letzten Tag des Jahres zwei Texte veröffentlichen, bin aber an zwei scheinbaren Free W-LAN-Stellen gescheitert – Technologiestandort Deutschland!), ist meinereiner überrascht, wenn ein mehreckiges Laufband über den (immerhin schon) Flachbildschirm läuft, dass auf einen Terroralarm in der Stadt hinweist.

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Da das Unterhaltungsprogramm nicht abgebrochen wurde, und „nur“ der Haupt- und der Pasinger Bahnhof geräumt wurden, verhielten wir uns dem Programm angemessen und amüsierten uns prächtig. Die Aufzeichnung wurde zweimal unterbrochen, als ein junger Mann, der den Eindruck erweckte, den Nachtdienst auf dem Account @BR24 zu bestreiten, die undankbare Aufgabe hatte, zusätzlich noch eine „Rundschau“-Sonderausgabe zu moderieren, in der nicht mehr tun konnte, als die Meldung auf dem Laufband in mehr als 140 Zeichen darzustellen. Das ist kein Spott, denn er tat uns leid, weil er einen verdammten Job verrichten musste, warten musste, bis ein „Wichtiger“ ihn ablöste, und sein Name nicht angezeigt wurde.
Dazwischen gab Gerhard Polt bei Willy Astor einen Nazi-Opa.
Kurz danach traten Andreas Bachmann (im Studio), und Oliver Bendixen auf den Plan und erläuterten die diffuse Lage, bevor Joachim Herrmann herrlich derangiert und fast schon sympathisch seine Erkenntnisse darlegte.

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Danach wagten wir uns raus. Dabei entstanden diese Bilder.

Spätestens an dieser Stelle gebührt ein Dank an die Damen und Herren, die den Twitteraccount @PolizeiMuenchen betreuen und pflegen. Sie versuchen den Ernst der Lage zu vermitteln, ohne Panik zu verbreiten, und verbreiten ihre Informationen noch mehrsprachig.
Für mich ist die Polizei Feindbild, und ich bin es für sie.

Jahresrückblicksfragebogen 2015

Dieses Jahr ist vor lauter Agonie und Lethargie so an mir vorbeigeplätschert, dass ich mich heuer auf ein paar wenige Fragen beschränke.

Zugenommen oder abgenommen?
Gefühlt abgenommen.

Haare länger oder kürzer?
Länger.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Gleitsichtgläser konnte ich ein weiteres Jahr aufschieben.

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Folglich auch weniger.

Mehr bewegt oder weniger?
Weniger.

Die gefährlichste Unternehmung?
Laut der Münchner Polizei und des Stadtrats der Besuch zweier Amateurederbys.

Der beste Sex?
Was?

Die teuerste Anschaffung?
Es bewegte sich alles im maximal zweistelligen Bereich.

Das leckerste Essen?
Das Gulasch, das ich im Herbst zubereitet habe, hat mich ziemlich begeistert.

Dein berührendste Film?
Ich bekam eine Kinoeinladung, die ich wegen anderer Verpflichtungen ausschlagen musste.

Das beste Lied?
Ich habe noch nicht mal „Hello“ von Adele gehört. Wie soll ich das also beantworten können? Im Ohr habe ich nur „Mia san ned nur mia“ von Dreiviertelblut. Es gibt Schlimmeres.

Das schönste Konzert?
Nicht sehr musikalisch, aber sehr eindrucksvoll: die „Badstuber“-Anfeuerungsrufe unmittelbar vor seiner Einwechslung nach langer Verletzung gegen den VfB Stuttgart.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Mir.

Vorherrschendes Gefühl 2015?
Scheiße.

2015 zum ersten Mal getan?
Zwei Menschen miteinander verkuppelt.

2015 nach langer Zeit wieder getan?
Einen anderen Menschen geduscht und andere Pflegetätigkeiten.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
In erster Linie auf mich und meine Unzulänglichkeiten.

2015 war mit einem Wort …?
Scheiße

2016 wird …?
Muss!

[2013, 2014]

Hessiche Befindlichkeiten

968. Tatort: Wer bin ich? (HR/Murot & Wächter)

[Der folgende Text entstand auf den ausdrücklichen Wunsch eines Lesers.]

Die Idee, den Darsteller Tukur des Tatort-Kommissars Murot während der Dreharbeiten in einen scheinbaren Mordfall zu verwickeln, ist originell wie hochtrabend. Der Grat, auf dem sich der Film im Film bewegt, ist indes sehr schmal. Es wir schnell abstrus, wenn der selbstironische Blick auf das Innenleben einer Fernsehspielredaktion mit den Befindlichkeiten kapriziöser Schauspieler in den Vordergrund rückt. Dass der Plot nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt, ist vor allem den hervorragenden Schauspielern zu verdanken, die sich mit einem Augenzwinkern gekonnt auf die Schippe nehmen. Besonders Martin Wuttke, der in diesem Film sein Können zeigt, das man in allen Leipziger Tatorten vermisste, und Michael Rotschopf als Redakteur Hochstätt brillieren. Die Darstellung der „richtigen“ Ermittler ist schon fast gemein. So schlecht angezogene Männer gibt es ansonsten nur in der Lindenstraße zu sehen.

Nach dem schwer zu überbietendem Meisterwerk „Im Schmerz geboren“ war die Fallhöhe groß. Dass sich die Beteiligten – Redaktion, Autor/Regisseur und Darsteller – für etwas vollkommen anderes entschieden, war nicht verkehrt. Es ist der Experimentierfreude der Fernsehspielredaktion des HR um Liane Jessen und Jörg Himstedt zu verdanken, dass sowohl aus Wiesbaden als auch aus Frankfurt keine Stangenware zu sehen ist. So schaue ich gelassener über eine schwächer Folge hinweg als über die x-te fad gewürzte Hausmannskost aus Ludwigshafen oder Leipzig, die für B*ld-RedakteurInnen und LeserInnen wenigstens keiner Erklärungen bedarf.

(7,5/10)

Mehr:Tatort-Fundus; Les Flâneurs; Keyflake: „Tatort – Zwischen Qualität und Quote