Die kleinen Dinge: das Überraschungsei

Am vergangenen Freitag durfte ich in eigener Sache ins Impfzentrum fahren. (Darüber werde ich hier noch berichten.) Im Gegensatz zu den Terminen, bei denen ich meine Nachbarin begleitete, fuhr ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an den östlichen Rand der Stadt.

Hinter dem Hauptbahnhof stieg ein regelmäßiger Gast des Heimatstern zu. Also keiner, der auf der Sonnenseite des Lebens steht. Er entdeckte mich zuerst, bevor ich ihn nicht nur wegen seines freiwilligen Haarwuches nach einem halben Jahr wiedererkannte. (Steht ihm übrigens sehr gut!)
Während der fünf, sechs Stationen unterhielten wir uns angeregt. Er kam gerade vom Heimatstern mit einer Tüte voller guter Sachen, für die Menschen, denen es besser geht und das bewusst ist, gespendet haben. Es sei sehr viel los gewesen. Aber es habe genügend für Alle gegeben. Er wirkte gut gelaunt und erleichtert darüber, in den nächsten Tagen eine Sorge weniger zu haben. Ja, die Armut ist im vergangenen Jahr nochmal offensichtlicher geworden. Zumindest nehme ich das auf den vielen Spaziergängen wahr.
Er freute sich mit mir über meinen Impftermin. Und ich freute mich, dass es ihm offenbar verhältnismäßig gut ging. Es waren sehr schöne sieben, acht Minuten.

Kurz bevor er ausstieg, griff er in seine Tüte. „Ich hab etwas für Dich.“ Ich guckte überrascht. Freudig drückte er mir ein Überraschungsei in die Hand. „Das habe ich heute beim Heimatstern bekommen.“ Ich konnte und wollte das nicht annehmen und gab ihm das auch so zu verstehen. „Doch, das musst Du annehmen. Denn nach dem Impfen brauchst Du Zucker!“ Dem Argument konnte ich mich nicht verschließen. Und wenn jemand geben will, wird er seine guten Gründe haben.

Das Überraschungsei habe ich Zuhause sehr genussvoll gegessen. Ich bin über dieses Geschenk aus vollem Herzen immer noch sehr gerührt. Man kann Hab und Gut und verlieren oder nie welches gehabt haben. Dass er darüber nicht seine Empathie verloren hat, beeindruckt mich sehr. Nach ein paar Nachmittagen beim Heimatstern, die dunkle wie helle Seite des Lebens parallel zeigen, weiß ich, dass er nicht der einzige ist, der Freude teilen kann. Selbstverständlich ist es für mich nicht, weil ich jede Frustration und Resignation von Menschen, denen das Leben nicht nur einmal den Mittelfinger gezeigt hat, nachvollziehen kann.

Man bekommt immer etwas zurück. Nicht unbedingt sofort, nicht unbedingt, wenn man es erwartet. Aber es kommt der Moment. Man muss ihn nur festhalten und genießen. So wie am vergangenen Freitag.

Impfzentrum zum Zweiten

Drei Wochen waren letzten Donnerstag seit der ersten Butterfahrt ins Impfzentrum vergangen. Es war 20 Grad wärmer und die Abläufe sind inzwischen darauf ausgerichtet, nach Erst-und Zweitimpfungen zu unterscheiden.

Dass wir dank unseres bestens vorbereiteten Chauffeurs unbeabsichtigt zu früh vor Ort waren, war kein Problem. Ein spontanes Sonnenbad auf dem Rollator vor der Halle, um den Ablauf nicht durcheinander zu bringen, war nicht notwendig. Wir durften nach Rücksprache mit einem der Ordner vor dem Zelt eine viertel Stunde vor dem via E-Mail festgelegten Termin rein.

Es wird mehr geimpft. Diesen Schluss ließ zumindest die vergleichende Beobachtung zu. Es gibt getrennt Eingänge für Erst- und Zweitimpfung. Die Schlange vor den vor der Hallen aufgebauten Zelten war weitaus langer als vor drei Wochen. Aber nicht für die Menschen, die für ihre Zweitimpfung angereist sind. Wir rauschten an der Menge vorbei und waren schon nach drei Minuten im System aufgerufen, bevor Erstzuimpfende die Halle gesehen haben.

Dass der Impfpass in den Wirren des zwischenzeitlich stattgefundenen Umzugs verschütt gegangen war, war zum Glück kein Problem. Ihn dabei zu haben, ist dennoch hilfreich: man bekommt nämlich einen schönen Aufkleber.
Da der Begleiter der Nachbarin und Autor dieser Zeilen unabhängig davon die Unterlagen zur Erstimpfung vergessen hatte, mussten wir eine kurzen Umweg für ein Formular mit Unterschrift (Allergien, Vorerkrankungen, Medikation, etc.) einlegen. Dass die Daten nicht gespeichert waren, überraschte mich. Aber wir leben in Deutschland, wo Digitalisierung immer noch schwierig ist, und der Datenschutz an unerwarteter Stelle bedeutsam wird. Es ging dennoch sehr schnell, und die Dame hinter der Scheibe, auf die ich später noch zu sprechen komme, reagierte gelassen wie freundlich.

Nach diesem kurzen Umweg setzte ein kurzer Stau ein, der uns nicht beunruhigte, aber die Ordner*innen irritierte. Scheint eher selten zu sein. Die eine oder andere leise murrende Stimme war in der Schlange, über die die A9 in der Hauptverkehrszeit nur müde lächeln kann, zu vernehmen.
Kurze Zeit später löste sich der Stau auf, und wir flutschten in den großzügig gestalteten Bereich vor den Impfkabinengängen, von denen es vier à 15 Kabinen gibt.

Da es noch nicht so viele Menschen gab, die sich auf ihre unmittelbar bevorstehende zweite Impfung freuen durften, dauerte es ein paar Minuten, bis meiner Nachbarin die Kabine zugewiesen wurde. Nachdem das Problem mit einem zerknitterten QR-Code gelöst wurde, ging es sehr schnell und die zweite Impfung in den linken Oberarm gespritzt.
Nach einer viertel Stunde im Wartebereich waren wir nach 55 Minuten – wie bei der Erstimpfung – wieder am Parkplatz.

Die Nachbarin klagte bis auf Müdigkeit, die aber auch der Aufregung geschuldet sein konnte, nicht über Nebenwirkungen.

Sich bei den haupt-, neben- und ehrenamtlichen Helferinnen zu bedanken, scheint nicht selbstverständlich zu sein. Eine MFA – die Dame, bei der wir einen Umweg für zwei Unterschriften einlegen mussten – bekam plötzlich rote Wangen, als wir uns bei ihr für die Umstände, die wir ihr dank meiner Schusseligkeit bereitet hatten, entschuldigten und bedankten. Wir trafen sie beim Rausgehen, als sie eine wohlverdiente Pause machte, noch einmal und unterhielten uns kurz.
Die im Impfzentrum Arbeitenden können nichts für das lausige Pandemie-Management vonseiten der Stadtverwaltung und der Politik. Sie geben ihr Bestes und sind dabei noch geduldig und freundlich.

Wenngleich aus nachvollziehbaren Gründen Viele mit dem Auto zum Impfen fahren oder gefahren werden, macht der Impfexpress 99 einen sehr gut gefüllten Eindruck. Vielleicht ist es sinnvoll, diese Linie auf 5 Minuten zu verdichten, damit sich die zu Impfenden nicht vorher noch im vollen Bus anstecken.

In der Zwischenzeit warte ich auf meinen Impftermin.

Butterfahrt ins Impfzentrum

Seit Ende letzter Woche wird im
Impfzentrum an der Messe
endlich geimpft. Inwieweit es sinnvoll ist, ausgerechnet Ältere an den Stadtrand zu schicken, kann man streiten. Aber für so ein Unterfangen notwendige sehr große Räumlichkeiten gibt es in zentraler Lage nicht.
So viel vorneweg: die Abläufe sind sehr gut organisiert.

Nachdem ich am Freitag Abend meine Nachbarin via E-Mail für die Impfung registriert habe, bekamen wir gestern früh die Benachrichtigung, dass wir bereits heute den ersten Termin haben. (Ein späterer wäre möglich gewesen.) Ein Bekannter hatte angeboten, uns dorthin und nach Hause zu fahren. Ein Angebot, das wir dankend annahmen, denn die Anreise mit U-Bahn und Bus wollte ich ihr nicht zumuten.

Auf der A94 ist das Impfzentrum ausgeschildert; fährt man von der Autobahn zur Paul-Henri-Spaak-Straße ab, ist nicht eindeutig, wohin man muss. Nach einer Ehrenrunde ist klar: nach links!
An Tor 17 bekommt man seinen Parkplatz zugewiesen. Vor dort sind es wenige Meter bis zum Haupteingang. Den lässt man aber links liegen, sondern begibt sich entlang der blauen Absperrbänder zu den daneben aufgestellten Zelten. Davor ist auch die Haltestelle zum Impfexpress 99 der MVG.

