Das Meer und ich: eine Annäherung nach vielen Jahren

Der Text ist ein Beitrag für die Blogparade #DHMMeerdes Deutschen Historischen Museum

Das Meer und ich hatten immer eine komplizierte Beziehung zueinander. Bewusst das erste Mal war ich 1988 im Rahmen einer Sprachreise am Meer. Sie führte mich nach Südengland. Bournemouth. Eigentlich ganz hübsch, aber doch recht windig. Wirklich warm war es in den Augusttagen vor 30 Jahren nicht. Aber das hielt die Engländer nicht davon ab, ihre Körper auf den Sand zu legen. In diesen drei Wochen bekamen sie nicht viel Farbe ab. Ich kämpfte dagegen mit dem Salz des Wassers auf der Haut.
Drei Jahre später – wir legten während unserer Radltour durch die Toskana einen Ruhetag in Cecina – lernte ich, dass kühlender Wind die Haut rötet und nicht bräunt. Es war der bis heute heftigste Sonnenbrand, den ich mir holte. Einen Tag später verzogen wir uns wieder in die Berge der Toskana.
Zwei Extreme, die mich vom Konzept „Meer“ nicht überzeugten.
Weitere Versuche trugen auch nicht dazu bei, mich an dieser Form des Gewässers zu erwärmen. Urlaub am Meer? Warum macht man so etwas? Zwei Wochen am Strand neben nervigen Nachbarn unterm Sonnenschirm zu liegen, fand ich nach drei Tagen sehr langweilig. Wenigstens bekam ich diesen Urlaub, der keiner war, weil ich mit einer Gruppe Jugendlicher dienstlich dort war, bezahlt. Diese Freizeit war noch aus anderen Gründen schrecklich, woran das Meer – so fair muss ich sein – jedoch unschuldig war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Später kamen noch zwei Urlaube mit Freundin dazu: auf Mallorca und an der Nordsee. Alles nix. Was hätte ich an diesen Tagen Städte sehen können!

Das Meer sah mich rund 20 Jahre nicht. Der Gardasee war das höchste der Gefühle, die ich für größere Wasser entwickeln konnte. Oder der Bodensee. Den findet ja auch Martin Walser super. Es wird es nicht weiter gestört haben. Es wird von genügend anderen Bewundern besucht. Ansonsten kann ich mich eher für Hafenstädte erwärmen, was aber eher an großen Schiffen, Kränen, Kähnen und der eigenen Atmosphäre, die von diesen Anlagen ausgeht, erwärmen.

Von Freunden wurde ich vor wenigen Monaten gefragt, ob ich sie nicht nach Südfrankeich begleite wolle. Man lade mich ein. Da konnte ich nicht nein sagen. Man wolle sich an einem Campingplatz in der Nähe von Marseille niederlassen und die Seele baumeln lassen. Das überzeugte mich vollends, weil ich die Stadt schon immer mal sehen wollte.

Trägt den Namen zurecht: Cote d’Azur in Nizza

Wir fuhren über Italien nach Frankreich. Am letzten Autogrill vor Frankreich sahen und rochen wir trotz der Autobahn das Meer.
Und ich war geneigt, mich davon beeindrucken zu lassen. Etwa eine Stunde später waren wir in Nizza, wo wir eine Nacht bleiben wollten. Ich ignorierte die funktionierende Klimaanlage im Auto und ließ mein Fenster herunter. Ja, das roch recht angenehm. Wir fanden schnell ein günstiges Hotel in der Nähe des Wassers. Vor dem Abendessen begaben wir uns an den Strand.
Wow! Das war alles schon sehr blau. Wunderbar blau! Der Stress vergangener Besuche am Meer war wie weggeblasen. Wäre ich vergesslich, würde ich von Liebe auf den ersten Blick sprechen.
Aber es waren nur ein paar Minuten am ersten Abend. Nur nichts überstürzen!

Tags drauf fuhren wir weiter nach La Couronne, um uns dort für den Rest der Woche niederzulassen.

Was soll ich sagen?
Ich habe mich mit dem Meer mehr als versöhnt. Es strahlt eine für mich bis dato nicht wahrgenommene Ruhe aus. Selbst wenn seine Wellen höher schlagen, wirkt es gelassen. (Und Lichtschutzfaktor 50 vor dem Sonnenbad aufgetragen verhindert unschöne Rötungen auf der Haut.) Sein Rauschen entspannte mich so sehr, dass ich am Strand liegen konnte, ohne nach wenigen Minuten Langeweile zu verspüren. Oder einfach nur das Meer anschauen, wie es auf angenehme Art und Weise nix tut. (Manche Mitmenschen nerven in diesem Ruhezustand weitaus mehr.) Das hat etwas Meditatives, das ungemein erdet. Ich werde kein Mensch mehr, der zwei Wochen Strandurlaub machen kann. Dafür interessiert mich die Umgebung zu sehr. Natürlich kam mir sehr entgegen, dass wir nicht zur Hauptsaison urlaubten, sondern ein paar Wochen davor. Vielleicht ist das Meer in Frankreich auch besonders entspannt. Savoir vivre und so. Überraschen würde es mich nicht.

180727_04_Marseille

Und Marseille ist eine Hammerstadt. Dass es am Meer liegt, trägt dazu gewiss bei, aber diesem Tag, den wir dort verbracht haben, werde ich noch einen eigenen Text widmen, der mit der Blogparade kaum etwas zu tun hat.

La mer? Oui!

Advertisements

2 Gedanken zu “Das Meer und ich: eine Annäherung nach vielen Jahren

  1. Hach, lieber Ben,

    dafür geben wir gerne einen Nachschlag! Vom Meeresmuffel zum Meeresgenießer – deine Wandlung dazu habe ich sehr gerne gelesen. Wie treffend zur Blogparade, dass du just zuvor erstmals dem Element wieder eine Chance gegeben hast.

    Hm … ich denke da an deinen #SchlossGenuss und frage mich, ob das auch hier möglich ist. Falls ja, schreibe unbedingt darüber und pinge mich an!

    Für die Residenz München empfehle ich dir Führungen von Dr. Christian Quaeitzsch zu testen, Sebastian Karnatz von der Schlösserverwaltung zu lauschen ist auch ein Genuss. Er ist mitunter für Burg Burghausen zuständig. Eine klasse Burg, zudem hat die Stadt sehr viel Musik zu bieten.

    Merci dir für dein #DHMMeer!

    Sonnige Grüße
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

  2. Pingback: Märchenhaftes! Wie das Salz ins Meer kam - #dhmmeer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s