IAA (3): Immobility

Es waren nicht nicht nur die ausgestellten Autos, die die Stadt blockierten, sondern auch das Konzept und eine Politik, die im Schatten der Bolidenparade ein seltsames Verständnis moderner Mobilität ausdrückten. Darauf soll im 3. Teil der Rückschau eingegangen werden (Teil 1 & 2.)

Trügerische Idylle.

Es waren trotzdem einige Stadträt*innen in der Stadt, denn es wurde während der IAA Politik gemacht.
Der Feriensenat des Stadtrats beschäftigte sich mit dem ÖPNV. Publikumswirksam wurde beschlossen, die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zu beauftragen, ein U-Bahn-Nachtnetz für das Fahrplanjahr 2023 an Wochenenden im Halbstundentakt zu entwickeln. Dass das eigentliche Nachtnetz in seiner jetzigen Form mit auf den entscheidenden Routen dichten Takten lediglich ein paar Anpassungen benötigt, hat keine Relevanz, denn mia san Metropole. Dass einige Stadtteile (z.B. Allach, Riem) unter der Woche (und seit Ende 2020 auch am Wochenende) immer noch vom Nachtnetz abgehängt sind und das viele zu Randzeiten Berufstätige vor Probleme stellt, scheint nicht im Bewusstsein der politisch Verantwortlichen zu sein. Wer weniger Autos in der Stadt haben will, sei es stehend oder fahrend, muss den ÖPNV auch in den Randzeiten am Stadtrand verdichten – oder überhaupt erst einmal anbieten in einer Millionenstadt.
In derselben Sitzung wurde auch das Leistungsprogramm 2022 der MVG verabschiedet. Neben wenigen nicht aufzuschiebenden Verbesserungen (die Erschließung Freihams) beinhaltet es vor allem Verschlechterungen, die in erster Linie auf einen Lockdown mit Ausgangssperre in den Abend- und Nachtstunden fußen und ignorieren, dass auch in der Hauptverkehrszeit Busse wieder voller sind. Dass inzwischen viele Menschen abends wieder unterwegs sind, wird nicht wahrgenommen. Und es sind nicht nur feiernde, sondern auch arbeitende Fahrgäste, die erst nach 20 Uhr nach Hause oder vielleicht auf dem Heimweg noch in den Biergarten oder ins Wirtshaus gehen wollen.
Wenngleich dieser zeitliche Kontext nicht beabsichtigt gewesen sein mag, ist das Timing sehr unglücklich.

Schnappschuss: IAA ohne Auto.

Leider passt es zu den Worten von OB Dieter Reiter, der bei der Eröffnung der IAA meinte, dass „München erstmal nicht autofrei“ werde. Angesichts 700.000 Zulassungen gibt es sicher leichtere Unterfangen, noch dazu wenn von Land, Bund und Europa zu wenige Impulse für eine gute Verkehrspolitik kommen. Aber das klingt arg unambitioniert. Man bekommt oft den Eindruck, der Autofahrer sei ein zu beschützendes Opfer, sehr häufig muss die Krankenschwester dafür herhalten. Dass der BMW-Vorstandsvorsitzende Oliver Zipse bei derselben Veranstaltung unwidersprochen behaupten darf, dass Milbertshofen eine Diaspora irgendwo am Stadtrand und seine Firma mit öffentlichen Verkehrsmitteln quasi gar nicht zu erreichen sei, lässt einmal mehr am Willen zur Verkehrswende zweifeln. Milbertshofen wird durch eine U-Bahnlinie, zwei Expressbuslinien und sieben weitere Buslinien nicht so schlecht erschlossen.

Hinter dem schwarzen Zaun konnten im Hofgarten Fahrräder, E-Scooter, etc. ausprobiert werden

Dennoch gab es das Bestreben, der Automobilindustrie nicht komplett das Feld zu überlassen. Auf Antrag der Grünen wurde ein städtischer Mobilitätskongress ausgerichtet. Er hatte das hehre Ziel, zumindest in der Theorie die facettenreiche Verkehrswende zu beackern. Es ist richtig, als gastgebende Stadt ein paar Impulse als Gegengewicht zur dominanten Autoschau zu setzen. Nur: Welcher interessierte Mensch kann (und will) dafür vier Tage Urlaub nehmen, um daran teilzunehmen? Und warum wurde es wieder versäumt, außer dem ADFC seit Jahrzehnten in der Stadt engagierte Verkehrsinitiativen – AAN, Pro Bahn, VCD, etc. – einzuladen? Und warum reagiert man als Fraktion auf höflich formulierte Kritik so bräsig, wie es die Grünen taten? Wie die Hand zum kritischen Dialog erneut ausgeschlagen wurde, während natürlich ein Vertreter von BMW, weil man mit denen reden muss, auf dem Podium sitzen darf, ist ein ständig größer werdendes Ärgernis und sorgt für Frustration und Wut.

Blue Lane Road (im Hintergrund ein im Stau stehender Shuttlebus).

Der Messe und ihren Auswirkungen auf die Mobilität sollen auch noch ein paar Worte gewidmet werden. Der Radweg durch den Hofgarten wurde in eingeschränkter Form wieder freigegeben. Um den Königsplatz wenigstens zu Fuß zu überqueren, war ein Einlassbändchen notwendig. Am ersten offiziellen Ausstellungstag erstickte die Stadt im Stau. Meiner Wahrnehmung nach der größte seit Beginn der Pandemie – in den ansonsten vergleichsweise verkehrsarmen Sommerferien! Die „Blue Lane Road“ zwischen Königsplatz und Messe, lt. VDA eines „der absoluten Highlights“, sorgte für Immobility. Wer konnte, suchte sich alternative Routen. Das führte dazu, dass die Maximilianstraße bis zum Altstadtring so voll war, dass die Trambahn nur schwer vom Fleck kam. Ortsunkundige wichen auf den Mittleren Ring aus. Vor der Oper fuhren Autos unter passiver Aufsicht vieler Polizeibeamt*innen kreuz und quer. Der Shuttle, der zwischen Königsplatz und Messegelände von Bussen mit neuester Technologie betrieben wurde, stand spätestens ab dem Altstadtring im Stau. Mit einer sogenannten Mobiltätsmesse die komplette Stadt lahmzulegen, ist eine bemerkenswert reife Leistung! Der Fairness halber soll hier nicht unterschlagen werden, dass die Radsternfahrt am vergangenen Samstag für ein Tram-Rumpfnetz sorgte, wie es München zuletzt 1945 erlebt hat. Beim Bus ging auch nicht viel. Im Gegensatz zu 1945 fuhr aber die U-Bahn. Und das sogar ohne Baustellensperrung am Sendlinger Tor! Und die durch die Rad-Sternfahrt verursachten Behinderungen dauerten auch nicht zwei Wochen, sondern lediglich ein paar Stunden. Dass die MVG bis spät in den Abend hinein Taktlücken im Netz hatte, ist nicht den Organisator*innen der Demonstration anzulasten. Im vierten und vorletzten Teil gehe ich auf die politischen Konsequenzen ein, die auf diese aus dem Ruder geratene IAA zu folgen haben. Denn 2023 darf sich das nicht wiederholen!

IAA (2): Der Schutz des Autos vor den Menschen

Ist man vor der Wiesn vom sehr langen Aufbau irgendwann genervt, setzt ein paar Tage vor Beginn dann doch Vorfreude ein. Davon konnte bei der IAA nicht Rede sein. Die im ersten Teil beschriebene Blockade des öffentlichen Raums war nur der Anfang.

Wo ist die Feldherrnhalle?

„Wir haben verstanden.“ So warb Opel Anfang der der 1990er Jahre um Vertrauen, als das in die Modelle wegen vielen Fertigungsfehlern in den Keller ging. (Erholt hat sich der Konzern davon nicht wirklich.)
„Wir haben verstanden.“ So wirkte das Bestreben des VDA, sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu positionieren. Versprochen wurden Mobilitätskonzepte über das Auto hinaus, wovon sich München blenden ließ. Sie wurden wohl gezeigt. Aber nicht in der Stadt. Und wenn doch, dann sehr versteckt.
Der Parcours für Fahrräder, E-Scooter und was man auf zwei Rädern noch so anbieten kann, wurde tatsächlich in der Innenstadt gezeigt. Aber versteckt hinter einem schwarz verhängten Zaun im Hofgarten. Wer weiter als von 12 bis Mittag denkt, erkannte sofort, dass es nicht im Sinne des Automobillobbyisten war, alternative Fortbewegungsmöglichkeiten in zentraler Lage prominent zu positionieren. Aber es musste ja schnell gehen, um die IAA in München zu sichern.

Ein paar Meter weiter, am Odeonsplatz, leuchtete ein Stern, wie sonst nie ein Stern leuchtet. (Nicht einmal der Stern des Südens.) Der Stern leuchtete so stark, dass die (greislige) Feldherrnhalle und St. Kilian im Hintergrund verblassten. Zu sehen gab es auf zwei Ebenen SUV, andere PS-Vehikel – und ein Formel-E-Rennauto. So etwas in bester Lage vorzuführen, trauen sich nicht mal die mutigsten Poser auf der Ludwig- und Leopoldstraße. Und davon gibt es abends und an Wochenenden viele.
Am Wittelsbacher Platz stellte Audi ein „House of Progress“ hin. Alleine schon die Videoninstallation deutete darauf hin, sich um die der Öffentlichkeit suggerierten Demut einen Dreck zu scheren. Porsche zeigte unter dem Motto „E‘zapft is!“ am gleichen Platz seine neuen Autos. Hinter dem repräsentativen Schuppen konnte man wirklich Fahrräder für Probefahrten buchen.

