IAA (4): Die Rückkehr der Politik

Entscheidungsfindung und Aufbau, Durchführung und politische (Nicht-)Begleitung brachten sehr viel Unzufriedenheit mit sich. Das haben auch große Teile der Rathaus-Politiker*innen erkannt und sich deshalb gestern zu einer gemeinsamen Sitzung von Mobilitäts-, Wirtschafts- und Kreisverwaltungsausschuss zusammengefunden.

Bevor sich die Ausschussmitglieder an den ersten, dreieinhalb Stunden dauernden Teil der Aufarbeitung machen konnte, mussten sie an gegen die IAA Protestierenden vor dem Showpalast, in dem die Sitzung stattfand, vorbei. Einige Stadträt*innen, vornehmlich von den Grünen und Linken, gingen in den kurzen Dialog, einige andere schauten sich den Protest aus einer gewissen Distanz an, viele suchten die Abkürzung an der überschaubaren Menge vorbei. 

Protest vor der Ausschusssitzung

Zu Beginn der Sitzung zeigte Leiter und Oberbürgermeister Dieter Reiter allen Teilnehmenden und Zuhörenden, wo der Hammer hängt: Die „Open Spaces“ in der Innenstadt stehen nicht zur Disposition, er sehe für sie eine Mehrheit im Stadtrat und wer dagegen sei, sei gegen Autos und möge dies kundtun!
RUMMS! Selbst halboffene Türen, wenn sie nur notwendigem Durchzug dienen, pflegt der OB gerne geräuschvoll zu schließen, wenn er die Luft weniger stickig als Andere empfindet. Er war schlecht gelaunt, und das sollte sich durch die ganze Sitzungsleitung (zwischendurch vertrat ihn Manuel Pretzl) ziehen.

Dabei offenbarte alleine die Stadtratsvorlage einiges an Diskussionsstoff, weil die Erkenntnisse aus dem Mobilitäts- und Kreisverwaltungsreferat keine Lobeshymne auf eine gelungene Veranstaltung waren. So konstatierte das KVR, dass das Ausüben von Grundrechten, also das Demonstrieren, wegen Belagerung der Innenstadt nicht uneingeschränkt garantiert werden konnte. Das Mobilitätsreferat wies auf massive Einschränkungen für Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und ÖPNV hin und setzte das in Widerspruch zur proklamierten Verkehrswende.

Das alles interessierte den Geschäftsführer der Messe GmbH Klaus Dittrich nicht. Er sieht in der IAA einen Motor für die Smart City. Als Bestätigung zog er Artikel in der New York Times und einen wohlwollenden Kommentar in der taz heran. Für ihn und den VDA, für den er auch sprach, gibt es ohne „Open Spaces“ keine IAA in München. Nicht, dass das eine neue Erkenntnis ist, das in der Deutlichkeit zu hören, war dennoch bemerkenswert.
Die Proteste dagegen konnte er nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: sie hätten „Pendlern Zeit gestohlen“. Nun muss der Geschäftsführer einer städtischen
Tochter Demonstrationen gegen von ihr organisierte Veranstaltungen nicht gut finden. Wer jedoch das Ausüben von Grundrechten als Wegelagerei diskreditiert, offenbart ein fragwürdiges demokratisches Verständnis. Und er übersieht, dass Proteste auf Straßen stattfanden, weil sie in öffentlichem Raum wegen eben dieser Veranstaltung nicht möglich waren!
In die gleiche Kerbe schlug CSU-Fraktionsvorsitzender Manuel Pretzl. Die IAA war in seinen Augen eine wunderbare Veranstaltung, von der die Wirtschaft, namentlich die Gastronomie, profitiert habe. Für ihn ist die Handwerkskammer mehr Zivilgesellschaft als der ADFC. Das Abseilen von Autobahnbrücken bezeichnete er als Mordversuch. Immerhin gestand er der Radsternfahrt zu, friedlich abgelaufen zu sein.

Ausschusssitzung im Showpalast

Vollkommen entrückt gab sich Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner. Nun ist das Referat alleine schon wegen des Oktoberfests für seine Eigendynamik und fehlende Transparenz in seinen Entscheidungen bekannt. Unverhohlen gab er sich als Lobbyist für die Wirtschaft, hier also für die durch den VDA vertretene Automobilindustrie, zu erkennen. Das stritt er ab, weil schließlich auch Fahrräder ausgestellt worden seien – um im weiteren Verlauf die IAA als Tourismusmagneten für die Stadt schlechtin darzustellen. Für die Verkehrswende und die Diskussion darüber fühle er sich nicht zuständig, das sei Aufgabe der Politik. Wenn jedoch ein berufsmäßiger Stadtrat mit Zustimmung des ehrenamtlichen und von ihm gewählten Germiums öffentlichen Raum für den Autoverkehr kommerzialisiert, macht er Politik!
Die von Stefan Jagel (Linke) sehr deutlich und von Dominik Krause (Grüne/Rosa Liste) diplomatischer vorgebrachte Forderung, sein Wirken zu kontrollieren, empfand er als „Inquisition“. Er haben nach einem Vertrag, den nicht mal er kennen will, gehandelt.

Der umstrittene und der Öffentlichkeit immer noch unbekannte Vertrag zwischen der Stadt und Messe/VDA war ein wesentlicher Gegenstand der Debatte.
OB Reiter gab immerhin zu, dass darin zur Gestaltung der „Open Spaces“ wenig festgelegt sei. Das gab dem VDA legal die Möglichkeit, Altäre für Autos vor nicht mehr zu erkennender, das Stadtbild prägender Kulisse zu bauen. In einem seiner wenigen konstruktiven Momente schlug er vor, den Vertrag zwei zu teilen. Im für den Stadtrat und die Öffentlichkeit sichtbaren Teil sollen der öffentliche Raum und dessen Gestaltung Einflussnahme ermöglichen.
Dabei soll auch die Einzäunung, die selbst Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle nicht behagte und nur seine Zustimmung in Abstimmung mit dem Gesundheitsreferat wegen Corona fand, auf den Prüfstand. Selbst das war für Baumgärtner schon zu viel. Er habe mit dem Radl und zu Fuß wunderbar alle Plätze ohne Hürden aufsuchen können.

Das Hausrecht für den angemieteten Platz auf den „Sondernutzungsveranstalter“ ist üblich und legitim, gab Böhle zu verstehen. Als Beispiel nannte er die Wiesn. Ob es angemessen ist, dass Ordner*innen für das das Verteilen von IAA-kritischen Flugblättern eine Strafe von 3.500 Eur zu verhängen, wie von Thomas Lechner (Linke) stark kritisiert, wird noch zu klären sein.

Trotz Nachfragen gab sich Polizeipräsident Thomas Hampel zu den Einsätzen recht zugeknöpft und beschränkte sich auf Allgemeinplätze, wie man sie immer hört. Bei der Frage, warum die IAA den größten Einsatz seit 20 Jahren erforderte, gab er sich kryptisch. Aus den Erfahrungen mit der IAA 2019 in Frankfurt, gab es eine Gefahrenlage in Form von unangekündigten Protesten. Dabei verwies er auf den folgenreichen Anschlag auf das Stromnetz im Mai, für den es ein Bekennerschreiben auf Indymedia gibt. Den Kontext zur IAA konnte (oder wollte) er nicht erklären. Auch beim Umgang mit Journalist*innen wurde er nicht konkret und erklärte lediglich, dass es für die Polizei Handlungsbedarf gebe, wenn Journalist*innen in strafbare Handlungen verwickelt seien.
Ansonsten verwies er auf die noch anstehende Nachbereitung der IAA im Landtag.

