IAA (3): Immobility

Es waren nicht nicht nur die ausgestellten Autos, die die Stadt blockierten, sondern auch das Konzept und eine Politik, die im Schatten der Bolidenparade ein seltsames Verständnis moderner Mobilität ausdrückten. Darauf soll im 3. Teil der Rückschau eingegangen werden (Teil 1 & 2.)

Trügerische Idylle.

Es waren trotzdem einige Stadträt*innen in der Stadt, denn es wurde während der IAA Politik gemacht.
Der Feriensenat des Stadtrats beschäftigte sich mit dem ÖPNV. Publikumswirksam wurde beschlossen, die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zu beauftragen, ein U-Bahn-Nachtnetz für das Fahrplanjahr 2023 an Wochenenden im Halbstundentakt zu entwickeln. Dass das eigentliche Nachtnetz in seiner jetzigen Form mit auf den entscheidenden Routen dichten Takten lediglich ein paar Anpassungen benötigt, hat keine Relevanz, denn mia san Metropole. Dass einige Stadtteile (z.B. Allach, Riem) unter der Woche (und seit Ende 2020 auch am Wochenende) immer noch vom Nachtnetz abgehängt sind und das viele zu Randzeiten Berufstätige vor Probleme stellt, scheint nicht im Bewusstsein der politisch Verantwortlichen zu sein. Wer weniger Autos in der Stadt haben will, sei es stehend oder fahrend, muss den ÖPNV auch in den Randzeiten am Stadtrand verdichten – oder überhaupt erst einmal anbieten in einer Millionenstadt.
In derselben Sitzung wurde auch das Leistungsprogramm 2022 der MVG verabschiedet. Neben wenigen nicht aufzuschiebenden Verbesserungen (die Erschließung Freihams) beinhaltet es vor allem Verschlechterungen, die in erster Linie auf einen Lockdown mit Ausgangssperre in den Abend- und Nachtstunden fußen und ignorieren, dass auch in der Hauptverkehrszeit Busse wieder voller sind. Dass inzwischen viele Menschen abends wieder unterwegs sind, wird nicht wahrgenommen. Und es sind nicht nur feiernde, sondern auch arbeitende Fahrgäste, die erst nach 20 Uhr nach Hause oder vielleicht auf dem Heimweg noch in den Biergarten oder ins Wirtshaus gehen wollen.
Wenngleich dieser zeitliche Kontext nicht beabsichtigt gewesen sein mag, ist das Timing sehr unglücklich.

Schnappschuss: IAA ohne Auto.

Leider passt es zu den Worten von OB Dieter Reiter, der bei der Eröffnung der IAA meinte, dass „München erstmal nicht autofrei“ werde. Angesichts 700.000 Zulassungen gibt es sicher leichtere Unterfangen, noch dazu wenn von Land, Bund und Europa zu wenige Impulse für eine gute Verkehrspolitik kommen. Aber das klingt arg unambitioniert. Man bekommt oft den Eindruck, der Autofahrer sei ein zu beschützendes Opfer, sehr häufig muss die Krankenschwester dafür herhalten. Dass der BMW-Vorstandsvorsitzende Oliver Zipse bei derselben Veranstaltung unwidersprochen behaupten darf, dass Milbertshofen eine Diaspora irgendwo am Stadtrand und seine Firma mit öffentlichen Verkehrsmitteln quasi gar nicht zu erreichen sei, lässt einmal mehr am Willen zur Verkehrswende zweifeln. Milbertshofen wird durch eine U-Bahnlinie, zwei Expressbuslinien und sieben weitere Buslinien nicht so schlecht erschlossen.

Hinter dem schwarzen Zaun konnten im Hofgarten Fahrräder, E-Scooter, etc. ausprobiert werden

Dennoch gab es das Bestreben, der Automobilindustrie nicht komplett das Feld zu überlassen. Auf Antrag der Grünen wurde ein städtischer Mobilitätskongress ausgerichtet. Er hatte das hehre Ziel, zumindest in der Theorie die facettenreiche Verkehrswende zu beackern. Es ist richtig, als gastgebende Stadt ein paar Impulse als Gegengewicht zur dominanten Autoschau zu setzen. Nur: Welcher interessierte Mensch kann (und will) dafür vier Tage Urlaub nehmen, um daran teilzunehmen? Und warum wurde es wieder versäumt, außer dem ADFC seit Jahrzehnten in der Stadt engagierte Verkehrsinitiativen – AAN, Pro Bahn, VCD, etc. – einzuladen? Und warum reagiert man als Fraktion auf höflich formulierte Kritik so bräsig, wie es die Grünen taten? Wie die Hand zum kritischen Dialog erneut ausgeschlagen wurde, während natürlich ein Vertreter von BMW, weil man mit denen reden muss, auf dem Podium sitzen darf, ist ein ständig größer werdendes Ärgernis und sorgt für Frustration und Wut.

Blue Lane Road (im Hintergrund ein im Stau stehender Shuttlebus).

Der Messe und ihren Auswirkungen auf die Mobilität sollen auch noch ein paar Worte gewidmet werden. Der Radweg durch den Hofgarten wurde in eingeschränkter Form wieder freigegeben. Um den Königsplatz wenigstens zu Fuß zu überqueren, war ein Einlassbändchen notwendig. Am ersten offiziellen Ausstellungstag erstickte die Stadt im Stau. Meiner Wahrnehmung nach der größte seit Beginn der Pandemie – in den ansonsten vergleichsweise verkehrsarmen Sommerferien! Die „Blue Lane Road“ zwischen Königsplatz und Messe, lt. VDA eines „der absoluten Highlights“, sorgte für Immobility. Wer konnte, suchte sich alternative Routen. Das führte dazu, dass die Maximilianstraße bis zum Altstadtring so voll war, dass die Trambahn nur schwer vom Fleck kam. Ortsunkundige wichen auf den Mittleren Ring aus. Vor der Oper fuhren Autos unter passiver Aufsicht vieler Polizeibeamt*innen kreuz und quer. Der Shuttle, der zwischen Königsplatz und Messegelände von Bussen mit neuester Technologie betrieben wurde, stand spätestens ab dem Altstadtring im Stau. Mit einer sogenannten Mobiltätsmesse die komplette Stadt lahmzulegen, ist eine bemerkenswert reife Leistung! Der Fairness halber soll hier nicht unterschlagen werden, dass die Radsternfahrt am vergangenen Samstag für ein Tram-Rumpfnetz sorgte, wie es München zuletzt 1945 erlebt hat. Beim Bus ging auch nicht viel. Im Gegensatz zu 1945 fuhr aber die U-Bahn. Und das sogar ohne Baustellensperrung am Sendlinger Tor! Und die durch die Rad-Sternfahrt verursachten Behinderungen dauerten auch nicht zwei Wochen, sondern lediglich ein paar Stunden. Dass die MVG bis spät in den Abend hinein Taktlücken im Netz hatte, ist nicht den Organisator*innen der Demonstration anzulasten. Im vierten und vorletzten Teil gehe ich auf die politischen Konsequenzen ein, die auf diese aus dem Ruder geratene IAA zu folgen haben. Denn 2023 darf sich das nicht wiederholen!

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