Damit ja kein Amokradler oder aggressiver Fußgänger diese „Open Spaces“ stürmte, wurden sie zahlreich vom Sicherheitsdienst in gelben, blauen und roten Westen vor dem sozialneidischen Pöbel geschützt. (Die mit weißen Westen waren für die Einhaltung der Hygieneregeln zuständig.) Ich habe mich nicht mal getraut zu rülpsen.

Wie schon zur letzten IAA in Frankfurt kündigte sich bundesweiter Protest während der Messe an. Sowohl die Stadt als auch das Land zeigten von Anfang sehr deutlich, dass er im Gegensatz zu im öffentlichen Raum gezeigten Autos nicht willkommen ist.
Das Bündnis Sand im Getriebe wollte auf der Theresienwiese ein Klimacamp errichten, in dem Protestierende aus dem gesamten Bundesgebiet Platz finden sollten. Ende Mai beim Kreisverwaltungsreferent angemeldet dauerte es über drei Monate und ein paar Verfahren, bis das Camp in abgespeckter Form genehmigt wurde. Dass das KVR etwas gegen in den Boden geschlagene Nägel hat, um Zelte zu befestigen, war dann auch dem Gericht zu albern. Das Klimacamp sollte noch weitere Repressalien erfahren.
Man sollte auch nicht auf die Idee kommen, auf Autobahnen gegen eine Verkehrspolitik zu demonstrieren, die das Auto bevorzugt. In mehreren Instanzen gelang es den zuständigen Behörden zu verhindern, für die vom Bündnis IAA-Demo geplante Radsternfahrt nach und in München auch die A94 und A96 zu nutzen. Man müsse schon gegen einzelne Autobahnen demonstrieren, um sie dafür nutzen zu können. Dass es möglich ist, tagelang auf Fußgänger*innen vorbehaltenen Plätzen Autos zu präsentieren, ist nicht nur in diesem Kontext kaum nachvollziehbar.

Die bürokratischen Fesseln sollten nicht das einzige Hindernis, Grundrechte auszuüben, sein.
Joachim Herrmann hatte es angekündigt: mit 4500 eingesetzten Beamt*innen werde die IAA der größte Polizeieinsatz in München seit 20 Jahren. In der Politik wird viel versprochen und aus verschiedenen Gründen (gerne mit Koalitionszwang begründet) gehalten. Verspricht jedoch ein bayerischer Innenminister Polizei, gibt es Polizei! Schließlich muss das Auto vor den Menschen geschützt werden (und nicht etwa umgekehrt). Damit auch Alle wissen, wo der Hammer hängt, wurden im großen Rahmen die Möglichkeiten des Polizeiaufgabengesetzes ausgeschöpft. Sich von einem Wegweiser auf der Autobahn abzuseilen, mag gefährlich sein. Aber rechtfertigt es eine Präventionshaft bis zum Ende der Messe? Journalist*innen wurden an der Arbeit gehindert, mit Platzverweisen versehen und beleidigt. Anders ausgedrückt: „Die Befürchtungen aus den großen Protesten gegen das PAG scheinen sich zu bewahrheiten“, so der anwaltliche Notdienst.
Damit die Teilnehmer*innen des Klimacamps nicht auf dumme Gedanken kommen, errichtete die Polizei in unmittelbarer Nähe eine Gefangenensammelstelle.
Der persönliche Tiefpunkt war für mich am Freitag erreicht, als ich im Stadtgebiet überwiegend Sirenen und Hubschrauberkreisen wahrgenommen habe. Ich fühlte mich an das OEZ-Attentat erinnert, als als es wirklich eine bedrohliche Lage gab.

Mit jedem Tag Autoschau unter Polizeischutz wurde das laute Schweigen vor allem der Stadtspitze und anderen Kommunalpolitiker*innen unerträglicher. Zumindest der Oberbürgermeister und seine erste Stellvertreterin, die laut Aufgabenteilung für Mobilität zuständig ist, waren in der Stadt. Bis auf ein paar Allgemeinplätze, die keinen Bezug auf das Geschehen in der Stadt nahmen, war von ihnen nichts zu vernehmen.
Es ist nichts anderes als ein Satz aus dem Baukasten, wenn die 2. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden verlautbaren lässt, dass friedlicher Protest möglich sein müsse. Es wirkt wie ein Hohn, wenn OB Reiter seine Zufriedenheit mit der Messe zum Ausdruck gibt.
Bis auf das von Herrmann aufgezeichnete diffuse Szenario gab es keine Anzeichen dafür, dass Extinction Rebellion & Co. die Stadt in Schutt und Asche legen wollten. Natürlich sind Oberbürgermeister, Bürgermeisterinnen und Stadträt*innen nicht für die vom Innenministerium angeordneten Polizeieinsätze verantwortlich. Womöglich wurde Einigen erst klar, welche Folgen ihr Votum hat, als sie sahen, was in der Stadt mit ihrer Erlaubnis angerichtet wurde. Das würde erklären, warum als höchster Repräsentant nur Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner von den in der Stadt aufgestellten Videostelen grinste. Das rechtfertigt jedoch nicht das vollkommene Abtauchen. Es sei die Anmerkung erlaubt, dass der Protest gegen die von der Staatsregierung angeordnete Maskenpflicht in Grundschulen schneller und vehementer war als der Widerstand gegen dieses Treiben. So dauerte es bis Samstag, als sich mit der SPD-Fraktionsvorsitzenden Anne Hübner erstmals eine Stadträtin zu Wort meldete. Danach gab es auf Twitter noch innerkoalitionäres Scharmützel.
Ansonsten wurde bis heute nicht ein Wort darüber verloren, dass aus der Stadt eine Festung, wie ich es zuletzt beim Weltwirtschaftsgipfel 1993 erlebt habe, gemacht wurde. Es wurden Grundrechte mit Schlagstöcken, Pfefferspray, Gefährder*innenansprachen und Präventionshaft bekämpft.

Keine verbale Solidarität mit friedlich Demonstrierenden und einer in Sippenhaft genommenen Bevölkerung zu zeigen, ist feige und erbärmlich. Es ist einer sich als offen, liberal gebenden und sich zumindest auf dem Papier einer Verkehrswende verpflichtet fühlenden Politik unwürdig. Das laute Schweigen sät Misstrauen und verstärkt den Glauben, dass vor allem das Recht des finanziell Stärkeren gilt und Schutz genießt.

Im dritten Teil erwähne ich, dass während der IAA dennoch Politik gemacht wurde und die Mobilität stark eingeschränkt war.

IAA (1): Der erlaubte Vandalismus des VDA im öffentlichen Raum in Zeiten der Verkehrswende

Die selbsternannte „IAAmobilty“ 2021 in München ist Geschichte. Es ist notwendig darauf zurückzublicken, wie die Leistungsschau des Verbandes der Automobilindustrie nach München kam, was ihm zugesichert wurde, wie sich die Messe auf das Stadtleben auswirkte und was aus dem Desaster zu folgen hat.
Im ersten Teil konzentriere ich mich auf den Zeitpunkt zwischen Vergabe und Aufbau.

Beschilderung am Karolinenplatz, die auf das Fahrradverbot am Königsplatz hinweist.

Keine Fahrräder über den Königsplatz!

Frankfurt, zwischen 1953 und 2019 Austragungsort der IAA war nach der letzten Schau verbrannt. Zu viele Proteste und ein Oberbürgermeister, der sich erkennbar nicht als Freund der Bolidenparade zeigte (und folgerichtig „aus Zeitgründen“ keine Grußworte zur Eröffnung entsenden durfte), veranlassten den Veranstalter zum Umdenken. Man fraß Kreide und suggerierte Einsicht, indem man versicherte, verstanden zu haben und Mobilität nicht nur auf das Auto zu beschränken. Zur Diskussion standen einige Städte, München war neben Berlin und Hamburg von Anfang in der engeren Wahl.
In München zeigte man sich von Beginn an sehr offen, begreift man sich hier nicht nur wegen eines ansässigen Automobilkonzerns als Stadt, in der das Auto angemessen Platz haben muss. So beschloss der Stadtrat wenige Tage, bevor der neue vereidigt wurde, in geheimer Sitzung des Feriensenats, die IAA für die Jahre 2021 und 2023 nach München zu holen und segnete Verträge mit der Messe GmbH und VDA ab, deren Inhalte erst 16 später Monate teilweise sichtbar wurden.
Wesentlicher Bestandteil dieses Beschlusses war, dem VDA öffentlichen Raum in Form von sogenannten Open Spaces in bester Lage zur Verfügung zu stellen – und das Hausrecht zu übertragen. „Wir mussten rasch entscheiden, da die Messe die Verträge abschließen will“, begründete SPD-Fraktionsvize Christian Vorländer das Vorgehen. Die Grünen trugen diese Entscheidung mit.
Nach einem Wahlkampf, in dem die Verkehrswende einer der thematischen Schwerpunkte war und Bestandteil der Koalitionsvereinbarung zwischen Grünen/Rosa Liste und SPD/Volt ist. Eine Beschwerde des scheidenden grünen Stadtrats Herbert Danner bei der Regierung von Oberbayern wurde abgeschmettert, Kritik von BN und ADFC verhallte ungehört.

