Schulweg: Plädoyer für den Scheiß

Manche Dinge glaubt man erst, wenn man sie mit eigenen Augen sieht.
Als ich zuletzt in einem Hort arbeitete, war es üblich, in der Anfangszeit die ErstklässlerInnen von der Schule abzuholen. Dabei beobachtete ich, wie eine Mutter ihre Tochter und eine Freundin abholte. Sie parkte – Obacht: Klischee! – den SUV schnittig im Halteverbot vor dem Haupteingang der Schule. Das Ungetüm ragte mit seinem breiten Heck rund einen halben Meter in die kleine Einbahnstraße. Hurtig lud sie die beiden Mädchen ein und fuhr rückwärts gegen die vorgegebene Fahrtrichtung in die Balanstraße, um von dort vermutlich zur Wiesn zu gelangen. Zumindest deutete ihre Bekleidung darauf hin. (Warum man angeblich mit dem Auto von Haidhausen zum Oktoberfest fahren muss, ist ein anderes Thema.)
Wahrscheinlich können viele kopfschüttelnd solche Beispiele aufzählen. Dieses Verhalten fand ich besonders dreist und ist Ausdruck eines Problems, das immer mehr Menschen, vor allem LehrerInnen, beschäftigt sowie Seiten im Internet und Zeitungen füllt. Einerseits fordern Eltern Sicherheit für ihre Kinder ein, andererseits gefährden sie mit ihrem Verhalten die Sicherheit vieler anderer Kinder und nehmen ihren wichtige Erfahrungen.

Es gibt in der Stadt kaum schlüssige Argumente, die eigene Brut mit dem Auto ins Klassenzimmer zu fahren. Schlechtes Wetter, Obdachlose auf der Bank, die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, die große Kreuzung, große Entfernung (deshalb bin ich ein Freund davon, Kinder im Sprengel einzuschulen), etc. sind keine Gründe, Kindern die wichtige Sozialisation Schulweg zu ersparen. Selbst Verschlafen gehört nicht dazu, weil es menschlich ist.

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Für Kinder ist es wichtig, nicht den ganzen Tag durchgeplant und beobachtet zu werden. Sie müssen alleine oder in der Gruppe Erfahrungen machen, die Erwachsene, (Eltern und ErzieherInnen) ihnen nicht bieten können: Stichwort „Peer Group“.
Kurz: sie müssen auch mal einen Scheiß machen dürfen, ohne dass im Hintergrund der erwachsene Zeigefinger lauert. Dazu gehören Klingelstreiche (und gegebenenfalls der undiplomatische Anschiss von einem Betroffenen), das Pausenbrot weg zu werfen, sich über Andere lustig zu machen, Trödeln, Streiten, Süßigkeiten zu kaufen und das Verschlingen vor dem Mittagessen, ja, sogar mal bei Rot über die Ampel zu gehen, weil das verboten und gefährlich ist. Sie müssen Umwege machen dürfen. Dabei lernen sie ihre Umgebung besser kennen. Kinder, denen man vertraut, entwickeln sehr schnell ein Gespür dafür, was ihnen gut tut und ihnen eher schadet. Und sie lernen, dass selbst in einem Viertel wie Haidhausen nicht alles Friede, Freude, Gentrifizierung ist.
Natürlich dauert der Weg länger, wenn sie ihn in unter Aufsicht gehen! Benötigt man als Erwachsener zu Fuß rund 10 Minuten für den Weg, benötigen Kinder mindestens 10 Minuten länger. Mit Umwegen und anderen wichtigen Erledigungen, die uns nichts angehen, kann er locker eine halbe Stunde dauern. Selbst bei starkem Regen werden die Kinder wahrscheinlich nicht früher ankommen, weil noch ein Regenwurm oder eine Schnecke gerettet werden muss. (Nur fünf Minuten Schulweg können da sehr undankbar sein, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.)
Wichtig ist nur, dass die Kinder in den ersten Wochen begleitet werden, sie auf Gefahrenherde, die zumeist durch den Autoverkehr verursacht werden, hingewiesen und ein verbindlicher spätester Zeitpunkt für das Ankommen Zuhause bzw. im Hort ausgemacht werden. Dementsprechend früh geht das Kind folglich aus dem Haus, u pünktlich in der Schule zu sein. (Der Weg zur Schule wird in der Regel schneller zurückgelegt als der nach Hause; auch Kinder schätzen irgendwann die Minuten, die sie länger schlafen können.)

