Unauffällig vollendet

Mit Philipp Lahm tritt heute ein Spieler ab, der bei vielen – einschließlich mir – lange unter dem Radar lief. Erst in den letzten Monaten fand er die Wertschätzung, die ihm, der 22 Jahre im Verein war, gebührt. Dieser Text ist nicht möglich, ohne seinen langjährigen Begleiter Bastian Schweinsteiger, mit dem er 2002 A-Jugendmeister wurde, das eine oder andere Mal zu erwähnen.
Eine kleine Würdigung zum Abschied.

1. Einsatz im Olympiastadion, 1. Begegnung mit Felix Magath & 1. Turnier

An Philipp Lahms erstes Spiel bei den Profis kann ich mich nicht erinnern.
Es war die Saison, die international einen Tiefpunkt darstellte, weil bereits vor dem abschließenden Spiel feststand, dass der FC Bayern nicht einmal mehr im UEFA-Cup überwintern durfte. Vor solchen Spielen bediente sich selbst Ottmar Hitzfeld bei den Amateuren. So kam auch Philipp Lahm in der Nachspielzeit zu seinem Debüt bei den Profis gegen RC Lens vor 22000 Zuschauern. Heute ist das Spiel nur noch von Bedeutung, weil Lahm der Letzte in der aktuellen Mannschaft ist, der noch im Olympiastadion gespielt hat. Danach, als die Mannschaft wütend war und mit deutlichem Vorsprung Meister wurde, wurde er nicht mehr eingesetzt.
Dass er 2003 für zwei Jahre an den VfB Stuttgart ausgeliehen wurde, ging an mir vorbei. Hermann Gerland hatte ihn mehreren Trainern angeboten, als hätte er eine Kiste Löwenbrau im Gepäck. Das Grätschen hatte er ihm vorher noch beigebracht. Felix Magath griff schließlich zu und machte ihn sehr schnell zum Stammspieler.

Bastian Schweinsteiger stellte uns zwischenzeitlich seine Cousine vor.

Aufmerksam wurde ich erstmals, als Rudi Völler ihn in die Nationalmannschaft berief. Bei einer grottenschlechten EM spielte er – im Gegensatz zu den damals Poldi und Schweini genannten Jungspunden – durch, was seiner Reputation nicht schadete.

Durchbruch beim FC Bayern

Zum FC Bayern kehrte er 2005 mit einem Kreuzbandriss zurück. Den Platzhalter gab derweil der bereits ein halbes Jahr zuvor zurückgekehrte Bixente Lizarazu, der wiederum Hasan Salihamidžić, der auf der linken Außenbahn eingesetzt wurde, nach dessen Kreuzbandriss ersetzte. Das erste Spiel nach seiner Rekonvaleszenz bestritt er – bei den Amateuren.

Bastian Schweinsteiger musste auf Geheiß Magaths öfter bei den Amateuren spielen.

Die Jahre vergingen. Sie wurden nur dadurch unterbrochen, dass Philipp Lahm im Eröffnungsspiel des erkauften Sommermärchens mit Manschette das erste Tor des Turniers und zwei Jahre später das erlösende 3:2 gegen die Türkei erzielte. Angesichts seiner Torstatistik – im Europapokal schoss er genauso viele Tore wie Sepp Maier, Oliver Kahn und Manuel Neuer zusammen – zwei Momente für die Ewigkeit. Die 0:4-Schmach von Barcelona 2009 blieb ihm erspart. Ihn vertrat Christian Lell.

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Kleine ganz groß, 2009. (Bild: @SammyKuffour

Ein Wechsel und ein teures Interview

Dennoch sollte 2009 ein Einschnitt in seiner Karriere werden.
Nach dem misslungenen Experiment mit dem schwäbisch-kalifornischen Projektmanager betrat Louis van Gaal die ihm zu kleine Bühne. Er ordnete an, dass Philipp Lahm auf der rechte Seite zu spielen habe, weil er ein Rechtsfuß ist. Dabei wurde etwas gewahr, worüber man sich vorher nie Gedanken gemacht hatte:
Philipp Lahm kann man nicht klonen!
Denn die Alternativen auf Links reichten ihm nicht das Wasser. Holger Badstuber war zwar Linksfuß, aber als Innenverteidiger und Spieleröffner weitaus geeigneter (und wurde nicht umsonst von Hermann Gerland im Rahmen seiner Hochbegabtenförderung bei den Amateuren wie der hier Gewürdigte und Mats Hummels auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt). Er wechselte sich ab mit Danijel Pranjić, Edson Braafheid (die zwei größten Fehler van Gaals), Diego Contento, David Alaba (der damals einfach noch zu grün war) und später Luiz Gustravo. Rechts spielte nur Philipp Lahm.

Bastian Schweinsteiger reifte nach seinen Flegeljahren auf der Außenbahn in der Zentrale zum Elder Statesman.