Da ich nach den gestrigen Schlagzeilen eine längere Schlange erwartete und das Thermometer knackige -7 Grad anzeigte, zog ich es vor, zwei Strumpfhosen anzuziehen. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es gab keine Schlange. Vor Betreten des Zeltes wurde meine Nachbarin gefragt, ob sie einen Rollstuhl benötige. In gemäßigtem Tempo ging es durch das beheizte(!) Zelt direkt in die Halle.
Im Eingangsbereich ist ein bisschen was los; es ist mit dem Boarding am Flughafen vergleichbar. Es sind sofort Mitarbeiter*innen zur Stelle, die einen freundlich darauf hinweisen, wo man sich aufbauen soll.

An der ersten Station wird festgestellt, ob man auch wirklich dran ist, bekommt Fieber gemessen und durch das mit blauen Bändern abgetrennte und weiß-blauen Pfeilen gekennzeichnete Labyrinth Anmeldestraße geschickt. Sie ist auf größeren Ansturm vorbereitet, den es heute nicht gab. Man muss halt ein bisschen laufen, mehr nicht.

An der zweiten Station, dem Check-In, werden die für eine Impfung nötigen Formalitäten erledigt. Allergien, Herzschrittmacher, Vorerkrankungen, etc. Wer zur ersten zu impfenden Gruppe gehört, muss man keine gesonderten Atteste über Erkrankungen vorlegen (wir hatten eines dabei). Das Alter gilt.

An der dritten Station muss man diverse Blätter zu Vorerkrankungen ausfüllen und Erklärungen zum Impfstoff und möglichen Nebenwirkungen unterschreiben. Wer damit alleine überfordert ist, bekommt durch Mitarbeiter*innen Unterstützung. Die Fragen zu möglicher Schwangerschaft und Stillen amüsierten die Nachbarin.

An der vierten Station wird‘s ernst: es wird geimpft! In der Impfkabine wird man vorher noch einmal gefragt, ob alles in Ordnung sei. Eine Begleitperson darf unter Einhaltung der Abstandsregel dabei sein. Nach zwei Minuten ist es vorbei.

Die fünfte und letzte Station ist der Wartebereich nach der Impfung, in dem man sich eine viertel Stunde aufhalten soll. Er ist so bestuhlt, dass eine Begleitperson neben der nun geimpften Person sitzen kann. Sollte Unwohlsein oder medizinisch Schlimmeres einsetzen, sind Rettungssanitäter*innen sofort zur Stelle.

Nach der Viertelstunde geht es wieder nach draußen.Wir benötigten von der Ankunft bis zum Ende 55 Minuten. Es gab keinerlei Hektik oder Gedränge. Es lief alles in entspannter Atmosphäre ab.

Es gibt im Pandemie-Management zurecht sehr viel zu kritisieren. Wären die Abläufe so vorausschauend wie im Impfzentrum organisiert, wäre der Wahnsinn besser zu ertragen.
Die Mitarbeiter*innen sind frei von ansteckender Hektik, aufmerksam und sehr freundlich – und freuen sich übrigens, wenn man sich bei ihnen bedankt. Als wir nach der Impfung die vorgegebene viertel Stunde im Wartebereich saßen, meinte die Nachbarin, dass der Ausflug wie eine Butterfahrt gewesen sei.
Um es mit Google zu sagen: Top Service, gerne wieder! *****/*****
Weil es so gut war, wiederholen wir den Ausflug ins Impfzentrum in drei Wochen!

Es ist hilfreich, wenn gerade mobilitätseingeschränkte Ältere begleitet werden. Die Anreise – ich schreibe es sehr ungern – mit dem Auto ist der mit dem ÖPNV vorzuziehen. Der mit An- und Abreise gut zweieinhalb Stunden dauernde Ausflug ist eine wunderbare Abwechslung vom Home-Office!
Es reicht vollkommen, zehn Minuten vor dem Termin da zu sein. Wenn sich Alle daran halten, gibt es keine Schlangen, Hektik und Schlagzeilen.

Baustellen: Das Volk sieht nichts

Die Stadt verändert sich. Das tut sie wahrscheinlich seit Jahren. Wahrscheinlich schon immer. Wahrscheinlich ist es dem fortschreitendem Alter geschuldet, das einen glauben lässt, nur noch von Kränen, rot-weißen Plastik-Gefahrenabwendern und Baulärm umgeben zu sein, kurz: dass nur noch gebaut wird. Seit eineinhalb Jahren und in den kommenden zehn Jahren keinen Hauptbahnhof zu haben, mag den Eindruck verstärken. Eine von außen unveränderte Baulücke vermittelt wiederum den Eindruck den Eindruck, dass sich die Stadt doch nicht so sehr verändert.

Vielleicht sind gar nicht die vielen Baustellen das Problem, sondern deren Gestaltung. Meterhohe Mauern verhindern jeglichen Einblick. An den Zufahrten steht Sicherheitspersonal, das einen im Blick hat, wenn man sich ihm nähert, und böse wird, wenn man den Photoapparat oder das Handy auspackt, um den kurzen Moment einer offenen Einfahrt für ein Bild festzuhalten. Denn sonst sieht man ja nix.
Das Gebaren wird noch unverständlicher, wenn es sich um Baustellen handelt, in die Steuergelder fließen. Und die obendrein nicht mal die ungeteilte Zustimmung in der Bevölkerung haben.
Exemplarisch dafür steht der der Elisabethmarkt, dessen Neubau im Viertel bis zuletzt heftig bekämpft wurde. Nach dem Abriss im Herbst ziert die Baustelle inklusive der geplanten Tiefgarageneinfahrt eine hohe gelbe Mauer um das gesamte Areal. Nicht einmal Sehschlitze auf verschiedenen Höhen, damit Erwachsene und Kinder schauen können, was da gerade so passiert, gibt es.
Genauso verhält es sich an zwei Baustellen für die zweite S-Bahn-Stammstrecke am Marienhof und am Hauptbahnhof. Abriegelt wie der BND in Pullach. Mitten in der guten Stube. Dass es am Marienhof eine an drei Tagen für jeweils vier Stunden zugängliche Aussichtsplattform gibt, darf nur eine Zugabe sein. Zur Zeit wird sie wegen der Pandemie aus nachvollziehbaren Gründen gar nicht geöffnet. So bleibt einem nur die hohe Mauer mit Simulation, wie es dereinst am Marienhof 2028, 2030, 2032 oder vielleicht gar nicht aussehen wird. Am Bahnhofplatz kann man sich der Baustelle gar nicht annähern, weil der Autoverkehr – warum auch immer – daran vorbeifließen muss. Eine hohe blaue Wand weist darauf hin, dass es zwar keinen Hauptbahnhof, aber wenigstens Züge, die von verschiedenen Gleisen abfahren, gibt.Ansonsten muss der weiße Schaukasten in der Haupthalle ausreichen.

Gewiss gelten heute andere Vorschriften zur Sicherheit auf Baustellen Arbeitender und zum Schutz der daran Vorbeigehenden als vor 25 oder oder 50 Jahren. Dass Menschen reihenweise in offene Gruben der zahlreichen U-Bahnbaustellen im Stadtgebiet fielen, ist jedoch nicht überliefert. Der einzige größere Unfall datiert aus dem Jahr 1994, als man bei der Planung der U-Bahn zur Messestadt die Kieslandschaft in Trudering falsch eingeschätzt hat, die als Krater in die Stadtgeschichte einging.
Wie Transparenz funktioniert, weil es wegen des laufenden Betriebs gar nicht anders geht, sieht man an der Sanierung des U-Bahnhofs Sendlinger Tor.

Wenn Verständnis vor allem für mit öffentlicher Hand finanzierte Baurojekte geweckt werden soll, ist es wichtig, die Baustellen im Rahmen der Schutzverordnungen so zu gestalten, dass die Bevölkerung den Baufortschritt vor Ort verfolgen kann. Mauern ohne Sehschlitze, die für „Das Volk sieht nichts“ stehen, tragen dazu nicht bei, Nicht nur Kinder, für die Bauarbeiter*innen Held*innen sind, freuen sich über diese Form der Transparenz.

Emanzipation im Treppenhaus

Eine Würdigung der Serie Die Hausmeisterin

Vergangenen Freitag freute sich @MintzePfeffer über Frauen, die spontan ein Impulsreferat über Die Hausmeisterin halten können. Das sind gute Menschen! Ich gehe sogar so weit, dass sich in München Lebende erst als Münchner:in bezeichnen dürfen, wenn sie Die Hausmeisterin (natürlich auch Münchner Geschichten, Monaco Franze, und Kir Royal) gesehen haben. Beim Stöbern im Netz stellte ich feste, dass der Bayerische Rundfunk die Serie ab kommenden Montag wöchentlich mit Doppelfolgen wiederholt.
Das gibt mir die Gelegenheit, die Serie zu würdigen.