Fahrradverbotsschild am Odeonsplatz vor dem Hofgarten

Hinweis auf das Fahrradverbot im Hofgarten

Danach passierte nicht viel.
Der angekündigte Verkehrswende folgte immerhin der Beschluss, den von der Bevölkerung gewünschten Radentscheid umzusetzen. Als Vorlauf entstanden ein paar „Pop-Up-Radwege“, die an einigen Stellen Radfahrenden mehr Platz, aber nicht unbedingt mehr Sicherheit geben, weil Abbiegespuren für Autos auf zur Verkehrsberuhigung vorgesehen Straßen (Elisenstraße), dann doch wichtiger sind. Es wurden ein paar Straßenbahn-Neubaustrecken beschlossen. Von den in der Planung eigentlich weit fortgeschrittenen Nord- und Westtangente vernimmt man bis heute nichts. Bei den seit Jahren zum Beschluss vorliegenden Busspuren beließ man es bei homöopathischen Dosen. An Ausfallstraßen wie den Frankfurter Ring traut man sich immer noch nicht ran. Dafür wurde die in der Wirkung vergleichsweise sinnlose und vor allem teure Verlängerung U5 nach Pasing fixiert – ohne zu wissen, ob es dafür wirklich Zuschüsse vom Bund gibt.
Währenddessen wurde Ende des Jahres das Angebot im ÖPNV reduziert. Im Zuge der wegen der Pandemie verhängten abendlichen Ausgangssperre war es nachvollziehbar, den Takt 10 bis 10 auf Tram- und Metrobuslinien auszusetzen und den Nachtverkehr an den Wochenenden auf einen Stundentakt auszudünnen. Zurückgenommen wurde die Reduzierung bis heute nicht.
Auf Druck von BMW wurde der bereits per Koalitionsvereinbarung begrabene Verbindungstunnel von der A99 zur Schleißheimer Straße wieder ausgegraben; bei den Grünen vertritt man mindestens die Ansicht, mit BMW reden zu müssen.

Blick von der Brienner Straße auf den Wittelsbacher Platz, der für die IAA zugebaut wird.

Wo sind Kurfürst Maximilian und sein Pferd?

Anfang dieses Jahres, als sich das öffentliche Leben überwiegend auf Arbeitswege beschränkte, meinte Oberbürgermeister Dieter Reiter, dass die IAA nicht stattfinden könne, wenn das Oktoberfest abgesagt werden müsse.
Es kam anders, wie wir heute wissen.

Vor 14 Tagen erfuhr dann die Bevölkerung, wie sich die IAA in der Stadt und auf ihre Mobilität auswirkt. Der Querung des Königsplatzes wurde für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen gesperrt, der Hofgarten, immerhin eine Hauptroute im Fahrradnetz, dicht gemacht, die über den Odeonsplatz fahrenden Buslinien wurden am Altstadtrig gekappt. Die sich geläutert gebende „IAAmobilty“ sorgte dafür, dass vor allem umweltfreundliche Mobilität massiv eingeschränkt wurde.
Am Königsplatz, Odeonsplatz, Max-Joseph-Platz, Wittelsbacher Platz und Marienplatz begann der umfangreiche Aufbau der sogenannten Open Spaces. Den Olympiapark auch noch dafür zu missbrauchen, konnte verhindert werden. Es zeigte sich sehr schnell, dass sie nichts anderes als Wagenburgen der Automobilindustrie sind. Das historische Ensemble durfte nicht mal mehr Kulisse sein, weil es ohne ohne Rücksicht auf Verluste zugebaut wurde. Da die Stadt ihr Hausrecht aus der Hand gab, war es fortan privaten Sicherheitsdiensten als Exekutive erlaubt, im Auftrag der „Legislative“ VDA meistens unfreundlich darauf hinzuweisen.

Furt für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen am Finanzministerium – lebensgefährlich!

Mit Erlaubnis des Stadtrats und der Verwaltung durfte der Veranstalter Vandalismus im öffentlichen Raum betreiben. Das hat man so noch nie gesehen!
In Zeiten, in der neben der Verkehrswende der öffentliche Raum immer mehr Gegenstand öffentlicher Debatten wurde. Eine notwendige Debatte, die durch Corona und damit immer noch verbundene Schließung von Clubs an Dynamik gewonnen hat. Mit vielerlei Restriktionen – Füllstandsanzeigen, Alkoholverbot, Glasflaschenverbot, Räumungen – wurde und wird der Aufenthalt im öffentlichen Raum erschwert. Der sinnvolle Beschluss, an Wochenenden abends die Ludwigstraße für den Autoverkehr zu sperren, um Feiernden fern von Anwohner*innen Platz zu geben, wurde von der Verwaltung mit dem Hinweis, man benötige Veranstaltungen, um das zu ermöglichen, gekippt. Im Stadtrat beschränkte sich man darauf, der Staatsregierung die Schuld daran zu geben und legte danach die Hände in den Schoß. Ideen (z. B. eine Impfmeile), wie man diese Regelung subtil umgehen kann, ohne den Kommerz im öffentlichen Raum zu fördern, wurden nicht entwickelt oder ignoriert. Man überlässt es weiterhin Feiernden, Anwohnenden und Polizei, die Problematik zur Unzufriedenheit aller Parteien zu managen. Der an verschiedenen Orten stattfindende und von vielen Bürger*innen dankbar angenommene „Sommer in der Stadt“ als Ersatz für Dulten, kleine Volksfeste und Oktoberfest wurde heuer bereits an einigen Plätzen Ende August beendet. Für den „Kultursommer“ entlang der Erhardstraße konnte man nicht mal ein oder zwei Fahrspuren sperren, so dass er entlang des Autoverkehrs ein Mauerblümchen-Dasein führte.
Darüber hinaus hat man nach anderthalb Jahren Geisterspielen Fußballfans im öffentlichen Raum als das wahre Problem ausgemacht und änderte auf Druck der Verwaltung die Stadionordnung, indem jedes Heimspiel des TSV 1860 München zum Risikospiel erklärt und damit Nutzung öffentliche Raums eingeschränkt wurde.

Erhardstraße, dahinter „Kultursommer“

So sieht der im Wahlkampf gern betonte „Gestaltungswille“ nicht aus. Im Gegenteil: diese Passivität fördert Politikverdrossenheit. Sie wird verstärkt, wenn für eine große kommerzielle Veranstaltung im öffentlichen Raum die Stadt mehr oder weniger verbarrikadiert wird, während vor allem junge Menschen schauen müssen, wo sie bleiben.

Die Tiefgarage am Max-Joseph-Platz blieb befahrbar

Während die IAA den gekauften öffentlichen Raum für sich einnahm, tauchten viele Stadträt*innen, die sich auch im wohlverdienten Urlaub gerne auf Social Media zeigen und äußern, ab. Lediglich Stadträt*innen, die nicht für diese Entscheidung stehen, äußerten sich. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass VDA und Messe GmbH nicht nur die Deutungshoheit über öffentlichen Raum in zentraler Lage gewonnen haben, sondern in der gesamten Stadt durchregieren konnten.

Das Desaster nahm seinen Lauf. Darauf gehe ich im zweiten Teil ein.

Die kleinen Dinge: das Überraschungsei

Am vergangenen Freitag durfte ich in eigener Sache ins Impfzentrum fahren. (Darüber werde ich hier noch berichten.) Im Gegensatz zu den Terminen, bei denen ich meine Nachbarin begleitete, fuhr ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an den östlichen Rand der Stadt.

Hinter dem Hauptbahnhof stieg ein regelmäßiger Gast des Heimatstern zu. Also keiner, der auf der Sonnenseite des Lebens steht. Er entdeckte mich zuerst, bevor ich ihn nicht nur wegen seines freiwilligen Haarwuches nach einem halben Jahr wiedererkannte. (Steht ihm übrigens sehr gut!)
Während der fünf, sechs Stationen unterhielten wir uns angeregt. Er kam gerade vom Heimatstern mit einer Tüte voller guter Sachen, für die Menschen, denen es besser geht und das bewusst ist, gespendet haben. Es sei sehr viel los gewesen. Aber es habe genügend für Alle gegeben. Er wirkte gut gelaunt und erleichtert darüber, in den nächsten Tagen eine Sorge weniger zu haben. Ja, die Armut ist im vergangenen Jahr nochmal offensichtlicher geworden. Zumindest nehme ich das auf den vielen Spaziergängen wahr.
Er freute sich mit mir über meinen Impftermin. Und ich freute mich, dass es ihm offenbar verhältnismäßig gut ging. Es waren sehr schöne sieben, acht Minuten.

Kurz bevor er ausstieg, griff er in seine Tüte. „Ich hab etwas für Dich.“ Ich guckte überrascht. Freudig drückte er mir ein Überraschungsei in die Hand. „Das habe ich heute beim Heimatstern bekommen.“ Ich konnte und wollte das nicht annehmen und gab ihm das auch so zu verstehen. „Doch, das musst Du annehmen. Denn nach dem Impfen brauchst Du Zucker!“ Dem Argument konnte ich mich nicht verschließen. Und wenn jemand geben will, wird er seine guten Gründe haben.

Das Überraschungsei habe ich Zuhause sehr genussvoll gegessen. Ich bin über dieses Geschenk aus vollem Herzen immer noch sehr gerührt. Man kann Hab und Gut und verlieren oder nie welches gehabt haben. Dass er darüber nicht seine Empathie verloren hat, beeindruckt mich sehr. Nach ein paar Nachmittagen beim Heimatstern, die dunkle wie helle Seite des Lebens parallel zeigen, weiß ich, dass er nicht der einzige ist, der Freude teilen kann. Selbstverständlich ist es für mich nicht, weil ich jede Frustration und Resignation von Menschen, denen das Leben nicht nur einmal den Mittelfinger gezeigt hat, nachvollziehen kann.

Man bekommt immer etwas zurück. Nicht unbedingt sofort, nicht unbedingt, wenn man es erwartet. Aber es kommt der Moment. Man muss ihn nur festhalten und genießen. So wie am vergangenen Freitag.

