Das Meer und ich: eine Annäherung nach vielen Jahren

Der Text ist ein Beitrag für die Blogparade #DHMMeerdes Deutschen Historischen Museum

Das Meer und ich hatten immer eine komplizierte Beziehung zueinander. Bewusst das erste Mal war ich 1988 im Rahmen einer Sprachreise am Meer. Sie führte mich nach Südengland. Bournemouth. Eigentlich ganz hübsch, aber doch recht windig. Wirklich warm war es in den Augusttagen vor 30 Jahren nicht. Aber das hielt die Engländer nicht davon ab, ihre Körper auf den Sand zu legen. In diesen drei Wochen bekamen sie nicht viel Farbe ab. Ich kämpfte dagegen mit dem Salz des Wassers auf der Haut.
Drei Jahre später – wir legten während unserer Radltour durch die Toskana einen Ruhetag in Cecina – lernte ich, dass kühlender Wind die Haut rötet und nicht bräunt. Es war der bis heute heftigste Sonnenbrand, den ich mir holte. Einen Tag später verzogen wir uns wieder in die Berge der Toskana.
Zwei Extreme, die mich vom Konzept „Meer“ nicht überzeugten.
Weitere Versuche trugen auch nicht dazu bei, mich an dieser Form des Gewässers zu erwärmen. Urlaub am Meer? Warum macht man so etwas? Zwei Wochen am Strand neben nervigen Nachbarn unterm Sonnenschirm zu liegen, fand ich nach drei Tagen sehr langweilig. Wenigstens bekam ich diesen Urlaub, der keiner war, weil ich mit einer Gruppe Jugendlicher dienstlich dort war, bezahlt. Diese Freizeit war noch aus anderen Gründen schrecklich, woran das Meer – so fair muss ich sein – jedoch unschuldig war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Später kamen noch zwei Urlaube mit Freundin dazu: auf Mallorca und an der Nordsee. Alles nix. Was hätte ich an diesen Tagen Städte sehen können!

Das Meer sah mich rund 20 Jahre nicht. Der Gardasee war das höchste der Gefühle, die ich für größere Wasser entwickeln konnte. Oder der Bodensee. Den findet ja auch Martin Walser super. Es wird es nicht weiter gestört haben. Es wird von genügend anderen Bewundern besucht. Ansonsten kann ich mich eher für Hafenstädte erwärmen, was aber eher an großen Schiffen, Kränen, Kähnen und der eigenen Atmosphäre, die von diesen Anlagen ausgeht, erwärmen.

Von Freunden wurde ich vor wenigen Monaten gefragt, ob ich sie nicht nach Südfrankeich begleite wolle. Man lade mich ein. Da konnte ich nicht nein sagen. Man wolle sich an einem Campingplatz in der Nähe von Marseille niederlassen und die Seele baumeln lassen. Das überzeugte mich vollends, weil ich die Stadt schon immer mal sehen wollte.

Trägt den Namen zurecht: Cote d’Azur in Nizza

Wir fuhren über Italien nach Frankreich. Am letzten Autogrill vor Frankreich sahen und rochen wir trotz der Autobahn das Meer.
Und ich war geneigt, mich davon beeindrucken zu lassen. Etwa eine Stunde später waren wir in Nizza, wo wir eine Nacht bleiben wollten. Ich ignorierte die funktionierende Klimaanlage im Auto und ließ mein Fenster herunter. Ja, das roch recht angenehm. Wir fanden schnell ein günstiges Hotel in der Nähe des Wassers. Vor dem Abendessen begaben wir uns an den Strand.
Wow! Das war alles schon sehr blau. Wunderbar blau! Der Stress vergangener Besuche am Meer war wie weggeblasen. Wäre ich vergesslich, würde ich von Liebe auf den ersten Blick sprechen.
Aber es waren nur ein paar Minuten am ersten Abend. Nur nichts überstürzen!

Tags drauf fuhren wir weiter nach La Couronne, um uns dort für den Rest der Woche niederzulassen.