Abseits des Platzes machte sich Lahm inzwischen auch bemerkbar. Er gab der Süddeutschen ein Interview, in dem er dem Verein fehlende Identität attestierte. Es sollte das teuerste Gespräch mit den Medien in der Geschichte des FC Bayern werden. Man munkelt, dass ihn das 50000 Euro gekostet hat. Eine Summe, die sehr gut investiert war, weil er damit Louis van Gaal sekundierte, der im Begriff war, die DNA der Mannschaft auf Jahre hin zu verändern. Sehr erfolgreich, wie wir heute wissen. Es zeigte auch, dass sein Wort im Verein inzwischen an Gewicht gewonnen hatte.
Nach einer sehr schwierigen Anfangsphase, die van Gaal fast den Job gekostet hätte, spielte sich die Mannschaft in einen Rausch, der in Meisterschaft, Pokal und einem verdient verlorenen Champions League-Finale endete. In dieser wegweisenden Saison 2009/10 fand Lahm seinen kongenialen Partner: Arjen Robben. Der seinerzeit als ein Panikeinkauf anmutende Links(!)füßler verstand nach einiger Zeit, was Philipp Lahm dachte und umgekehrt. Bis heute passen sie zusammen wie Schweinebraten und Knödel.

Kapitän

Als Mark van Bommel während der Winterpause 2010/11 den FC Bayern fluchtartig über die Alpen passierte, wurde Philipp Lahm Kapitän. Es war eine schwierige Zeit. Zwischen Mannschaft und Trainer knirschte es. In einem dünnem Kader gab es viele Verletzte, was dazu führte, dass Nicolas Jüllich als Alternative für Lahm auf der Bank saß. Der Wechsel im Tor von Hans-Jörg Butt zu Thomas Kraft war folgenreich. Kraft kassierte ein vermeidbares , spielentscheidendes Tor. Van Gaal wurde danach in einer denkwürdigen Pressekonferenz Hoeneß‘ entlassen. Unter dem beförderten Co-Trainer Andries Jonker taumelte sich die Mannschaft in die Champions League.
Es wurden auch Zweifel an Kapitän Lahm und dessen Stellvertreter Schweinsteiger laut. Zu leise, zu profillos seien diese Jungspunde. Ich teilte diese Zweifel. Während van Bommel nach schlechten Spielen (davon gab es seinerzeit viele) keine Hand vor den Mund nahm, kamen die Aussagen Lahms arg diplomatisch und nichtssagend daher. Aus den starken Aussagen im Interview wurden Belanglosigkeiten. Ich hielt Lahm nach Michael Ballacks Verletzung unmittelbar vor der WM 2010 auch für einen Interims-Kapitän. Aber wer blickt schon wirklich in Mannschaften und deren Hierarchien?

Von fehlenden Leithammeln zur Vollendung

Jupp Heynckes übernahm die Mannschaft erneut und setzte Lahm zunächst links ein. Zum Glück wurde der nach seinem halbjährigen Engagement zurückgekehrte David Alaba immer stärker, so dass Lahm wieder auf die rechte Seite wechselte. Rafinha auf der Position überzeugte Heynckes nicht.
Das verhinderte jedoch nicht eine Saison, die Bayer Leverkusen zur Ehre gereichte. Vize-Meister, Vize-Pokalsieger und Vize-Pokalsieger. Neben einem dünnen Kader wurde wieder ein Führungsdefizit in der Mannschaft ausgemacht, das von einem abermaligen Halbfinal-Aus der Nationalmannschaft begleitet wurde.

Bastian Schweinsteiger – die tragische Figur des „Finale dahoam“ – wurde von einem sich als zu Höherem berufenen Autor der Sportbild zum „Chefchen“ degradiert.

Fehlende Führungsfiguren vom Schlage eines Effenberg wurden landauf, landab beklagt. Sowohl Lahm als auch sein Stellvertreter schwiegen dazu. Es war das Beste, denn am diagnostizierten Führungsdefizit der Beiden lag es nicht.

Die Antwort sollte ein Jahr später folgen.
Die Mannschaft spielte in der Bundesliga und im Pokal alles in Grund und Boden. Der spielerische Höhepunkt war ein 7:0 gegen den FC Barcelona im Champions League-Halbfinale. Nach dem Gewinn des wichtigsten Vereinspokals war Philipp Lahm endlich ein Vollendeter.

Dass er und Bastian Schweinsteiger gemeinsam den Pott in die Höhe reckten, war das schönste Bild einer einmaligen wie unvergesslichen Saison.

„Der intelligenteste Spieler“

Der mit großem Brimborium empfangene Pep Guardiola bezeichnete Lahm nach wenigen Trainingseinheiten als intelligentesten Spieler, mit dem er je zusammengearbeitet habe. Alsbald stellte sich heraus, dass seine Lobpreisungen mit Vorsicht zu genießen waren. Aber im Gegensatz zu den 1000 Dantes, die er gern in seiner Mannschaft gehabt hätte, war das wohl nicht gelogen. Er setzte Lahm, als mit Schweinsteiger, Martínez und Thiago viele zentrale Strategen ausfielen, auf der Sechs neben Xabi Alonso ein. Überhaupt setzte ihn der Trainer im Mittelfeld fast überall ein. Und man hatte nie den Eindruck, dass er eine Position nicht könne. Wäre es ihm gelungen, Lahm zu klonen, hätte er wohl eine Mannschaft mit Neuer im Tor, neun Lahms und Thiago irgendwo in der Zentrale aufgestellt.

Die Weltmeisterschaft war für ihn ein schwieriges Turnier. Anfangs auf der Sechs eingesetzt und von einer Verletzung gehandicapt, fand er nur schwer ins Turnier und stabilisierte sich erst, als er wieder als rechter Außenverteidiger eingesetzt wurde.
Danach trat er aus der Nationalmannschaft zurück und übergab die Kapitänsbinde an Bastian Schweinsteiger.