Nachhaltigkeit im öffentlichen Raum (Bild: Dorin Popa)

Die Redner*innen der grün-roten Koaltion gaben mitunter sehr deutlich zu erkennen, an den „Open Spaces“ 2023 und 2025 nicht nur aus vertraglichen Gründen festhalten zu wollen.
Anne Hübner (Fraktionsvorsitzende SPD/Volt) gab zu Beginn zu, dass es falsch war, die IAA im Stadtrat nicht öfter als dreimal besprochen und somit zur Kritik, die sie von beiden Seiten als mitunter unsachlich betrachtet, beigetragen zu haben. Sie machte jedoch deutlich, dass die Verkehrswende in dem Kontext keine Rolle spiele. Sie verwies darauf, dass Firmen wie MAN als Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler für die Stadt wichtig seien, und betonte, dass MAN Elektrobusse in München produziere und die sie die richtige Antwort auf die chinesischer Fabrikate seien. Nun, in München fährt derzeit ein E-Bus von MAN im Netz der MVG. Abgesehen davon ist das Kapitel „E-Bus“ noch kein erfolgreiches, sind doch derzeit acht Fahrzeuge von Mercedes-Benz nach dem Betriebshofbrand in Stuttgart aus Sicherheitsgründen seit letzter Woche auf unbestimmte Zeit außer Betrieb.
Andreas Schuster, Mitinitiator des Radentscheids und zu Zeiten des IAA-Beschlusses noch nicht im Stadtrat, sieht keine Möglichkeit, von den „Open Spaces“ abzuweichen. Er will es auch gar nicht. Einerseits brauche der öffentliche Raum eine Bühne für Austausch und Zivilgesellschaft, allerdings wolle er keine Konfrontation mit dem VDA und verteidige sie. Es ist eine befremdliche Volte eines Stadtrats, der sich jahrelang für die nicht kommerzielle Nutzung öffentlichen Raums als Organisator des Street Life auf der Leopoldstraße stark gemacht und für die Verkehrswende gekämpft hat. Wie er daraus schließen kann, dass man gerade mit der Automobilindustrie in den Dialog treten kann, bleibt sein Geheimnis.
Dominik Krause blieb mit seiner Kritik an den Polizeieinsätzen sehr zurückhaltend und bezeichnete sie ebenso. Mit dem Nutzungskonzept zeigte er sich unzufrieden und mahnte Änderungen an.
Einzig Gudrun Lux (Grüne), die als Replik auf Manuel Pretzl die Zivilgesellschaft „DeHoGa, aber auch ADFC“ im Publikum begrüßte, signalisierte, den Kontext aus beschlossener Verkehrswende und IAA im öffentlichen Raum verstanden zu haben. Die Stadt habe „mit der IAA ein Desaster erlebt“. Sie habe die Mobilität eingeschränkt und sei sozusagen eine „IAAnomobility“ gewesen. Sie forderte den Begriff Mobilitätsmesse weiter zu fassen und schlug exemplarisch vor, als Vertreter des ÖPNV den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) einzuladen.
Das rief den schlecht gelaunten Sitzungsleiter Reiter auf den Plan, der Lux unterbrach: „Soi ma Trambahnen aussteijn? De kennan de Münchner scho!“ Ja, warum denn nicht? Schließlich werden „Autos in der Stadt ständig ausgestellt“ wie Stefan Jagel später konstatierte. Zusätzlich kann man auch sichere Radwege im Straßenraum ausstellen, wenn man sie schon nicht bauen kann.
Der verkehrspolitische Sprecher der grünen Fraktion, Paul Bickelbacher, sagte leider nichts.

Manuel Pretzl fand es nicht okay, dass Corso Leopold und IAA mit zweierlei Maß gemessen werden und berichte stolz von einem Besuch bei BMW.

So kam – wie zu erwarten – deutliche Kritik hauptsächlich aus den Reihen der Linke und der ÖDP.
Marie Burnuleit (Die Partei) schlug vor, IAA und Wiesn zusammenzulegen und verknüpfte alle wichtigen Messen zu einer:

Tobias Ruff (ÖDP) warf dem Stadtrat fehlendes Interesse und Verantwortungsgefühl vor und sah in der IAA einen „Freifahrtschein“ für den VDA.
Thomas Lechner holte sehr weit aus, wusste dabei zu differenzieren. So bedankte er sich bei Thomas Böhle für die Konstruktivität rund um das Klimacamp auf der Theresienwiese. Er wies ausführlich auf die Verantwortung der Politik im Umgang mit dem Klimawandel und der damit verbundenen Verkehrswende und sieht IAA nicht als sinnvoll an.

Auffällig war, dass Mobilitätsreferent Georg Dunkel keine Fragen beantworten musste. Das zeigt, dass die Debatte über die Verkehrswende und deren Ausgestaltung und wie sich eine über die ganze Stadt verteilte IAA miteinander vertragen immer noch am Anfang stehen.

Nach langen dreieinhalb Stunden würde über zwei Änderungsanträge abgestimmt. Der von Linke und ÖDP eingebrachte Antrag, der eine Abkehr von den „Open Spaces“ beinhaltet, wurde abgelehnt. Der Antrag der Koalition, der unter anderem vorsieht, die Zivilgesellschaft in der Stadt im Vorfeld der kommenden IAA in Form eines Runden Tisch einzubinden wurde mehrheitlich (auch mit denen der CSU) angenommen.

Im nächsten Teil beleuchte ich die Konsequenzen, die aus der IAA und der ersten Debatte darüber folgen müssen.

Epilog

Entspricht etwa 210qm Auto

Auf der Rückfahrt wurde ich mit der Realität der bestenfalls in den Kinderschuhen steckenden Verkehrswende konfrontiert. An der Münchner Freiheit musste ich über eine viertel Stunde warten, bis ein Bus Richtung Hohenzollernplatz kam.

Links:
Anmerkungen von Andreas Barth zur Stadtratsvorlage
Ausschusssitzung von mir chronologisch auf Twitter
Kommentierter Ticker von Lisa Pöttinger auf Twitter

Die kleinen Dinge: das freilaufende Kind

Straßenbahn-Endstationen sind, so sie als Wendeschleife angelegt sind, häufig so gestaltet, dass der Platz um die Gleise herum als Parkplatz genutzt werden darf; gerne als Park&Ride für auswärtig Wohnende, die dort in die Bahn Richtung Innenstadt umsteigen, oder eben auch für Anwohner*innen.
Die Wendeschleife in Ulm-Böfingen, die im Zuge der Verlängerung 2009 entstand, umfährt Garagen, die wohl schon Jahre zuvor errichtet worden waren. Also ohne Autoverkehr kommt man auch an ÖPNV-Anlagen nicht aus.

Ulm, Ostpreußenweg: vorne Garagen, hinten Straßenbahn

Umso bemerkenswerter war das, was ich dort beobachten durfte.
Ein etwa achtjähriges Mädchen kam alleine auf Inlineskates inklusive Knie-, Ellenbogenschonern und Helm aus der Wohnsiedlung nördlich der Schleife und wollte Anlage und daran angrenzende Straße überqueren.
Vor den ersten beiden Gleisen, der Abfahrtshaltestelle, bremste sie ab und schaute sich um: keine Straßenbahn. Vor der kleinen Zufahrtsstraße zu den oben erwähnten Garagen bremste sie ab und schaute in beide Richtung: keine Autos. Vor dem dritten Gleis, der Einfahrt in die Schleife, bremste sie ab und schaute in die entsprechende Richtung: keine Straßenbahn. Vor der schmalen Hauptstraße bremste sie ab und schaute in beide Richtungen: keine Autos. Erst am am abgeflachten Bordstein überkam sie altersgemäßer Übermut: sie hüpfte auf den Gehsteig.
Und sie fuhr selbstsicher weiter ihren Weg. Wie sie die ganze komplexe Überquerung mit einer Selbstsicherheit meisterte! Sie wusste in jeder Sekunde, was sie tat.

Blick auf die Anlage (Bild: Google)

Wann ich zuletzt ein Kind in dem Alter alleine auf der Straße gesehen habe, weiß ich nicht. Es muss länger zurückliegen, weil mich die Situation sonst nicht so beeindruckt hätte. (Ich wäre schon bei der ersten Bremsung auf die Schnauze gefallen und in Hektik geraten.)
Aber da müssen wir wieder hin: Kinder müssen sich alleine in der Stadt bewegen können, ohne an jeder Kreuzung Gefahr laufen zu müssen überfahren zu werden. Verkehrserziehung darf sich nicht alleine daran ausrichten, Kinder vor den Gefahren des Verkehrs zu warnen, sondern der Verkehr muss speziell in Wohngebieten so gestaltet werden, dass er für Kinder (und Erwachsene) nicht zur permanenten Gefahr wird!

„Ein Wagen von der Linie 8“: keine Hymne, sondern Hasslied

Gibt man sich als Trambahnfreund zu erkennen, wird man in München unweigerlich mit dem Lied vom Weiß Ferdl konfrontiert. Auch im MVG-Museum ist das Lied zu hören – wenngleich nur in einer etwa 30-sekündigen Dauerschleife, um die hohen Gebühren für die GEMA zu umgehen. Humor- und liebevoll werde doch die Münchner Trambahn in „Ein Wagen von der Linie 8“ dargestellt, bekommt man immer wieder zu hören. Wikipedia konstatiert, dass der „Gesangsvortrag“ „zur Hymne vieler Trambahnfreunde wurde“.
Dabei ist das Lied entgegen der landläufigen Meinung keine Liebeserklärung, sondern eine Hassbotschaft in vier Strophen.