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kinder dabei in Situationen geraten, die ihnen unangenehm sind, im Extremfall sogar gefährlich sind. Jedoch müssen sie lernen, alleine Strategien im Umgang damit zu entwickeln. Sie durch Fahrdienste davor zu bewahren, beruhigt gewiss das Sicherheitsempfinden, fördert aber nicht die Selbstständigkeit. Für den Extremfall müssen die Kinder gelernt haben, wo und wie sie sich Hilfe holen können. Etwas, das man im Vorfeld Zuhause und in der Schule/im Hort bespricht und im Fall der Fälle hinterher gemeinsam reflektiert.

Um die Konsequenzen zu verdeutlichen, berichtet Wunsch vom Beispiel einer Hamburger Schule, die den Kindern Hitzefrei geben wollte. Die Umsetzung sei daran gescheitert, dass zu viele Schüler noch nie allein nach Hause gegangen seien und den Weg einfach nicht gekannt hätten. (Quelle)

Wenn das eintritt, hat nicht die Schule versagt, sondern ist es die Schuld der Eltern, die ihren Kindern nichts zutrauen und wesentliche Dinge des Alltags nicht beigebracht haben.

Lassen Sie ihre Kinder laufen; sie werden es Ihnen mit Selbständigkeit und Vertrauen zurückzahlen! Und die Schulen haben Wichtigeres (Bildung!) zu tun, als Elterntaxis vom Gelände fern zu halten.

Kein Spaß für Jung und Alt – oder: Warum Kindergruppen die volle U-Bahn noch voller machen.

Eine erklärende Replik.

Ja, es ist anstrengend, wenn die täglich volle U-Bahn noch voller und lauter ist, weil sich noch eine Kindergruppe reinzwängt. So viel vorweg: Der Spaßfaktor ist auf beiden Seiten äußerst gering.

Warum fahren Kindergruppen während des Stoßverkehrs mit den öffentlichen Verkehrsmitteln?
Ganz einfach: weil es in der Regel nicht anders geht.

Vorstellungen in Theatern, Führungen in Museen für Kindergartengruppen und Schulklassen beginnen um 9 Uhr oder um 9.30 Uhr. Das hat zur Folge, dass die Abfahrt an der Einrichtung im Stadtgebiet zwischen 8 und 8.30 Uhr erfolgen muss, will man nicht verspätet oder vollkommen abgehetzt am Ziel ankommen.
Fahrten mit Kindergruppen dauern länger, weil es eben eine Gruppe mit vergleichsweise verkehrsunerfahrenen Menschen ist und vor allem Umsteigen mehr Zeit in Anspruch nimmt. Eventuell muss man eine Bahn passieren lassen, weil sie zu voll ist und ein spontanes Teilen der Gruppe aus verschiedenen Gründen (Aufsichtspflicht!) obsolet ist.
Eine Gruppe aufgeregter Kinder durch den ÖPNV-Dschungel zu lotsen, ist kein Spaß. Man muss die Gruppe beisammen halten und eventuell eingreifen, wenn doch ein Kind vor lauter Aufregung zu nah an der Bahnsteigkante hüpft. Idealerweise versucht man in der Bahn, die Gruppe zwischen zwei Türen in einem Abteil sammeln, um einen besseren Überblick zu gewährleisten. Der Stressfaktor erhöht sich noch, wenn man an einem belebten U-Bahnhof umsteigen muss oder zwei Kreuzungen überqueren muss, weil die Haltestelle der anderen Linie an einer sehr ungünstigen Stelle liegt.