Was soll ich sagen?
Ich habe mich mit dem Meer mehr als versöhnt. Es strahlt eine für mich bis dato nicht wahrgenommene Ruhe aus. Selbst wenn seine Wellen höher schlagen, wirkt es gelassen. (Und Lichtschutzfaktor 50 vor dem Sonnenbad aufgetragen verhindert unschöne Rötungen auf der Haut.) Sein Rauschen entspannte mich so sehr, dass ich am Strand liegen konnte, ohne nach wenigen Minuten Langeweile zu verspüren. Oder einfach nur das Meer anschauen, wie es auf angenehme Art und Weise nix tut. (Manche Mitmenschen nerven in diesem Ruhezustand weitaus mehr.) Das hat etwas Meditatives, das ungemein erdet. Ich werde kein Mensch mehr, der zwei Wochen Strandurlaub machen kann. Dafür interessiert mich die Umgebung zu sehr. Natürlich kam mir sehr entgegen, dass wir nicht zur Hauptsaison urlaubten, sondern ein paar Wochen davor. Vielleicht ist das Meer in Frankreich auch besonders entspannt. Savoir vivre und so. Überraschen würde es mich nicht.

180727_04_Marseille

Und Marseille ist eine Hammerstadt. Dass es am Meer liegt, trägt dazu gewiss bei, aber diesem Tag, den wir dort verbracht haben, werde ich noch einen eigenen Text widmen, der mit der Blogparade kaum etwas zu tun hat.

La mer? Oui!

Advertisements

CityRing 58/68

MAN UGM 890 M 16 A (Bj. 1965) des Omnibusclub München am Hauptbahnhof, dem Beginn und Endpunkt des CityRing

Ging die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) signifikanten Angebotsverbesserungen aus Kostengründen lange aus dem Weg, fand vor etwa drei Jahren ein Umdenken statt. Auch ist der Stadtrat inzwischen bereit, Kosten für die Ausweitung des Angebots großzügiger zu tragen, die Bayerische Staatsregierung beteiligt sich inzwischen auch daran. So unterstützt sie den CityRing (und andere noch zu schaffende Tangentialverbindungen wie X50 und X80) mit über vier Millionen Euro in den nächsten vier Jahren. Das ermöglicht der MVG, den CityRing – entgegen der ursprünglichen Planungen – ganztags auf dem Niveau einer MetroBus-Linie anzubieten: das bedeutet, dass er jeden Tag bis 22 Uhr alle zehn Minuten, bis 1 Uhr im 20-Minuten-Takt fährt.
Gestern wurde der CityRing, der von den Linien 58 und 68 befahren wird, eröffnet.
Die Einweihung der Ringlinie wurde gestern in größerem Rahmen begangen. Aus gutem Grund.

180604_CR02

MB O 317 G der Stuttgarter Historische Straßenbahnen vor der prächtigen Kulisse am Königsplatz

Stetig steigende Fahrgastzahlen, eine quasi überlastete U-Bahn und nicht zuletzt die schlechten Luftwerte erfordern schnell zu einrichtende Alternativen. Der CityRing, der die Viertel und wichtigen Punkte abseits der Altstadt miteinander verbindet, stellt eine wichtige Tangente im monozentrisch ausgerichteten Liniennetz dar. Im Vorfeld startete die MVG eine Werbekampagne („Quer gedacht. Mehr gelacht.“) für umsteigefreie Direktverbindungen; der CityRing wird mit Plakaten und Medieninformationen begleitet, wie man es sonst nur U-Bahn-Eröffnungen kennt (die es auf absehbare Zeit nicht geben wird).
Die MVG hat also wirklich ein großes Interesse, dass die Linien 58 und 68 genutzt werden.

Oldtimer unter sich in der Luisenstraße

Sie ließ sich nicht lumpen und bot ein schönes Rahmenprogramm, das aus historischen Bussen, die parallel zu den regulären im Takt zwischen Hauptbahnhof und Herkomerplatz eingesetzt wurden, bestand. Der Omnisbusclub München nutzte seine guten Kontakte zu anderen Vereinen, so dass nicht nur einst in München verkehrende Busse gefahren sind, sondern auch Fahrzeuge aus anderen Städten.