Natürlich ist es eine Serie über München, speziell aus Haidhausen, wie auch der Untertitel verrät. Es gibt sehr viele Außenaufnahmen, wie man sie heute aus finanziellen Gründen in Serien leider nicht mehr zu sehen bekommt. Man bekommt einen Eindruck von Haidhausen, wie es von der Bevölkerungsstruktur schon vor 30 Jahren nicht mehr so war, wie dargestellt. Aber ein wenig verklärende Nostalgie darf es in einer Unterhaltungsserie schon sein. Es ist auch ein Wiedersehen mit vielen beliebten, einigen inzwischen verstorbenen Schauspieler:innen, die noch ein Bairisch sprechen wie man es im Viertel vereinzelt, zum Beispiel in der Metzgerei Vogl, noch hören kann, und das nicht so künstlich klingt wie in Lansing.

Aber Die Hausmeisterin ist auch eine Serie von Frauen über Frauen! Die Drehbücher stammten von Cornelia Willinger, Regie führten überwiegend Frauen, die Produzentin war Pia Arnold, und die Hauptfigur ist (natürlich) eine Frau. Das gibt der Serie einen Fokus, der selbst für heutige Verhältnisse immer noch nicht selbstverständlich ist.

Die erste Folge beginnt damit, dass sich die Hauptfigur Martha Haslbeck von Josef scheiden lässt. Sie lässt sich von ihm scheiden, nicht er von ihr! Dass ihm die Scheidung gelegen kommt, weil er damit ohne eigenes Zutun für sein Ilse-Hasi frei ist, spielt eine untergeordnete Rolle.
Damit wird am Anfang gezeigt, wo es langgeht. Martha Haslbeck, eine Frau die zwischen Mitte 40 und Anfang 50 ist, beginnt ein neues Leben, das ihr nach der Scheidung zunächst einige Hürden zumutet. Die Stelle der Hausmeisterin in der Balanstraße, die sie schon als Gattin an Josefs Seite mehr oder weniger alleine ausfüllte, bekommt sie zunächst nur auf Probe. Da das Geld nicht zum Auskommen reicht, arbeitet sie sogar als Tankwart, um über die Runden zu kommen und ihre das Geld verprassende Tochter mit zu finanzieren. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen und bekommt die Festanstellung, nachdem sie einen windigen Handwerker des Betrugs überführt hat. Sie lässt sich nix mehr gefallen und übersteht die anfänglichen Anfeindungen, als sie sich in einen Griechen verliebt. Costa muss aber auch erst lernen, was es bedeutet, mit einer „bayerischen Hex“ zusammen zu sein. Und sie zeigt Größe. Sie schmiert ihrem Ex-Mann ein Honigbrot, als er sein Leid über seine Frau beklagt, und gibt seiner Frau wiederum Schnaps und Raum, wenn sie an ihm verzweifelt.
Martha Haslbeck emanzipiert sich Folge für Folge und gewinnt menschlich und beruflich an Reputation, die sie als Frau an Josefs Seite nie bekommen hat und hätte. Sie spielt sie aber nie zu ihrem eigenen Vorteil aus, was selbst der auf das schnelle Geld fixierte Hausbesitzer Eggerer erfahren muss. Er arrangiert sich stillschweigend damit, dass es ihr egal ist, wer unter ihr Chef ist. „‘s Leben is hart – aber mir san‘s aa“, sagt Martha, als sie wieder auf Widerstände stößt. Aber sie hat gelernt, damit umzugehen. Die Freude über die gewonnene Freiheit lassen die Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, kleiner erscheinen.
Martha Haslbeck ist keine Feministin, aber eine Frau, die sich im Treppenhaus emanzipiert hat.
Überhaupt werden verschiedene Frauenbilder gezeigt. Ihre Gegenspielerin Ilse Kugler (Ilse Neubauer), später Haslbeck, ist als Filialleiterin einer Bank erfolgreich im Beruf. Ihre Sehnsucht nach einem gut aussehenden und erfolgreichen Mann wird nur bedingt befriedigt. Als Gegenentwurf wird ihre Nachbarin Rosa Ostermeier (Sarah Camp) gezeigt, die als Hausfrau, Mutter und Ehefrau an die Grenzen ihrer Resilienz gerät. Und natürlich spielt ihre Tochter Christa (Bettina Redlich) eine große Rolle, die in Bezug auf Selbstständigkeit und Lebenspraxis mehr von ihrem Vater geerbt hat, als es Martha lieb ist.

Dass die Serie so gut gelungen ist, liegt natürlich auch an der Anfang des Jahres verstorbenen Veronika Fitz. Sie legte die Martha sehr facettenreich an. Wenn ihre Gegenüber sie wortreich bearbeiten, benötigt sie kaum Wörter, sondern lediglich ein wenig Mimik, damit man versteht, was sie davon hält. Gepaart mit dem schauspielerischen Rüstzeug, das sie nach Auftritten unter ihrem Vater und der Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule auf den großen Münchner Bühnen verfeinert hat, gelang es ihr vielleicht deshalb, die Rolle so authentisch auszufüllen, weil sie sich als Nachkommin des bis heute in der Öffentlichkeit männlich dominierten Fitz-Clans freischwimmen musste. Ihre komplizierten Beziehungen trugen auch dazu dabei, wie sie später sagte.
Dass Veronika Fitz, für die Martha Haslbeck mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, danach keine wirklich große Rolle mehr bekam, dokumentiert Fluch und Segen einer Serien-Hauptrolle. „Es kam nix. Dann hab ich halt den Bayer auf Rügen mit dem Fierek gespielt, weil ich meine Wohnung abbezahlen musste“, sagte sie später in Unter unserem Himmel. Ähnliche Rollen folgten. Ihr in der Dokumentation geäußerter Wunsch nach einer großen Rolle am Lebensabend blieb unerfüllt.

Offenbar traute man beim Bayerischen Rundfunk der Serie, die im Regionalfenster des Vorabendprogramms in der ARD erstausgestrahlt wurde, keinen großen Erfolg zu. Es wurden zunächst nur sechs Folgen produziert, was damals eher ungewöhnlich war. Die Skepsis bewahrheitete sich nicht – es folgten weitere 17 Episoden. Es wären noch mehr geworden, wenn Helmut Fischer nicht gestorben wäre.
Wenn die Serie einen Schwachpunkt hat, dann den, dass Helmut Fischer als Josef-Bärli eine etwas zu große Rolle spielt und diese als Stenz aus dem Monaco Franze wiederholt. Aber das ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass er Cornelia Willinger zum Schreiben ermutigte. Die Hausmeisterin ist ihre erste Arbeit fürs Fernsehen. Vermutlich sah man in ihm auch ein Zugpferd für die Serie, befand sich Fischer während dieser Jahre auf dem Höhepunkt seiner späten Popularität.
Das mindert die Qualität der Serie keineswegs. Sie ist in den über 30 Jahren hervorragend gealtert. Sie ist zeitlos und hat in Bezug auf die Präsenz von Frauen im Fernsehgeschäft leider immer noch Aktualität.
Die Hausmeisterin bedient leider auch die Sehnsucht nach guten zeitgenössischen Serien aus und über München, von denen bis auf die ersten beiden Staffeln von München 7 , die auch schon über 15 Jahre zurückliegen, leider nichts mehr nachkam.

Von Montag, 25.05.2020 werden wöchentlich zwei Folgen im BR Fensehen ausgestrahlt und danach für eine Woche in der Mediathek hinterlegt.

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Die Hausmeisterin auf BR.de
Die Hausmeisterin auf Wikipedia
Unter unserem Himmel über Veronika Fitz von 2014

Eingleisung

Zu den größeren Störungen bei der MVG gehören Entgleisungen von Trambahnen. Für die in der Bahn sitzenden Fahrgäste sind sie harmlos, weil sie in der Regel bei geringer Geschwindigkeit passieren; gerne beim Losfahren von einer Haltestelle.
So auch am Montag, als ein dreiteiliges Fahrzeug der Linie 16 am Effnerplatz zu zwei Teilen links in die Schleife abbog, während der der dritte Teil die richtige Richtung nahm. Die Rückfallweiche stellte sich zu spät. Sie ist derzeit notwendig ist, damit während der Hauptverkehrszeit die Verstärker zwischen Effnerplatz und St. Emmeram verkehren können; zum Wenden fahren die Züge rückwärts durch die Schleife, weil sie regulär nur vom Herkomerplatz aus befahren werden kann.

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Bis die Eingleisung beginnt, vergeht einige Zeit. Die Berufsfeuerwehr, unterstützt von der Freiwilligen Feuerwehr, rückt mit großem Besteck an. Am Schluss stehen rund zehn Fahrzeuge einsatzbereit am Effnerplatz. Die Profis machen sich dann mit Werkstattmitarbeitern der MVG ein Bild von der Lage. Die stellte sich als komplex dar, weil 2108 mit allen drei Fahrgestellen entgleist war. Viele Menschen gehen mehrmals um das Fahrzeug, bücken sich an mehreren Stellern, um zu begutachten, wie diffizil das Unterfangen sein wird. Es wird telefoniert, eingeschätzt.