Und dann passierte es doch. Philipp Lahm verletzte sich im November 2014 schwerer (er brach sich das Sprunggelenk) und fiel einige Monate aus. Es geschah in einer Phase, als sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League die Weichen bereits gestellt waren.

Nach der Saison verließ Bastian Schweinsteiger den Verein.

In der letzten Rückrunde unter Guardiola schwang er sich nochmal zur Weltklasse auf. Und einigen dämmerte, dass Lahm nie die Wertschätzung erfahren hatte, die anderen zuteil wurde. Dass er sie auf seine alten Tage erfuhr, ist nicht nur der Sentimentalität, die einen häufig befällt, wenn man sich von jemandem verabschiedet, zurückzuführen, sondern auch Pep Gaurdiola, der sein Loblied auf ihn auch mit Inhalt füllte. Wer gesehen hat, wie angeregt sich die beiden nach dem letzten Spiel beim Pokalsieg in Berlin unterhielten, konnte spüren, dass sich zwei trafen, die sich sehr schätzten.

Abschied mit Misstönen

Als Philipp Lahm ein dreiviertel Jahr später ankündigte, seine Karriere ein Jahr vor Ablauf des Vertrags zu beenden, war man im Verein darüber überrascht und wohl auch verstimmt. Denn er setzte den Verein (bzw. die AG) auch darüber in Kenntnis, dass er nicht gedenke, unter dem Präsidenten Hoeneß das Sportchefchen zu geben. Dabei hatte Karl-Heinz Rummenigge wenige Minuten vor Hoeneß‘ Wiederwahl angekündigt, dass der neue Sportdirektor noch auf dem Platz stehe. Man kann nur mutmaßen, was sich in der Winterpause hinter den Kulissen abspielte.
Ganz so überraschend kam sein vorzeitiger Abgang jedoch nicht. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft wirkte wohlüberlegt. Wer sich seine Leistungen in Rückrunde anschaut, wird feststellen, dass jemand geht, der einsieht, dass ihm schwerer fällt, weiterhin auf högschdem Niveau zu spielen.

Tatsache ist, dass der FC Bayern immer noch ohne Sportdirektor dasteht, während sich Lahm heute von der großen Bühne und vom Verein (erst mal?) verabschieden wird.
Wahrscheinlich werden ihn die Sportjournalisten nach der Saison noch flugs zum Fußballer des Jahres wählen. Etwas, was sie jahrelang versäumt hatten. Er wird es mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen.
Womöglich wird er in Zukunft das Geschehen mit Worthülsen auf Twitter kommentieren und seinem Verein vor wichtigen Spielen mit einigen Hashtags die Daumen drücken. Auf das Angebot Ribérys, ihm Karten fürs Stadion zu besorgen, wird er vorerst nicht zurückkommen.

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Offene Zukunft (Bild & Titelbild: @santapauli1980)


Unauffällige Legende

Ein lässiger Münchner war Philipp Lahm nie und wird er nicht mehr. Diese Rolle beherrschte der gebürtige Oberaudorfer Bastian Schweinsteiger wesentlich besser. Obwohl er dem eigenen Nachwuchs entstammt, flogen ihm nie die Herzen zu wie Schweinsteiger, Müller oder dem nie erwachsen werdenden Ribéry. Nähe war seine Sache nicht. Wenn Schweinsteiger das Glockenbachviertel ist, ist Lahm Harlaching. Unauffällig und ein wenig bieder. Es wird ihm egal sein.
Aber Philipp Lahm tritt als Legende ab, der auf einer Stufe mit Maier, Beckenbauer und Müller steht, wie Guardiola nach dem Pokalsieg 2016 zurecht anmerkte. Es wird ein wenig dauern, bis die Lücke, die der Unauffällige hinterlässt, auf dem Platz geschlossen ist.

[Vielen Dank an @santapauli1980 und @SammyKuffour für die Bilder!]

Weitere Texte:
„Danke Philipp Lahm“ & „Der Durchbruch des Philipp Lahm“ auf Miasanrot

Generaldebatte zur Wiesn – oder: Schmid vs. Schmid

Das Jahr in München dauert neun Monate. Das ist immerhin fünf oder sechs Monate länger als in Köln – je nach dem, wann die Fastenzeit beginnt.
Neujahr ist, wenn die preiswürdigen Entwürfe für das Wiesnplakat vorgestellt werden. Das ist in der Regel im Februar. Silvester ist am letzten Tag der Wiesn, also am ersten Sonntag im Oktober (oder Montag oder Dienstag. Aber dazu später mehr.) Womit wir auch schon beim Thema wären: Bier.

Beherrschendes Thema der letzten drei Monate in München war folgerichtig die von Bürgermeister und Referent für Arbeit und Wirtschaft (Zuständigkeit u.a. Wiesn) geforderte Bierpreisbremse. Ein handfester Streit unter den Koalitionspartnern SPD und CSU machte Stadt handlungsunfähig.
Nachdem Bedarf angemeldet wurde, über die Wiesn nicht nur im Wirtschaftsausschuss zu befinden, wurde eine Generaldebatte in der Vollversammlung anberaumt.

Vorhang auf für eine Sternstunde der Kommunalpolitik. Oder das Königlich-Bayerische Amtsgericht. Oder für den Komödienstadl.

Halt! Bevor es losging, passierte Ungeheuerliches.