180604_CR04

Das Auwärter-Museum war mit einem Reisebus vertreten.

Recht viel mehr muss man nicht bieten. Die Fahrgäste waren größtenteils begeistert, bei Sommerwetter in nostalgischen Gefühlen zu schwelgen. Die Route über das Kunstareal in der Maxvorstadt, Schwabing, Englischer Garten und Bogenhausen bot auch den zahlreichen Photographen schöne Motive, die man nicht jeden Tag vor die Linse bekommt.

MB O 305 G der SHB am Siegestor

Dem CityRing sind viele Fahrgäste zu wünschen; er hat jedoch einige Hürden zu überwinden, für die die MVG nichts kann. Bis auf wenige Abschnitte schwimmt er im Motorisierten Individualverkehr mit. Das bedeutet, dass er bei noch immer steigenden PKW-Zulassungszahlen speziell in der Hauptverkehrszeit viel im Stau stehen wird. Führe die Ringlinie komplett auf eigenen Trassen, würde der Zehn-Minuten-Takt sehr schnell nicht ausreichen. Ein Problem, dass auch die vor über drei Jahren eingerichtete Linie X30 hat, die vor allem auf dem Abschnitt Tegernseer Landstraße – Harras mehr im Stau steht, anstatt eine Expresslinie zu sein. Deshalb wurde der dichte Takt zum letzten Fahrplanwechsel ausgedünnt.

Wie einst 1988: MAN SL200 des OCM im Englischen Garten

Hier ist der Stadtrat gefordert, den Weg für von der MVG vorgeschlagene Busspuren endlich freizumachen – auch über wahrscheinliche Bedenken aus der Verwaltung hinweg! Mittelfristig darf man sich nicht alleine auf den zeitlich langfristigen Ausbau der U-Bahn verlassen, sondern es müssen neben der beschlossenen Tram-Westtangente und der im Planungsstadium befindlichen Nordtangente weitere Strecken gebaut werden. Der CityRing könnte so eine sein.
München ist entgegen seiner Lippenbekenntnisse immer noch eine autogerechte Stadt. Andere Städte in Europa sind in der Hinsicht schon wesentlich weiter, während hier mit grüner Zustimmung noch ein Tunnel gebaut wird.

180604_CR09

Historisch überland in der Stadt: MB O 307

Und die Fans des schienengebundenen Nahverkehrs würden sich sehr freuen, wenn die alten Trambahnen nicht nur im MVG-Museum gezeigt werden, sondern auch regelmäßig eingesetzt werden. Ein Linienverkehr an den Öffnungstagen, wie es ihn in anderen Städten gibt, zwischen Max-Weber-Platz und Schwanseestraße mit historischen Fahrzeugen wäre eine feine Sache. Aber solange eine Ampelschaltung in der Chiemgaustraße (Mittlerer Ring!) an rund 25 Sonntagen ein Problem darstellt, und die Aufsichtsbehörde den Einsatz alter Bahnen als Gefahr für Leib und Leben ansieht, wird es bei diesen Träumen bleiben.
Fahrende historische Fahrzeuge sind auch eine Visitenkarte für den ÖPNV!

180604_CR08

MAN 750 HO M 11 A des OCM auf dem Weg durch den Boulevard Leopold

Am Schluss bleibt der Dank an die MVG, den OCM und die anderen beteiligten Vereine für die gelungene Eröffnungsfeier einer Buslinie.

Links:
CityRing 58/68 der MVG
Tramreport über die Eröffnung des CityRing
Omnibusclub München e.V.
Stuttgarter Historische Straßenbahnen e.V.

#IMT18 (3): #Museumstandem

Mein Museumstag: 1. Teil, 2. Teil

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bis vergangenen Sonntag nicht im Jüdischen Museum war. Als Eintritte kein Problem waren, hatte ich andere Dinge im Kopf, jetzt fehlt mir das Geld, um die mannigfaltige Museumslandschaft der Stadt zu genießen. Sei‘s drum. Ich habe diese Bildungslücke endlich geschlossen.