Der Besuch von Theatern und Museen ist kulturelle Bildung und findet aus naheliegenden Gründen außerhalb der vier Einrichtungswände statt. Deren Bedeutung als wesentliches Element von Bildung und Erziehung steht, so hoffe ich, außer Diskussion.
Dazu bietet sich nun mal der Vormittag an, weil Grundschulen Unterrichtszeiten bis mittags haben und es immer noch Kinder gibt, die nur halbtags in den Kindergarten gehen und von solchen Ausflügen nicht ausgeschlossen werden sollen.
Verkehrserziehung, also das Erlernen richtigen Verhaltens im Straßenverkehr, an Haltestellen und Bahnhöfen ist ein Bestandteil von Erziehung. Es gibt sicher bessere Zeitpunkte als die morgendliche Hauptverkehrszeit, aber wie oben schon ausgeführt, lässt sich das eben nicht verhindern. Wenn es möglich ist, sucht man sich Verbindungen aus, die kein Umsteigen, jedoch häufig eine längere Fahrt erfordern. Aber das funktioniert auch nur, wenn Einrichtung und Ziel zentrumsnah oder im Umfeld der Innenstadt liegen.
Abgesehen davon sind außerhalb des Berufsverkehrs Bahnen und Busse im Innenstadtbereich ähnlich voll. Den perfekten Zeitpunkt, mit Kindern U-Bahn zu fahren, gibt es also nicht.

Eigens einen Bus für solche Ausflüge zu mieten, ist aus verschiedenen Gründen kein Thema. Der Bus steht genauso im Stau wie die anderen Autos und ist erheblich teurer als der MVV. Angesichts der Feinstaubbelastung ist er obendrein keine glaubwürdige Alternative. Und die Kinder lernen, wenn sie von Eingang zu Eingang kutschiert werden, nicht, wie man sich im Straßenverkehr verhält. (In ländlicher Umgebung mag das angesichts fehlender ÖPNV-Verbindungen anders aussehen.)

Wenn also eine Kindergruppe während des Stoßverkehrs die volle U-Bahn noch voller macht, dann nicht, weil die ErzieherInnen, KinderpflegerInnen (so nennt man „Kindergärtnernde“ übrigens) „antizyklisch doof“ handeln, sondern wie viele PendlerInnen keine andere Möglichkeit haben.
Der Stress ist für Kinder und Betreuende ungleich größer als für am Smartphone daddelnde Fahrgäste. Ein Tag auf dem Spielplatz um die Ecke ist wesentlich entspannter.

Fatale Wunschzettel

928. Tatort: Das verkaufte Lächeln (Batic & Leitmayr/BR)

Knackiger Stoff zwischen den Jahren: Jugendliche stellen im Internet gegen Erfüllen von Wunschlisten ihren Körper zur Schau. Einer von ihnen wird erschossen an der Isar aufgefunden. Ins Visier gerät alsbald ein Mann (angemessen glatt: Maxim Mehmet), der als junger Familienvater und Jugendtrainer ein Bilderbuchfamilienleben führt.

Leitmayr (Udo Wachtveitl) versucht, die Jugendlichen (Anna-Lena Klenke) zu verstehen. (Bild: Elke Werner/BR)

Leitmayr (Udo Wachtveitl) versucht, die Jugendlichen (Anna-Lena Klenke) zu verstehen. (Bild: Elke Werner/BR)

Die Kommissare Batic („Mit Apps kannst ebb’s machen.“) und Leitmayr haben nicht sehr viel Ahnung vom Internet. Also muss ihnen der junge Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) helfen, wie man an gelöschte Daten und Passwörter rankommt. Das ist grauer, immer weißer werdender Tatort-Alltag und ermüdet ein wenig.
In „Das verkaufte Lächeln“ steht die Ahnungslosigkeit der älteren Männer auch sinnbildlich für immer noch zu viele Eltern, die dem Netz aus dem Weg gehen und nicht mitbekommen, was ihre Kinder dort treiben, was der Ahnungslosigkeit einen erträglichen Rahmen gibt.