Impfzentrum zum Zweiten

Drei Wochen waren letzten Donnerstag seit der ersten Butterfahrt ins Impfzentrum vergangen. Es war 20 Grad wärmer und die Abläufe sind inzwischen darauf ausgerichtet, nach Erst-und Zweitimpfungen zu unterscheiden.

Dass wir dank unseres bestens vorbereiteten Chauffeurs unbeabsichtigt zu früh vor Ort waren, war kein Problem. Ein spontanes Sonnenbad auf dem Rollator vor der Halle, um den Ablauf nicht durcheinander zu bringen, war nicht notwendig. Wir durften nach Rücksprache mit einem der Ordner vor dem Zelt eine viertel Stunde vor dem via E-Mail festgelegten Termin rein.

Es wird mehr geimpft. Diesen Schluss ließ zumindest die vergleichende Beobachtung zu. Es gibt getrennt Eingänge für Erst- und Zweitimpfung. Die Schlange vor den vor der Hallen aufgebauten Zelten war weitaus langer als vor drei Wochen. Aber nicht für die Menschen, die für ihre Zweitimpfung angereist sind. Wir rauschten an der Menge vorbei und waren schon nach drei Minuten im System aufgerufen, bevor Erstzuimpfende die Halle gesehen haben.

Dass der Impfpass in den Wirren des zwischenzeitlich stattgefundenen Umzugs verschütt gegangen war, war zum Glück kein Problem. Ihn dabei zu haben, ist dennoch hilfreich: man bekommt nämlich einen schönen Aufkleber.
Da der Begleiter der Nachbarin und Autor dieser Zeilen unabhängig davon die Unterlagen zur Erstimpfung vergessen hatte, mussten wir eine kurzen Umweg für ein Formular mit Unterschrift (Allergien, Vorerkrankungen, Medikation, etc.) einlegen. Dass die Daten nicht gespeichert waren, überraschte mich. Aber wir leben in Deutschland, wo Digitalisierung immer noch schwierig ist, und der Datenschutz an unerwarteter Stelle bedeutsam wird. Es ging dennoch sehr schnell, und die Dame hinter der Scheibe, auf die ich später noch zu sprechen komme, reagierte gelassen wie freundlich.

Nach diesem kurzen Umweg setzte ein kurzer Stau ein, der uns nicht beunruhigte, aber die Ordner*innen irritierte. Scheint eher selten zu sein. Die eine oder andere leise murrende Stimme war in der Schlange, über die die A9 in der Hauptverkehrszeit nur müde lächeln kann, zu vernehmen.
Kurze Zeit später löste sich der Stau auf, und wir flutschten in den großzügig gestalteten Bereich vor den Impfkabinengängen, von denen es vier à 15 Kabinen gibt.

Da es noch nicht so viele Menschen gab, die sich auf ihre unmittelbar bevorstehende zweite Impfung freuen durften, dauerte es ein paar Minuten, bis meiner Nachbarin die Kabine zugewiesen wurde. Nachdem das Problem mit einem zerknitterten QR-Code gelöst wurde, ging es sehr schnell und die zweite Impfung in den linken Oberarm gespritzt.
Nach einer viertel Stunde im Wartebereich waren wir nach 55 Minuten – wie bei der Erstimpfung – wieder am Parkplatz.

Die Nachbarin klagte bis auf Müdigkeit, die aber auch der Aufregung geschuldet sein konnte, nicht über Nebenwirkungen.

Sich bei den haupt-, neben- und ehrenamtlichen Helferinnen zu bedanken, scheint nicht selbstverständlich zu sein. Eine MFA – die Dame, bei der wir einen Umweg für zwei Unterschriften einlegen mussten – bekam plötzlich rote Wangen, als wir uns bei ihr für die Umstände, die wir ihr dank meiner Schusseligkeit bereitet hatten, entschuldigten und bedankten. Wir trafen sie beim Rausgehen, als sie eine wohlverdiente Pause machte, noch einmal und unterhielten uns kurz.
Die im Impfzentrum Arbeitenden können nichts für das lausige Pandemie-Management vonseiten der Stadtverwaltung und der Politik. Sie geben ihr Bestes und sind dabei noch geduldig und freundlich.

Wenngleich aus nachvollziehbaren Gründen Viele mit dem Auto zum Impfen fahren oder gefahren werden, macht der Impfexpress 99 einen sehr gut gefüllten Eindruck. Vielleicht ist es sinnvoll, diese Linie auf 5 Minuten zu verdichten, damit sich die zu Impfenden nicht vorher noch im vollen Bus anstecken.

In der Zwischenzeit warte ich auf meinen Impftermin.

Butterfahrt ins Impfzentrum

Seit Ende letzter Woche wird im
Impfzentrum an der Messe
endlich geimpft. Inwieweit es sinnvoll ist, ausgerechnet Ältere an den Stadtrand zu schicken, kann man streiten. Aber für so ein Unterfangen notwendige sehr große Räumlichkeiten gibt es in zentraler Lage nicht.
So viel vorneweg: die Abläufe sind sehr gut organisiert.

Nachdem ich am Freitag Abend meine Nachbarin via E-Mail für die Impfung registriert habe, bekamen wir gestern früh die Benachrichtigung, dass wir bereits heute den ersten Termin haben. (Ein späterer wäre möglich gewesen.) Ein Bekannter hatte angeboten, uns dorthin und nach Hause zu fahren. Ein Angebot, das wir dankend annahmen, denn die Anreise mit U-Bahn und Bus wollte ich ihr nicht zumuten.

Auf der A94 ist das Impfzentrum ausgeschildert; fährt man von der Autobahn zur Paul-Henri-Spaak-Straße ab, ist nicht eindeutig, wohin man muss. Nach einer Ehrenrunde ist klar: nach links!
An Tor 17 bekommt man seinen Parkplatz zugewiesen. Vor dort sind es wenige Meter bis zum Haupteingang. Den lässt man aber links liegen, sondern begibt sich entlang der blauen Absperrbänder zu den daneben aufgestellten Zelten. Davor ist auch die Haltestelle zum Impfexpress 99 der MVG.

Da ich nach den gestrigen Schlagzeilen eine längere Schlange erwartete und das Thermometer knackige -7 Grad anzeigte, zog ich es vor, zwei Strumpfhosen anzuziehen. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es gab keine Schlange. Vor Betreten des Zeltes wurde meine Nachbarin gefragt, ob sie einen Rollstuhl benötige. In gemäßigtem Tempo ging es durch das beheizte(!) Zelt direkt in die Halle.
Im Eingangsbereich ist ein bisschen was los; es ist mit dem Boarding am Flughafen vergleichbar. Es sind sofort Mitarbeiter*innen zur Stelle, die einen freundlich darauf hinweisen, wo man sich aufbauen soll.

An der ersten Station wird festgestellt, ob man auch wirklich dran ist, bekommt Fieber gemessen und durch das mit blauen Bändern abgetrennte und weiß-blauen Pfeilen gekennzeichnete Labyrinth Anmeldestraße geschickt. Sie ist auf größeren Ansturm vorbereitet, den es heute nicht gab. Man muss halt ein bisschen laufen, mehr nicht.

An der zweiten Station, dem Check-In, werden die für eine Impfung nötigen Formalitäten erledigt. Allergien, Herzschrittmacher, Vorerkrankungen, etc. Wer zur ersten zu impfenden Gruppe gehört, muss man keine gesonderten Atteste über Erkrankungen vorlegen (wir hatten eines dabei). Das Alter gilt.

An der dritten Station muss man diverse Blätter zu Vorerkrankungen ausfüllen und Erklärungen zum Impfstoff und möglichen Nebenwirkungen unterschreiben. Wer damit alleine überfordert ist, bekommt durch Mitarbeiter*innen Unterstützung. Die Fragen zu möglicher Schwangerschaft und Stillen amüsierten die Nachbarin.

An der vierten Station wird‘s ernst: es wird geimpft! In der Impfkabine wird man vorher noch einmal gefragt, ob alles in Ordnung sei. Eine Begleitperson darf unter Einhaltung der Abstandsregel dabei sein. Nach zwei Minuten ist es vorbei.

Die fünfte und letzte Station ist der Wartebereich nach der Impfung, in dem man sich eine viertel Stunde aufhalten soll. Er ist so bestuhlt, dass eine Begleitperson neben der nun geimpften Person sitzen kann. Sollte Unwohlsein oder medizinisch Schlimmeres einsetzen, sind Rettungssanitäter*innen sofort zur Stelle.

Nach der Viertelstunde geht es wieder nach draußen.Wir benötigten von der Ankunft bis zum Ende 55 Minuten. Es gab keinerlei Hektik oder Gedränge. Es lief alles in entspannter Atmosphäre ab.

Es gibt im Pandemie-Management zurecht sehr viel zu kritisieren. Wären die Abläufe so vorausschauend wie im Impfzentrum organisiert, wäre der Wahnsinn besser zu ertragen.
Die Mitarbeiter*innen sind frei von ansteckender Hektik, aufmerksam und sehr freundlich – und freuen sich übrigens, wenn man sich bei ihnen bedankt. Als wir nach der Impfung die vorgegebene viertel Stunde im Wartebereich saßen, meinte die Nachbarin, dass der Ausflug wie eine Butterfahrt gewesen sei.
Um es mit Google zu sagen: Top Service, gerne wieder! *****/*****
Weil es so gut war, wiederholen wir den Ausflug ins Impfzentrum in drei Wochen!