Nach rund 75 Jahren andauernder Verklärung ist es Zeit für eine nähere Betrachtung.

Mehr als nur Granteln

Dass das Lied auch überregional bekannt ist, ist dem unter anderem dem hier vermittelten Selbstbild des grantelnden Münchners geschuldet. Allerdings verkommt das Granteln zur Misanthropie. Weiß Ferdl lässt seinen schildernden Fahrgast auf alle schimpfen, die nicht seinem Bild entsprechen.
Es geht gegen Junge, die sich erdreisten, ihre Stimme zu erheben…

A so a schwindsüchtiges Zigarettenbirschal, a scho as Mei aufreißn, i bin a oider Münchner Bürger, der 50 Jahr seine Steiern und Abgabn zahlt hat. Da hert sich doch alles auf!

gegen Frauen, die sich auch in schlechten Zeiten schick machen:

Host Sie gseng, mit de roten Fingernägel Die Menschen, die im Wagen drin Unds Mei ogstricha, da graust´s ma scho.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass die Angesprochene durchaus Kontra gibt.

A liaba no a ogstrichas Maul, als wie a so a bissigs!

Natürlich bekommt auch das vermeintliche Lieblings-Feindbild des Münchners sein Fett weg:

Sie Lümmel, Sie! A Preiß a no, jetzt wird´s recht!

Das Personal, in dem Fall der Schaffner, wird bestenfalls rustikal dargestellt:

Was? O Gott o Gott! Mich trifft der Schlag! Gut, na bleibn´s sitzn bis zum Nordfriedhof

Nicht zuletzt kommt die Trambahn als Verkehrsmittel auch nicht gut weg.

Weiß blau, fährt ratternd durch die Stadt

Vermutlich war der Fahrkomfort der alten Bahnen auf gerade mühsam wieder hergerichteten Gleisen ausbaufähig. Doch gerade diese Textzeile rettete sich über Jahrzehnte in die mediale Darstellung: die Trambahn als als veraltetes Verkehrsmittel. Bis vor rund zehn Jahren kam fast kein Zeitungsartikel ohne die „ratternde Tram“ aus. Eine Darstellung, die sich für den Erhalt und Ausbau der Trambahn Engagierende bis heute gerne ein mitleidiges Lächeln einbringt, bringen sie ihre Argumente vor, auch wenn das inzwischen viel seltener geworden ist.

Nun mag das Fahren in überfüllten Bahnen kein Spaß sein, aber so schlimm, wie es Weiß Ferdl erlebt haben will, wird es auch in den ersten Nachkriegsjahren nicht gewesen sein. Das Volkslied ist eine satirische Überspitzung in gesungener Form und richtet sich gegen die Obrigkeit. Aber Weiß Ferdl missbraucht seine Befindlichkeit für diese musikalische Gattung und erhebt sich über die Menschen, mit denen er sich zwangsweise abgeben muss und die gefühlt unter ihm stehen.

Missverstandener Mythos bis heute

Wie dieses Lied zu einem derart falsch gedeuteten Mythos werden konnte, ist schwer zu erklären. Das Baureferat distanzierte sich 1964 in ihrer Broschüre zur Verlängerung der Linie 8 nach Fürstenried West im ersten Satz von dem Lied:

Die Linie 8 entwickelt sich zu einem Musterkind der Straßenbahnfamilie, ganz im Gegensatz zu ihrer düsteren, von Weiß Ferdl besungenen Vergangenheit.

Im weiteren Verlauf werden die Kunstbauten hervorgehoben, die auf der Linie einen schnellen, kreuzungsfreien, also auch nach heutigen Kriterien modernen ÖPNV ermöglichen.Diese Verlängerung steht exemplarisch für den konsequenten Ausbau des Streckennetzes und die Modernisierung des Fuhrparks nach den Jahren des Wiederaufbaus. In ihrer Blütezeit verband sie als Radiale zwischen Hasenbergl, Stachus, Harras und Fürstenried West den Norden mit dem Südwesten der Stadt in dichtem Takt und mit den modernsten Fahrzeugen.
Aus verkehrshistorischer Sicht wurde sie erst in diesen Jahren zur Legende.

Allerdings pflegten die Verkehrsbetriebe ab den 1970er Jahren den Mythos der Trambahn als Verkehrsmittel der Vergangenheit selbst. Die letzte Einstellung einer Trambahnlinie, die bombastisch mit Einsatz von Altwagen gefeiert wurde, war 1975 die der Linie 8. Ein durchaus symbolischer Akt, denn mit der Unterbrechung der Nord-Süd-Verbindung über den Stachus sollte die geplante Einstellung der Münchner Trambahn eingeleitet werden. Zum Glück kam es mit viel bürgerlichem Engagement anders. Die 1980 eröffnete U8 (Olympiazentrum – Hauptbahnhof – Neuperlach Süd) griff die klassische Nord-Süd-Verbindung auf. Allerdings nur für acht(!) Jahre: dann wurde sie in U2 umbenannt. Die spätere MVG erinnerte an Münchens einst längste Trambahnlinie, als sie seinem Kundenmagazin für einige Jahre den Namen „Linie 8“ gab.

Sogar die Gastronomie bediente sich der Linie 8. So gab es in den den 1990er Jahren eine Kneipe mit dem Namen – am Max-Weber-Platz, den sie nie bediente. Da hatte der Wirt wohl nicht aufmerksam zugehört…

Fahrgast wieder Willen

Letztlich muss man annehmen, dass „Ein Wagen von der Linie 8“ als Hommage auf die guade, oide Zeit verstanden wird. Missverstanden wird, denn alt war die Zeit aus heutiger Sicht bestimmt, aber gut war sie für die Bevölkerung, die nach 12 Jahren Schreckensherrschaft mit dem Wiederaufbau beschäftigt war, bestimmt noch nicht. Noch schlechter war sie aus der Sicht des Weiß Ferdl, der sich schwer tat, mit den Veränderungen und damit für ihn verbundenen Entbehrungen zu arrangieren.

Denn der Weiß Ferdl hatte jedenfalls nie die Absicht, eine Hymne auf die Trambahn zu singen. Im Zuge der Entnazifizierung zog die amerikanische Miltärregierung 1946 seinen Mercedes ein. Der als Mitläufer des Nazi-Regimes verurteilte Volkssänger war fortan auf die Fortbewegung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln angewiesen. Die in den ersten Nachkriegsjahren übervollen Trambahnen müssen ein Kulturschock für ihn gewesen sein, der es gewöhnt war, auf vergleichsweise leeren Straßen mit dem Auto zu fahren. Dass er damit „seine Fahrkarte in die Unsterblichkeit“ löste, wie es Michael Kubitza in seiner Würdigung anlässlich seines 60. Todestags treffend formulierte, gehört zu den vielen ironischen Pointen, die Zeitläufte bieten.

Eigentlich muss eine heute bekannte Band eine echte Hymne auf die Trambahn singen, damit das Hasslied vom Weiß Ferdl dort landen kann, wohin es gehört: in die Mottenliste der Musikgeschichte.

Der Text erschien im „Tram-Journal“ 2/21. Es ist über den Shop der Freunde des Münchner Trambahnmuseums e. V. oder an Öffnungstagen im MVG Museum zu erwerben.

Quellen:
Vita Weiß Ferdl auf Wikipedia
Liedtext
Landeshauptstadt München, Baureferat: „Großstadt in Planung und Ausbau: Bauten für die Straßenbahnlinie 8“; Informationsbroschüre, Oktober 1964
Michael Kubitza: „60. Todestag von Weiß Ferdl: Geh, Leit, lasst‘s doch Leit naus“ (BR, 2009)

IAA (3): Immobility

Es waren nicht nicht nur die ausgestellten Autos, die die Stadt blockierten, sondern auch das Konzept und eine Politik, die im Schatten der Bolidenparade ein seltsames Verständnis moderner Mobilität ausdrückten. Darauf soll im 3. Teil der Rückschau eingegangen werden (Teil 1 & 2.)

Trügerische Idylle.