Vielleicht ist der Film ein wenig zu sehr Aufklärfilm, weil – leider typisch – ziemlich viel erklärt wird, wenn deutliche Bilder sprechen. Dank der jungen Darsteller (Anna-Lena Klenke, Nino Böhlau und Justus Schlingensiepen) und Katharina Marie Schubert als Mutter ist er lebendig.
Autor Holger Joos verzichtet dankenswerterweise darauf, die eine Ursache für das Verhalten der Jugendlichen zu suchen und umschifft damit Klischeefallen. Die Motive, sich im Internet zu verkaufen, sind verschieden. Andreas Senn bewegt sich mit der Umsetzung am Rande des Voyeurismus. Ein, zwei Einstellungen mehr, und es wäre zu viel des Guten geworden. Glaubt man den jugendlichen Darstellern, hielt er sehr viel Rücksprache mit ihnen.

Ich kritisiere gerne und oft, daß in Filmen das Internet immer nur böse dargestellt wird. Diesen Tatort möchte ich davon ausklammern, weil er als Appell, sich als Eltern mit dem Netz zu beschäftigen, verstanden werden kann. Das umfangreiche Kompendium, das der BR auf seiner Website zur Verfügung stellt, bietet als Einstieg ein wenig Hintergrund zum Thema an.
Dennoch wünsche mir ich einen Tatort, in dem die Fähigkeiten des Internets gezeigt werden. (7/10)

Weitere Meinungen: Les Flâneurs, Wie war der Tatort, Tatort-Forum

Netzgebilde

Die wöchentliche Umschau zu Erziehung und Bildung

Es sammelt sich einiges an Texten rund um Erziehung und Bildung an, die ich auf Twitter, Facebook und woanders finde. Es wird Zeit, sie ein wenig zu bündeln und in einer eigenen Rubrik mit eigenen Worten angereichert zu verlinken. Nachdem ich mich in meinen Beruf neu verliebt habe, lese ich auch wieder mehr dazu. Das möchte ich an dieser Stelle teilen.
Es geht hier um Kindergarten und Schule, Erzieher*innen und Lehrer*innen, Eltern und Verwandte – also alle, die mit Kindern regelmäßig zu tun haben.
Für die Rubrik einen Namen zu finden, fiel mir schwer. Auf Twitter sammelte ich Vorschläge. Gewonnen hat „Netzgebilde“ von @heinzkamke knapp vor „Bildungslücke“ von @SammyKuffour. Weitere Vorschläge waren u.a. noch „Nachsitzen“ (war mir zu pädagogisch…), „Netzschau BiEr“ und „Richtig groß werden“. Ich bedanke mich bei allen, die sich daran beteiligten!
Vielleicht finde oder schieße ich noch das passende Symbolbild für die neue Rubrik.

Und jetzt geht’s los…

Man glaubt es kaum: jede*r fünfte*r Schüler*in kann nicht richtig mit dem Computer umgehen. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts! Das zeigt eine Studie der International Computer and Information Literacy Study (pdf-Datei). Als Uraschen werden u.a. Bildungshintergrund und – natürlich – die Ausstattung in den Schulen genannt.
Wir haben auch noch so einen uralten Laptop mit Windows 98 (oder ist es schon XP? in unserer Einrichtung rumstehen…

Immer wieder wird die vermeintliche Benachteiligung von Jungen im Unterricht thematisiert. Mädchen können angeblich besser stillsitzen. Ich glaube, das Problem liegt woanders. Immer noch zu häufig werden Mädchen und Jungen durch Kleidung und Erziehung zu sehr in ihr Geschlecht und die damit verbundenen Erwartungen gepresst. Auf zu wenig Bewegung während der Unterrichtszeit geht Susanne Schädlich auch nicht ein.

Dazu müsste man aber die Schule wieder reformieren. Das macht man in Bayern sehr gerne. Kultusminister Ludwig Spaenle steht kurz vor der Niederkunft eines neuen Kinds für das Gymnasium, das bereits viele Namen trägt: Mittelstufe Plus, Flexibilisierungsjahhr oder kurz Murks. Vor anderthalb Jahren waren die parteinahen Verbände in freudiger Erwartng, heute dreht es manchem Funktionär den Magen um. Heute wollen sie wohl nicht mehr hören, was sie vor anderthalb Jahren Landtagskorrespondent Heinrich Rudolf Bruns ins Mikrofon gesagt haben.