Es ist hilfreich, wenn gerade mobilitätseingeschränkte Ältere begleitet werden. Die Anreise – ich schreibe es sehr ungern – mit dem Auto ist der mit dem ÖPNV vorzuziehen. Der mit An- und Abreise gut zweieinhalb Stunden dauernde Ausflug ist eine wunderbare Abwechslung vom Home-Office!
Es reicht vollkommen, zehn Minuten vor dem Termin da zu sein. Wenn sich Alle daran halten, gibt es keine Schlangen, Hektik und Schlagzeilen.

Baustellen: Das Volk sieht nichts

Die Stadt verändert sich. Das tut sie wahrscheinlich seit Jahren. Wahrscheinlich schon immer. Wahrscheinlich ist es dem fortschreitendem Alter geschuldet, das einen glauben lässt, nur noch von Kränen, rot-weißen Plastik-Gefahrenabwendern und Baulärm umgeben zu sein, kurz: dass nur noch gebaut wird. Seit eineinhalb Jahren und in den kommenden zehn Jahren keinen Hauptbahnhof zu haben, mag den Eindruck verstärken. Eine von außen unveränderte Baulücke vermittelt wiederum den Eindruck den Eindruck, dass sich die Stadt doch nicht so sehr verändert.

Vielleicht sind gar nicht die vielen Baustellen das Problem, sondern deren Gestaltung. Meterhohe Mauern verhindern jeglichen Einblick. An den Zufahrten steht Sicherheitspersonal, das einen im Blick hat, wenn man sich ihm nähert, und böse wird, wenn man den Photoapparat oder das Handy auspackt, um den kurzen Moment einer offenen Einfahrt für ein Bild festzuhalten. Denn sonst sieht man ja nix.
Das Gebaren wird noch unverständlicher, wenn es sich um Baustellen handelt, in die Steuergelder fließen. Und die obendrein nicht mal die ungeteilte Zustimmung in der Bevölkerung haben.
Exemplarisch dafür steht der der Elisabethmarkt, dessen Neubau im Viertel bis zuletzt heftig bekämpft wurde. Nach dem Abriss im Herbst ziert die Baustelle inklusive der geplanten Tiefgarageneinfahrt eine hohe gelbe Mauer um das gesamte Areal. Nicht einmal Sehschlitze auf verschiedenen Höhen, damit Erwachsene und Kinder schauen können, was da gerade so passiert, gibt es.
Genauso verhält es sich an zwei Baustellen für die zweite S-Bahn-Stammstrecke am Marienhof und am Hauptbahnhof. Abriegelt wie der BND in Pullach. Mitten in der guten Stube. Dass es am Marienhof eine an drei Tagen für jeweils vier Stunden zugängliche Aussichtsplattform gibt, darf nur eine Zugabe sein. Zur Zeit wird sie wegen der Pandemie aus nachvollziehbaren Gründen gar nicht geöffnet. So bleibt einem nur die hohe Mauer mit Simulation, wie es dereinst am Marienhof 2028, 2030, 2032 oder vielleicht gar nicht aussehen wird. Am Bahnhofplatz kann man sich der Baustelle gar nicht annähern, weil der Autoverkehr – warum auch immer – daran vorbeifließen muss. Eine hohe blaue Wand weist darauf hin, dass es zwar keinen Hauptbahnhof, aber wenigstens Züge, die von verschiedenen Gleisen abfahren, gibt.Ansonsten muss der weiße Schaukasten in der Haupthalle ausreichen.

Gewiss gelten heute andere Vorschriften zur Sicherheit auf Baustellen Arbeitender und zum Schutz der daran Vorbeigehenden als vor 25 oder oder 50 Jahren. Dass Menschen reihenweise in offene Gruben der zahlreichen U-Bahnbaustellen im Stadtgebiet fielen, ist jedoch nicht überliefert. Der einzige größere Unfall datiert aus dem Jahr 1994, als man bei der Planung der U-Bahn zur Messestadt die Kieslandschaft in Trudering falsch eingeschätzt hat, die als Krater in die Stadtgeschichte einging.
Wie Transparenz funktioniert, weil es wegen des laufenden Betriebs gar nicht anders geht, sieht man an der Sanierung des U-Bahnhofs Sendlinger Tor.

Wenn Verständnis vor allem für mit öffentlicher Hand finanzierte Baurojekte geweckt werden soll, ist es wichtig, die Baustellen im Rahmen der Schutzverordnungen so zu gestalten, dass die Bevölkerung den Baufortschritt vor Ort verfolgen kann. Mauern ohne Sehschlitze, die für „Das Volk sieht nichts“ stehen, tragen dazu nicht bei, Nicht nur Kinder, für die Bauarbeiter*innen Held*innen sind, freuen sich über diese Form der Transparenz.

Emanzipation im Treppenhaus

Eine Würdigung der Serie Die Hausmeisterin

Vergangenen Freitag freute sich @MintzePfeffer über Frauen, die spontan ein Impulsreferat über Die Hausmeisterin halten können. Das sind gute Menschen! Ich gehe sogar so weit, dass sich in München Lebende erst als Münchner:in bezeichnen dürfen, wenn sie Die Hausmeisterin (natürlich auch Münchner Geschichten, Monaco Franze, und Kir Royal) gesehen haben. Beim Stöbern im Netz stellte ich feste, dass der Bayerische Rundfunk die Serie ab kommenden Montag wöchentlich mit Doppelfolgen wiederholt.
Das gibt mir die Gelegenheit, die Serie zu würdigen.

Natürlich ist es eine Serie über München, speziell aus Haidhausen, wie auch der Untertitel verrät. Es gibt sehr viele Außenaufnahmen, wie man sie heute aus finanziellen Gründen in Serien leider nicht mehr zu sehen bekommt. Man bekommt einen Eindruck von Haidhausen, wie es von der Bevölkerungsstruktur schon vor 30 Jahren nicht mehr so war, wie dargestellt. Aber ein wenig verklärende Nostalgie darf es in einer Unterhaltungsserie schon sein. Es ist auch ein Wiedersehen mit vielen beliebten, einigen inzwischen verstorbenen Schauspieler:innen, die noch ein Bairisch sprechen wie man es im Viertel vereinzelt, zum Beispiel in der Metzgerei Vogl, noch hören kann, und das nicht so künstlich klingt wie in Lansing.

Aber Die Hausmeisterin ist auch eine Serie von Frauen über Frauen! Die Drehbücher stammten von Cornelia Willinger, Regie führten überwiegend Frauen, die Produzentin war Pia Arnold, und die Hauptfigur ist (natürlich) eine Frau. Das gibt der Serie einen Fokus, der selbst für heutige Verhältnisse immer noch nicht selbstverständlich ist.

Die erste Folge beginnt damit, dass sich die Hauptfigur Martha Haslbeck von Josef scheiden lässt. Sie lässt sich von ihm scheiden, nicht er von ihr! Dass ihm die Scheidung gelegen kommt, weil er damit ohne eigenes Zutun für sein Ilse-Hasi frei ist, spielt eine untergeordnete Rolle.
Damit wird am Anfang gezeigt, wo es langgeht. Martha Haslbeck, eine Frau die zwischen Mitte 40 und Anfang 50 ist, beginnt ein neues Leben, das ihr nach der Scheidung zunächst einige Hürden zumutet. Die Stelle der Hausmeisterin in der Balanstraße, die sie schon als Gattin an Josefs Seite mehr oder weniger alleine ausfüllte, bekommt sie zunächst nur auf Probe. Da das Geld nicht zum Auskommen reicht, arbeitet sie sogar als Tankwart, um über die Runden zu kommen und ihre das Geld verprassende Tochter mit zu finanzieren. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen und bekommt die Festanstellung, nachdem sie einen windigen Handwerker des Betrugs überführt hat. Sie lässt sich nix mehr gefallen und übersteht die anfänglichen Anfeindungen, als sie sich in einen Griechen verliebt. Costa muss aber auch erst lernen, was es bedeutet, mit einer „bayerischen Hex“ zusammen zu sein. Und sie zeigt Größe. Sie schmiert ihrem Ex-Mann ein Honigbrot, als er sein Leid über seine Frau beklagt, und gibt seiner Frau wiederum Schnaps und Raum, wenn sie an ihm verzweifelt.
Martha Haslbeck emanzipiert sich Folge für Folge und gewinnt menschlich und beruflich an Reputation, die sie als Frau an Josefs Seite nie bekommen hat und hätte. Sie spielt sie aber nie zu ihrem eigenen Vorteil aus, was selbst der auf das schnelle Geld fixierte Hausbesitzer Eggerer erfahren muss. Er arrangiert sich stillschweigend damit, dass es ihr egal ist, wer unter ihr Chef ist. „‘s Leben is hart – aber mir san‘s aa“, sagt Martha, als sie wieder auf Widerstände stößt. Aber sie hat gelernt, damit umzugehen. Die Freude über die gewonnene Freiheit lassen die Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, kleiner erscheinen.
Martha Haslbeck ist keine Feministin, aber eine Frau, die sich im Treppenhaus emanzipiert hat.
Überhaupt werden verschiedene Frauenbilder gezeigt. Ihre Gegenspielerin Ilse Kugler (Ilse Neubauer), später Haslbeck, ist als Filialleiterin einer Bank erfolgreich im Beruf. Ihre Sehnsucht nach einem gut aussehenden und erfolgreichen Mann wird nur bedingt befriedigt. Als Gegenentwurf wird ihre Nachbarin Rosa Ostermeier (Sarah Camp) gezeigt, die als Hausfrau, Mutter und Ehefrau an die Grenzen ihrer Resilienz gerät. Und natürlich spielt ihre Tochter Christa (Bettina Redlich) eine große Rolle, die in Bezug auf Selbstständigkeit und Lebenspraxis mehr von ihrem Vater geerbt hat, als es Martha lieb ist.