Dann folgte das Duell Seppi Schmid (2. Bürgermeister) und Helmut Schmid (SPD, ehemaliger Wiesn-Stadtrat). Es wurde… leidenschaftlich.

Nach dem Duell Schmid vs. Schmid ging die Debatte mit Wortbeiträgen anderer StadträtInnen weiter.

Irritationen bei den Zusehenden machte sich breit.

Weiter in der Generaldebatte!

Dann wurde die Expertise eines Juristen herangezogen.

Dann wurde es meta. Verfahrensfragen. Wer wen nicht informiert hat und warum. Und irgendwie und sowieso.

Meanwhile ón Twitter.

Dann endlich: Abstimmung!

Auch abgelehnt wurde der zusätzliche Montag, wenn er nicht der 3. Oktober ist. Beschlossen wurden dagegen das Sicherheitskonzept und die Umsatzpacht.
Nach 2¾ (in Worten: zweidreiviertel) Stunden war die Wiesn generaldebattiert. Länger dauern nur Haushaltsdebatten.

Danach wurde es im Plenum schlagartig leer, weil für die zahlreichen MedienvertreterInnen Interviews gegeben werden mussten. Die Sitzungsleitung übernahm die 3. Burgermeisterin Christine Strobl.

Nach der Mittagspause wurde u.a. noch über das Konzept „Soziale Mietobergrenzen“ diskutiert: 10 (in Worten: zehn!) Minuten.
Prioritäten in München. Wohnungen bauen sich von selbst, und der Verkehr nimmt auch von selbst ab.

Die Aufzeichnung der Generaldebatte ist online (0:22:25-3:09:15).

Grauschlag

Die neue BR-Serie Hindafing

Die tristen Orte, die von der Industrialisierung nach dem 2. Weltkrieg vergessen wurden, gibt es in Bayern wirklich. Sie befinden sich nicht südlich Münchens, wo bekanntlich sogar im November durchgehend die Sonne scheint, sondern nordöstlich, wo man sich als Bundes- und Landespolitiker allenfalls während des Wahlkampfs freiwillig aufhält. Hindafing im Niemandsland nahe der tschechischen Grenze anzusiedeln, wo es außer Chrystal Meth wenig gibt, ist deshalb ein gutes Setting für eine bayerische Geschichte der anderen Art.

Die Tristesse ist so grau, dass nur noch ein graues Bio-Shoppingcenter „Donau Village“ mit angeschlossener Autobahnausfahrt den Ort retten kann, nachdem der Windpark in einem finanziellen Fiasko endete. Das wissen der Bürgermeister Alfons Zischl und der Landwirt Sepp Goldhammer zu gut und machen deshalb gemeinsame Sache. Der Bürgermeister bekommt einen lukrativen Beratervertrag und einen Showroom für seine wenig erfolgreich malende Ehefrau. Allerdings hat der Landrat Pfaffinger auch noch ein Wörtchen mitzureden und vor allem die Vollmacht über das Konto des gerade verstorbenen Zischl sr. in Panama, und so müssen flugs Flüchtlinge in dem Rohbau untergebracht werden. Das ist unmittelbar vor der Bürgermeisterwahl sehr ungünstig, und der überschuldete Zischl regiert, korrumpiert und schnupft sich um Kopf und Kragen.

Nach gemächlichem Tempo gewinnt die Serie in der 2. Folge an Fahrt, und es gibt niemandem mehr, mit dem Zischl kein Problem hat. Niklas Hoffmann, Boris Kunz und Ralf Parente, die Hindafing nach einer Ausschreibung des BR entwickelten, lassen nichts aus und bohren ganz tief im bayerischen Provinzboden. Die Beziehungsgeflechte werden immer komplexer, was eine Stärke ist. Alle versuchen, ihre Interessen mit allen Mitteln zu vertreten. Oder sie wischen ihrem Widersacher eins aus, wie z.B. der Gegenkandidat, der es sich nicht nehmen lässt, den 80. Geburtstag von Zischls Mutter im Pflegeheim öffentlichkeitswirksam zu zelebrieren. Die Macher haben einen sehr guten Nährboden für ihren Stoff aufgetan und weben aktuelle politische Themen wie Energiewende, Flüchtlinge, Wirtschaftsförderung und Korruption in das zur Spezlwirtschaft verkommene Dorfleben ein.

Dabei überragt Maximilian Brückner als Alfons Zischl alle. Es macht sehr viel Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er sich schnell in einen Rausch spielt. Leider geht das zulasten der anderen Figuren, die bis auf wenige Ausnahmen wenig Konturen entwickeln. Der von Andreas Giebel dargestellte Goldhammer bleibt sehr stereotyp. Einzig Pertra Berndt als mit Bäuerinnenschläue ausgestattete Goldhammer-Gattin, Roland Schreglmann als dessen einfältiger und leicht zu provozierender Sohn und Kathrin von Steinburg als begehrte wie fallen gelassene Dorfpomeranze spielen sich sich aus dem Randfigurendasein. Dagegen bleibt der türkisch-stämmige, alleinerziehende Polizist Erol Yildirim (Ercan Karacyli), dessen Moral ihm ein ums andere Mal ein Bein stellt, blass. Das ist fast schon ärgerlich, weil er jede Menge Material für eine spannende Persönlichkeit bietet. Der im weiteren Verlauf wichtiger werdende Karli Spitz (Heinz-Josef Braun) beschränkt sich zu sehr auf seine Empörung.
Den Dialogen fehlt häufig das richtige Timing, was die ruhigen Momente mitunter langatmig macht. Da hätten mehr Zuspitzung und mehr Dialekt gut getan.
Der Schluss beinhaltet jedoch eine feine Pointe, die Raum für eine Fortsetzung bietet, in der die Biographien genauer erzählt werden können.