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Zwischenzeitlich wird aus Sicherheitsgründen der Strom in er Fahrleitung abgestellt; die hinter dem entgleisten Zug wartenden Bahnen rangieren rückwärts Richtung Herkomerpatz, um dort nicht im Weg zu stehen. Denn der Platz wird für das schwere Gefährt der Feuerwehr benötigt. Der Verkehrsmeister kümmert sich darum, dass die Fahrer, die schon Dienstschluss haben in den wohlverdienten und verspäteten Feierabend gehen können; die Ablöse wird zum Effnerplatz beordert.

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Nach intensiver Beratung wird beschlossen, den Havaristen aus der Schleife in die Gerade zurückzuziehen.

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Klappt im ersten Anlauf nicht. Zweites schweres Gefährt muss her!

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Mit dem Zweiten zieht man besser.

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In die richtige Position ist 2108 gebracht worden. Eingegleist ist er noch nicht. Es ist inzwischen 19.15 Uhr.

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Gruppenbild vor Mae West.

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Nun geht es auf den Wagenheber, um die Vorderachse richtig ins Gleis zu bringen.
Gegen 20 Uhr steht der Wagen wieder (ich musste leider kurz nach halb zum Einkaufen.

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Der Rasen hat ein wenig gelitten.

So war der ÖPNV-Freak, der eigentlich nur das Rückwärtswenden am Effnerplatz beobachten wollte, für über zwei Stunden beschäftigt.

Bericht der Branddirektion

Keine Feuerzangenbowle

Gedanken aus der Vergangenheit aus gegebenem Anlass

Einer der schlimmsten Filme deutscher Produktion ist Die Feuerzangenbowle. Der schlecht abgehangene Schinken wird fast jährlich ohne jegliche Kritik an den historischen Kontext wiederholt und erfreut sich, weil man es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit eh nicht so hat, weiterhin großer Beliebtheit. Dabei ist dieser Streifen nichts anderes als eine auf nicht nachvollziehbare Weise verklärende Schülerschmonzette auf braunem Boden, in der ausgerechnet Heinz Rühmann einen Möchtegern-Rebellen spielen durfte. (Wer Rühmann für einen guten Schauspieler hält, möge sich mal die Dürenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tage ansehen, wo er von seinem leider in Vergessenheit geratenen Zeitgenossen Gert Fröbe mit wenigen Mitteln an die Wand gespielt wird.)
Ein fest im Leben stehender Mann träumt in fröhlicher Runde seine nicht gelebte Vergangenheit als Pennäler feucht nach, indem er sich als toller Hecht, der den Lehrern das Leben aber mal so richtig schwer gemacht hat, aufspielt, und die anderen Männer hören bei Feuerzangenbowle den Märchen aus 1000 und einem Reich bewundernd zu. Und alle waren sie selbstverständlich keine Mitläufer, sondern Initiatoren der Schülerstreiche, während Mädchen und junge Frauen allenfalls die Rolle der die vermeintlichen Helden Anhimmelnden bleibt.
Dass mit jedem Rückblick auf die immer ferner liegende Schulzeit Wunschvorstellung und Wahrheit eine nicht mehr auseinander zu haltende Einheit bilden, wird geflissentlich ignoriert – denn es war eh die beste Zeit! Alleine diese Botschaft ist so schlimm, weil sie ausschließt, dass es hinter besser werden kann. Eigentlich müssten am Ende des Films alle, ALLE sterben. Tun sie aber nicht, weil es eine Schmonzette und leider kein Western ist. Stattdessen nerven die Protagonisten die zu Nachkommen – nicht mal die haben sie zustande gebracht! – verkommenden Zuschauern mit ihren Heldentaten, die im Nachgang nur peinlich sind.
Der Film ist somit nur etwas für Gemüt in Zeiten des immer ferner rückenden Endsiegs, der über 70 Jahre später immer noch nicht gefeiert werden kann.

„Bei uns war immer 1. April,“ wird in der Feuerzangenbowle gesagt. Höhö! Vielleicht kann ich dem Film, den uns in der 6. oder 7. Klasse ein Deutschlehrer, den wir alle nur Slowly nannten, in einer letzten Stunde vor den Ferien zeigte, deshalb so wenig abgewinnen, weil ich meine Schulzeit, speziell die acht Jahre am Gymnasium, alles andere als toll empfand. Bei mir war meistens eher 1. November als 1. April. Womöglich hätte ich die Zeit positiver in Erinnerung, wäre ich ein besserer, fleißigerer Schüler gewesen. Aber das gelang mir nicht und war in all den Jahren Gegenstand unschöner Auseinandersetzungen zwischen meiner Mutter und mir. Passenderweise fiel der erste Elternsprechtag auch immer auf einen der letzten Schultage vor dem 1. November, dem sich die Herbstferien anschlossen. Die waren in der Regel für mich perdu, galt es doch, die Versäumnisse, von denen sie Kenntnis genommen hatte, nachzuholen.
Doch das war nicht alleine ursächlich für die Jahre, die ich 25 Jahre später überwiegend immer noch unschön in Erinnerung habe.

Es war eigentlich alles angerichtet für eine Zeit, auf die ich mich freute. Es stand, nachdem das Übertrittszeugnis keine Hürde darstellte, schnell fest, dass ich aufs Oskar-von-Miller-Gymnasium, das nur fünf Minuten von Zuhause entfernt war, gehen wollte. Mein bester Freund C. aus der Grundschule zog zwar das Maxgymnasium vor, aber das war weiter nicht schlimm, konnten wir uns doch jeden Tag in den Pausen sehen.
Nachdem ich die halbjährige Probezeit dank eigener Faulheit und fehlender Ernsthaftigkeit nur mit Ach und Krach überstanden hatte, zeigte sich recht schnell, dass sich einen schweren Stand in der Klasse hatte. Dass ich der Älteste war (ich wurde vor der Einschulung ein Jahr zurückgestellt), spielte keine Rolle. Keine Ahnung, was ich an mir hatte, dass ich immer wieder in die Außenseiterrolle geriet. Ich war gewiss damals schon kein einfacher Mensch und hatte politisch – das stellte sich in den folgenden Jahren heraus – eine vollkommen andere Position als die, die kein Problem hatten, auf mich herab zu sehen. Aber warum einige große Freude verspürten, sich an mir abzuarbeiten, verstehe ich bis heute nicht.
Aus finanziellen Gründen war meine alleinerziehende Mutter nicht in der Lage, mich mit neuer Kleidung auszustatten, was in einer Schule, in der ordentlich Geld steckte, mehr auffiel, als mir lieb sein konnte. Mich störte es nicht, die Kleidung des sieben Jahre älteren Nachbarssohnes über mir aufzutragen. Selbst die Brillen waren gebrauchte Gestelle. Die zwei Polohemden von Lacoste hatte ich von meinen Großeltern. Mir fiel es nicht mal wirklich auf, dass meine Kleidung nicht so schick war, wie die der Anderen. Ich fühlte mich halbwegs wohl darin. Auch nach meinem heutigen Verständnis war nichts dabei, das man nicht mehr tragen konnte. In der Klasse sah man das offenbar anders, denn ein paar Stofffetzen reichten aus, um mich über mehrere Jahre hinweg immer wieder als Müllmann zu bezeichnen. Und als ich auf einmal in einem pinken T-Shirt, das natürlich auch Second Hand war, mir allerdings wirklich gut gefiel (ich glaube, meine Mutter hatte es vorher getragen), aufkreuzte, war der Teufel los! Ich war fortan der schwule Müllmann. (Den Ohrring ein paar Monate später habe ich mir natürlich auch auf der „falschen“ Seite stechen lassen.) Wahrscheinlich wurde ich noch mit ein paar Beleidigungen mehr bedacht, aber der Verdrängungsmechanismus macht auch vor mir nicht Halt.
Zum Spießrutenlauf geriet man Dasein, als ich mich unglücklich in N. Verliebte, die einen Jahrgang unter uns war. Ich stellte mich beim Werben um sie sehr stümperhaft an, so dass es mindestens zwei Jahrgänge wussten und diese keinen Hehl daraus machten, wie lustig sie mein vergebliches Balzen fanden. Meine mindestens in der dritten Generation vererbte Sturheit machte mir das Leben nicht einfacher. (Gestalkt habe ich N. nicht, ordentlich genervt mit meiner Penetranz gewiss.)
Es waren sehr harte Jahre, die man heute vielleicht Mobbing nennen würde. Ich bin nach über 30 Jahren emotional immer noch zu nahe dran, um das seriös beurteilen zu können. Heute würde man vielleicht kompromittierende Videos von mir durch die sozialen Netzwerke jagen. Jede Zeit hat ihre Mittel, um Menschen fertig zu machen.
Dazu gesellte sich der Sportunterricht, den ich im Nachhinein als menschenverachtend bezeichne. Gleich im ersten Jahr hatten wir einen Schleifer vor dem Herrn, der Schülern die kalte Schulter zeigte, wenn sie nicht das zeigten, was er für Standard hielt. Der Fünfer im Zeugnis war mir herzlich egal. Aber immer als Letzter übrig zu bleiben, wenn Mannschaften gewählt werden (aussuchen durften natürlich die Cracks!), trägt nicht zur Motivation bei und sendet Schülern das Signal, dass man den Schlechten eh nicht braucht. Sie mussten sich nicht mal bemühen, nix von mir zu halten. Es erfüllte mich deshalb mit großer Schadenfreude, als ich erfuhr, dass Herr Fritsch Jahre später seinen Dienst wegen eines chronischen Bandscheibenvorfalls quittieren musste.