Eine „Herausforderung“ fand ich bei Buddenbohms. Sieben 12-Jährige gingen drei Wochen ohne Erwachsene auf Reisen. Ich traue Kindern sehr viel zu, aber bei diesem Text wurde es mir ein wenig mulmig.

Es ist ein schmaler Grat ,auf dem man sich bewegt, wenn man viel mit Kindern zu tun hat, sei es privat als Eltern oder beruflich als Erzieher*in. Kinder hören doch mehr zu, als man gerne glauben möchte. Und sie erzählen es weiter, was sehr unangenehm sein kann, wie Das Nuf berichtet.

Das Freispiel ist gerne Gegenstand intensiver Diskussionen. Die Bedeutung wird gerne geringgeschätzt, weil Kinder beim Spielen angeblich zu wenig lernen. Eine neue Studie aus der Schweiz sieht dies anders. Das Kind-initiierte Spiel fördere viele Fähigkeiten bis hin zur Motorik. Gleichzeitig wird kritisiert, daß die Kinder auch außerhalb der institutionellen Betreuung zu sehr mit gelenkten Angeboten, die Selbständigkeit verhindern, bedacht werden.
Wer Kinder über einen längeren Zeitraum beim Spielen beobachtet, wird feststellen, was dort alles passiert. Und es ist anstrengend (für die Kinder).

Über das Phänomen bin ich noch nicht gestolpert. Eine voll verschleierte Mutter will ihr Kind abholen. Ich weiß nach zwei Diskussionen immer noch nicht, wie ich mich verhalten würde, stünde ich vor der Situation. Als neuer Mitarbeiter einer Einrichtung oder bei den Eingewöhnungstagen eines neuen Kinds möchte ich mich nicht auf Vertrauen und Gefühl verlassen. In Essen schlug das hohe Wellen, die sich zum Glück für alle Beteiligten glätteten.

Über die schlechte Bezahlung und miesen Arbeitsbedingungen von Erzieher*innen wird viel geschrieben. Es gibt kaum ein Blatt, daß das nicht aufgreift. Jetzt haben sich Hamburger Erzieher*innen in einem offenen Brief an Bürgermeister Olaf Scholz gewandt. Drei von ihnen trauen sich mit Klarnamen an die Öffentlichkeit und berichten von ihrem Berufsalltag in einer Kinderkrippe.
Á propos Bezahlung: Die Gewerkschaften ver.di und GEW wollen die Entegltgruppen für den Sozial- und Erziehungsdienst neu verhandeln und kündigen den bestehen Vertrag zum 31. Dezember. Die GEW hat eine übersichtliche Seite dazu ins Netz gestellt.

EU-weit suchen Kommunen ausgebildete pädagogische Erzieher*innen. Griechenland, Rumänien, Spanien – hauptsächlich Länder mit hoher Arbeitslosenrate und sehr gut ausgebildeten Fachkräften. Stuttgart begibt sich jetzt nach Neapel.

Ich halte vom Beruf der Tagesmutter/des Tagesvaters recht wenig. Das hat nichts mit vermeintlicher Konkurrenz für uns Erzieher*innen zu tun, sondern mit der Ausbildung. 160 Stunden für einen Crashkurs in Pädagogik sind zu wenig, um als qualifizierte Fachkraft durchzugehen. Dennoch decken Tagesltern einen großen Teil der außerfamiliären Betreuung ab. Das ZDF traf sich mit zwei Tagesvätern.

Frische Brise, die bei „Was machen die da?“ ausführlich vorgestellt wurde, gibt Tipps zu Kinderspielzeug.

Sommer, Sonne, Staatsregierung

Mit den Räumlichkeiten des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration bin nicht vertraut, aber sie scheinen recht abgeschieden und selbst nach vielen Sonnentagen sehr angenehm temperiert zu sein.
Anders kann ich mir die Pressemitteilung zum kalendarischen Sommeranfang nicht erklären.