Es waren trotzdem einige Stadträt*innen in der Stadt, denn es wurde während der IAA Politik gemacht.
Der Feriensenat des Stadtrats beschäftigte sich mit dem ÖPNV. Publikumswirksam wurde beschlossen, die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zu beauftragen, ein U-Bahn-Nachtnetz für das Fahrplanjahr 2023 an Wochenenden im Halbstundentakt zu entwickeln. Dass das eigentliche Nachtnetz in seiner jetzigen Form mit auf den entscheidenden Routen dichten Takten lediglich ein paar Anpassungen benötigt, hat keine Relevanz, denn mia san Metropole. Dass einige Stadtteile (z.B. Allach, Riem) unter der Woche (und seit Ende 2020 auch am Wochenende) immer noch vom Nachtnetz abgehängt sind und das viele zu Randzeiten Berufstätige vor Probleme stellt, scheint nicht im Bewusstsein der politisch Verantwortlichen zu sein. Wer weniger Autos in der Stadt haben will, sei es stehend oder fahrend, muss den ÖPNV auch in den Randzeiten am Stadtrand verdichten – oder überhaupt erst einmal anbieten in einer Millionenstadt.
In derselben Sitzung wurde auch das Leistungsprogramm 2022 der MVG verabschiedet. Neben wenigen nicht aufzuschiebenden Verbesserungen (die Erschließung Freihams) beinhaltet es vor allem Verschlechterungen, die in erster Linie auf einen Lockdown mit Ausgangssperre in den Abend- und Nachtstunden fußen und ignorieren, dass auch in der Hauptverkehrszeit Busse wieder voller sind. Dass inzwischen viele Menschen abends wieder unterwegs sind, wird nicht wahrgenommen. Und es sind nicht nur feiernde, sondern auch arbeitende Fahrgäste, die erst nach 20 Uhr nach Hause oder vielleicht auf dem Heimweg noch in den Biergarten oder ins Wirtshaus gehen wollen.
Wenngleich dieser zeitliche Kontext nicht beabsichtigt gewesen sein mag, ist das Timing sehr unglücklich.

Schnappschuss: IAA ohne Auto.

Leider passt es zu den Worten von OB Dieter Reiter, der bei der Eröffnung der IAA meinte, dass „München erstmal nicht autofrei“ werde. Angesichts 700.000 Zulassungen gibt es sicher leichtere Unterfangen, noch dazu wenn von Land, Bund und Europa zu wenige Impulse für eine gute Verkehrspolitik kommen. Aber das klingt arg unambitioniert. Man bekommt oft den Eindruck, der Autofahrer sei ein zu beschützendes Opfer, sehr häufig muss die Krankenschwester dafür herhalten. Dass der BMW-Vorstandsvorsitzende Oliver Zipse bei derselben Veranstaltung unwidersprochen behaupten darf, dass Milbertshofen eine Diaspora irgendwo am Stadtrand und seine Firma mit öffentlichen Verkehrsmitteln quasi gar nicht zu erreichen sei, lässt einmal mehr am Willen zur Verkehrswende zweifeln. Milbertshofen wird durch eine U-Bahnlinie, zwei Expressbuslinien und sieben weitere Buslinien nicht so schlecht erschlossen.

Hinter dem schwarzen Zaun konnten im Hofgarten Fahrräder, E-Scooter, etc. ausprobiert werden

Dennoch gab es das Bestreben, der Automobilindustrie nicht komplett das Feld zu überlassen. Auf Antrag der Grünen wurde ein städtischer Mobilitätskongress ausgerichtet. Er hatte das hehre Ziel, zumindest in der Theorie die facettenreiche Verkehrswende zu beackern. Es ist richtig, als gastgebende Stadt ein paar Impulse als Gegengewicht zur dominanten Autoschau zu setzen. Nur: Welcher interessierte Mensch kann (und will) dafür vier Tage Urlaub nehmen, um daran teilzunehmen? Und warum wurde es wieder versäumt, außer dem ADFC seit Jahrzehnten in der Stadt engagierte Verkehrsinitiativen – AAN, Pro Bahn, VCD, etc. – einzuladen? Und warum reagiert man als Fraktion auf höflich formulierte Kritik so bräsig, wie es die Grünen taten? Wie die Hand zum kritischen Dialog erneut ausgeschlagen wurde, während natürlich ein Vertreter von BMW, weil man mit denen reden muss, auf dem Podium sitzen darf, ist ein ständig größer werdendes Ärgernis und sorgt für Frustration und Wut.

Blue Lane Road (im Hintergrund ein im Stau stehender Shuttlebus).

Der Messe und ihren Auswirkungen auf die Mobilität sollen auch noch ein paar Worte gewidmet werden. Der Radweg durch den Hofgarten wurde in eingeschränkter Form wieder freigegeben. Um den Königsplatz wenigstens zu Fuß zu überqueren, war ein Einlassbändchen notwendig. Am ersten offiziellen Ausstellungstag erstickte die Stadt im Stau. Meiner Wahrnehmung nach der größte seit Beginn der Pandemie – in den ansonsten vergleichsweise verkehrsarmen Sommerferien! Die „Blue Lane Road“ zwischen Königsplatz und Messe, lt. VDA eines „der absoluten Highlights“, sorgte für Immobility. Wer konnte, suchte sich alternative Routen. Das führte dazu, dass die Maximilianstraße bis zum Altstadtring so voll war, dass die Trambahn nur schwer vom Fleck kam. Ortsunkundige wichen auf den Mittleren Ring aus. Vor der Oper fuhren Autos unter passiver Aufsicht vieler Polizeibeamt*innen kreuz und quer. Der Shuttle, der zwischen Königsplatz und Messegelände von Bussen mit neuester Technologie betrieben wurde, stand spätestens ab dem Altstadtring im Stau. Mit einer sogenannten Mobiltätsmesse die komplette Stadt lahmzulegen, ist eine bemerkenswert reife Leistung! Der Fairness halber soll hier nicht unterschlagen werden, dass die Radsternfahrt am vergangenen Samstag für ein Tram-Rumpfnetz sorgte, wie es München zuletzt 1945 erlebt hat. Beim Bus ging auch nicht viel. Im Gegensatz zu 1945 fuhr aber die U-Bahn. Und das sogar ohne Baustellensperrung am Sendlinger Tor! Und die durch die Rad-Sternfahrt verursachten Behinderungen dauerten auch nicht zwei Wochen, sondern lediglich ein paar Stunden. Dass die MVG bis spät in den Abend hinein Taktlücken im Netz hatte, ist nicht den Organisator*innen der Demonstration anzulasten. Im vierten und vorletzten Teil gehe ich auf die politischen Konsequenzen ein, die auf diese aus dem Ruder geratene IAA zu folgen haben. Denn 2023 darf sich das nicht wiederholen!

IAA (2): Der Schutz des Autos vor den Menschen

Ist man vor der Wiesn vom sehr langen Aufbau irgendwann genervt, setzt ein paar Tage vor Beginn dann doch Vorfreude ein. Davon konnte bei der IAA nicht Rede sein. Die im ersten Teil beschriebene Blockade des öffentlichen Raums war nur der Anfang.

Wo ist die Feldherrnhalle?

„Wir haben verstanden.“ So warb Opel Anfang der der 1990er Jahre um Vertrauen, als das in die Modelle wegen vielen Fertigungsfehlern in den Keller ging. (Erholt hat sich der Konzern davon nicht wirklich.)
„Wir haben verstanden.“ So wirkte das Bestreben des VDA, sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu positionieren. Versprochen wurden Mobilitätskonzepte über das Auto hinaus, wovon sich München blenden ließ. Sie wurden wohl gezeigt. Aber nicht in der Stadt. Und wenn doch, dann sehr versteckt.
Der Parcours für Fahrräder, E-Scooter und was man auf zwei Rädern noch so anbieten kann, wurde tatsächlich in der Innenstadt gezeigt. Aber versteckt hinter einem schwarz verhängten Zaun im Hofgarten. Wer weiter als von 12 bis Mittag denkt, erkannte sofort, dass es nicht im Sinne des Automobillobbyisten war, alternative Fortbewegungsmöglichkeiten in zentraler Lage prominent zu positionieren. Aber es musste ja schnell gehen, um die IAA in München zu sichern.