Es ist in meinen Augen das größte Verdienst des Alt-Oberbürgermeisters Christian Ude, dem Wunsch der Israelitischen Kultusgemeinde, sich St.-Jakobs-Platz, der zuvor nur eine greislige Steinwüste war, ansiedeln zu dürfen, nachzukommen.

Alleine die Dauerausstellung, die jüdisches Leben in München und Bayern dokumentiert, ist sehr lehrreich, wird doch aufgezeigt, wie alt Antisemitismus ist.

180517_imt18-3_02

Die Sonderausstellung „A Muslim, a Christian an a Jew“ von Eran Shakine spielt sehr schön mit den gängigen Klischees über die Religionen.

Auf meinem Zettel stand optional noch das Alpine Museum, das ich auch noch nicht kenne. Allerdings wollte ich den Tag nicht eine Museumsrallye ausarten lassen.
So blieb es bei dem etwas unfreiwilligen Museumstandem.

180517_imt18-3_03

Auf dem Heimweg tobte sich das Gewitter noch ein wenig aus.

Links:
Jüdisches Museum
Internationaler Museumstag
#museumstandem auf Instagram

#IMT18 (2): Solln

1. Teil

Als ich auf der Website des Museumstags nach Museen suchte, die für mich in Frage kämen, entdeckte ich das Archiv Geiger. Ich wusste bis dato nicht, dass es das gibt. Rupprecht Geigers Werke sind in der Stadt recht präsent. Ich fuhr deshalb mit der U-Bahn extra bis Machtlfinger Straße; den Bahnhof hat Geiger gestaltet (siehe Titelbild).

Das Archiv Geiger, das einst sein Atelier war, liegt sehr abgelegen in Solln, was so oder so einen kleinen Spaziergang voraussetzt, weil die nächst gelegene Bushaltestelle zehn Minuten entfernt ist.
Von Obersendling aus dorthin zu laufen, ist auch kein Problem; es dauert nur ein wenig länger. In meinem Fall anderthalb Stunden, weil ich keine Hektik hatte und mich durch kleine Straßen zwischen Obersendling und Solln treiben ließ.

180517_imt18-2_02

Alleine das ehemalige Siemens-Areal, das gerade umgestaltet wird, lohnt schon einen kleinen Ausflug, wenn man sich nicht nur auf die typischen, schönen Motive Münchens kapriziert. (Hallo #StadtLandBild!)
Reihen- und Einfamilienhaussiedlungen sind hingegen nicht so mein Fall, weshalb sich der Weg ein wenig hinzog.

180517_imt18-2_03

Nähert man sich endlich dem Archiv Geiger, wird es schon idyllisch, obwohl Plattlinger Straße so gar nicht danach klingt.

180517_imt18-2_04

Man darf sich auch nicht von dem Schrottplatz irritieren lassen, der sich im Grün plötzlich auftut.

180517_imt18-2_05

Nachgerade romantisch wird es ungefähr zweihundert Meter vor dem Ausflusgziel: eine Pferdekoppel am Vogelanger! Man wähnt sich nicht in der Großstadt, sondern auf dem Dorf. Man muss nicht Charlotte Roche heißen, um das schön zu finden. Im Gegensatz zum Dorf hat man allerdings die Möglichkeit, tagsüber alle zehn Minuten, abends alle 20 Minuten und sogar nachts mindestens stündlich mit dem Bus wieder gen Stadt zu fahren.

180517_imt18-2_06

Beim Archiv Geiger endlich angekommen war ich auch nicht enttäuscht, dass es entgegen veröffentlichter Ankündigungen nicht geöffnet hatte. Nächstes Jahr beteiligt es sich wieder am Internationalen Museumstag.

180517_imt18-2_07

Auf dem Rückweg verweilte ich einem Moment am Sollner Weiher, bevor ich mich dem aufziehenden Gewitter entzog und das nächste Museum ansteuerte.
Fortsetzung folgt.