Der zuständige Ministerin Emilia Müller ist es am heutigen Sonntag ein Anliegen, die Eltern zu bitten, „Auf den richtigen Sonnenschutz der Kinder (zu) achten“.
Denn: „Der Sommer steht vor der Tür. Es ist die Zeit, wo es Groß und Klein nach draußen vor die Tür zieht.“ Ach was! Vor zwei Wochen gab es bundesweit Temperaturen von rund 35 Grad im Schatten. Aber da war bekanntlich noch kein Sommer. Die Kinder hielten sich noch zuhause auf, die Freibäder wurden allenfalls von Bahnen schwimmenden Seniorinnen und Senioren bevölkert. Doch ist es bekanntlich nie zu spät vor der Sonne zu warnen: „Denn so schön das Spielen in der Sonne ist, sie hat bereits eine enorme Kraft.“ Bereits! Kraft hat sie spätestens seit April, Frau Staatsministerin! Der jetzige Aufforderung an die Eltern, „ ihre Kinder unbedingt vor zu hoher Sonnenbestrahlung schützen“, liest sich wie komplette Ahnungslosigkeit und blinder Wochenend-Aktionismus eines Beamten.

Ich habe keine Ahnung, wer zum Verteiler derartiger Pressemitteilungen gehört, und wer sie in Auszügen veröffentlicht. Anscheinend entgeht den Verfassern, daß selbst das kleinste Lokalblatt bei den ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres im Februar zurecht vor Sonnenbränden warnen. Spätestens im April haben wir im Kindergarten die nach frischer Luft lechzende Zielgruppe vor dem Rausgehen eingeschmiert (und uns die schriftliche Einverständniserklärung dafür geben lassen).
Und wie viele personelle Kapazitäten bietet so ein Verwaltungsapparat, wenn Zeit vorhanden ist, einen derart überflüssigen Text zu veröffentlichen, während Dinge wie die Fortschreibung und Entschlackung des BayKiBiG und die Entbürokratisierung im Umgang mit Flüchtlingen ewig auf sich warten lassen?

Zum kalendarischen Winteranfang wird das Bayerische Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration die Eltern wahrscheinlich anhalten, Kindern adäquate Bekleidung anzuziehen, während sich viele Flüchtlinge, für die auch dieses Ministerium zuständig ist, in den für sie vorgesehenen Baracken den Arsch abfrieren.
Aber mit wohlfeilen, gut gemeinten Worten zum Sonntag kann man wunderbar von den Versäumnissen im eigenen Haus ablenken.

Die PM ist noch nicht online.

[via @hrbruns]

Der goldene Arschtritt

Mit dem Beruf hatte ich abgeschlossen. Nach meinem Totalzusammenbruch vor drei Jahren und der misslungenen Wiedereingliederung ein dreiviertel Jahr später konnte ich mir nicht mehr vorstellen, als Erzieher zu arbeiten.
Versuche, mich anderweitig zu orientieren, schlugen fehl. Im Journalismus, lange Zeit eine Traumvorstellung, Fuß zu fassen, war ein Rohrkrepierer. Es gibt zu viele davon, und meine Ellenbogen sind nicht so spitz, als daß ich mich dauerhaft dort durchsetzen könnte. Schöne Photos können andere auch sehr gut schießen, viele sogar besser, ohne davon mehr recht als schlecht leben zu können. Ein Nebenjob in einer Consultingfirma ist nicht mehr als das, den ich immer noch ganz interessant finde, der mir aber auch nicht als Haupttätigkeit taugt.

Der Freundin, die seit einiger Zeit nicht mehr die Freundin ist, wurde es zu Recht irgendwann zu bunt, ihren Macker finanziell durchzufüttern. Sie setzte mir die Pistole auf die Brust.
So bewarb ich mich widerwillig in den ersten Tagen des inzwischen nicht mehr jungen Jahres auf eine Stelle als Erzieher – im Kindergarten! Dorthin wollte ich eigentlich überhaupt nicht mehr. Hortkinder ja, aber der Elementarbereich war mir seit meiner letzten Stelle vor über zehn Jahren suspekt. Und Kleinkinder waren mir als Masse schon immer suspekt. Sie lächeln Dich an, während sie gerade in die Windeln scheißen.