Hindafing ist nicht der ganz große Wurf und kann Braunschlag, das einen ähnlichen Plot hat, nicht das Wasser reichen. Dafür verharrt die kleine Dorfsage zu sehr im Grau. Die Serie hat aber das Potential, in einer Fortsetzung mit dem nötigen Feinschliff wirklich sehr gut zu werden. Ein größeres Publikum hat Hindafing allemal verdient, weil es zeigt, dass es in Bayern nicht nur arbeitsscheue Provinz-Cops und oder sich über 17(!) Staffeln mit dem Bürgermeister streitende Nonnen unter weiß-blauem Himmel gibt. Der BR war so mutig, eine für deutsche Verhältnisse neue Erzählform auszuprobieren, wofür ihm schon Dank gebührt, und räumt einen Sendeplatz, auf dem ansonsten Wiederholungen ausgestrahlt werden, in der Prime Time frei.

Hindafing, Doppelfolgen dienstags um 20.15 Uhr im BR-Fernsehen und bis 5.6.2017 in der Mediathek

Gedanken zur Pflege anhand des Polizeirufs „Nachtdienst“

Eine der großen Stärken von Matthias Brandts Kommissar von Meuffels ist es, sich in einen Fall so zu involvieren, dass er immer noch wie ein Außenstehender wirkt. Er gerät bei seinen Ermittlungen häufig in Extremsituationen, passt sich den Umfeldern an, ohne sie sich jedoch zu eigen zu machen..
In Nachtdienst geht es vor allem am Schluss zur Sache. Von Meuffels folgt kurz vor Feierabend dem Hinweis einer 80-jährigen Bewohnerin einer Altenpflegeeinrichtung, die ihm von einem Toten berichtet. Es stellt sich heraus, dass der Bewohner gewaltsam umgekommen ist. Bei den Dienst habenden Pflegern stoßen seine Ermittlungen auf wenig Gegenliebe. Er stört sie in ihren sehr eng getakteten Abläufen; die Angst, dass Missstände in der Nacht zutage gefördert werden, ist ihnen anzusehen.

Der Film zeichnet, das wird sehr schnell deutlich, kein schönes Bild von der Altenpflege. Es gibt keine Canasta-Runde fröhlicher und angeschickerter RentnerInnen zu sehen – ganz im Gegenteil: alle wirken isoliert, die Pflegenden haben keine Zeit für einen kurzen Plausch. Zuwendung gibt es höchstens mit dem Plastiklöffel beim Abendessen. Das dunkelgraue Ambiente rundet die kalte Atmosphäre ab. Der Film überzeichnet sicher ein wenig, am Ende lässt er alles eskalieren. Für die BewohnerInnen endet der letzte Umzug vor dem Tod in einem sehr dunklen Lebensabend. Das ist vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen, wirkt aber auch dank der durch die Bank sehr guten DarstellerInnen stimmig.

Der Film ist keine Werbung für die Pflegeberufe, was eine Bekannte gestern Abend auch kritisierte. Es ist es auch nicht die Aufgabe, eine 90-minütige Imagekampagne für eine Branche zu zeigen. Natürlich, Nachtdienst wird junge Menschen nicht dazu animieren, eine Ausbildung in dem Bereich zu beginnen. Selbst, wenn ich den Film nicht gesehen hätte, würde ich ihnen auch raten, etwas Anderes zu lernen. Etwas, das weniger kraftraubend ist und nicht binnen kurzer Zeit an die Substanz geht.

In den knapp zwei Monaten Wochen, die Hein inzwischen in der stationären Pflege ist, habe ich Dinge gesehen, die ich nur schwer erträglich finde. Es mag mit den Vorgaben von Pflegekassen und Sozialhilfeträgern konform sein, dass in der offenen Geronto abends drei Personen für 32 BewohnerInnen zuständig. Menschen, die dement, inkontinent, alt und krank sind – kurz: hilfebedürftig sind.
Hein und seine MitbewohnerInnen machen einen gepflegten Eindruck. Nichts deutet auf körperliche Misshandlung hin. Dass man das lobend erwähnen muss, lässt angesichts immer wieder aufkommender Berichte über schlechte Betreuung in der Altenpflege tief blicken. Die PflegerInnen haben ihn nach dreieinhalb Wochen im Krankenhaus, wo er bei noch längerem Aufenthalt zu Tode betreut worden wäre, auch wieder sehr gut in die Spur gebracht. In Alltagssituationen macht er sogar kleine Fortschritte. Dass er ein sanftmütiger Mensch ist, gerät ihm sicher nicht zum Nachteil.
Doch unter einer guten Betreuung stelle ich mir etwas anderes vor. Man darf nicht übersehen, wie wenig Zeit für die einzelnen Person vorhanden ist. Das zeigt sich vor allem während der Essenssituationen. Wenn jemand bei der Essensbeigabe – aus welchen Gründen auch immer – zögert, aufbegehrt, ist nach einer Viertelstunde die Mahlzeit beendet, weil andere Andere auch versorgt werden müssen. Nicht selten ist der Teller noch voll. Hein beim Essen zu begleiten, nimmt rund eine Stunde pro Mahlzeit in Anspruch. Zeit, die er bekommt, weil sein Sohn und ich ihn täglich ein bis zweimal besuchen. Hein bekommt regelmäßig frische Luft, weil wir, so es das Wetter zulässt, mit ihm während der Mittagszeit rausgehen. Viele seiner MitbewohnerInnen kommen nicht in den Genuss, weil die PflegerInnen dafür keine Zeit haben und Angehörige ebenfalls keine Zeit haben, zu weit entfernt leben oder auch kein Interesse haben. Ansprache zwischen Essenszeiten gibt es entweder durch den Fernseher oder, wenn es die personelle Situation zulässt, durch kleine Spiele (Tierstimmenraten, Vorlesen) im Gruppenraum. Pädagogische Elemente wie Begleitung und Anleitung bei der Freizeitgestaltung sind allenfals rudimentär.
Der verbale Umgang schwankt zwischen rauh und herzlich, entwürdigend und respektvoll. Manchen PflegerInnen merkt man leider an, dass ihre Deutschkenntnisse nicht sehr gut sind, was die Kommunikation erschwert.
Um 11 Uhr sind die letzten BewohnerInnen aufgestanden, um 16 Uhr werden die ersten ins Bett gebracht, damit die PflegerInnen um 21 Uhr, wenn der Nachtdienst übernimmt, fertig sind.