Links:
Archiv Geiger
Übersichtskarte der öffentlich zugänglichen Kunstwerke von Rupprecht Geiger

#IMT18 (1): #renovateHDK

Dass ich heuer erstmals vom Internationalen Museumstag erfahren habe, spricht nicht für mich. Denn für Menschen wie mich, die für Kultur so gut wie kein Geld abknapsen können, ist dieser Tag eine sehr gute Gelegenheit, in die mannigfaltige Museumswelt der Stadt einzutauchen. Davon habe ich am vergangenen Sonntag Gebrauch gemacht, ohne es in eine Rallye ausarten zu lassen.

Nach einer kleiner Umfrage gibt es drei Texte.

#renovateHDK

Kaum ein Museum hat eine dunklere Geschichte als das Haus der Kunst. Kuratorin und Archivarin Sabine Brantl ging beim Instawalk #renovateHDK auf die Geschichte des Hauses, die bis heute sowohl das Museum als auch die Stadt und ihre Bevölkerung beschäftigt, ein.

180515_imt18-1_renovateHDK02

Das als Haus der Deutschen Kunst errichte Gebäude war eines der wichtigsten Bauprojekte von Adolf Hitler. Die namhafte Spender – das Who Is Who der schnell entnazifizierten Rüstungsindustrie – erfüllten ihrem Führer seinen Lieblingswunsch.

180515_imt18-1_renovateHDK03

Geplant wurde der Bau wurde von Paul Ludwig Troost. Nach seinem Tod wurden die Pläne, vermutlich von Hitler persönlich, noch einmal geändert.

180515_imt18-1_renovateHDK04

Von Anfang an war ein Luftschutzkeller, die ab 1933 verpflichtend für alle neu zu bauenden öffentlichen Gebäude waren, enthalten. Das Haus der Deutschen Kunst war „bis zuletzt“ geöffnet.

180515_imt18-1_renovateHDK05

Bereits Mitte 1933 wurden „Luftschutzwerbetage“ durchgeführt. Indem kleine Sandsäcke über der Stadt abgeschmissen wurden, wurde die Bevölkerung schon früh auf den nächsten Krieg vorbereitet.
Der Luftschutzraum dient heute als Raum für die Sammlung Götz.

180515_imt18-1_renovateHDK06

Der Heizungskeller galt selbstredend als der modernste seiner Art.

180515_imt18-1_renovateHDK10

Natürlich wurde das Haus der Deutschen Kunst 1937 mit einer „Großen Deutschen Kunstausstellung“ eröffnet. Die Femeschau „Entartete Kunst“ wurde im benachbarten Hofgarten vorgeführt.

180515_imt18-1_renovateHDK07

Nach dem Krieg wurde das Haus der Kunst, das nicht zerstört wurde, sehr schnell wieder eröffnet. Man zeigte zeigte Gemälde anfangs aus den Sammlungen anderer, zerstörter Museen in München, u.a. eine Retrospektive der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“.

180515_imt18-1_renovateHDK08

Pläne aus den 60er Jahren sahen Überlegungen vor, die prägenden Säulen des Neoklassizismus zu entfernen.
Die Auseinandersetzung mit mit den braunen Wurzeln sollte erst viel später einsetzen und beschäftigt nicht nur den für die Sanierung des Haus der Kunst verantwortlichen Architekten David Chipperfield.

Ich könnte jetzt noch erzählen, dass das P1 früher ein einfaches „Bierstüberl“ war, und die Amerikaner in der Haupthalle Basketball spielten.
Aber ich möchte mich mit diesem Abriss bescheiden.

180515_imt18-1_renovateHDK09

Zum Abschluss gibt es einen Ausblick vom Dach des Haus der Kunst.
Vielen Dank für die Einladung und sie sehr informative Führung!

Fortsetzung folgt.