Dass die Serie so gut gelungen ist, liegt natürlich auch an der Anfang des Jahres verstorbenen Veronika Fitz. Sie legte die Martha sehr facettenreich an. Wenn ihre Gegenüber sie wortreich bearbeiten, benötigt sie kaum Wörter, sondern lediglich ein wenig Mimik, damit man versteht, was sie davon hält. Gepaart mit dem schauspielerischen Rüstzeug, das sie nach Auftritten unter ihrem Vater und der Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule auf den großen Münchner Bühnen verfeinert hat, gelang es ihr vielleicht deshalb, die Rolle so authentisch auszufüllen, weil sie sich als Nachkommin des bis heute in der Öffentlichkeit männlich dominierten Fitz-Clans freischwimmen musste. Ihre komplizierten Beziehungen trugen auch dazu dabei, wie sie später sagte.
Dass Veronika Fitz, für die Martha Haslbeck mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, danach keine wirklich große Rolle mehr bekam, dokumentiert Fluch und Segen einer Serien-Hauptrolle. „Es kam nix. Dann hab ich halt den Bayer auf Rügen mit dem Fierek gespielt, weil ich meine Wohnung abbezahlen musste“, sagte sie später in Unter unserem Himmel. Ähnliche Rollen folgten. Ihr in der Dokumentation geäußerter Wunsch nach einer großen Rolle am Lebensabend blieb unerfüllt.

Offenbar traute man beim Bayerischen Rundfunk der Serie, die im Regionalfenster des Vorabendprogramms in der ARD erstausgestrahlt wurde, keinen großen Erfolg zu. Es wurden zunächst nur sechs Folgen produziert, was damals eher ungewöhnlich war. Die Skepsis bewahrheitete sich nicht – es folgten weitere 17 Episoden. Es wären noch mehr geworden, wenn Helmut Fischer nicht gestorben wäre.
Wenn die Serie einen Schwachpunkt hat, dann den, dass Helmut Fischer als Josef-Bärli eine etwas zu große Rolle spielt und diese als Stenz aus dem Monaco Franze wiederholt. Aber das ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass er Cornelia Willinger zum Schreiben ermutigte. Die Hausmeisterin ist ihre erste Arbeit fürs Fernsehen. Vermutlich sah man in ihm auch ein Zugpferd für die Serie, befand sich Fischer während dieser Jahre auf dem Höhepunkt seiner späten Popularität.
Das mindert die Qualität der Serie keineswegs. Sie ist in den über 30 Jahren hervorragend gealtert. Sie ist zeitlos und hat in Bezug auf die Präsenz von Frauen im Fernsehgeschäft leider immer noch Aktualität.
Die Hausmeisterin bedient leider auch die Sehnsucht nach guten zeitgenössischen Serien aus und über München, von denen bis auf die ersten beiden Staffeln von München 7 , die auch schon über 15 Jahre zurückliegen, leider nichts mehr nachkam.

Von Montag, 25.05.2020 werden wöchentlich zwei Folgen im BR Fensehen ausgestrahlt und danach für eine Woche in der Mediathek hinterlegt.

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Die Hausmeisterin auf BR.de
Die Hausmeisterin auf Wikipedia
Unter unserem Himmel über Veronika Fitz von 2014

Eingleisung

Zu den größeren Störungen bei der MVG gehören Entgleisungen von Trambahnen. Für die in der Bahn sitzenden Fahrgäste sind sie harmlos, weil sie in der Regel bei geringer Geschwindigkeit passieren; gerne beim Losfahren von einer Haltestelle.
So auch am Montag, als ein dreiteiliges Fahrzeug der Linie 16 am Effnerplatz zu zwei Teilen links in die Schleife abbog, während der der dritte Teil die richtige Richtung nahm. Die Rückfallweiche stellte sich zu spät. Sie ist derzeit notwendig ist, damit während der Hauptverkehrszeit die Verstärker zwischen Effnerplatz und St. Emmeram verkehren können; zum Wenden fahren die Züge rückwärts durch die Schleife, weil sie regulär nur vom Herkomerplatz aus befahren werden kann.

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Bis die Eingleisung beginnt, vergeht einige Zeit. Die Berufsfeuerwehr, unterstützt von der Freiwilligen Feuerwehr, rückt mit großem Besteck an. Am Schluss stehen rund zehn Fahrzeuge einsatzbereit am Effnerplatz. Die Profis machen sich dann mit Werkstattmitarbeitern der MVG ein Bild von der Lage. Die stellte sich als komplex dar, weil 2108 mit allen drei Fahrgestellen entgleist war. Viele Menschen gehen mehrmals um das Fahrzeug, bücken sich an mehreren Stellern, um zu begutachten, wie diffizil das Unterfangen sein wird. Es wird telefoniert, eingeschätzt.

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Zwischenzeitlich wird aus Sicherheitsgründen der Strom in er Fahrleitung abgestellt; die hinter dem entgleisten Zug wartenden Bahnen rangieren rückwärts Richtung Herkomerpatz, um dort nicht im Weg zu stehen. Denn der Platz wird für das schwere Gefährt der Feuerwehr benötigt. Der Verkehrsmeister kümmert sich darum, dass die Fahrer, die schon Dienstschluss haben in den wohlverdienten und verspäteten Feierabend gehen können; die Ablöse wird zum Effnerplatz beordert.

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Nach intensiver Beratung wird beschlossen, den Havaristen aus der Schleife in die Gerade zurückzuziehen.

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Klappt im ersten Anlauf nicht. Zweites schweres Gefährt muss her!

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Mit dem Zweiten zieht man besser.

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In die richtige Position ist 2108 gebracht worden. Eingegleist ist er noch nicht. Es ist inzwischen 19.15 Uhr.

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Gruppenbild vor Mae West.

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Nun geht es auf den Wagenheber, um die Vorderachse richtig ins Gleis zu bringen.
Gegen 20 Uhr steht der Wagen wieder (ich musste leider kurz nach halb zum Einkaufen.

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Der Rasen hat ein wenig gelitten.

So war der ÖPNV-Freak, der eigentlich nur das Rückwärtswenden am Effnerplatz beobachten wollte, für über zwei Stunden beschäftigt.

Bericht der Branddirektion

Keine Feuerzangenbowle

Gedanken aus der Vergangenheit aus gegebenem Anlass

Einer der schlimmsten Filme deutscher Produktion ist Die Feuerzangenbowle. Der schlecht abgehangene Schinken wird fast jährlich ohne jegliche Kritik an den historischen Kontext wiederholt und erfreut sich, weil man es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit eh nicht so hat, weiterhin großer Beliebtheit. Dabei ist dieser Streifen nichts anderes als eine auf nicht nachvollziehbare Weise verklärende Schülerschmonzette auf braunem Boden, in der ausgerechnet Heinz Rühmann einen Möchtegern-Rebellen spielen durfte. (Wer Rühmann für einen guten Schauspieler hält, möge sich mal die Dürenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tage ansehen, wo er von seinem leider in Vergessenheit geratenen Zeitgenossen Gert Fröbe mit wenigen Mitteln an die Wand gespielt wird.)
Ein fest im Leben stehender Mann träumt in fröhlicher Runde seine nicht gelebte Vergangenheit als Pennäler feucht nach, indem er sich als toller Hecht, der den Lehrern das Leben aber mal so richtig schwer gemacht hat, aufspielt, und die anderen Männer hören bei Feuerzangenbowle den Märchen aus 1000 und einem Reich bewundernd zu. Und alle waren sie selbstverständlich keine Mitläufer, sondern Initiatoren der Schülerstreiche, während Mädchen und junge Frauen allenfalls die Rolle der die vermeintlichen Helden Anhimmelnden bleibt.
Dass mit jedem Rückblick auf die immer ferner liegende Schulzeit Wunschvorstellung und Wahrheit eine nicht mehr auseinander zu haltende Einheit bilden, wird geflissentlich ignoriert – denn es war eh die beste Zeit! Alleine diese Botschaft ist so schlimm, weil sie ausschließt, dass es hinter besser werden kann. Eigentlich müssten am Ende des Films alle, ALLE sterben. Tun sie aber nicht, weil es eine Schmonzette und leider kein Western ist. Stattdessen nerven die Protagonisten die zu Nachkommen – nicht mal die haben sie zustande gebracht! – verkommenden Zuschauern mit ihren Heldentaten, die im Nachgang nur peinlich sind.
Der Film ist somit nur etwas für Gemüt in Zeiten des immer ferner rückenden Endsiegs, der über 70 Jahre später immer noch nicht gefeiert werden kann.

„Bei uns war immer 1. April,“ wird in der Feuerzangenbowle gesagt. Höhö! Vielleicht kann ich dem Film, den uns in der 6. oder 7. Klasse ein Deutschlehrer, den wir alle nur Slowly nannten, in einer letzten Stunde vor den Ferien zeigte, deshalb so wenig abgewinnen, weil ich meine Schulzeit, speziell die acht Jahre am Gymnasium, alles andere als toll empfand. Bei mir war meistens eher 1. November als 1. April. Womöglich hätte ich die Zeit positiver in Erinnerung, wäre ich ein besserer, fleißigerer Schüler gewesen. Aber das gelang mir nicht und war in all den Jahren Gegenstand unschöner Auseinandersetzungen zwischen meiner Mutter und mir. Passenderweise fiel der erste Elternsprechtag auch immer auf einen der letzten Schultage vor dem 1. November, dem sich die Herbstferien anschlossen. Die waren in der Regel für mich perdu, galt es doch, die Versäumnisse, von denen sie Kenntnis genommen hatte, nachzuholen.
Doch das war nicht alleine ursächlich für die Jahre, die ich 25 Jahre später überwiegend immer noch unschön in Erinnerung habe.