Alleine war jeder, der es ansonsten in der Gruppe auf mich abgesehen hatte, indes umgänglich, ja bisweilen sogar großzügig.
Ich erlebte – Boris Becker machte gerade erfolgreich Bum-Bum – die Welt des Tennis, in die ich ohne Kontakte nicht hätte reinschnuppern können. Ich bekam auch die komplette Beatles-Diskographie auf Musikkassetten überspielt. Und wahrscheinlich gab man sich mit mir nicht ab, um das schlechtes Gewissen zu überspielen. War man mit mir alleine, war ich wohl ganz erträglich, vielleicht sogar normal. Oder ich war damals schon das Chamäleon, als das mich eine Freundin Jahre später mal ganz treffend bezeichnete.
Traten die Einzelnen in der Gruppe auf, war ich der Depp, den man fertigmachte. Wehren konnte ich mich nicht. Niederschreien brachte mir lediglich Heiserkeit ein. Vielleicht prallten einfach nur unterschiedliche Welten aufeinander – Schwabinger Gentrifizierungsadel (zu dem ich, als mein Vater noch lebte, auch gehörte) vs. finanzielle Unterschicht. Speziell ersteres war am Oskar-von-Miller-Gymnasium sehr stark vertreten, selbst wenn er aus Bogenhausen, Daglfing oder Ismaning kam.

Einen Zusammenhalt gab es in dem bunt zusammen gewürfelten Haufen namens Schulklasse sowieso nicht. Lediglich in der 6. Klasse hatten wir eine Klassenlehrerin, der an Gemeinschaft etwas lag und die durch regelmäßiges Umsetzen dafür sorgte, dass wir auch mit Leuten in Kontakt kamen, mit denen wir sonst nichts am Hut hatten.
In dem Schuljahr kam S. dazu, der noch viel schneller zum Außenseiter wurde als ich. Schlechter Mensch, wie man nur sein kann, machte ich natürlich mit, wenn es gegen ihn ging, war es doch für der willkommene Anlass, von mir abzulenken. Ich wurde vom Hinterherläufer zum Mitläufer. Es fällt mir schwer in den Spiegel zu schauen, wenn ich daran denke, dass ich fleißig Pfeile mitwarf, wenn er die Zielscheibe war. Dabei verstanden wir uns eigentlich ganz gut. Außenseiter und Halbwaisen unter sich.

An den beiden Skilagern in der 7. und 8. Klasse nahm ich auch nicht teil. La Boum in den Bergen fand ohne mich statt. (Ich habe bis heute nicht eine Flasche gedreht.) Das Geld – ich erwähnte es bereits – war dafür nicht vorhanden und Ski fahren konnte ich auch nicht. Ökologisch fand ich diese Form der Freizeit mindestens fragwürdig. Aber das kann auch nur das innere Schönreden eines nicht zu ändernden Umstands gewesen sein. Vielleicht hätte da die Chance bestanden, etwas näher an den Kreis zu rücken. Vielleicht wäre die Diskrepanz auf engem Raum auch noch deutlicher zutage getreten. Ich erkannte allerdings auch kein Bemühen seitens der Lehrer, sich dafür einzusetzen, dass ich mitfahren kann. Komischerweise fiel es mir nicht sonderlich schwer, Zuhause bleiben zu müssen. In den Parallelklassen wurde ich als Gast für eine Woche freundlich aufgenommen.
Ich hoffe inständig, dass Schulen und LehrerInnen heute weiter sind, wenn es darum geht, SchülerInnen mit finanziell sehr schwachem Hintergrund an nicht gerade billigen Schulveranstaltungen teilhaben zu lassen! Es waren in diesen acht Jahren tatsächlich zwei von was weiß ich wie vielen Lehrkörpern, die in mir nicht nur den mittelmäßig bis schlechten und ansonsten unauffälligen, nicht aufbegehrenden Schüler sahen (eine unwichtige Erdkunde-Lehrerin bezeichnete mich beim Elternsprechtag mal als faulen Sack) und mit meiner Mutter nicht nur darüber sprechen wollten. Ich danke Ihnen dafür, Frau Spanier und Herr Leppla!

Leider konnte ich mich Zuhause nicht anvertrauen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit meinen Empfindungen und Demütigungen bei meiner Mutter ernsthaft Gehör finden könnte. Das lag gewiss an ihrer angespannten Situation. Sie war über mehrere Jahre hinweg mit einer Unterbrechung arbeitslos. Alleinerziehend und arbeitslos – das gab es Mitte der 1980er Jahre allenfalls in der von Helmut Kohl platt gesessenen Statistik, aber nicht in der gesellschaftlichen Wahrnehmung! Und schon gar nicht in Schwabing. Dennoch habe ich mir gewünscht, das Gefühl zu haben, ihr meine Sorgen anvertrauen zu können. Einmal versuchte ich es, aber ich wurde von ihr beschwichtigt. Ihr bei uns lebender Freund war zwar ein guter Kumpel, aber auch nicht der Mensch, dem ich mich öffnen konnte. Über persönliche Dinge wurde nicht gesprochen. Sie wurden per se nie tabuisiert, aber das Klima dafür gab es über meine gesamte Kindheit und Jugend hinweg nicht.
Aus einem traurigen Kind wurde ein trauriger Jugendlicher, der sich mehr schlecht als recht damit arrangierte, Dinge mit sich selbst auszumachen. Wenn ich es nicht schon vorher tat – spätestens in diesen Jahren legte ich den Grundstein für den Eisblock in Fragen die eigene Person betreffend. Ein stabiles Fundament, muss ich sagen. Trotz fortschreitender Klimaerwärmung steht der Eisblock immer noch sehr gut.

Vor der 9. Klasse mussten wir uns zwischen Französisch und Russisch als dritte Fremdsprache entscheiden. Ich wählte Russisch, weil ich mir auch erhoffte, so ein wenig den Fängen meiner Mutter zu entgehen. (Dass sie beschloss, mit mir die Sprache zu lernen, hatte ich nicht auf der Rechnung.) Es zeichnete sich ab, dass ich der einzige aus meiner Klasse war, der sich dafür entschied. So kam es auch, und ich musste die Klasse wechseln. Darüber war ich alles andere als unglücklich.
Während mich viele aus meiner alten Klasse umgehend nicht mehr grüßten, wurde es in der neuen tatsächlich besser. Ich saß fortan drei Jahre neben meinem damals besten Freund G., den ich in der 5. Klasse beim schulinternen Schachturnier, das wir als Letzter und Vorletzter abschlossen, kennengelernt hatte. Auch von den Anderen fühlte ich mich akzeptiert, auch wenn ich das eine oder andere Mal sicher aneckte. Sogar die Mädchen hatten nichts von der Arroganz, die ich vorher kennengelernt hatte. Die Schülerzeitung setzte sich auch aus einem Teil meiner Klasse zusammen, und wir hatten viel Spaß. (Ich hoffe, man konnte es herauslesen.) Bestätigung holte ich mir noch als Tutor von der 10. bis 12. Klasse. Das war wahrscheinlich der Grundstein für meine beruflichen Weg. (Dass mich selbst meine Mittutorinnen im ersten Jahr, die eine Klasse über mir waren, mich außerhalb des Kontextes im Schulhaus nicht grüßten, möchte ich nicht unerwähnt lassen, aber auch nicht überbewerten. Ich war ja schon einigermaßen abgehärtet.) Diesem kleinen Ehrenamt verdanke ich auch, dass ich am Ende dieses Schuljahres plötzlich eine Zwei in Deutsch hatte, weil die für uns TutorInnen zuständige Frau Denks auch meine Deutschlehrerin war. (Die Eins im Hausaufsatz war neben meinem einzigen geschossenen Tor gegen Herrn Ballweg im Tor einer meiner wenigen leistungsmäßigen Höhepunkte.)
Abseits fühlte ich mich erst wieder, als die Zeit begann, wo man sich auch abends traf. Etwas, was meine Mutter nicht zuließ. Freitag biss 22 Uhr – und das auch nur, wenn es die Noten erlaubten. Vielleicht wäre mehr möglich gewesen, hätte ich nicht wie der HSV jahrelang um den Klassenerhalt zittern müssen.
Dazu gesellte sich allmählich eine Schwabinger SPD-Altbau-Arroganz, die mich, wenngleich die Protagonisten inzwischen andere sind, bis heute auf die Palme treibt. Schwabing halt.