Ein paar Meter weiter, am Odeonsplatz, leuchtete ein Stern, wie sonst nie ein Stern leuchtet. (Nicht einmal der Stern des Südens.) Der Stern leuchtete so stark, dass die (greislige) Feldherrnhalle und St. Kilian im Hintergrund verblassten. Zu sehen gab es auf zwei Ebenen SUV, andere PS-Vehikel – und ein Formel-E-Rennauto. So etwas in bester Lage vorzuführen, trauen sich nicht mal die mutigsten Poser auf der Ludwig- und Leopoldstraße. Und davon gibt es abends und an Wochenenden viele.
Am Wittelsbacher Platz stellte Audi ein „House of Progress“ hin. Alleine schon die Videoninstallation deutete darauf hin, sich um die der Öffentlichkeit suggerierten Demut einen Dreck zu scheren. Porsche zeigte unter dem Motto „E‘zapft is!“ am gleichen Platz seine neuen Autos. Hinter dem repräsentativen Schuppen konnte man wirklich Fahrräder für Probefahrten buchen.

Damit ja kein Amokradler oder aggressiver Fußgänger diese „Open Spaces“ stürmte, wurden sie zahlreich vom Sicherheitsdienst in gelben, blauen und roten Westen vor dem sozialneidischen Pöbel geschützt. (Die mit weißen Westen waren für die Einhaltung der Hygieneregeln zuständig.) Ich habe mich nicht mal getraut zu rülpsen.

Wie schon zur letzten IAA in Frankfurt kündigte sich bundesweiter Protest während der Messe an. Sowohl die Stadt als auch das Land zeigten von Anfang sehr deutlich, dass er im Gegensatz zu im öffentlichen Raum gezeigten Autos nicht willkommen ist.
Das Bündnis Sand im Getriebe wollte auf der Theresienwiese ein Klimacamp errichten, in dem Protestierende aus dem gesamten Bundesgebiet Platz finden sollten. Ende Mai beim Kreisverwaltungsreferent angemeldet dauerte es über drei Monate und ein paar Verfahren, bis das Camp in abgespeckter Form genehmigt wurde. Dass das KVR etwas gegen in den Boden geschlagene Nägel hat, um Zelte zu befestigen, war dann auch dem Gericht zu albern. Das Klimacamp sollte noch weitere Repressalien erfahren.
Man sollte auch nicht auf die Idee kommen, auf Autobahnen gegen eine Verkehrspolitik zu demonstrieren, die das Auto bevorzugt. In mehreren Instanzen gelang es den zuständigen Behörden zu verhindern, für die vom Bündnis IAA-Demo geplante Radsternfahrt nach und in München auch die A94 und A96 zu nutzen. Man müsse schon gegen einzelne Autobahnen demonstrieren, um sie dafür nutzen zu können. Dass es möglich ist, tagelang auf Fußgänger*innen vorbehaltenen Plätzen Autos zu präsentieren, ist nicht nur in diesem Kontext kaum nachvollziehbar.

Die bürokratischen Fesseln sollten nicht das einzige Hindernis, Grundrechte auszuüben, sein.
Joachim Herrmann hatte es angekündigt: mit 4500 eingesetzten Beamt*innen werde die IAA der größte Polizeieinsatz in München seit 20 Jahren. In der Politik wird viel versprochen und aus verschiedenen Gründen (gerne mit Koalitionszwang begründet) gehalten. Verspricht jedoch ein bayerischer Innenminister Polizei, gibt es Polizei! Schließlich muss das Auto vor den Menschen geschützt werden (und nicht etwa umgekehrt). Damit auch Alle wissen, wo der Hammer hängt, wurden im großen Rahmen die Möglichkeiten des Polizeiaufgabengesetzes ausgeschöpft. Sich von einem Wegweiser auf der Autobahn abzuseilen, mag gefährlich sein. Aber rechtfertigt es eine Präventionshaft bis zum Ende der Messe? Journalist*innen wurden an der Arbeit gehindert, mit Platzverweisen versehen und beleidigt. Anders ausgedrückt: „Die Befürchtungen aus den großen Protesten gegen das PAG scheinen sich zu bewahrheiten“, so der anwaltliche Notdienst.
Damit die Teilnehmer*innen des Klimacamps nicht auf dumme Gedanken kommen, errichtete die Polizei in unmittelbarer Nähe eine Gefangenensammelstelle.
Der persönliche Tiefpunkt war für mich am Freitag erreicht, als ich im Stadtgebiet überwiegend Sirenen und Hubschrauberkreisen wahrgenommen habe. Ich fühlte mich an das OEZ-Attentat erinnert, als als es wirklich eine bedrohliche Lage gab.

Mit jedem Tag Autoschau unter Polizeischutz wurde das laute Schweigen vor allem der Stadtspitze und anderen Kommunalpolitiker*innen unerträglicher. Zumindest der Oberbürgermeister und seine erste Stellvertreterin, die laut Aufgabenteilung für Mobilität zuständig ist, waren in der Stadt. Bis auf ein paar Allgemeinplätze, die keinen Bezug auf das Geschehen in der Stadt nahmen, war von ihnen nichts zu vernehmen.
Es ist nichts anderes als ein Satz aus dem Baukasten, wenn die 2. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden verlautbaren lässt, dass friedlicher Protest möglich sein müsse. Es wirkt wie ein Hohn, wenn OB Reiter seine Zufriedenheit mit der Messe zum Ausdruck gibt.
Bis auf das von Herrmann aufgezeichnete diffuse Szenario gab es keine Anzeichen dafür, dass Extinction Rebellion & Co. die Stadt in Schutt und Asche legen wollten. Natürlich sind Oberbürgermeister, Bürgermeisterinnen und Stadträt*innen nicht für die vom Innenministerium angeordneten Polizeieinsätze verantwortlich. Womöglich wurde Einigen erst klar, welche Folgen ihr Votum hat, als sie sahen, was in der Stadt mit ihrer Erlaubnis angerichtet wurde. Das würde erklären, warum als höchster Repräsentant nur Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner von den in der Stadt aufgestellten Videostelen grinste. Das rechtfertigt jedoch nicht das vollkommene Abtauchen. Es sei die Anmerkung erlaubt, dass der Protest gegen die von der Staatsregierung angeordnete Maskenpflicht in Grundschulen schneller und vehementer war als der Widerstand gegen dieses Treiben. So dauerte es bis Samstag, als sich mit der SPD-Fraktionsvorsitzenden Anne Hübner erstmals eine Stadträtin zu Wort meldete. Danach gab es auf Twitter noch innerkoalitionäres Scharmützel.
Ansonsten wurde bis heute nicht ein Wort darüber verloren, dass aus der Stadt eine Festung, wie ich es zuletzt beim Weltwirtschaftsgipfel 1993 erlebt habe, gemacht wurde. Es wurden Grundrechte mit Schlagstöcken, Pfefferspray, Gefährder*innenansprachen und Präventionshaft bekämpft.

Keine verbale Solidarität mit friedlich Demonstrierenden und einer in Sippenhaft genommenen Bevölkerung zu zeigen, ist feige und erbärmlich. Es ist einer sich als offen, liberal gebenden und sich zumindest auf dem Papier einer Verkehrswende verpflichtet fühlenden Politik unwürdig. Das laute Schweigen sät Misstrauen und verstärkt den Glauben, dass vor allem das Recht des finanziell Stärkeren gilt und Schutz genießt.

Im dritten Teil erwähne ich, dass während der IAA dennoch Politik gemacht wurde und die Mobilität stark eingeschränkt war.

IAA (1): Der erlaubte Vandalismus des VDA im öffentlichen Raum in Zeiten der Verkehrswende

Die selbsternannte „IAAmobilty“ 2021 in München ist Geschichte. Es ist notwendig darauf zurückzublicken, wie die Leistungsschau des Verbandes der Automobilindustrie nach München kam, was ihm zugesichert wurde, wie sich die Messe auf das Stadtleben auswirkte und was aus dem Desaster zu folgen hat.
Im ersten Teil konzentriere ich mich auf den Zeitpunkt zwischen Vergabe und Aufbau.

Beschilderung am Karolinenplatz, die auf das Fahrradverbot am Königsplatz hinweist.

Keine Fahrräder über den Königsplatz!