Am Bewerbungsschreiben bastelte ich eine ganze Woche, bevor ich es abschickte. Wie ehrlich sollte ich sein? Wie ahnungslos von der Zielgruppe darf ich sein? Ich war sehr unsicher, bevor ich mich entschied, in die Offensive zu gehen, also nichts zu verheimlichen.
Zehn Tage später hatte ich mein Vorstellungsgespräch, wenige Tage darauf hospitierte ich dort. Wir waren uns einig, es miteinander zu versuchen. Zumindest für drei unverfängliche Monate, obwohl die Stelle bis Ende August ausgeschrieben war. Eine berechtigte Skepsis war auf beiden Seiten vorhanden.
Vor dem ersten Arbeitstag hatte ich sehr viel Bammel. Schaffe ich es überhaupt, mich auf die Kinder einzulassen? Interessieren mich ihre Themen und Probleme? Wie reagiere ich auf Sorgen der Eltern?

Es gelang mir offensichtlich ganz gut.
Das liegt nicht nur an einem wunderbaren Team, wundervollen Kindern und sehr angenehmen Eltern, anscheinend brauche ich die tägliche Auseinandersetzung an der Basis. Manche Dinge sehe ich gelassener als bei meinem letzten Ausflug in den Kindergarten.
Es macht mir nichts aus, im Viertel zu arbeiten. Das bedeutet natürlich, daß ich nicht mehr rotzbesoffen durch Haidhausen wanken darf, weil mir Kolleginnen und Eltern begegnen können. Den Kindern im Supermarkt zu erzählen, nur als Privatperson unterwegs zu sein, funktioniert auch nicht.

Inzwischen wurde mein Vertrag entfristet. Ab September bin ich stellvertretenden Leitung, was nicht meiner überragenden leistungen geschuldet ist. Unvorhergesehene personelle Veränderungen begünstigten meine temporäre Beförderung. Wäre ich dort nur geduldet, hätte sich der Vorstand um andere Lösungen bemüht.

Das alles hätte ich nicht herausgefunden und erfahren, wenn die Ex-Freundin an einem grauen Januartag nicht vehement insistiert hätte.
Vielen Dank für den goldenen Arschtritt, @cookikruemel!

Perspektive mit neu gewobenem Netz

Das Netzwerk „Care Leaver“ stellte in Tübingen seinen Film vor und diskutierte mit dem Publikum seine Anliegen und Vorhaben.

Mit jedem Interview und jeder Podiumsdiskussion mehr mag sich so etwas wie Routine entwickeln. Aber es bleibt nicht einfach, über sich und seine Vergangenheit zu sprechen, wenn sie von vielen Schwierigkeiten, vor allem psychisch-emotionaler Art, geprägt war. Die Nachwirkungen hallen bis in die Gegenwart nach und beeinflussen die Zukunft. So tat es den den Care Leavers sehr gut, nicht alleine vor der Leinwand des gut besuchten Kinosaals zu stehen, um sich den Fragen des interessierten Publikums zu stellen.

Sie haben sich vor über einem Jahr über Forschungsprojekt „Higher Education for Care Leavers without Family Support“ des Lehrstuhls Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim kennengelernt, bilden inzwischen ein schlagkräftiges Netzwerk und sind das Sprachrohr für Care Leavers in Deutschland.
Sie wuchsen die meiste Zeit nicht in ihrem Elternhaus, sondern in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe und/oder bei Pflegeeltern auf. Anders als die meisten Kinder und Jugendlichen mussten sie sehr früh auf eigenen Füßen stehen, weil ihnen die Rückkehr nachhause, in die Pflegefamilie oder ins Heim nicht mehr möglich war, und so auch der finanzielle Hintergrund fehlte. Zu Care Leavers wurden sie also, als sie nicht mehr von der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt wurden.