Gegen Ende der Mittelstufe wandte ich mich über einen wieder gefundenen Freund aus Grundschulzeit den Leuten aus dem Willy-Graf-Gymnasium zu. Dort fühlte ich mich wohler, ging man doch eher in die Clemensburg anstatt ins Roses (damals ein unheimlich angesagter Schwabinger In-Schuppen für junge Menschen mit aussagekräftigem Geldbeutel). Themen und Atmosphäre waren eine andere und strahlten mehr Wärme aus, was nicht nur an L. lag, in die ich – auch unglücklich – verliebt war. Aber sie wies mich nicht schroff ab. Und ich machte meine Zuneigung nicht öffentlich.

Inzwischen volljährig genoss ich die Freiheiten, die mir das Gesetz bot. Ich ließ nichts aus – vor allem abends und nachts. Die Schule war mir scheißegal. Es galt Dinge nachzuholen, die Andere schon vor mir in der Mittelstufe erlebt hatten. Ich war schon immer ein Spätentwickler. Die Schule geriet zur lästigen Nebensache, und meine Mutter machte sich Sorgen. Das gab mir ihr Freund an einem verkaterten Morgen einmal zu verstehen. Er mischte sich vor mir sonst nie in die Angelegenheiten zwischen uns ein.
Als ich am Ende der 12. Klasse, die mit dem täglichen Ausflug in den Latein-Leistungskurs am benachbarten Maxgymnasium, das noch weniger meine Welt war, verbunden war, folgerichtig das mit Abstand schlechteste Zeugnis meiner „Karriere“ in den Händen hielt, hatte ich zwei Optionen: wiederholen oder ohne Abitur abgehen. Ich entschied mich für letzteres und innerhalb von zwei Tagen beschloss ich, die Ausbildung zum Erzieher zu machen. Für mich war es ein Befreiungsschlag. Ich musste viele der Leute, mit denen ich so gar nichts anfangen konnte, nicht mehr sehen und entzog mich den strengen Kontrollblicken meiner Mutter. Nur Wenige informierte ich in den Ferien über meine Entscheidung. Den meisten war es vermutlich egal, dass ich im neuen Schuljahr nicht mehr da war.

Ich war das erste Mal seit vielen Jahren vollkommen frei von Druck und habe die fünf Jahre Ausbildung als die besten Jahre meines Lebens in Erinnerung. (Wäre schön, wenn noch ein paar folgten.) Im ersten Ausbildungsjahr war ich im Kindergarten der King – diese Bestätigung war ein für mich vollkommen neues Gefühl! Dass mir der Lernstoff mehr oder weniger zufiel und die Fachakademie mich speziell im zweiten Schuljahr wenig sah, war das verdiente Glück nach Jahren der Entbehrungen. Finanziell leisten konnte es mir auch, weil die Ausbildungsversicherung, die meine Eltern abgeschlossen hatten, ausbezahlt wurde. Über den zweiten Bildungsweg holte ich das Fachabitur nach (was auch dem sanftmütigsten Mathelehrer, den man nur haben kann, zu verdanken war).

Dieses Wochenende feiert „mein“ Jahrgang 25 Jahre Abitur. Große Freude kam bei mir nicht auf, als mich die Einladung erreichte. Dennoch sagte ich zu. Im Gegensatz zum Zehnjährigen kam jedoch dieses Mal einiges hoch, was ich niederschreiben wollte, um es endlich mal loszuwerden.
Dieser Text ist das vorläufige Endergebnis.

Ich verspüre keine Lust, wieder wie ein Verlierer da zu stehen, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt und von der Hand in den Mund lebt. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Das ist weder die Schuld der Menschen, die mich gedemütigt haben, noch der Schule! Das habe ich schon ganz alleine hingekriegt. Mit etwas mehr Stabilität von Haus aus stünde ich wahrscheinlich besser da.
Dennoch habe ich Angst davor, mich in dieser Runde zu offenbaren, und ich habe keine Lust, in dieser Runde meinen Rock runter zu lassen. Mit „Mein Haus, meine Familie, meine Yacht“ kann ich nicht dienen, ich habe nur „Meine Untermiete, mein Alleinsein, meine Schulden“ zu bieten. Ich kann nicht einschätzen, wie darauf reagiert wird, und auf euphemistische Lügen, die sich zwischen Wunschvorstellung und Wahrheit bewegen, habe ich keine Lust. Zu feiern haben habe ich also nichts. Und das ist nicht dem Abitur, das ich nicht gemacht habe, geschuldet. (Immerhin so selbstbewusst bin ich. Inzwischen.) Ich bin darob nicht mal gram, aber der innere Aufwand ist mir zu groß für die Überwindung, die mich dieses Treffen kostet. Was ich über Menschlichkeit und Empathie gelernt habe, habe ich leider nicht in acht Jahren am neureichen Gymnasium gelernt. Ich wünschte, ich könnte Anderes schreiben.
Einige Wochen später bekam ich zudem die Einladung zur Geburtstagsfeier einer lieb gewonnenen Person, die wiederum Menschen eingeladen hat, die ich in den vergangenen Jahren sehr zu schätzen gelernt habe. Mir ist die Gegenwart mit ihnen wichtiger als die schulische Vergangenheit.
Natürlich hätte ich mich gefreut, die Eine oder den Anderen wieder zu sehen. Aber dazu bedarf es nicht zwingend eines Jahrgangstreffens, bei dem keine Zeit für Tiefgang ist. Wer über dieses runde Jubiläum hinaus das Bedürfnis hat, sich mit mir zu treffen, kann sich bei mir melden. Meine E-Mail-Adresse steht im Impressum dieser Seite.
Genießt den Abend, lasst Euch und Eure Erinnerungen hoch leben und trinkt das eine oder andere Bier, das Ihr mir nicht ausgeben müsst, auf mich – wenn Ihr wollt! Wenn nicht, ist es auch okay.

Und vielleicht finden sich ein paar Filmschaffende – eine Autorin, ein Regisseur, eine Produzentin, eine Redaktion –, die nach 75 Jahren der Feuerzangenbowle etwas entgegensetzen, das eben keine biederen Männer zu selbsternannten Helden der Schulzeit verklärt, sondern diesen Rückblick anders, facettenreicher darstellt. Das ist freilich nicht so lustig und wenig Degeto-kompatibel an einem Freitag Abend.
Aber was ist schon wirklich lustig außer Alf?

Doppelter Abschied

Es war wieder einer dieser Momente, wo man sich für seinen Verein schämte, als Karl-Heinz Rummenigge (Uli Hoeneß hatte seinerzeit anderweitige Verpflichtungen in Landsberg) vor drei Jahren sehr nüchtern verkündete, dass Bastian Schweinsteiger fortan bei Manchester United sein Glück suchen würde. Es sah ein wenig nach Vertreibung aus dem Paradies aus, die ihn wenigstens zu seinem einstigen Mentor Louis van Gaal führte. Die Mannschaft feierte weiter Erfolge, für Schweinsteiger entwickelte es sich in England nicht so schön, was auch daran lag, dass van Gaals Nachfolger José Mourinho nicht wusste, wie man einen Helden so abtrainiert, dass es keine Demütigung ist. Konsequenterweise vollzog er seinen persönlichen Brexit und fand in Kalifornien Illinois wenigstens seine Spielfreude zurück.

Drei Jahre später war all das vergessen. Die Zeit heilt doch ein paar Wunden. Ein Abschiedsspiel in einem würdigen Rahmen ist doch eine hervorragend und schnell wirkende Salbe.
Es ist dem FC Bayern hoch anzurechnen, dass er sich an einem wunderbaren Spätsommerabend bis auf die scheinbar inzwischen unvermeidbare Auftrags-Choreographie mit Schnickschnack, den man dem Publikum heute so bieten kann, weitgehend zurückhielt, sondern dem Fußballgott die Bühne überließ. Die Fans im tatsächlich ausverkauften Stadion wussten dies zu schätzen und zeigten sehr eindrucksvoll, dass es nicht viel – im Prinzip nur ein Fußballspiel – braucht, um ein paar Stunden auf der Fröttmaninger Heide zu einem schönen Erlebnis zu machen. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten verließ auch niemand ab der 75. Minute seinen Platz, um zuerst an der Autobahnauffahrt zu sein. Die Rache wäre bitter gewesen: Schweinsteiger ließ sich bis zur 83. Minute Zeit für sein Tor.
Die Stimmung war so gut, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Vielleicht war sie auch Ausdruck einer Sehnsucht nach Idolen, für die der Verein nicht nur ein Arbeitgeber ist. (Schweinsteiger hat nach dem verschossenen Elfer 2012 gelitten. Vorwürfe gab es von den Fans nie.) Haupttribüne und Gegengerade griffen die Gesänge und Aufforderungen aus der Südkurve auf und sorgten zusammen für ein akustisches Feuerwerk. Es war Konsens, dass der Fußballgott aus Kolbermoor für immer einer der ihren bleiben wird. Jede Bewegung von ihm wurde hymnisch gefeiert. Noch besser wurde die Stimmung, als Schweinsteiger in der 2. Halbzeit im roten Trikot auflief. Und als dann noch die verbliebenen Helden von 2013 dazukamen, wurde es ein Fest. Es fehlten als Zugabe nur noch Weggefährten wie Philipp Lahm, Holger Badstuber und Claudio Pizarro zum letzten gemeinsamen Tanz auf der saftgrünen Fläche. Aber so passte es auch sehr gut, und die Jungs hatten viel Spaß. Der Torhüter von Chicago Fire, Ricard Sánchez, indes weniger, wurde er doch für jeden gehaltenen Ball, der von Schweinsteiger geschossen wurde, ausgepfiffen.
Womöglich hat Robert Lewandowski eine kleine Lektion bekommen, als er erfahren durfte, dass man zwar öffentlich um Anspiele für Torschüsse betteln kann, sie sie sich aber auch verdienen muss. Die in der Regel nicht sonderlich kritischen Fans zeigten bei den Anfeuerungen für Schweinsteiger sehr deutlich, was man geleistet haben muss, um in einem für den Wettbewerb bedeutungslosen Spiel aus allen Lagen bedient zu werden. Oder er macht es wie Arjen Robben, der nach der Einwechslung humorlos schnell sein Tor schoss, damit die Konzentration fortan auf die wesentlichen Dinge gerichtet werden konnte. Bastian Schweinsteiger goutierte das, als er nach einem Anspiel Robbens auf die Knie ging. Als er endlich das ersehnte Tor geschossen hatte, war der Höhepunkt erreicht. Nicht zu früh, um die restlichen Minuten ausgelassen ausklingen zu lassen. Nach dem Abpfiff wurde sogar dem Schiedsrichter Schlager eine Umarmung Schweinsteigers zuteil.