Es war eigentlich alles angerichtet für eine Zeit, auf die ich mich freute. Es stand, nachdem das Übertrittszeugnis keine Hürde darstellte, schnell fest, dass ich aufs Oskar-von-Miller-Gymnasium, das nur fünf Minuten von Zuhause entfernt war, gehen wollte. Mein bester Freund C. aus der Grundschule zog zwar das Maxgymnasium vor, aber das war weiter nicht schlimm, konnten wir uns doch jeden Tag in den Pausen sehen.
Nachdem ich die halbjährige Probezeit dank eigener Faulheit und fehlender Ernsthaftigkeit nur mit Ach und Krach überstanden hatte, zeigte sich recht schnell, dass sich einen schweren Stand in der Klasse hatte. Dass ich der Älteste war (ich wurde vor der Einschulung ein Jahr zurückgestellt), spielte keine Rolle. Keine Ahnung, was ich an mir hatte, dass ich immer wieder in die Außenseiterrolle geriet. Ich war gewiss damals schon kein einfacher Mensch und hatte politisch – das stellte sich in den folgenden Jahren heraus – eine vollkommen andere Position als die, die kein Problem hatten, auf mich herab zu sehen. Aber warum einige große Freude verspürten, sich an mir abzuarbeiten, verstehe ich bis heute nicht.
Aus finanziellen Gründen war meine alleinerziehende Mutter nicht in der Lage, mich mit neuer Kleidung auszustatten, was in einer Schule, in der ordentlich Geld steckte, mehr auffiel, als mir lieb sein konnte. Mich störte es nicht, die Kleidung des sieben Jahre älteren Nachbarssohnes über mir aufzutragen. Selbst die Brillen waren gebrauchte Gestelle. Die zwei Polohemden von Lacoste hatte ich von meinen Großeltern. Mir fiel es nicht mal wirklich auf, dass meine Kleidung nicht so schick war, wie die der Anderen. Ich fühlte mich halbwegs wohl darin. Auch nach meinem heutigen Verständnis war nichts dabei, das man nicht mehr tragen konnte. In der Klasse sah man das offenbar anders, denn ein paar Stofffetzen reichten aus, um mich über mehrere Jahre hinweg immer wieder als Müllmann zu bezeichnen. Und als ich auf einmal in einem pinken T-Shirt, das natürlich auch Second Hand war, mir allerdings wirklich gut gefiel (ich glaube, meine Mutter hatte es vorher getragen), aufkreuzte, war der Teufel los! Ich war fortan der schwule Müllmann. (Den Ohrring ein paar Monate später habe ich mir natürlich auch auf der „falschen“ Seite stechen lassen.) Wahrscheinlich wurde ich noch mit ein paar Beleidigungen mehr bedacht, aber der Verdrängungsmechanismus macht auch vor mir nicht Halt.
Zum Spießrutenlauf geriet man Dasein, als ich mich unglücklich in N. Verliebte, die einen Jahrgang unter uns war. Ich stellte mich beim Werben um sie sehr stümperhaft an, so dass es mindestens zwei Jahrgänge wussten und diese keinen Hehl daraus machten, wie lustig sie mein vergebliches Balzen fanden. Meine mindestens in der dritten Generation vererbte Sturheit machte mir das Leben nicht einfacher. (Gestalkt habe ich N. nicht, ordentlich genervt mit meiner Penetranz gewiss.)
Es waren sehr harte Jahre, die man heute vielleicht Mobbing nennen würde. Ich bin nach über 30 Jahren emotional immer noch zu nahe dran, um das seriös beurteilen zu können. Heute würde man vielleicht kompromittierende Videos von mir durch die sozialen Netzwerke jagen. Jede Zeit hat ihre Mittel, um Menschen fertig zu machen.
Dazu gesellte sich der Sportunterricht, den ich im Nachhinein als menschenverachtend bezeichne. Gleich im ersten Jahr hatten wir einen Schleifer vor dem Herrn, der Schülern die kalte Schulter zeigte, wenn sie nicht das zeigten, was er für Standard hielt. Der Fünfer im Zeugnis war mir herzlich egal. Aber immer als Letzter übrig zu bleiben, wenn Mannschaften gewählt werden (aussuchen durften natürlich die Cracks!), trägt nicht zur Motivation bei und sendet Schülern das Signal, dass man den Schlechten eh nicht braucht. Sie mussten sich nicht mal bemühen, nix von mir zu halten. Es erfüllte mich deshalb mit großer Schadenfreude, als ich erfuhr, dass Herr Fritsch Jahre später seinen Dienst wegen eines chronischen Bandscheibenvorfalls quittieren musste.

Alleine war jeder, der es ansonsten in der Gruppe auf mich abgesehen hatte, indes umgänglich, ja bisweilen sogar großzügig.
Ich erlebte – Boris Becker machte gerade erfolgreich Bum-Bum – die Welt des Tennis, in die ich ohne Kontakte nicht hätte reinschnuppern können. Ich bekam auch die komplette Beatles-Diskographie auf Musikkassetten überspielt. Und wahrscheinlich gab man sich mit mir nicht ab, um das schlechtes Gewissen zu überspielen. War man mit mir alleine, war ich wohl ganz erträglich, vielleicht sogar normal. Oder ich war damals schon das Chamäleon, als das mich eine Freundin Jahre später mal ganz treffend bezeichnete.
Traten die Einzelnen in der Gruppe auf, war ich der Depp, den man fertigmachte. Wehren konnte ich mich nicht. Niederschreien brachte mir lediglich Heiserkeit ein. Vielleicht prallten einfach nur unterschiedliche Welten aufeinander – Schwabinger Gentrifizierungsadel (zu dem ich, als mein Vater noch lebte, auch gehörte) vs. finanzielle Unterschicht. Speziell ersteres war am Oskar-von-Miller-Gymnasium sehr stark vertreten, selbst wenn er aus Bogenhausen, Daglfing oder Ismaning kam.

Einen Zusammenhalt gab es in dem bunt zusammen gewürfelten Haufen namens Schulklasse sowieso nicht. Lediglich in der 6. Klasse hatten wir eine Klassenlehrerin, der an Gemeinschaft etwas lag und die durch regelmäßiges Umsetzen dafür sorgte, dass wir auch mit Leuten in Kontakt kamen, mit denen wir sonst nichts am Hut hatten.
In dem Schuljahr kam S. dazu, der noch viel schneller zum Außenseiter wurde als ich. Schlechter Mensch, wie man nur sein kann, machte ich natürlich mit, wenn es gegen ihn ging, war es doch für der willkommene Anlass, von mir abzulenken. Ich wurde vom Hinterherläufer zum Mitläufer. Es fällt mir schwer in den Spiegel zu schauen, wenn ich daran denke, dass ich fleißig Pfeile mitwarf, wenn er die Zielscheibe war. Dabei verstanden wir uns eigentlich ganz gut. Außenseiter und Halbwaisen unter sich.

An den beiden Skilagern in der 7. und 8. Klasse nahm ich auch nicht teil. La Boum in den Bergen fand ohne mich statt. (Ich habe bis heute nicht eine Flasche gedreht.) Das Geld – ich erwähnte es bereits – war dafür nicht vorhanden und Ski fahren konnte ich auch nicht. Ökologisch fand ich diese Form der Freizeit mindestens fragwürdig. Aber das kann auch nur das innere Schönreden eines nicht zu ändernden Umstands gewesen sein. Vielleicht hätte da die Chance bestanden, etwas näher an den Kreis zu rücken. Vielleicht wäre die Diskrepanz auf engem Raum auch noch deutlicher zutage getreten. Ich erkannte allerdings auch kein Bemühen seitens der Lehrer, sich dafür einzusetzen, dass ich mitfahren kann. Komischerweise fiel es mir nicht sonderlich schwer, Zuhause bleiben zu müssen. In den Parallelklassen wurde ich als Gast für eine Woche freundlich aufgenommen.
Ich hoffe inständig, dass Schulen und LehrerInnen heute weiter sind, wenn es darum geht, SchülerInnen mit finanziell sehr schwachem Hintergrund an nicht gerade billigen Schulveranstaltungen teilhaben zu lassen! Es waren in diesen acht Jahren tatsächlich zwei von was weiß ich wie vielen Lehrkörpern, die in mir nicht nur den mittelmäßig bis schlechten und ansonsten unauffälligen, nicht aufbegehrenden Schüler sahen (eine unwichtige Erdkunde-Lehrerin bezeichnete mich beim Elternsprechtag mal als faulen Sack) und mit meiner Mutter nicht nur darüber sprechen wollten. Ich danke Ihnen dafür, Frau Spanier und Herr Leppla!

Leider konnte ich mich Zuhause nicht anvertrauen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit meinen Empfindungen und Demütigungen bei meiner Mutter ernsthaft Gehör finden könnte. Das lag gewiss an ihrer angespannten Situation. Sie war über mehrere Jahre hinweg mit einer Unterbrechung arbeitslos. Alleinerziehend und arbeitslos – das gab es Mitte der 1980er Jahre allenfalls in der von Helmut Kohl platt gesessenen Statistik, aber nicht in der gesellschaftlichen Wahrnehmung! Und schon gar nicht in Schwabing. Dennoch habe ich mir gewünscht, das Gefühl zu haben, ihr meine Sorgen anvertrauen zu können. Einmal versuchte ich es, aber ich wurde von ihr beschwichtigt. Ihr bei uns lebender Freund war zwar ein guter Kumpel, aber auch nicht der Mensch, dem ich mich öffnen konnte. Über persönliche Dinge wurde nicht gesprochen. Sie wurden per se nie tabuisiert, aber das Klima dafür gab es über meine gesamte Kindheit und Jugend hinweg nicht.
Aus einem traurigen Kind wurde ein trauriger Jugendlicher, der sich mehr schlecht als recht damit arrangierte, Dinge mit sich selbst auszumachen. Wenn ich es nicht schon vorher tat – spätestens in diesen Jahren legte ich den Grundstein für den Eisblock in Fragen die eigene Person betreffend. Ein stabiles Fundament, muss ich sagen. Trotz fortschreitender Klimaerwärmung steht der Eisblock immer noch sehr gut.