Links:
Chronik Haus der Kunst
#renovateHDK auf Instagram
#renovateHDK auf Twitter

Lalique only in der Maxvorstadt

Vor 20 Jahren arbeitete ich als Aushilfe in einem Antiquariat, das regelmäßig Auktionen veranstaltete. Während meiner Tätigkeit wurden Zeichnungen, Bücher, Exlibris, Textilien und Photographien an drei Tagen versteigert. Speziell bei den zum Teil namhaften Photos (u.a. von Heinrich Hoffmann) waren sich sehr wichtig fühlende B-Prominente zugegen. Für mich als damaligen Mittzwanziger war es trotz Interesse an Kunst eine eigene Welt, in der ich mich nicht wohlfühlte. Aber der Job war gut bezahlt.
Dass ich aus eigenem Antrieb noch einmal ein Auktionsbesuch besuchen würde, war nicht vorgesehen. Und überhaupt nicht vorgesehen war, dass ich mir freiwillig Vasen und Schmuck anschaue. Aber das Netzwerk Kulturkonsorten, über das ich indirekt darauf aufmerksam wurde, ist offen, deshalb schadet es nicht, wenn ich das zum Vorbild nehme. Dazu gehört jedoch auch, dass sich das Auktionshaus Quittenbaum der Digitalisierung nicht verschließt, sondern netzaffinen Kunstinteressierten öffnet.

quittenbaum_lalique-bacchantes

Vase/Tischleuchte „Bacchantes“, 1927 (Bild: Quittenbaum Auktionen)

So gab es am vergangenen Freitag unter dem Motto #laliqueonly eine Veranstaltung, die sich nicht nur an dem Haus bekannte SammlerInnen richtete. Sie diente als Vorgeschmack auf die morgige Auktion der Stücke aus der Glasmanufaktur von René Lalique und seiner Nachfahren. Nach einem kurzen und informativen Vortrag über das Wirken Laliques durften wir die Exponate in Augenschein und in die Hand nehmen.

Nun ist mein Zugang zu Vasen ein eher pragmatischer. Schmücken Blumen meine vier Wände, stehen sie zumeist in einem Weißbierglas oder kleinerem Trinkgefäß. Aber was Lalique – wohl ein Hochbegabter, wurde er doch schon als 12-Jähriger in die künstlerische Obhut einer Zeichenschule gegeben – aus Glas und zuvor an Schmuck kreierte, ist wirklich sehr schön anzuschauen. In den richtigen Ecken aufgestellt geben die Lampen ein wunderschönes Licht. Ein Hauch von Dekadenz wohnt seinen einstigen Auftraggebern bei, wenn Autohersteller Kühlerfiguren anfertigen ließen. Aber gut, jeder, wie er mag. Ein Kunsthandwerk, das Jugendstil und Art Déco ins schöne Licht rückt, das ich anerkennen kann.

quittenbaum_Lalique-deux-figurines-et-masque

Brosche „Deux Figurines Et Masque“, 1912 (Bild: Quittenbaum)

Mir gefällt der Weg, den Quittenbaum Auktionen geht, sehr gut. Der Markt für Auktionen ist gewiss begehrt und umkämpft. Neue Pfade zu gehen, ohne seine Kernklientel zu vernachlässigen, erscheint mir als probates Mittel, um seinen Interessentenkreis zu erweitern. Die Offenheit des Inhabers und seiner MitarbeiterInnen tut ihr übriges.

Im Juni wird bei Quittenbaum Design der 1960er Jahre versteigert. Dort werde ich gerne wieder vorbeischauen, wenngleich ich mir davon auch nichts leisten kann.

Links:
Quittenbaum Auktionen
Glasmanufaktur Lalique
Musée Lalique
René Lalique auf Wikipedia

Verschlossen

Ein fast zum Rant verkommender Beitrag für die Blogparade #SchlossGenuss

Wächst man in München auf, ist der Weg zu Schlösser und Burgen nicht weit. Im Land des Mythen behafteten Märchen-Kinis stehen genügend rum; es gibt kaum eine Bahnstrecke, an der man nicht an einem dieser Prachtbauten vorbeifährt. Dennoch mache ich einen großen Bogen um sie und photographiere sie höchstens aus der Ferne.

Natürlich werden einem die architektonischen Zeitzeugen der blühenden Vergangenheit unserer Vorfahren speziell zu Ausflügen während der Schulzeit gezeigt. Jedoch wurde uns das Wissen mit der pädagogischen Brechstange vermittelt.