Große Worte fand Schweinsteiger nach dem Spiel nicht mehr. Nach 90 Minuten war er ziemlich ausgepumpt und zeigte damit, dass das Abtrainieren in Chicago sehr gut klappt. Ein Freund großer Worte war er nie; doch selbst mit kurzer Atmung und nass geschwitzt im Trikot wirkt der einstige Lausbub aus dem Whirlpool wie ein Staatsmann. Und das liegt nicht nur an den immer grauer werdenden Haaren! Die passende First Lady hat er mit Ana Ivanovic auch an seiner Seite (was für ein schönes Paar!). Davon kann Markus Söder, der ihm tags zuvor geschwind noch den Bayerischen Verdienstorden verlieh, nur träumen. Stattdessen absolvierte er in angemessenem Tempo noch eine ausführliche Ehrenrunde. Die große Fahne der Schickeria behandelte er sehr würdevoll.
Betrat er vor dem Spiel das Stadion als geliebter Held, verließ er es nach dem Spiel als Heiligtum. Seine Gattin wirkte beeindruckt und stolz.

Wenn die jetzige Führung nicht nur auf ihre Verdienste schaut, wird sie versuchen, Bastian Schweinsteiger an den Verein zu binden. Auf mich macht er nicht den Eindruck, nach seinem Ende als Aktiver auf einen Posten beim FC Bayern angewiesen zu sein. Dennoch sind Rummenigge und Hoeneß gut beraten, es nicht so zu versauen wie vor anderthalb Jahren bei Philipp Lahm, der jetzt bei den „Amateuren“ des DFB Karriere macht.

Für mich war dieser Abend auch ein würdiger Abschluss nach 34 Jahren als Fan. Es war das vorerst letzte Mal, dass ich im Stadion war. Zu viele Dinge sind in den letzten Jahren passiert, als dass ich den Verein weiterhin bedingungslos unterstützen kann.
Ich kann mich nicht mit einem Präsidenten anfreunden, der nach seiner verbüßten Haftstrafe den Eindruck erweckt, sein wieder erlangtes Amt für seinen persönlichen Rachefeldzug zu instrumentalisieren. Ich möchte nicht von einem Mann vertreten werden, der Polemik auf AfD-Niveau mit einer sportlichen Bilanz gleichsetzt. (Die Reaktion von Thomas Müller und Manuel Neuer auf Özils Kritik fand ich mindestens irritierend.) Diese verbale Brandstiftung steht diametral zu der Weltoffenheit, für die der einstige Präsident Kurt Landauer stand. Ich möchte auch keine Doppelmoral, die einerseits den „FC Katar“ geißelt, aber keine Probleme damit hat, von Katar Geld zu nehmen und die antisemitische Diktatur auf diese Weise zu legitimieren. Es verstört mich zutiefst, dass ein Großteil der Fans und Mitglieder damit kein Problem hat und „ihren“ Präsidenten für alles feiert. Ich sehe nicht, wo ich meinen Anteil leisten kann, um den gegenzusteuern, wenn schon die wenigen kritische Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung ausgepfiffen und eingeschüchtert werden. Es gibt gesellschaftspolitisch andere Felder, die mein Engagement sinnvoller erscheinen lassen, um den immer offener auftretenden blanken Hass gegenüber Schwächeren in der Gesellschaft entgegenzutreten. Beim FC Bayern sehe ich dieses Feld nicht.
Auf die Amateure oder Jugendmannschaften auszuweichen, ist für mich inzwischen auch keine Alternative mehr. Ich kann nicht guten Gewissens 16-Jährigen zujubeln, die mitunter wesentlich mehr verdienen als eine Altenpflegerin. Die Blase Nachwuchsleistungszentrum sehe ich inzwischen sehr kritisch, unterwirft sie bereits 13-Jährige einem gnadenlosen Leistungsprinzip, das nur hopp oder top kennt. Da schaue ich mir lieber Rumpelfußball in Neuperlach an, wenn ich Zeit und Lust habe. Dort kann ich wenigstens noch ein Augustiner aus der Flasche trinken und muss mir im Vorfeld keinen Gedanken machen, was ich mitnehmen darf.
Ich habe auch keine Lust, wie anderthalb Stunden nach dem Abpfiff im U-Bahn-Stüberl erlebt, auf Raufereien unter Fans. Worum es ging, weiß ich nicht; es ist mir auch egal. Dass einige selbst nach so einem Spiel handfesten Konfrontationen nicht ausweichen können, ist für mich unverständlich.
Ich schließe nicht aus, wieder ins Stadion zu gehen. Wenn Franck Ribéry ein Abschiedsspiel bekommt, gehe ich wohl hin. Konsequenz sieht gewiss anders aus, aber Widersprüche und Irratio stecken im Menschen wie Darm und Nieren. Bei mir sowieso.

Dazu gehört für mich auch, eine Heldenverehrung wie die Verabschiedung von Schweinsteiger emotional zu verfolgen. Ein würdiger Abschluss nach vielen intensiven Jahren mit sehr vielen Höhepunkten, einigen Tiefen und vielen Tränen.
Vielen Dank – und: Servus Basti!

Napto über Bastian Schweinsteiger

Das Meer und ich: eine Annäherung nach vielen Jahren

Der Text ist ein Beitrag für die Blogparade #DHMMeerdes Deutschen Historischen Museum

Das Meer und ich hatten immer eine komplizierte Beziehung zueinander. Bewusst das erste Mal war ich 1988 im Rahmen einer Sprachreise am Meer. Sie führte mich nach Südengland. Bournemouth. Eigentlich ganz hübsch, aber doch recht windig. Wirklich warm war es in den Augusttagen vor 30 Jahren nicht. Aber das hielt die Engländer nicht davon ab, ihre Körper auf den Sand zu legen. In diesen drei Wochen bekamen sie nicht viel Farbe ab. Ich kämpfte dagegen mit dem Salz des Wassers auf der Haut.
Drei Jahre später – wir legten während unserer Radltour durch die Toskana einen Ruhetag in Cecina – lernte ich, dass kühlender Wind die Haut rötet und nicht bräunt. Es war der bis heute heftigste Sonnenbrand, den ich mir holte. Einen Tag später verzogen wir uns wieder in die Berge der Toskana.
Zwei Extreme, die mich vom Konzept „Meer“ nicht überzeugten.
Weitere Versuche trugen auch nicht dazu bei, mich an dieser Form des Gewässers zu erwärmen. Urlaub am Meer? Warum macht man so etwas? Zwei Wochen am Strand neben nervigen Nachbarn unterm Sonnenschirm zu liegen, fand ich nach drei Tagen sehr langweilig. Wenigstens bekam ich diesen Urlaub, der keiner war, weil ich mit einer Gruppe Jugendlicher dienstlich dort war, bezahlt. Diese Freizeit war noch aus anderen Gründen schrecklich, woran das Meer – so fair muss ich sein – jedoch unschuldig war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Später kamen noch zwei Urlaube mit Freundin dazu: auf Mallorca und an der Nordsee. Alles nix. Was hätte ich an diesen Tagen Städte sehen können!

Das Meer sah mich rund 20 Jahre nicht. Der Gardasee war das höchste der Gefühle, die ich für größere Wasser entwickeln konnte. Oder der Bodensee. Den findet ja auch Martin Walser super. Es wird es nicht weiter gestört haben. Es wird von genügend anderen Bewundern besucht. Ansonsten kann ich mich eher für Hafenstädte erwärmen, was aber eher an großen Schiffen, Kränen, Kähnen und der eigenen Atmosphäre, die von diesen Anlagen ausgeht, erwärmen.