Vor der 9. Klasse mussten wir uns zwischen Französisch und Russisch als dritte Fremdsprache entscheiden. Ich wählte Russisch, weil ich mir auch erhoffte, so ein wenig den Fängen meiner Mutter zu entgehen. (Dass sie beschloss, mit mir die Sprache zu lernen, hatte ich nicht auf der Rechnung.) Es zeichnete sich ab, dass ich der einzige aus meiner Klasse war, der sich dafür entschied. So kam es auch, und ich musste die Klasse wechseln. Darüber war ich alles andere als unglücklich.
Während mich viele aus meiner alten Klasse umgehend nicht mehr grüßten, wurde es in der neuen tatsächlich besser. Ich saß fortan drei Jahre neben meinem damals besten Freund G., den ich in der 5. Klasse beim schulinternen Schachturnier, das wir als Letzter und Vorletzter abschlossen, kennengelernt hatte. Auch von den Anderen fühlte ich mich akzeptiert, auch wenn ich das eine oder andere Mal sicher aneckte. Sogar die Mädchen hatten nichts von der Arroganz, die ich vorher kennengelernt hatte. Die Schülerzeitung setzte sich auch aus einem Teil meiner Klasse zusammen, und wir hatten viel Spaß. (Ich hoffe, man konnte es herauslesen.) Bestätigung holte ich mir noch als Tutor von der 10. bis 12. Klasse. Das war wahrscheinlich der Grundstein für meine beruflichen Weg. (Dass mich selbst meine Mittutorinnen im ersten Jahr, die eine Klasse über mir waren, mich außerhalb des Kontextes im Schulhaus nicht grüßten, möchte ich nicht unerwähnt lassen, aber auch nicht überbewerten. Ich war ja schon einigermaßen abgehärtet.) Diesem kleinen Ehrenamt verdanke ich auch, dass ich am Ende dieses Schuljahres plötzlich eine Zwei in Deutsch hatte, weil die für uns TutorInnen zuständige Frau Denks auch meine Deutschlehrerin war. (Die Eins im Hausaufsatz war neben meinem einzigen geschossenen Tor gegen Herrn Ballweg im Tor einer meiner wenigen leistungsmäßigen Höhepunkte.)
Abseits fühlte ich mich erst wieder, als die Zeit begann, wo man sich auch abends traf. Etwas, was meine Mutter nicht zuließ. Freitag biss 22 Uhr – und das auch nur, wenn es die Noten erlaubten. Vielleicht wäre mehr möglich gewesen, hätte ich nicht wie der HSV jahrelang um den Klassenerhalt zittern müssen.
Dazu gesellte sich allmählich eine Schwabinger SPD-Altbau-Arroganz, die mich, wenngleich die Protagonisten inzwischen andere sind, bis heute auf die Palme treibt. Schwabing halt.

Gegen Ende der Mittelstufe wandte ich mich über einen wieder gefundenen Freund aus Grundschulzeit den Leuten aus dem Willy-Graf-Gymnasium zu. Dort fühlte ich mich wohler, ging man doch eher in die Clemensburg anstatt ins Roses (damals ein unheimlich angesagter Schwabinger In-Schuppen für junge Menschen mit aussagekräftigem Geldbeutel). Themen und Atmosphäre waren eine andere und strahlten mehr Wärme aus, was nicht nur an L. lag, in die ich – auch unglücklich – verliebt war. Aber sie wies mich nicht schroff ab. Und ich machte meine Zuneigung nicht öffentlich.

Inzwischen volljährig genoss ich die Freiheiten, die mir das Gesetz bot. Ich ließ nichts aus – vor allem abends und nachts. Die Schule war mir scheißegal. Es galt Dinge nachzuholen, die Andere schon vor mir in der Mittelstufe erlebt hatten. Ich war schon immer ein Spätentwickler. Die Schule geriet zur lästigen Nebensache, und meine Mutter machte sich Sorgen. Das gab mir ihr Freund an einem verkaterten Morgen einmal zu verstehen. Er mischte sich vor mir sonst nie in die Angelegenheiten zwischen uns ein.
Als ich am Ende der 12. Klasse, die mit dem täglichen Ausflug in den Latein-Leistungskurs am benachbarten Maxgymnasium, das noch weniger meine Welt war, verbunden war, folgerichtig das mit Abstand schlechteste Zeugnis meiner „Karriere“ in den Händen hielt, hatte ich zwei Optionen: wiederholen oder ohne Abitur abgehen. Ich entschied mich für letzteres und innerhalb von zwei Tagen beschloss ich, die Ausbildung zum Erzieher zu machen. Für mich war es ein Befreiungsschlag. Ich musste viele der Leute, mit denen ich so gar nichts anfangen konnte, nicht mehr sehen und entzog mich den strengen Kontrollblicken meiner Mutter. Nur Wenige informierte ich in den Ferien über meine Entscheidung. Den meisten war es vermutlich egal, dass ich im neuen Schuljahr nicht mehr da war.

Ich war das erste Mal seit vielen Jahren vollkommen frei von Druck und habe die fünf Jahre Ausbildung als die besten Jahre meines Lebens in Erinnerung. (Wäre schön, wenn noch ein paar folgten.) Im ersten Ausbildungsjahr war ich im Kindergarten der King – diese Bestätigung war ein für mich vollkommen neues Gefühl! Dass mir der Lernstoff mehr oder weniger zufiel und die Fachakademie mich speziell im zweiten Schuljahr wenig sah, war das verdiente Glück nach Jahren der Entbehrungen. Finanziell leisten konnte es mir auch, weil die Ausbildungsversicherung, die meine Eltern abgeschlossen hatten, ausbezahlt wurde. Über den zweiten Bildungsweg holte ich das Fachabitur nach (was auch dem sanftmütigsten Mathelehrer, den man nur haben kann, zu verdanken war).

Dieses Wochenende feiert „mein“ Jahrgang 25 Jahre Abitur. Große Freude kam bei mir nicht auf, als mich die Einladung erreichte. Dennoch sagte ich zu. Im Gegensatz zum Zehnjährigen kam jedoch dieses Mal einiges hoch, was ich niederschreiben wollte, um es endlich mal loszuwerden.
Dieser Text ist das vorläufige Endergebnis.

Ich verspüre keine Lust, wieder wie ein Verlierer da zu stehen, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt und von der Hand in den Mund lebt. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Das ist weder die Schuld der Menschen, die mich gedemütigt haben, noch der Schule! Das habe ich schon ganz alleine hingekriegt. Mit etwas mehr Stabilität von Haus aus stünde ich wahrscheinlich besser da.
Dennoch habe ich Angst davor, mich in dieser Runde zu offenbaren, und ich habe keine Lust, in dieser Runde meinen Rock runter zu lassen. Mit „Mein Haus, meine Familie, meine Yacht“ kann ich nicht dienen, ich habe nur „Meine Untermiete, mein Alleinsein, meine Schulden“ zu bieten. Ich kann nicht einschätzen, wie darauf reagiert wird, und auf euphemistische Lügen, die sich zwischen Wunschvorstellung und Wahrheit bewegen, habe ich keine Lust. Zu feiern haben habe ich also nichts. Und das ist nicht dem Abitur, das ich nicht gemacht habe, geschuldet. (Immerhin so selbstbewusst bin ich. Inzwischen.) Ich bin darob nicht mal gram, aber der innere Aufwand ist mir zu groß für die Überwindung, die mich dieses Treffen kostet. Was ich über Menschlichkeit und Empathie gelernt habe, habe ich leider nicht in acht Jahren am neureichen Gymnasium gelernt. Ich wünschte, ich könnte Anderes schreiben.
Einige Wochen später bekam ich zudem die Einladung zur Geburtstagsfeier einer lieb gewonnenen Person, die wiederum Menschen eingeladen hat, die ich in den vergangenen Jahren sehr zu schätzen gelernt habe. Mir ist die Gegenwart mit ihnen wichtiger als die schulische Vergangenheit.
Natürlich hätte ich mich gefreut, die Eine oder den Anderen wieder zu sehen. Aber dazu bedarf es nicht zwingend eines Jahrgangstreffens, bei dem keine Zeit für Tiefgang ist. Wer über dieses runde Jubiläum hinaus das Bedürfnis hat, sich mit mir zu treffen, kann sich bei mir melden. Meine E-Mail-Adresse steht im Impressum dieser Seite.
Genießt den Abend, lasst Euch und Eure Erinnerungen hoch leben und trinkt das eine oder andere Bier, das Ihr mir nicht ausgeben müsst, auf mich – wenn Ihr wollt! Wenn nicht, ist es auch okay.

Und vielleicht finden sich ein paar Filmschaffende – eine Autorin, ein Regisseur, eine Produzentin, eine Redaktion –, die nach 75 Jahren der Feuerzangenbowle etwas entgegensetzen, das eben keine biederen Männer zu selbsternannten Helden der Schulzeit verklärt, sondern diesen Rückblick anders, facettenreicher darstellt. Das ist freilich nicht so lustig und wenig Degeto-kompatibel an einem Freitag Abend.
Aber was ist schon wirklich lustig außer Alf?