Frankfurt, zwischen 1953 und 2019 Austragungsort der IAA war nach der letzten Schau verbrannt. Zu viele Proteste und ein Oberbürgermeister, der sich erkennbar nicht als Freund der Bolidenparade zeigte (und folgerichtig „aus Zeitgründen“ keine Grußworte zur Eröffnung entsenden durfte), veranlassten den Veranstalter zum Umdenken. Man fraß Kreide und suggerierte Einsicht, indem man versicherte, verstanden zu haben und Mobilität nicht nur auf das Auto zu beschränken. Zur Diskussion standen einige Städte, München war neben Berlin und Hamburg von Anfang in der engeren Wahl.
In München zeigte man sich von Beginn an sehr offen, begreift man sich hier nicht nur wegen eines ansässigen Automobilkonzerns als Stadt, in der das Auto angemessen Platz haben muss. So beschloss der Stadtrat wenige Tage, bevor der neue vereidigt wurde, in geheimer Sitzung des Feriensenats, die IAA für die Jahre 2021 und 2023 nach München zu holen und segnete Verträge mit der Messe GmbH und VDA ab, deren Inhalte erst 16 später Monate teilweise sichtbar wurden.
Wesentlicher Bestandteil dieses Beschlusses war, dem VDA öffentlichen Raum in Form von sogenannten Open Spaces in bester Lage zur Verfügung zu stellen – und das Hausrecht zu übertragen. „Wir mussten rasch entscheiden, da die Messe die Verträge abschließen will“, begründete SPD-Fraktionsvize Christian Vorländer das Vorgehen. Die Grünen trugen diese Entscheidung mit.
Nach einem Wahlkampf, in dem die Verkehrswende einer der thematischen Schwerpunkte war und Bestandteil der Koalitionsvereinbarung zwischen Grünen/Rosa Liste und SPD/Volt ist. Eine Beschwerde des scheidenden grünen Stadtrats Herbert Danner bei der Regierung von Oberbayern wurde abgeschmettert, Kritik von BN und ADFC verhallte ungehört.

Fahrradverbotsschild am Odeonsplatz vor dem Hofgarten

Hinweis auf das Fahrradverbot im Hofgarten

Danach passierte nicht viel.
Der angekündigte Verkehrswende folgte immerhin der Beschluss, den von der Bevölkerung gewünschten Radentscheid umzusetzen. Als Vorlauf entstanden ein paar „Pop-Up-Radwege“, die an einigen Stellen Radfahrenden mehr Platz, aber nicht unbedingt mehr Sicherheit geben, weil Abbiegespuren für Autos auf zur Verkehrsberuhigung vorgesehen Straßen (Elisenstraße), dann doch wichtiger sind. Es wurden ein paar Straßenbahn-Neubaustrecken beschlossen. Von den in der Planung eigentlich weit fortgeschrittenen Nord- und Westtangente vernimmt man bis heute nichts. Bei den seit Jahren zum Beschluss vorliegenden Busspuren beließ man es bei homöopathischen Dosen. An Ausfallstraßen wie den Frankfurter Ring traut man sich immer noch nicht ran. Dafür wurde die in der Wirkung vergleichsweise sinnlose und vor allem teure Verlängerung U5 nach Pasing fixiert – ohne zu wissen, ob es dafür wirklich Zuschüsse vom Bund gibt.
Währenddessen wurde Ende des Jahres das Angebot im ÖPNV reduziert. Im Zuge der wegen der Pandemie verhängten abendlichen Ausgangssperre war es nachvollziehbar, den Takt 10 bis 10 auf Tram- und Metrobuslinien auszusetzen und den Nachtverkehr an den Wochenenden auf einen Stundentakt auszudünnen. Zurückgenommen wurde die Reduzierung bis heute nicht.
Auf Druck von BMW wurde der bereits per Koalitionsvereinbarung begrabene Verbindungstunnel von der A99 zur Schleißheimer Straße wieder ausgegraben; bei den Grünen vertritt man mindestens die Ansicht, mit BMW reden zu müssen.

Blick von der Brienner Straße auf den Wittelsbacher Platz, der für die IAA zugebaut wird.

Wo sind Kurfürst Maximilian und sein Pferd?

Anfang dieses Jahres, als sich das öffentliche Leben überwiegend auf Arbeitswege beschränkte, meinte Oberbürgermeister Dieter Reiter, dass die IAA nicht stattfinden könne, wenn das Oktoberfest abgesagt werden müsse.
Es kam anders, wie wir heute wissen.

Vor 14 Tagen erfuhr dann die Bevölkerung, wie sich die IAA in der Stadt und auf ihre Mobilität auswirkt. Der Querung des Königsplatzes wurde für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen gesperrt, der Hofgarten, immerhin eine Hauptroute im Fahrradnetz, dicht gemacht, die über den Odeonsplatz fahrenden Buslinien wurden am Altstadtrig gekappt. Die sich geläutert gebende „IAAmobilty“ sorgte dafür, dass vor allem umweltfreundliche Mobilität massiv eingeschränkt wurde.
Am Königsplatz, Odeonsplatz, Max-Joseph-Platz, Wittelsbacher Platz und Marienplatz begann der umfangreiche Aufbau der sogenannten Open Spaces. Den Olympiapark auch noch dafür zu missbrauchen, konnte verhindert werden. Es zeigte sich sehr schnell, dass sie nichts anderes als Wagenburgen der Automobilindustrie sind. Das historische Ensemble durfte nicht mal mehr Kulisse sein, weil es ohne ohne Rücksicht auf Verluste zugebaut wurde. Da die Stadt ihr Hausrecht aus der Hand gab, war es fortan privaten Sicherheitsdiensten als Exekutive erlaubt, im Auftrag der „Legislative“ VDA meistens unfreundlich darauf hinzuweisen.

Furt für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen am Finanzministerium – lebensgefährlich!

Mit Erlaubnis des Stadtrats und der Verwaltung durfte der Veranstalter Vandalismus im öffentlichen Raum betreiben. Das hat man so noch nie gesehen!
In Zeiten, in der neben der Verkehrswende der öffentliche Raum immer mehr Gegenstand öffentlicher Debatten wurde. Eine notwendige Debatte, die durch Corona und damit immer noch verbundene Schließung von Clubs an Dynamik gewonnen hat. Mit vielerlei Restriktionen – Füllstandsanzeigen, Alkoholverbot, Glasflaschenverbot, Räumungen – wurde und wird der Aufenthalt im öffentlichen Raum erschwert. Der sinnvolle Beschluss, an Wochenenden abends die Ludwigstraße für den Autoverkehr zu sperren, um Feiernden fern von Anwohner*innen Platz zu geben, wurde von der Verwaltung mit dem Hinweis, man benötige Veranstaltungen, um das zu ermöglichen, gekippt. Im Stadtrat beschränkte sich man darauf, der Staatsregierung die Schuld daran zu geben und legte danach die Hände in den Schoß. Ideen (z. B. eine Impfmeile), wie man diese Regelung subtil umgehen kann, ohne den Kommerz im öffentlichen Raum zu fördern, wurden nicht entwickelt oder ignoriert. Man überlässt es weiterhin Feiernden, Anwohnenden und Polizei, die Problematik zur Unzufriedenheit aller Parteien zu managen. Der an verschiedenen Orten stattfindende und von vielen Bürger*innen dankbar angenommene „Sommer in der Stadt“ als Ersatz für Dulten, kleine Volksfeste und Oktoberfest wurde heuer bereits an einigen Plätzen Ende August beendet. Für den „Kultursommer“ entlang der Erhardstraße konnte man nicht mal ein oder zwei Fahrspuren sperren, so dass er entlang des Autoverkehrs ein Mauerblümchen-Dasein führte.
Darüber hinaus hat man nach anderthalb Jahren Geisterspielen Fußballfans im öffentlichen Raum als das wahre Problem ausgemacht und änderte auf Druck der Verwaltung die Stadionordnung, indem jedes Heimspiel des TSV 1860 München zum Risikospiel erklärt und damit Nutzung öffentliche Raums eingeschränkt wurde.

Erhardstraße, dahinter „Kultursommer“

So sieht der im Wahlkampf gern betonte „Gestaltungswille“ nicht aus. Im Gegenteil: diese Passivität fördert Politikverdrossenheit. Sie wird verstärkt, wenn für eine große kommerzielle Veranstaltung im öffentlichen Raum die Stadt mehr oder weniger verbarrikadiert wird, während vor allem junge Menschen schauen müssen, wo sie bleiben.

Die Tiefgarage am Max-Joseph-Platz blieb befahrbar

Während die IAA den gekauften öffentlichen Raum für sich einnahm, tauchten viele Stadträt*innen, die sich auch im wohlverdienten Urlaub gerne auf Social Media zeigen und äußern, ab. Lediglich Stadträt*innen, die nicht für diese Entscheidung stehen, äußerten sich. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass VDA und Messe GmbH nicht nur die Deutungshoheit über öffentlichen Raum in zentraler Lage gewonnen haben, sondern in der gesamten Stadt durchregieren konnten.

Das Desaster nahm seinen Lauf. Darauf gehe ich im zweiten Teil ein.