Von Freunden wurde ich vor wenigen Monaten gefragt, ob ich sie nicht nach Südfrankeich begleite wolle. Man lade mich ein. Da konnte ich nicht nein sagen. Man wolle sich an einem Campingplatz in der Nähe von Marseille niederlassen und die Seele baumeln lassen. Das überzeugte mich vollends, weil ich die Stadt schon immer mal sehen wollte.

Trägt den Namen zurecht: Cote d’Azur in Nizza

Wir fuhren über Italien nach Frankreich. Am letzten Autogrill vor Frankreich sahen und rochen wir trotz der Autobahn das Meer.
Und ich war geneigt, mich davon beeindrucken zu lassen. Etwa eine Stunde später waren wir in Nizza, wo wir eine Nacht bleiben wollten. Ich ignorierte die funktionierende Klimaanlage im Auto und ließ mein Fenster herunter. Ja, das roch recht angenehm. Wir fanden schnell ein günstiges Hotel in der Nähe des Wassers. Vor dem Abendessen begaben wir uns an den Strand.
Wow! Das war alles schon sehr blau. Wunderbar blau! Der Stress vergangener Besuche am Meer war wie weggeblasen. Wäre ich vergesslich, würde ich von Liebe auf den ersten Blick sprechen.
Aber es waren nur ein paar Minuten am ersten Abend. Nur nichts überstürzen!

Tags drauf fuhren wir weiter nach La Couronne, um uns dort für den Rest der Woche niederzulassen.

Was soll ich sagen?
Ich habe mich mit dem Meer mehr als versöhnt. Es strahlt eine für mich bis dato nicht wahrgenommene Ruhe aus. Selbst wenn seine Wellen höher schlagen, wirkt es gelassen. (Und Lichtschutzfaktor 50 vor dem Sonnenbad aufgetragen verhindert unschöne Rötungen auf der Haut.) Sein Rauschen entspannte mich so sehr, dass ich am Strand liegen konnte, ohne nach wenigen Minuten Langeweile zu verspüren. Oder einfach nur das Meer anschauen, wie es auf angenehme Art und Weise nix tut. (Manche Mitmenschen nerven in diesem Ruhezustand weitaus mehr.) Das hat etwas Meditatives, das ungemein erdet. Ich werde kein Mensch mehr, der zwei Wochen Strandurlaub machen kann. Dafür interessiert mich die Umgebung zu sehr. Natürlich kam mir sehr entgegen, dass wir nicht zur Hauptsaison urlaubten, sondern ein paar Wochen davor. Vielleicht ist das Meer in Frankreich auch besonders entspannt. Savoir vivre und so. Überraschen würde es mich nicht.

180727_04_Marseille

Und Marseille ist eine Hammerstadt. Dass es am Meer liegt, trägt dazu gewiss bei, aber diesem Tag, den wir dort verbracht haben, werde ich noch einen eigenen Text widmen, der mit der Blogparade kaum etwas zu tun hat.

La mer? Oui!

CityRing 58/68

MAN UGM 890 M 16 A (Bj. 1965) des Omnibusclub München am Hauptbahnhof, dem Beginn und Endpunkt des CityRing

Ging die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) signifikanten Angebotsverbesserungen aus Kostengründen lange aus dem Weg, fand vor etwa drei Jahren ein Umdenken statt. Auch ist der Stadtrat inzwischen bereit, Kosten für die Ausweitung des Angebots großzügiger zu tragen, die Bayerische Staatsregierung beteiligt sich inzwischen auch daran. So unterstützt sie den CityRing (und andere noch zu schaffende Tangentialverbindungen wie X50 und X80) mit über vier Millionen Euro in den nächsten vier Jahren. Das ermöglicht der MVG, den CityRing – entgegen der ursprünglichen Planungen – ganztags auf dem Niveau einer MetroBus-Linie anzubieten: das bedeutet, dass er jeden Tag bis 22 Uhr alle zehn Minuten, bis 1 Uhr im 20-Minuten-Takt fährt.
Gestern wurde der CityRing, der von den Linien 58 und 68 befahren wird, eröffnet.
Die Einweihung der Ringlinie wurde gestern in größerem Rahmen begangen. Aus gutem Grund.

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MB O 317 G der Stuttgarter Historische Straßenbahnen vor der prächtigen Kulisse am Königsplatz

Stetig steigende Fahrgastzahlen, eine quasi überlastete U-Bahn und nicht zuletzt die schlechten Luftwerte erfordern schnell zu einrichtende Alternativen. Der CityRing, der die Viertel und wichtigen Punkte abseits der Altstadt miteinander verbindet, stellt eine wichtige Tangente im monozentrisch ausgerichteten Liniennetz dar. Im Vorfeld startete die MVG eine Werbekampagne („Quer gedacht. Mehr gelacht.“) für umsteigefreie Direktverbindungen; der CityRing wird mit Plakaten und Medieninformationen begleitet, wie man es sonst nur U-Bahn-Eröffnungen kennt (die es auf absehbare Zeit nicht geben wird).
Die MVG hat also wirklich ein großes Interesse, dass die Linien 58 und 68 genutzt werden.

Oldtimer unter sich in der Luisenstraße

Sie ließ sich nicht lumpen und bot ein schönes Rahmenprogramm, das aus historischen Bussen, die parallel zu den regulären im Takt zwischen Hauptbahnhof und Herkomerplatz eingesetzt wurden, bestand. Der Omnisbusclub München nutzte seine guten Kontakte zu anderen Vereinen, so dass nicht nur einst in München verkehrende Busse gefahren sind, sondern auch Fahrzeuge aus anderen Städten.

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Das Auwärter-Museum war mit einem Reisebus vertreten.

Recht viel mehr muss man nicht bieten. Die Fahrgäste waren größtenteils begeistert, bei Sommerwetter in nostalgischen Gefühlen zu schwelgen. Die Route über das Kunstareal in der Maxvorstadt, Schwabing, Englischer Garten und Bogenhausen bot auch den zahlreichen Photographen schöne Motive, die man nicht jeden Tag vor die Linse bekommt.

MB O 305 G der SHB am Siegestor

Dem CityRing sind viele Fahrgäste zu wünschen; er hat jedoch einige Hürden zu überwinden, für die die MVG nichts kann. Bis auf wenige Abschnitte schwimmt er im Motorisierten Individualverkehr mit. Das bedeutet, dass er bei noch immer steigenden PKW-Zulassungszahlen speziell in der Hauptverkehrszeit viel im Stau stehen wird. Führe die Ringlinie komplett auf eigenen Trassen, würde der Zehn-Minuten-Takt sehr schnell nicht ausreichen. Ein Problem, dass auch die vor über drei Jahren eingerichtete Linie X30 hat, die vor allem auf dem Abschnitt Tegernseer Landstraße – Harras mehr im Stau steht, anstatt eine Expresslinie zu sein. Deshalb wurde der dichte Takt zum letzten Fahrplanwechsel ausgedünnt.

Wie einst 1988: MAN SL200 des OCM im Englischen Garten

Hier ist der Stadtrat gefordert, den Weg für von der MVG vorgeschlagene Busspuren endlich freizumachen – auch über wahrscheinliche Bedenken aus der Verwaltung hinweg! Mittelfristig darf man sich nicht alleine auf den zeitlich langfristigen Ausbau der U-Bahn verlassen, sondern es müssen neben der beschlossenen Tram-Westtangente und der im Planungsstadium befindlichen Nordtangente weitere Strecken gebaut werden. Der CityRing könnte so eine sein.
München ist entgegen seiner Lippenbekenntnisse immer noch eine autogerechte Stadt. Andere Städte in Europa sind in der Hinsicht schon wesentlich weiter, während hier mit grüner Zustimmung noch ein Tunnel gebaut wird.

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Historisch überland in der Stadt: MB O 307

Und die Fans des schienengebundenen Nahverkehrs würden sich sehr freuen, wenn die alten Trambahnen nicht nur im MVG-Museum gezeigt werden, sondern auch regelmäßig eingesetzt werden. Ein Linienverkehr an den Öffnungstagen, wie es ihn in anderen Städten gibt, zwischen Max-Weber-Platz und Schwanseestraße mit historischen Fahrzeugen wäre eine feine Sache. Aber solange eine Ampelschaltung in der Chiemgaustraße (Mittlerer Ring!) an rund 25 Sonntagen ein Problem darstellt, und die Aufsichtsbehörde den Einsatz alter Bahnen als Gefahr für Leib und Leben ansieht, wird es bei diesen Träumen bleiben.
Fahrende historische Fahrzeuge sind auch eine Visitenkarte für den ÖPNV!

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MAN 750 HO M 11 A des OCM auf dem Weg durch den Boulevard Leopold

Am Schluss bleibt der Dank an die MVG, den OCM und die anderen beteiligten Vereine für die gelungene Eröffnungsfeier einer Buslinie.

Links:
CityRing 58/68 der MVG
Tramreport über die Eröffnung des CityRing
Omnibusclub München e.V.
Stuttgarter Historische Straßenbahnen e.V.