Der Alltag für BewohnerInnen in Altenpflegeeinrichtungen ist grau und trist, auch wenn die Innenrichtung bunter und liebevoller ist, als es der Film zeigt. Das pflegende Personal, das sich nicht wegen seiner Haltung, sondern wegen der Rahmenbedingungen öfter mit einem Bein im Gefängnis befindet, arbeitet am Anschlag; es gibt aus nachvollziehbaren viel Fluktuation, was weder für ein Team, noch für alte Menschen, die sich an gewachsenen Strukturen festhalten wollen, mit denen sie sich erst arrangieren müssen, gut ist.
Insofern hat diese Polizeiruf-Folge ein Stimmungsbild ganz gut wiedergegeben und eine gesellschaftliche Haltung dokumentiert, die uns in 10 bis 20 Jahren, wenn die Babyboomer-Generation pflegebedürftig wird, ganz gehörig um die Ohren fliegen wird.

In nächster Zeit werde ich auf einzelne Aspekte näher eingehen.
Der Film und die Diskussion danach haben mich gestern Abend sehr aufgewühlt, so dass ich nach einer Nacht einige, allgemeine Gedanken, sozusagen als Einführung, dazu aufschreiben musste.

Kein Spaß für Jung und Alt – oder: Warum Kindergruppen die volle U-Bahn noch voller machen.

Eine erklärende Replik.

Ja, es ist anstrengend, wenn die täglich volle U-Bahn noch voller und lauter ist, weil sich noch eine Kindergruppe reinzwängt. So viel vorweg: Der Spaßfaktor ist auf beiden Seiten äußerst gering.

Warum fahren Kindergruppen während des Stoßverkehrs mit den öffentlichen Verkehrsmitteln?
Ganz einfach: weil es in der Regel nicht anders geht.

Vorstellungen in Theatern, Führungen in Museen für Kindergartengruppen und Schulklassen beginnen um 9 Uhr oder um 9.30 Uhr. Das hat zur Folge, dass die Abfahrt an der Einrichtung im Stadtgebiet zwischen 8 und 8.30 Uhr erfolgen muss, will man nicht verspätet oder vollkommen abgehetzt am Ziel ankommen.
Fahrten mit Kindergruppen dauern länger, weil es eben eine Gruppe mit vergleichsweise verkehrsunerfahrenen Menschen ist und vor allem Umsteigen mehr Zeit in Anspruch nimmt. Eventuell muss man eine Bahn passieren lassen, weil sie zu voll ist und ein spontanes Teilen der Gruppe aus verschiedenen Gründen (Aufsichtspflicht!) obsolet ist.
Eine Gruppe aufgeregter Kinder durch den ÖPNV-Dschungel zu lotsen, ist kein Spaß. Man muss die Gruppe beisammen halten und eventuell eingreifen, wenn doch ein Kind vor lauter Aufregung zu nah an der Bahnsteigkante hüpft. Idealerweise versucht man in der Bahn, die Gruppe zwischen zwei Türen in einem Abteil sammeln, um einen besseren Überblick zu gewährleisten. Der Stressfaktor erhöht sich noch, wenn man an einem belebten U-Bahnhof umsteigen muss oder zwei Kreuzungen überqueren muss, weil die Haltestelle der anderen Linie an einer sehr ungünstigen Stelle liegt.

Der Besuch von Theatern und Museen ist kulturelle Bildung und findet aus naheliegenden Gründen außerhalb der vier Einrichtungswände statt. Deren Bedeutung als wesentliches Element von Bildung und Erziehung steht, so hoffe ich, außer Diskussion.
Dazu bietet sich nun mal der Vormittag an, weil Grundschulen Unterrichtszeiten bis mittags haben und es immer noch Kinder gibt, die nur halbtags in den Kindergarten gehen und von solchen Ausflügen nicht ausgeschlossen werden sollen.
Verkehrserziehung, also das Erlernen richtigen Verhaltens im Straßenverkehr, an Haltestellen und Bahnhöfen ist ein Bestandteil von Erziehung. Es gibt sicher bessere Zeitpunkte als die morgendliche Hauptverkehrszeit, aber wie oben schon ausgeführt, lässt sich das eben nicht verhindern. Wenn es möglich ist, sucht man sich Verbindungen aus, die kein Umsteigen, jedoch häufig eine längere Fahrt erfordern. Aber das funktioniert auch nur, wenn Einrichtung und Ziel zentrumsnah oder im Umfeld der Innenstadt liegen.
Abgesehen davon sind außerhalb des Berufsverkehrs Bahnen und Busse im Innenstadtbereich ähnlich voll. Den perfekten Zeitpunkt, mit Kindern U-Bahn zu fahren, gibt es also nicht.