Die kleinen Dinge: das Überraschungsei

Am vergangenen Freitag durfte ich in eigener Sache ins Impfzentrum fahren. (Darüber werde ich hier noch berichten.) Im Gegensatz zu den Terminen, bei denen ich meine Nachbarin begleitete, fuhr ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an den östlichen Rand der Stadt.

Hinter dem Hauptbahnhof stieg ein regelmäßiger Gast des Heimatstern zu. Also keiner, der auf der Sonnenseite des Lebens steht. Er entdeckte mich zuerst, bevor ich ihn nicht nur wegen seines freiwilligen Haarwuches nach einem halben Jahr wiedererkannte. (Steht ihm übrigens sehr gut!)
Während der fünf, sechs Stationen unterhielten wir uns angeregt. Er kam gerade vom Heimatstern mit einer Tüte voller guter Sachen, für die Menschen, denen es besser geht und das bewusst ist, gespendet haben. Es sei sehr viel los gewesen. Aber es habe genügend für Alle gegeben. Er wirkte gut gelaunt und erleichtert darüber, in den nächsten Tagen eine Sorge weniger zu haben. Ja, die Armut ist im vergangenen Jahr nochmal offensichtlicher geworden. Zumindest nehme ich das auf den vielen Spaziergängen wahr.
Er freute sich mit mir über meinen Impftermin. Und ich freute mich, dass es ihm offenbar verhältnismäßig gut ging. Es waren sehr schöne sieben, acht Minuten.

Kurz bevor er ausstieg, griff er in seine Tüte. „Ich hab etwas für Dich.“ Ich guckte überrascht. Freudig drückte er mir ein Überraschungsei in die Hand. „Das habe ich heute beim Heimatstern bekommen.“ Ich konnte und wollte das nicht annehmen und gab ihm das auch so zu verstehen. „Doch, das musst Du annehmen. Denn nach dem Impfen brauchst Du Zucker!“ Dem Argument konnte ich mich nicht verschließen. Und wenn jemand geben will, wird er seine guten Gründe haben.

Das Überraschungsei habe ich Zuhause sehr genussvoll gegessen. Ich bin über dieses Geschenk aus vollem Herzen immer noch sehr gerührt. Man kann Hab und Gut und verlieren oder nie welches gehabt haben. Dass er darüber nicht seine Empathie verloren hat, beeindruckt mich sehr. Nach ein paar Nachmittagen beim Heimatstern, die dunkle wie helle Seite des Lebens parallel zeigen, weiß ich, dass er nicht der einzige ist, der Freude teilen kann. Selbstverständlich ist es für mich nicht, weil ich jede Frustration und Resignation von Menschen, denen das Leben nicht nur einmal den Mittelfinger gezeigt hat, nachvollziehen kann.

Man bekommt immer etwas zurück. Nicht unbedingt sofort, nicht unbedingt, wenn man es erwartet. Aber es kommt der Moment. Man muss ihn nur festhalten und genießen. So wie am vergangenen Freitag.

Impfzentrum zum Zweiten

Drei Wochen waren letzten Donnerstag seit der ersten Butterfahrt ins Impfzentrum vergangen. Es war 20 Grad wärmer und die Abläufe sind inzwischen darauf ausgerichtet, nach Erst-und Zweitimpfungen zu unterscheiden.

Dass wir dank unseres bestens vorbereiteten Chauffeurs unbeabsichtigt zu früh vor Ort waren, war kein Problem. Ein spontanes Sonnenbad auf dem Rollator vor der Halle, um den Ablauf nicht durcheinander zu bringen, war nicht notwendig. Wir durften nach Rücksprache mit einem der Ordner vor dem Zelt eine viertel Stunde vor dem via E-Mail festgelegten Termin rein.

Es wird mehr geimpft. Diesen Schluss ließ zumindest die vergleichende Beobachtung zu. Es gibt getrennt Eingänge für Erst- und Zweitimpfung. Die Schlange vor den vor der Hallen aufgebauten Zelten war weitaus langer als vor drei Wochen. Aber nicht für die Menschen, die für ihre Zweitimpfung angereist sind. Wir rauschten an der Menge vorbei und waren schon nach drei Minuten im System aufgerufen, bevor Erstzuimpfende die Halle gesehen haben.

Dass der Impfpass in den Wirren des zwischenzeitlich stattgefundenen Umzugs verschütt gegangen war, war zum Glück kein Problem. Ihn dabei zu haben, ist dennoch hilfreich: man bekommt nämlich einen schönen Aufkleber.
Da der Begleiter der Nachbarin und Autor dieser Zeilen unabhängig davon die Unterlagen zur Erstimpfung vergessen hatte, mussten wir eine kurzen Umweg für ein Formular mit Unterschrift (Allergien, Vorerkrankungen, Medikation, etc.) einlegen. Dass die Daten nicht gespeichert waren, überraschte mich. Aber wir leben in Deutschland, wo Digitalisierung immer noch schwierig ist, und der Datenschutz an unerwarteter Stelle bedeutsam wird. Es ging dennoch sehr schnell, und die Dame hinter der Scheibe, auf die ich später noch zu sprechen komme, reagierte gelassen wie freundlich.

Nach diesem kurzen Umweg setzte ein kurzer Stau ein, der uns nicht beunruhigte, aber die Ordner*innen irritierte. Scheint eher selten zu sein. Die eine oder andere leise murrende Stimme war in der Schlange, über die die A9 in der Hauptverkehrszeit nur müde lächeln kann, zu vernehmen.
Kurze Zeit später löste sich der Stau auf, und wir flutschten in den großzügig gestalteten Bereich vor den Impfkabinengängen, von denen es vier à 15 Kabinen gibt.

Da es noch nicht so viele Menschen gab, die sich auf ihre unmittelbar bevorstehende zweite Impfung freuen durften, dauerte es ein paar Minuten, bis meiner Nachbarin die Kabine zugewiesen wurde. Nachdem das Problem mit einem zerknitterten QR-Code gelöst wurde, ging es sehr schnell und die zweite Impfung in den linken Oberarm gespritzt.
Nach einer viertel Stunde im Wartebereich waren wir nach 55 Minuten – wie bei der Erstimpfung – wieder am Parkplatz.

Die Nachbarin klagte bis auf Müdigkeit, die aber auch der Aufregung geschuldet sein konnte, nicht über Nebenwirkungen.

Sich bei den haupt-, neben- und ehrenamtlichen Helferinnen zu bedanken, scheint nicht selbstverständlich zu sein. Eine MFA – die Dame, bei der wir einen Umweg für zwei Unterschriften einlegen mussten – bekam plötzlich rote Wangen, als wir uns bei ihr für die Umstände, die wir ihr dank meiner Schusseligkeit bereitet hatten, entschuldigten und bedankten. Wir trafen sie beim Rausgehen, als sie eine wohlverdiente Pause machte, noch einmal und unterhielten uns kurz.
Die im Impfzentrum Arbeitenden können nichts für das lausige Pandemie-Management vonseiten der Stadtverwaltung und der Politik. Sie geben ihr Bestes und sind dabei noch geduldig und freundlich.

Wenngleich aus nachvollziehbaren Gründen Viele mit dem Auto zum Impfen fahren oder gefahren werden, macht der Impfexpress 99 einen sehr gut gefüllten Eindruck. Vielleicht ist es sinnvoll, diese Linie auf 5 Minuten zu verdichten, damit sich die zu Impfenden nicht vorher noch im vollen Bus anstecken.

In der Zwischenzeit warte ich auf meinen Impftermin.

Butterfahrt ins Impfzentrum

Seit Ende letzter Woche wird im
Impfzentrum an der Messe
endlich geimpft. Inwieweit es sinnvoll ist, ausgerechnet Ältere an den Stadtrand zu schicken, kann man streiten. Aber für so ein Unterfangen notwendige sehr große Räumlichkeiten gibt es in zentraler Lage nicht.
So viel vorneweg: die Abläufe sind sehr gut organisiert.

Nachdem ich am Freitag Abend meine Nachbarin via E-Mail für die Impfung registriert habe, bekamen wir gestern früh die Benachrichtigung, dass wir bereits heute den ersten Termin haben. (Ein späterer wäre möglich gewesen.) Ein Bekannter hatte angeboten, uns dorthin und nach Hause zu fahren. Ein Angebot, das wir dankend annahmen, denn die Anreise mit U-Bahn und Bus wollte ich ihr nicht zumuten.