Als wir im Schloß Nymphenburg waren, hielt es der Lehrkörper – ich weiß zu ihrem oder seinem Glück nicht einmal mehr, wer es war – notwendig, uns die Porzellansammlung in aller Ausführlichkeit zu zeigen. DIE PORZELLANSAMMLUNG! Die ist gewiss atemberaubend, einmalig und von hinreißender Schönheit – aber sie interessiert Zehnjährige so brennend wie Endmoränen. Natürlich waren wir sehr unruhig, was wiederum die Lehrkraft erboste, die hinterher irgendwas von „Wenn Ihr Euch nicht benehmen könnt, können wir solche Ausflüge nicht mehr machen“ faselte.
Ähnlich verhielt es sich in der Residenz. Was wurde uns detailliert vorgeführt? DIE MÜNZSAMMLUNG! Jungen Menschen ist es ziemlich egal, mit welchen Goldtalern, wovon die Plebs eh zu wenig hatte, Könige und Prinzregenten bezahlen ließen.

Es kommt erschwerend hinzu, dass diese wertvollen Stücke, ob Porzellan oder Münzen, aus nachvollziehbaren Gründen in Glasvitrinen liegen, was die Anschaulichkeit jedoch nicht erhöht. Das hat zur Folge, dass sie für BesucherInnen im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar sind. Im übertragenen Sinne gilt das leider für das gesamte Ensemble.
Es bleibt einem verschlossen.

Einige Jahre später – wir unternahmen in den Sommerferien als Quasi-Volljährige eine Radltour durch Bayern – machten wir in Landshut Station. Wir bekamen mit, dass dort die Burg Trausnitz steht. Wir schlossen uns einer Führung an.
Leider war auch die recht fad. Die Führerin wusste gewiss alles und kannte jedes Staubkorn, aber begeistern konnte sie uns nicht. Sie erinnerte uns vom Aussehen und Duktus an unsere Deutschlehrerin, die ein sehr angenehmer Mensch war, aber einen langweiligen Unterricht machte.
Ein paar Jahre später erlebte ich mit einer Kindergruppe wieder eine Führung dort, die eine anderen Person vornahm, aber ähnlich langweilig war und eine sehr unruhige Gruppe zur Folge hatte.

Spätestens danach war das Thema „Schlösser und Burgen“ für mich durch.
So durch, dass ich sogar um Neuschwanstein – DAS SCHLOSS! – einen großen Bogen machte, als wir vor rund zehn Jahren ein Mitarbeiterwochenende in Hohenschwangau verbrachten.

Die erste wirklich gute Führung erlebte ich vor ca. 20 Jahren in der Burg Stein an der Traun.
Im Rahmen einer 14-tägigen Ferienfreizeit im Chiemgau betreuten wir 40 zehn- bis 12-jährige Kinder und dachten uns, diese Burg könnte etwas für sie sein. Die Lage ist ja ein Traum – Immobilienmakler könnten sie besser nicht erfinden. Wir wurden nicht enttäuscht. Der ältere Herr, der uns durch die dunklen Gemächer führte, erzählte so anschaulich, als hätte er den Raubritter Hainz noch persönlich gekannt. Selbst die coolen 12-Jährigen gaben beeindruckt Ruhe.
Sowohl einige Kinder uns BetreuerInnen beschäftigte die Führung noch einige Tage. Besser geht‘s nicht.

Damit will ich auf den konstruktiven Teil des Textes überleiten.

Das Interesse für Kultur – dazu gehören auch Schlösser und Burgen – wird im Kindesalter geweckt. Kinder fragen einen sofort, was das für ein Gebäude ist, wenn es außergewöhnlich aussieht. Nicht umsonst sind Schlösser und Burgen zentrale Orte in Märchen. Ihnen wohnt ein Mythos bei, den man nur mit anschaulicher Patina anreichern muss, um sie zu begeistern. Natürlich ist es wichtig, dass FührerInnen ein breites Wissen über das, was sie zeigen, haben. Aber es ist unwichtig, das alles in eine einstündige oder längere Führung zu packen.
Kinder bringen Neugier und nicht selten etwas Wissen mit, an das man anknüpfen kann. Man muss sich nur darauf einlassen.