Eigens einen Bus für solche Ausflüge zu mieten, ist aus verschiedenen Gründen kein Thema. Der Bus steht genauso im Stau wie die anderen Autos und ist erheblich teurer als der MVV. Angesichts der Feinstaubbelastung ist er obendrein keine glaubwürdige Alternative. Und die Kinder lernen, wenn sie von Eingang zu Eingang kutschiert werden, nicht, wie man sich im Straßenverkehr verhält. (In ländlicher Umgebung mag das angesichts fehlender ÖPNV-Verbindungen anders aussehen.)

Wenn also eine Kindergruppe während des Stoßverkehrs die volle U-Bahn noch voller macht, dann nicht, weil die ErzieherInnen, KinderpflegerInnen (so nennt man „Kindergärtnernde“ übrigens) „antizyklisch doof“ handeln, sondern wie viele PendlerInnen keine andere Möglichkeit haben.
Der Stress ist für Kinder und Betreuende ungleich größer als für am Smartphone daddelnde Fahrgäste. Ein Tag auf dem Spielplatz um die Ecke ist wesentlich entspannter.

Mit anderen Augen durch die Stadt – oder: das Albert-Renger-Patzsch-Virus

Inzwischen sind es über 2500 Photos. Photos, die im Rahmen der Ausstellung „Ruhrgebietslandschaften“ von Albert Renger-Patzsch entstanden sind. Diese sehenswerte und offensichtlich nicht nur mich inspirierende Schau ist noch drei Tage (bis 23.04.2017) in der Pinakothek der Moderne zu sehen.

Park.

Selten hat mich eine Ausstellung so getriggert wie diese Photographien, die man nicht nachstellen kann – schon gar nicht in München. Aber die Ende der 1920er Jahre entstandenen Bilder von Straßenszenen, Landschaften und längst stillgelegten Zechen sind nicht nur wunderbare Zeitdokumente, sondern auch Antrieb, die eigene Umgebung neu auf sich wirken zu lassen.
Ich habe mich schon immer gerne durch die Stadt treiben lassen, um dann stehen zu bleiben, wenn ich etwas Interessantes sehe, bzw. etwas bildlich festhalten will. Aber Die Neue Sachlichkeit hat mir die Augen nochmal neu geöffnet. Und das mit -12 Dioptrien!

Schienen ohne Bahn.

Der nach einer Führung veranstaltete Instawalk durch die Stadt zeigte sehr schnell, wie viele Motive es selbst im schicken München gibt. Das Kreativquartier, das ich mit einigen Anderen ansteuerte, ist nur ein Eck. Dort entstanden unterschiedlichste Bilder.
Andere zog es nach Neuperlach, ins Schlachthofviertel, Werksviertel, zu den ehemaligen Siemenswerken, etc. Alle kamen zufrieden zurück in die Cafeteria der Pinakothek der Moderne zurück, um sich auszutauschen. An diesem sonnigen Samstag im März kamen schon rund 400 Bilder zusammen.
In Leverkusen, Duisburg und Wesseling bei Bei Bonn fanden nahezu parallel auch Instawalks statt.

Baugerümpel.

Die Photos von Renger-Patzsch ließen mich nicht los, bemerkte ich recht schnell. In den darauf folgenden Tagen und Wochen bis heute fand ich viele Motive, die meine Lust am Photographieren neu erweckten. Ich erschloss mir Ecken, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt hatte (Blumenau, Obersendling), und andere aufs Neue.
Die Befürchtung, nur während der grauen Märztage mit noch kahlen Bäumen, Inspiration zu finden, bewahrheitete sich nicht.

Kahl.

Zwischenräume tun sich in München zur Genüge auf. Man muss sie gar nicht lange suchen. Die eine oder andere Baulücke, hinter der sich prächtige Motive auftun, gibt es selbst in zentraler Lage. Irgendwo ragt immer ein Kran in den blauen oder trüben Himmel. Eine Straßenlaterne, die sich ins Bild krümmt, gibt es fast überall. Es ist eine Frage des Blickwinkels. Der Mut zum Zeit verzögernden Umweg ist dabei hilfreich. Nur mit dem Waschaufhang im öffentlichen Straßenbild wird‘s schwierig. Allerdings dürfte das eher an gewöhnlich gewordenen Trocknern als an fehlenden Leinen liegen.
Am besten kann ich das, wenn ich durch die Stadt gehe. Sitze ich in der Trambahn (und das mache ich bekanntlich gerne), rauschen mögliche Motive zu schnell an mir vorbei; auf dem Radl bin ich zu sehr mit meinem verkehrlichen Umfeld beschäftigt, als dass ich mich auf potentielle Bilder kaprizieren könnte.