Auf der A94 ist das Impfzentrum ausgeschildert; fährt man von der Autobahn zur Paul-Henri-Spaak-Straße ab, ist nicht eindeutig, wohin man muss. Nach einer Ehrenrunde ist klar: nach links!
An Tor 17 bekommt man seinen Parkplatz zugewiesen. Vor dort sind es wenige Meter bis zum Haupteingang. Den lässt man aber links liegen, sondern begibt sich entlang der blauen Absperrbänder zu den daneben aufgestellten Zelten. Davor ist auch die Haltestelle zum Impfexpress 99 der MVG.

Da ich nach den gestrigen Schlagzeilen eine längere Schlange erwartete und das Thermometer knackige -7 Grad anzeigte, zog ich es vor, zwei Strumpfhosen anzuziehen. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es gab keine Schlange. Vor Betreten des Zeltes wurde meine Nachbarin gefragt, ob sie einen Rollstuhl benötige. In gemäßigtem Tempo ging es durch das beheizte(!) Zelt direkt in die Halle.
Im Eingangsbereich ist ein bisschen was los; es ist mit dem Boarding am Flughafen vergleichbar. Es sind sofort Mitarbeiter*innen zur Stelle, die einen freundlich darauf hinweisen, wo man sich aufbauen soll.

An der ersten Station wird festgestellt, ob man auch wirklich dran ist, bekommt Fieber gemessen und durch das mit blauen Bändern abgetrennte und weiß-blauen Pfeilen gekennzeichnete Labyrinth Anmeldestraße geschickt. Sie ist auf größeren Ansturm vorbereitet, den es heute nicht gab. Man muss halt ein bisschen laufen, mehr nicht.

An der zweiten Station, dem Check-In, werden die für eine Impfung nötigen Formalitäten erledigt. Allergien, Herzschrittmacher, Vorerkrankungen, etc. Wer zur ersten zu impfenden Gruppe gehört, muss man keine gesonderten Atteste über Erkrankungen vorlegen (wir hatten eines dabei). Das Alter gilt.

An der dritten Station muss man diverse Blätter zu Vorerkrankungen ausfüllen und Erklärungen zum Impfstoff und möglichen Nebenwirkungen unterschreiben. Wer damit alleine überfordert ist, bekommt durch Mitarbeiter*innen Unterstützung. Die Fragen zu möglicher Schwangerschaft und Stillen amüsierten die Nachbarin.

An der vierten Station wird‘s ernst: es wird geimpft! In der Impfkabine wird man vorher noch einmal gefragt, ob alles in Ordnung sei. Eine Begleitperson darf unter Einhaltung der Abstandsregel dabei sein. Nach zwei Minuten ist es vorbei.

Die fünfte und letzte Station ist der Wartebereich nach der Impfung, in dem man sich eine viertel Stunde aufhalten soll. Er ist so bestuhlt, dass eine Begleitperson neben der nun geimpften Person sitzen kann. Sollte Unwohlsein oder medizinisch Schlimmeres einsetzen, sind Rettungssanitäter*innen sofort zur Stelle.

Nach der Viertelstunde geht es wieder nach draußen.Wir benötigten von der Ankunft bis zum Ende 55 Minuten. Es gab keinerlei Hektik oder Gedränge. Es lief alles in entspannter Atmosphäre ab.

Es gibt im Pandemie-Management zurecht sehr viel zu kritisieren. Wären die Abläufe so vorausschauend wie im Impfzentrum organisiert, wäre der Wahnsinn besser zu ertragen.
Die Mitarbeiter*innen sind frei von ansteckender Hektik, aufmerksam und sehr freundlich – und freuen sich übrigens, wenn man sich bei ihnen bedankt. Als wir nach der Impfung die vorgegebene viertel Stunde im Wartebereich saßen, meinte die Nachbarin, dass der Ausflug wie eine Butterfahrt gewesen sei.
Um es mit Google zu sagen: Top Service, gerne wieder! *****/*****
Weil es so gut war, wiederholen wir den Ausflug ins Impfzentrum in drei Wochen!

Es ist hilfreich, wenn gerade mobilitätseingeschränkte Ältere begleitet werden. Die Anreise – ich schreibe es sehr ungern – mit dem Auto ist der mit dem ÖPNV vorzuziehen. Der mit An- und Abreise gut zweieinhalb Stunden dauernde Ausflug ist eine wunderbare Abwechslung vom Home-Office!
Es reicht vollkommen, zehn Minuten vor dem Termin da zu sein. Wenn sich Alle daran halten, gibt es keine Schlangen, Hektik und Schlagzeilen.

Baustellen: Das Volk sieht nichts

Die Stadt verändert sich. Das tut sie wahrscheinlich seit Jahren. Wahrscheinlich schon immer. Wahrscheinlich ist es dem fortschreitendem Alter geschuldet, das einen glauben lässt, nur noch von Kränen, rot-weißen Plastik-Gefahrenabwendern und Baulärm umgeben zu sein, kurz: dass nur noch gebaut wird. Seit eineinhalb Jahren und in den kommenden zehn Jahren keinen Hauptbahnhof zu haben, mag den Eindruck verstärken. Eine von außen unveränderte Baulücke vermittelt wiederum den Eindruck den Eindruck, dass sich die Stadt doch nicht so sehr verändert.

Vielleicht sind gar nicht die vielen Baustellen das Problem, sondern deren Gestaltung. Meterhohe Mauern verhindern jeglichen Einblick. An den Zufahrten steht Sicherheitspersonal, das einen im Blick hat, wenn man sich ihm nähert, und böse wird, wenn man den Photoapparat oder das Handy auspackt, um den kurzen Moment einer offenen Einfahrt für ein Bild festzuhalten. Denn sonst sieht man ja nix.
Das Gebaren wird noch unverständlicher, wenn es sich um Baustellen handelt, in die Steuergelder fließen. Und die obendrein nicht mal die ungeteilte Zustimmung in der Bevölkerung haben.
Exemplarisch dafür steht der der Elisabethmarkt, dessen Neubau im Viertel bis zuletzt heftig bekämpft wurde. Nach dem Abriss im Herbst ziert die Baustelle inklusive der geplanten Tiefgarageneinfahrt eine hohe gelbe Mauer um das gesamte Areal. Nicht einmal Sehschlitze auf verschiedenen Höhen, damit Erwachsene und Kinder schauen können, was da gerade so passiert, gibt es.
Genauso verhält es sich an zwei Baustellen für die zweite S-Bahn-Stammstrecke am Marienhof und am Hauptbahnhof. Abriegelt wie der BND in Pullach. Mitten in der guten Stube. Dass es am Marienhof eine an drei Tagen für jeweils vier Stunden zugängliche Aussichtsplattform gibt, darf nur eine Zugabe sein. Zur Zeit wird sie wegen der Pandemie aus nachvollziehbaren Gründen gar nicht geöffnet. So bleibt einem nur die hohe Mauer mit Simulation, wie es dereinst am Marienhof 2028, 2030, 2032 oder vielleicht gar nicht aussehen wird. Am Bahnhofplatz kann man sich der Baustelle gar nicht annähern, weil der Autoverkehr – warum auch immer – daran vorbeifließen muss. Eine hohe blaue Wand weist darauf hin, dass es zwar keinen Hauptbahnhof, aber wenigstens Züge, die von verschiedenen Gleisen abfahren, gibt.Ansonsten muss der weiße Schaukasten in der Haupthalle ausreichen.

Gewiss gelten heute andere Vorschriften zur Sicherheit auf Baustellen Arbeitender und zum Schutz der daran Vorbeigehenden als vor 25 oder oder 50 Jahren. Dass Menschen reihenweise in offene Gruben der zahlreichen U-Bahnbaustellen im Stadtgebiet fielen, ist jedoch nicht überliefert. Der einzige größere Unfall datiert aus dem Jahr 1994, als man bei der Planung der U-Bahn zur Messestadt die Kieslandschaft in Trudering falsch eingeschätzt hat, die als Krater in die Stadtgeschichte einging.
Wie Transparenz funktioniert, weil es wegen des laufenden Betriebs gar nicht anders geht, sieht man an der Sanierung des U-Bahnhofs Sendlinger Tor.

Wenn Verständnis vor allem für mit öffentlicher Hand finanzierte Baurojekte geweckt werden soll, ist es wichtig, die Baustellen im Rahmen der Schutzverordnungen so zu gestalten, dass die Bevölkerung den Baufortschritt vor Ort verfolgen kann. Mauern ohne Sehschlitze, die für „Das Volk sieht nichts“ stehen, tragen dazu nicht bei, Nicht nur Kinder, für die Bauarbeiter*innen Held*innen sind, freuen sich über diese Form der Transparenz.