Das zeigt auch der 20-minütige Film „CARELEAVER“, der von Mitgliedern des Netzwerks in Zusammenarbeit mit Reflektor-Medien, dessen Verantwortliche mit sehr viel Feingefühl die jungen Menschen immer noch begleiten, entstanden ist. Die Protagonisten bemängeln darin unter anderem den erschwerten Zugang zu Bildung und fehlende Unterstützung durch die Jugendämter.
Das wurde bei der Premiere des Films im Tübinger Programmkino Arsenal, die im Rahmen des 5. Netzwerktreffens stattfand, und der anschließenden Diskussion noch einmal deutlich.

Die Mitglieder des Netzwerks „Care Leaver“

Die Mitglieder des Netzwerks „Care Leaver“

„Das Jugendamt fühlte sich nach dem 18. Geburtstag nicht für mich zuständig“, kritisierte Alex, Janine hatte das „Gefühl, mit 18 raus zu müssen“. Innerhalb des Netzwerks fiel „die eine Hälfte mit 18 Jahren aus der Kinder- und Jugendhilfe, die andere mit 21“, so Katharina Mangold, die das Projekt gemeinsam mit Benjamin Strahl wissenschaftlich begleitet. In der bundesweiten Statistik endet die Hilfe mit durchschnittlich 20 Jahren.. Dabei ist die Rechtslage klar: „Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) gilt bis zum vollendeten 27. Lebensjahr“, wie Siegfried Hoch, Leiter der Sophienpflege in Tübingen anmerkte. „Der Kampf gegen das Jugendamt ist sehr hart“, kritisierte er und ging noch einen Schritt weiter: „Die Jugendhilfe hat ganz wenig Lobby.“ Dazu kommt noch, daß „viele sozialpädagogische Fachkräfte in den Einrichtungen zu wenig rechtliches Wissen haben“, ergänzte Alex. „Es muss transparent sein, wie Ämter arbeiten“, forderte Thomas Poreski, sozialpolitischer Sprecher von Bündnis90/Die Grünen im baden-württembergischen Landtag. Es fehlten Heimbeiräte und Ombudsschaften, wenn die Jugendhilfe scheitere, und lud das Netzwerk ein, Forderungen zu formulieren, für die er sich im Landtag einsetzen werde.
Doch der Kampf gegen die Institutionen ist nicht das einzige Problem.
Der Weg zum Abitur und zu einem Studium ist für Care Leavers ungleich schwerer als der für im Elternhaus Aufgewachsene. In den meisten Pflegefamilien gebe es „keinerlei Bildungserwartungen im Gegensatz zu den Geschwistern“, bemängelte Sabrina. Viele Einrichtungen und Pflegeeltern begnügen sich mit dem Hauptschulabschluss und der Aussicht auf eine Lehrstelle. Dem widersprach ein Pflegevater, der „hauptsächlich Jugendliche ohne Perspektive betreut“ hat. Viele Care Leaver fühlten sich jedoch perspektivlos, weil sie nicht das Gefühl hatten, dass man ihnen mehr als den kleinsten Schulabschluss zutraute. So mussten viele Mitglieder des Netzwerks einige Umwege auf sich nehmen, um ihr Ziel Abitur und Studium zu erreichen – einhergehend mit einem erneuten Kampf gegen Behörden.

So schließt sich auch der Kreis. Den Care Leavers geht es auch um Bildungsgerechtigkeit. Dazu bedarf es Lobbyarbeit, die mit dem Forschungsprojekt ihren Anfang nahm und mit dem Abschluss im Dezember diesen Jahres noch lange nicht beendet ist.
Dass sie Betroffene erreichen, zeigte sich nach dem offiziellen Programm, als sich eine 17-jährige Realschülerin an ein Mitglied des Netzwerks wandte. Sie erkundigte sich, welche Schritte sie unternehmen müsse und welche Unterstützung sie einfordern könne, wenn sie ihr Abitur machen und später studieren wolle.

Die, die auf der Bühne standen, werden noch viele Interviews geben und Podiumsdiskussionen bestreiten müssen, um für viele andere Care Leaver das zu erreichen, worum sie lange und heftig kämpften und immer noch kämpfen.

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Anhang
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Der Film „CARELEAVER“ (20 min; mp4)