Tor zur Stadt

Vier Wochen nach dem Instawalk fand eine Podiumsdiskussion mit Antje Lange (Leiterin Online-Kommunikation der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, Anke von Heyl (Herbergsmütter), Helena Grebe (Photographiestudentin Folkwang Universität der Künste) und Christian Gries (Kulturkonsorten) unter der Leitung der Kuratorin Dr. Simone Förster statt, die sich mit u.a. mit der Nachhaltigkeit von Ausstellungen und dieser im speziellen beschäftigte. Einig waren sich die TeilnehmerInnen, dass Kunst auch im digitalen Raum stattfinden muss. Die in den Museen gezeigten Originale verlieren nichts, solange die Technik sie nicht zerstört. Die Nachhaltigkeit ist über den Hashtag StadtLandBild auf Instagram gegeben. Die Akzeptanz und Vermittlung neuer Kulturtechniken ist wichtig, um neue BesucherInnen zu gewinnen.

Ödnis seit 1991.

Im Publikum zeigte man sich begeistert über Weiterführung der Ausstellung im Netz. Kontakte zu anderen BesucherInnen sind durch die Teilnahme am Instawalk entstanden. Der Wunsch, ähnliche Aktionen auch während anderer Ausstellungen zu ermöglichen, wurde mehrfach geäußert. („Wie sähe so etwas zu den Blauen Reitern aus?“)

St. Jakob

Es war mir ein großes Vergnügen und eine faszinierende Inspiration. Ich werde wohl noch einige Zeit mit dem Renger-Patzsch-Virus durch die Stadt gehen und photographieren.
Vielen Dank an die Kulurtkonsorten, Herbergsmütter sowie an Antje Lange, Anna Volz, Dr. Simone Förster von den Pinakotheken sowie die Kulturstiftung der Stadtsparkasse München für die Ausstellung, Inspiration, Speis und Trank!

Zum Schockraum.

Bilder:
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#StadtLandMuc auf Instagram
#StadtLandLev, #StadtLandDuis
Meine Bilder auf Instagram und flickr

Weiterführende Links:
Albert Renger-Patzsch: „Ruhrgebietslandschaften“ (Pinakothek der Moderne)
StadtLandBild (Pinakothek der Moderne)
StadtLandBild – Almanach nach des Zwischenraums (Kulturkonsorten)
Storify der Kulturkonsorten zum Instawalk
BR24/Rundschau zum Instawalk
Die Herbergsmütter zu StadtLandBild
Antje Lange über die Nachhaltigkeit von Social Media-Aktivitäten im Kulturbetrieb anhand von #StadtLandBild

Grob passiertes Abendessen in städtischen Kliniken um 16 Uhr künftig noch billiger

Der folgende Text ist ein Leserbrief (mein erster!) auf den Artikel „Sanierungskonzept Mindestens ein Viertel weniger Lohn: Klinikum will in den Küchen sparen“. Ich habe keine Ahnung, ob er veröffentlicht wird, aber ich möchte damit ein wenig Druck auf die Mitglieder des Finanzausschusses im Münchner Stadtrat ausüben.

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Es ist schon kein Vergnügen, als Besucher einem Patienten das um 16 Uhr – ja, Sie haben richtig gelesen: um 16 Uhr – von dem am Anschlag arbeitenden Pflegerinnen aufgetragene Abendessen beizugeben, weil er nicht mehr in der Lage ist, es selbst einzunehmen. Darüber könnte man halbwegs getrost hinwegsehen, wäre das frühe Abendmahl von einer Qualität, die wenigstens mit einem Fastfood-Restaurant mithalten könnte. Doch die Leberwurst riecht nach Katzenfutter, und das „Grob Passierte“ wird auf der Karte gar nicht erst spezifiziert. Vermutlich ist es Apfelkompott. Es könnte auch Kartoffelstampf sein – man weiß es nicht.
Es ist das Essen, das schlecht bezahltes Personal zu Dumpingpreisen zusammenstellt; eine ökotrophologische Idee ist nicht erkennbar. Es grenzt an ein Wunder, dass Patienten dieses kulinarische Martyrium ohne Widerspruch über sich ergehen lassen.

Nun sind also die für die Mahlzeiten in den Kliniken zuständigen Mitarbeiterinnen zu teuer, und folglich sollen neu Eingestellte in zwei zu gründenden Servicegesellschaften (sic!) für noch weniger Gehalt für das leibliche Wohl der Patienten sorgen. Da es um Einsparungen geht, ist nicht zu erwarten, dass die wesentlich geringeren Personalkosten eine bessere Qualität der Mahlzeiten für die Patienten zur Folge haben werden.
Im Gegenteil: Man muss befürchten, dass die allenfalls Hygienestandards entsprechenden Mahlzeiten von noch schlechterer Qualität als jetzt sein werden, weil gutes Personal zu Niedrigstlöhnen in einer teuren Stadt wie München eben nicht auf Bäumen wächst. Bedenkt man, dass schon für die Vermittlung von unterbezahltem Fachpersonal auf den Stationen eine Prämie ausgesetzt wird, kann man nur zu dem Schluss kommen: Hier wird eine Milchmädchenrechnung aufgestellt!

Das größte Einsparungspotential ergäbe sich im Übrigen, die Küchen langfristig komplett zu schließen und die Angehörigen anzuhalten, sich selbst um die Mahlzeiten der Patienten zu kümmern. Das wäre wenigstens eine qualitative Aufwertung.