Betet nicht Geschichte herunter, sondern erzählt Geschichten!
Mythen, Geheimnisse, Gruseliges, Lustiges – jedes Schloss und jede Burg bietet Anekdoten, die kindgerecht aufbereitet zum Zuhören einladen.

Stellt zu Beginn der Führung Fragen!
So bekommt Ihr mit, was Kinder wissen und was sie schwerpunktmäßig interessiert.

Lasst Fragen zu und lasst Euch unterbrechen!
Ihr müsste nicht auf alles eine Antwort wissen. Aber sie wollen das Gefühl haben, dass man sie ernst nimmt.

Gebt ihnen Dinge zum Anfassen!
Natürlich ist alles unheimlich wertvoll. Das respektieren Kinder in der Regel auch. Es genügen schon gebackene Kekse nach dem Originalrezept von 1734. Aber wenn sie nur schauen und keinen Mucks geben dürfen, wird es ihnen schnell fad.

Kleidet Euch so, wie man sich damals angezogen hat!
FüherIn in historischen Gemäuern zu sein, bedeutet auch, eine Rolle zu spielen – und erhöht die natürliche Autorität.

Und Jugendlichen muss man im Zweifelsfall erzählen, wie viele (Jung-)Frauen der König, oder wer auch immer dort residiert haben mag, in seinem Schlafgemach flachgelegt hat, um sie bei der Stange zu halten, und nicht die Augen genervt verdrehen, wenn diese in ihren Augen nicht unwesentliche Frage im Raum steht. Die einst Herrschenden waren bekanntlich keine Engel, auch wenn die bereinigte Geschichte das gerne anders darstellen will. Dass das alle, speziell im Barock, rechte Dreckbären waren, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.
Oder man stellt dar – um bei den oben erwähnten Goldtalern zu bleiben – warum Könige und Prinzregenten so viele Goldtaler hatten, die Untertanen jedoch so wenig.

Das Gebäude mag glänzen, die Vergangenheit tat es ihm in der Regel nicht gleich.
Mögen die ausladenden Bauten nicht im Besitz der BesucherInnen sein, so gehören sie doch ihnen, will man nicht verblassten Ruhm als etwas Unvergängliches verkaufen.
Eigentlich lässt es sich vereinfacht mit einem Stichwort zusammenfassen: Partizipation. Es ist nicht Eure Führung, es ist ihre Führung.

Für mich ist die Kutsche abgefahren. Ein Schlösser- und Burgenfan werde ich in diesem Leben nicht mehr. Das musste ich feststellen, als eine Bekannte mir vor zwei Jahren das Schloss in Münster, das am Rande der Altstadt auch ordentlich Platz und Parkplatz verbraucht, nahe bringen wollte. Ich interessierte mich zu ihrem Leidwesen eher für die Speisekarte in der Cafeteria als für die im Inneren dargebotene Schönheit. Und ich habe einmal zu viel Regionalfernsehen geschaut, als sich schwäbischer Landadel vor prächtiger Kulisse fürstlich bekochte. Royal Wedding in Klein mit Schäufele an Spätzle und Nochirgendwas. (Jetzt habe ich tatsächlich noch die Kurve zum kulinarischen Aufhänger von #SchlossGenuss gekratzt.)

Aber um mich geht es nicht.
Wenn die architektonisch gewiss meisterhaften Gebäude nicht nur ihren Platz auf Postkarten und in Fotoalben behalten sollen, müssen den jungen Menschen ihre Geschichte und Geschichten lebhaft dargestellt werden. Dann klappt‘s auch mit dem Schlossgenuss.
Ansonsten ist es nur die selbstverliebte Verwaltung von Prunk vergangen geglaubter Zeiten.

Nachtrag, 8.5.2018
Wie man es richtig macht, zeigt die Burg Posterstein im Altenburger Land. Dort wurde eine Ausstellung gemeinsam mit Kindern entwickelt. Ergebnis: Die Besucherzahlen stiegen

Links:
Blogparade #SchlossGenuss der Schlösser und Gärten Deutschland
#SchlossGenuss im HKMPodcast von Heinrich Rudolf Bruns
#SchlossGenuss auf Pinterest (von Tanja Praske)
#SchlossGenuss auf Twitter